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Im Kino

Das Lebende und das Tote

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
07.04.2010. An die paradoxe Macht der Fotografie und des Films, Augenblicke verweilen zu lassen, glaubt Jan Troell in seinem schönen Spätwerk "Die ewigen Momente der Maria Larsson". Wie man eine Romanvorlage mausetot inszeniert, das lässt sich dagegen im Regiedebüt "A Single Man" des Ex-Gucci-Designers Tom Ford studieren.


Sigge trägt als Tätowierung den Namen der falschen Frau über dem Herzen. Und Sigge trinkt, dann schwört er, nie wieder Alkohol anzurühren, dann trinkt er wieder. Mal ist er Mitglied einer Gesellschaft der Nichttrinker, dann schmeißen sie ihn raus, dann darf er nach einer Karenzzeit wieder hinein in die Runde. Maria putzt vor der Tür. Maja erzählt, wie es war. Das ist die Konstellation von "Die ewigen Momente der Maria Larsson" des schwedischen Regieveteranen Jan Troell. Maja, erzählt, sich erinnernd an ihre Teenagerzeit, beginnend im Jahr 1907. Am Ende der erste Kuss. Was danach gewesen sein wird, erfahren wir nicht. Maria ist die Titelheldin. Sigge, ihr Mann, ist das Kreuz, das sie trägt. Er trinkt, er schläft mit anderen Frauen, er flirtet mit dem Marxismus, er hat einen Freund, der es mit dem Anarchismus viel ernster meint als Sigge, der seinem Pferd den Namen Kropotkin gibt, aber das ist es dann auch.

Auf seine etwas altmodische Art ist dies ein schöner Film. Es wird aus einem Leben erzählt und der Rhythmus, den die Erzählung sucht und findet, ist der eines Auf und Ab. Nichts ist hier einer Dramaturgie unterworfen, die Sachen zuspitzte, eindeutig machte und einzelne Ereignisse einer diesen zugemuteteten Gesamtansicht unterwürfe. Das einzelne Ereignis behält so seinen Wert. Sachen wiederholen sich, wie sie es im Lauf der Zeit eben tun. Blicke verschieben sich und manchmal hat man Sympathien, manchmal nicht. Eher das Episodische als das Epische ist, worauf dieser Film hinauswill. Und vielleicht eher sogar das Momentaufnahmenhafte als das Episodische: eine Motte und ihr Schatten, der sich einfangen lässt und auch nicht; ein Zeppelin, der majestätisch und furchteinflößend am Himmel vorüberzieht; die große Tätowierung, ein Schiff, auf Sigges Rücken und wie es sich, wenn er Akkordion spielt, wie im Wasser bewegt. In Bildausschnitten, die den Mund nie zu voll nehmen, sieht man das. Die Kamera bewegt sich oft als lebendes Wesen unter lebenden Wesen.

Maria hält ihren Mann aus trotz des falschen Namens über dem Herzen, trotz des Alkohols, trotz des Fremdgehens, trotz der oft bitteren Armut, trotz seiner völligen Unzuverlässigkeit. Maja wird am Ende sagen, das habe sie niemals verstanden. Das müsse wohl Liebe gewesen sein. Zuvor zeigt der Film seine Heldin als Zweifelnde, zeigt den Mann, den sie liebt, als einen, den man ohrfeigen möchte und dann wieder als einen, der der Liebe doch wert scheint. Er zeigt seine Heldin auch als eine Ehefrau, die ihren Mann hasst und die ihm ein Kind nach dem anderen gebiert, zuletzt gegen ihren eigenen Willen. Zweimal suchen Menschen in diesem Film den Freitod. Eine geht ins Eis, einer hängt sich auf. Die "ewigen Momente" des Titels sind nicht ewig, sondern verdammt schnell vorüber und ganz sicher sagt Jan Troell nicht, dass irgendwas gut ist, sondern nur: dass es war. (Und tatsächlich war es, so oder ähnlich: Die Geschichte beruht auf dem Leben einer Maria Larsson, die es wirklich gab. Sie war eine entfernte Verwandte von Jan Troells Ehefrau Agneta.)


