Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2006. Im Tagesspiegel erklären die Kulturpolitiker Monika Griefahn (SPD) und Peter Gauweiler (CSU) die neue Devise für das Goethe-Institut: Schluss mit dem europäischen Mischmasch und Hauptsache Deutsch. Die NZZ klagt an: Vor den Augen der ganzen Menschheit wird in Darfur ein Völkermord verübt. Für die taz besucht Gabriele Goettle die Expertin Angelika Starke, die die Literatur des 20. Jahrhunderts vor dem Säurefraß retten will. FAZ und NZZ befassen sich weiterhin mit dem Kleinkrieg zwischen dem Suhrkamp Verlag und den neuen Miteignern.

Welt, 27.11.2006

Im Interview mit Hanns-Georg Rodek erzählt Regisseur Milos Forman, wie er sich für Goya zu interessieren begann: "Bei einem Besuch im Prado sah ich Goyas Gemälde, an einer Wand die grandiosen Porträts von Adligen, an der anderen diese hoffnungslosen, fast schwarzen Werke. Ich fragte mich, ob dieser Mann vielleicht schizophren gewesen war und begann, über ihn zu lesen. Was ich herausfand, war, dass er im Prinzip ein Langeweiler war, der seine innersten Gedanken nur der Leinwand anvertraute, weil er mit allen gut Freund sein wollte: sowohl mit der spanischen Königsfamilie als auch mit Napoleons Bruder als auch mit Wellington."

Mariam Lau empfiehlt das "Dangerous Book for Boys", das orientierungslosen Jungs alles zeigt, was es braucht, um ein freundlicher, mutiger, weltgewandter Mann zu werden: "Ein Baumhaus bauen, ein Kaninchen erlegen (und dann häuten, zubereiten und essen); Morse-Zeichen entziffern und einem Mädchen in misslicher Lage unaufdringliche Unterstützung oder wenigstens Unterhaltung zuteil werden lassen - das sind nur einige der Tugenden, für die hier geworben wird."

Weiteres: Kurz vor Schluss hat Berlin "doch noch einen substanziellen Beitrag zum Mozart-Jahr geleistet", applaudiert Manuel Brug Hans Neuenfels für seine "Zauberflöte" an Berlins Komischer Oper. Hauptrequisiten sind Zauberflöte und Glöckchen - ein hölzerner Riesenpenis und silberne Hodensäckchen. Matthias Heine war bei der Verleihung des neuen Theaterpreises "Faust" im Essener Aalto-Theater, die offenbar recht vorhersehbar verlaufen ist. Sven Felix Kellerhoff widmet sich der Initiative, die in Leipzig ein Holocaust-Museum errichten lassen will. Besprochen werden die Ausstellung "Picasso und das Theater" in der Frankfurter Schirn und Michael Thalheimers Inszenierung von Jon Fosses "Schlaf" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

Im Forum erklärt Paul Badde, dass der Papst eher nach Konstantinopel als nach Istanbul reise. Und in einem Interview plädiert der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger für die Einrichtung einer internationalen Kontaktgruppe zur Befriedung des Iraks.

Tagesspiegel, 27.11.2006

"Kein Blatt Papier" passte zwischen Monika Griefahn (SPD) und Peter Gauweiler (CSU), die beiden Vorsitzenden des Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, als sie am Freitag die neue Konzeption für das Goethe-Institut vorstellten, berichtet Bernhard Schulz. Mehr Mittel, Abbau von 70 Stellen im 300-köpfigen Verwaltungsapparat der Münchner Zentrale und mehr deutsche Kultur. "Vorbei die Zeiten der als 'Partnerbezug' getarnten Missachtung der eigenen Nationalkultur. 'An der Spitze der Aufgaben steht die Vermittlung der deutschen Sprache', unterstrich der altersmilde auftretende CSU-Politiker Gauweiler, und Monika Griefahn nickte eifrig. 'Wir sind ein Land, das sich in seiner Außendarstellung als Land der Dichter und Denker versteht.' Gegenüber der jahrelang von Goetheanern der 68er-Generation verfolgten Idee, die Institute außerhalb Europas mit anderen europäischen Kulturinstituten zu verschmelzen, um ja nicht mehr von Deutschland sprechen zu müssen, verwahrte sich Griefahn vehement gegen 'europäischen Mischmasch'. Die Gastländer erwarteten eine eigene Identität: 'Sie wollen Deutsch!'"