Von zwei Leben der Maria erzählt die Geschichte, wenn man genauer hinsieht. Dem allzuoft bitteren, das sie lebt, und dem schöneren, gelungeneren, das ihr verwehrt bleibt, das sie sich selbst verwehrt oder nur in Momenten gewährt. Für das andere Leben der Maria Larsson steht die Fotografie. Eine alte, schöne Kamera kommt ihr, zeitgleich mit dem Ehemann, als Preis, den sie bei einer Tombola gewinnt, ins Haus. Erst vergisst sie sie, dann will sie sie verpfänden, dann lernt sie, zu fotografieren und die Bilder selbst zu entwickeln. Der Fotograf, zu dem sie die Kamera trägt, bringt sie darauf. Er ist ein Fremder wie sie, sie stammt aus Finnland, er ist Däne. Er sieht etwas in ihr. Das wird dann auch Liebe sein, aber es ist eine Liebe als Gegenteil von Abhängigkeit. Eine bescheidene Ermöglichungsliebe, die keine eigenen Ansprüche stellt.

Eine gleichfalls bescheidene Form von Selbstbewusstsein zieht Maria aus ihrem sich erweisenden fotografischen Talent. Sie bekommt Anerkennung, sie verdient etwas Geld. Sie gelangt, sehr buchstäblich, zu einem anderen Bild ihrer selbst. Auch hier rundet der Film nichts großartig auf. Eine Emanzipationsgeschichte im kleineren Rahmen. Und in sehr schönen Bildern. Das Pathos der Fotografie und des Films (auch in der rekonstruierenden Fiktion) als Kunstform, die dem Vergänglichen befristete Ewigkeit schenkt, stellt Jan Troells Film niemals aus, doch sieht man jeder einzelnen Einstellung seinen Glauben daran an. Auf 16mm gedreht, auf 35mm dann umkopiert, mit Absicht körnig, Film als Film, manchmal betörend schön ausgeleuchtet, aber nie pittoresk. Niemals ein Bilderbuch, niemals Opfer von Nostalgie. Die Montage lässt Szene für Szene just im rechten Moment enden, weder abbrechend noch abrundend, offen genug, geschlossen genug. Man muss vielleicht keine Historienfilme drehen. Aber wenn, dann bitte so.

***


Und bitte nicht wie Tom Ford. Viel bewundert wurde bereits und selten gescholten "A Single Man", das Regiedebüt des legendären Ex-Gucci-Designers. Der Film war im Wettbewerb von Venedig zu sehen und Hauptdarsteller Colin Firth war für den Oscar nominiert, den Jeff Bridges bekam. Zugrunde liegt ein Roman von Christopher Isherwood, die Geschichte eines schwulen britischen Professors an einer kalifornischen Universität, der seinen über alles geliebten Partner bei einem Autounfall verliert. 1962 spielt das ganze, den Stil der Zeit hat Tom Ford obsessiv rekonstruiert (bzw. nach eigenem Dünken redesignt). Zu behaupten, dass "A Single Man" ein Ausstattungsfilm sei, wäre eine kolossale Untertreibung. Man würde sich, sieht man dieses Machwerk, nicht wundern, hätte Tom Ford höchstpersönlich jeden einzelnen Grashalm in einem nach langem Hin und Her endlich gewählten Grünton von Hand angemalt.

Der Vorwurf ist arg naheliegend, es hilft aber nichts: "A Single Man" ist schlicht und einfach zu Tode designt. Nicht nur wirken jeder Grashalm und jedes Haar auf dem Kopf einer jeden makellos in die Bildhintergründe hineinchoreografierten Studentin wie aufwendig ins Bild coiffiert, auch jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede Regung werden erst ertränkt, dann erstickt, dann einbalsamiert, dann parfümiert und von der Kamera dem geneigt seine künstlichen Tränen erstickenden Publikum präsentiert. Es beginnt mit dem Morgenritual des lebensmüd geschlagenen Mannes George Falconer in seinem kalifornischen Glashaus. Er macht sich zurecht, er maskiert sich, er staffiert sich aus als Puppe, die weiter am Leben zu sein behauptet. Nicht nur sieht man das, erklärt wird es auch, von ihm selbst.

Fortgesetzte platte Redundanzproduktion bleibt der Hauptcharakterzug dieses Films, der will, dass man alles, aber auch alles, was er zu sagen hat, bis zur Ermüdung kapiert. Die Farbgebung von grundsätzlicher Entsättigung bis zu immer wieder aufblühenden Farbekstasen für den Moment signalisiert, so wie man mit Zaunpfählen winkt, was die Minute in der den Reizen der Wirklichkeit (oder denen junger Männer jedenfalls) doch noch nicht ganz abspenstigen Seele des Helden geschlagen hat. Und weil es Ford nicht reicht, Grashalme anzumalen, alles im Bild und auf der Tonspur zugleich zu sagen und mit bedeutungsschwerer Miene mit Zaunpfählen zu winken, wird man von der maximal minimal pathetisierenden Musik (von Abel Korzeniowski und Wong-Kar-Wei-Mann Shigeru Umebayashi) noch dazu wie mit nassem Handtuch geprügelt.


Am Anfang des Films wartet (anders als im Roman) die Pistole schon in der Schublade. Es wird dies also möglicherweise der letzte Tag im Leben eines in starrer Trauer gefangenen lebenden Toten. Wer glaubt, es sei das Balsamierte des Films adäquate und also konzeptuell beabsichtige Ausdrucksform einer balsamierten Existenz, liegt mutmaßlich falsch; auch die Momente der Erinnerung an glückliche Zeiten, die Sequenzen hochgeregelter Buntfarbigkeit, die Momente kurzer besoffener Ausgelassenheit mit der nicht minder unglücklichen britischen Freundin Charley (Julianne Moore, ganz unerträglich), alles, was eigentlich dem Grundzustand kontrastieren sollte, entspricht in der ästhetischen Konzeption der streng gescheitelten Trauerkloßhaftigkeit in ihrer anderen Art ganz genau.

"A Single Man" ist ein versiegelter Film. Manch skeptischer Kritiker erkannte im Spiel Colin Firths einen rettenden Rest echten Gefühls und subtil hergestellten sich regenden wirklichen Lebens. Die Szene, in der George Falconer am Telefon vom Tod des geliebten Mannes erfährt, wird als schauspielerische Glanzleistung gepriesen. Aber auch und gerade an ihr ist alles ausgestellt. Tom Ford setzt seinen Hauptdarsteller ins perfekt eingerichtete Bild und lässt ihn wie ein gelehriges Tier im Zoo echtes Gefühl performieren. Der tut das, ringt virtuos um Fassung, aber gelangt übers Klischee einer solchen Situation kein Jota hinaus. Das ist keine Kritik an Colin Firth, sondern die Feststellung, dass im Leben eines durch und durch falschen Films eine echte Regung ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Die ewigen Momente der Maria Larsson. Dänemark / Schweden / Norwegen / Finnland / Deutschland 2008 - Originaltitel: Maria Larssons eviga ögonblick - Regie: Jan Troell - Darsteller: Maria Heiskanen, Mikael Persbrandt, Jesper Christensen, Emil Jensen

A Single Man. USA 2009 - Regie und Buch: Tom Ford - Darsteller: Colin Firth, Julianne Moore, Nicholas Hoult, Matthew Goode, Jon Kortajarena, Paulette Lamori, Ryan Simpkins, Ginnifer Goodwin, Teddy Sears, Paul Butler, Aaron Sanders, Lee Pace

Archiv: Im Kino

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