NZZ, 27.11.2006

"Würde - wie häufig postuliert - vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit tatsächlich zu einer Lösung in Darfur beitragen?", fragt sich Angela Schader angesichts der anhaltenden Auseinandersetzungen im Sudan. Viele der von ihr angeführten Stimmen sind skeptisch bis verzweifelt. "Der senegalesische Autor Boubacar Boris Diop, der sich im Rahmen des Schriftstellerprojekts 'Rwanda - ecrire par devoir de memoire' intensiv mit dem Genozid in Ruanda auseinandergesetzt hat, meinte damals bitter, aus westlicher Sicht seien das eben nur 'Neger, die sich gegenseitig den Schädel einschlagen'. Heute schreibt er zu Darfur: 'Man hat manchmal das Gefühl, ein höheres Geschick walte über dem Vollzug eines Genozids. Er findet statt, man streitet sich darüber, während er immer weitergeht - vor den Augen der ganzen Menschheit, die lediglich ihre eigene Ohnmacht konstatieren kann.'"

Auf einer ganzen Seite widmet sich die NZZ der unerschöpflichen Verlegerfamiliensoap aus Frankfurt. Joachim Güntner hat von einem Besuch beim Hamburger Investmentbanker Claus Grossner, der zusammen mit Hans Barlach die Suhrkamp-Anteile der Volkart-Holding übernommen hat, den Eindruck mitgenommen, dass dieser kein "Finsterling mit üblen Absichten" ist: "Hört man ihm zu, dann ist Claus Grossner nicht die 'windige Gestalt', als die man ihn in Frankfurt schmäht, sondern der gute Mann aus dem Norden, der den Suhrkamp-Verlag als 'Insel des Geistes' bewahren will. Bewahren vor der Ökonomie kurzfristiger Profitmaximierung." Roman Bucheli lässt das wenige, was über die Zusammenarbeit des bisherigen Anteilseigners, der Volkart-Holding der Brüder Reinhart, bekannt ist, Revue passieren.

Besprochen werden Hans Neuenfels' Inszenierung der "Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin, ein Konzert in der Tonhalle Zürich, mit dem der Pianist Andras Schiff einen Zyklus von Beethovens Klaviersonaten abschließt, John Neumeiers Ballett "Parzival - Episoden und Echo" im Festspielhaus Baden-Baden und die Eröffnungsausstellung im neuen Museo Nazionale Alinari della Fotografia in Florenz, "Vu d'Italie 1841-1941".
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FAZ, 27.11.2006

Wie ein Mann, so scheint es, stellen sich prominente Suhrkamp-Autoren hinter ihre Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz. In ihrer gestrigen Ausgabe zitiert die FAS etwa Durs Grünbein, der in einem Brief an seinen Lektor Medien und neue Anteilseigner attackiert. "Wie da ein höchst eindeutiger Putschversuch (das Guerillaunternehmen einer 4köpfigen Alt- und Jung-Herren-Clique, ein gewisses Gebäude in der Frankfurter Lindenstraße zu stürmen) zur Unternehmenskrise umgedeutet wird, ist ein Muster für Tatsachenverdrehung, wie es lupenreiner kaum sein könnte." Peter Handke bezeichnet Grossner und Barlach als "Hamburger Gröfaze", Peter Sloterdijk spricht von "Klabautermann-Kapitalismus". Außerdem zu lesen sind die Einlassungen von Katharina Hacker und von Hans-Ulrich Gumbrecht.

Mark Siemons stellt den 24-jährigen Han Han vor, chinesischer Schriftsteller und Rennfahrer, der in seinem Blog in unerhörter Schärfe die älteren Kollegen angreift und als Symbol einer neuen, schwer zu kontrollierbaren Generation gilt. "Mit siebzehn brach er den Schulbesuch ab und veröffentlichte statt dessen einen sarkastischen Roman ('Drei Türen'), der gleich das ganze Erziehungssystem kritisierte und mehr als eine Million Mal verkauft wurde. Man bot ihm, obwohl er keinen Schulabschluss hatte, einen Studienplatz an der renommierten Fudan-Universität in Schanghai an, aber er lehnte ab und schrieb statt dessen vier weitere Bücher. Und dann wurde er Rennfahrer. Er investierte das Geld, das er mit der Literatur verdiente, in Autos, er wurde Förderfahrer eines Coachingprogramms von BMW, Mitglied des Shanghai Volkswagen 333 Race Clubs und gewann schon bald sein erstes Rennen."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus macht die Neigung zur Ehrlichkeit für die beständige Unbeliebtheit des Chefs der Deutschen Bank Josef Ackermann verantwortlich. "Der Bankier hat die Öffentlichkeit nicht für sein Verständnis von Wirtschaftsführung gewinnen können." Nicht gutheißen kann Dietmar Dath einen Artikel in der vorletzten New York Review of Books, in dem Max Rodenbeck den derzeitigen Terorrismus historisch relativiert. Jürgen Kaube ist empört, dass es bei der Verleihung der Wissenschaftspreise der Balzan-Stiftung in Rom nicht zu einer Diskussion über die zum Teil provokanten Ideen gekommen ist. Auf der letzten Seite porträtiert Hans-Joachim Müller den neuen Leiter des Düsseldorfer museum kunstpalast, Beat Wismer.

Besprochen werden Hans Neuenfels' Version von Mozarts "Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin (für Stephan Mösch eine "notwendige Korrektur", trotz mancher "Gaga-Durchhänger"), Inszenierungen von Jon Fosses Stücken "Da kommt noch wer" und "Schlaf" durch Elmar Goerden und Michael Thalheimer in Bochum und Berlin, John Neumeiers Tanzstück "Parzival - Episoden und Echo" in Baden-Baden, eine Ausstellung über "Gärten" in der Kunst im Frankfurter Städel, und Bücher, darunter Joseph Breitbachs Roman "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf" und die überarbeitete Fassung der Regensburger Papstrede über "Glaube und Vernunft" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 27.11.2006

Für ihre Expertenreihe besucht Gabriele Goettle Angelika Starke, Diplom-Restauratorin für Buch und Grafik in der Preservation Academy Leipzig (PAL) in Leipzig, die ihre bedächtige Tätigkeit vor dramatischem Hintergrund ausübt: "Die gesamte Literatur des 20. Jahrhunderts ist im Begriff, sich aufzulösen. (...) Riesige Fichten- und Kiefernwälder wurden im Zuge der Industrialisierung abgeholzt, um unser kulturelles Gedächtnis auf Papier zu bannen, doch nun, wo die Pulverisierung dieses Papiers und akuter Gedächtnisverlust drohen, fehlt es an Tatkraft und öffentlichen Mitteln. Bereits in den 90er-Jahren zeichnete sich das Ausmaß der zukünftigen Katastrophe ab, damals hatten etwa 30 Prozent der Bibliotheksbestände Säureschäden, heute melden die Bibliotheken alarmierende Zahlen bis zu 70 Prozent."

Die Publizistin Marcia Pally glaubt auf der Meinungsseite nicht, dass die Wahlniederlage der Repbulikaner einen wirklichen Stimmungswechsel bei den Amerikanern widerspiegelt: "Das Desaster im Irak sieht nicht mehr aus wie eine Befreiungsmission - aber das bedeutet keine Kehrtwende. Den Republikanern wird verübelt, dass sie es nicht geschafft haben, die Vision umzusetzen. Eine andere Vision aber erwartet niemand."

Auf der Medienseite erklärt Christian Bartels, wie der Kultursender 3sat mit dem feuilletonistischen Magazin "Vivo" ein bisschen Farbe bekommen möchte.

Und Tom.

FR, 27.11.2006

Die FR bilanziert die Ereignisse des Wochenendes: Georg-Friedrich Kühn findet beifällige Worte für Hans Neuenfels' Inszenierung der "Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin. Besprochen werden auch Jan Neumanns Stück "Liebesruh" im Schauspiel Frankfurt, John Neumeiers Parzival-Ballett in Hamburg und - so viel Platz war dann doch noch - ein Chris-de-Burgh-Konzert in Frankfurt. Und in Times mager erklärt Christian Schlüter die "Affekt hegende Aufgabe" der Kirche.

SZ, 27.11.2006

Jörg Königsdorf attestiert dem Regisseur Hans Neuenfels in seiner Inszenierung der "Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin Altersweisheit: "Statt sich zu großen, noch-nie dagewesenen Thesen aufzuschwingen und etwa dem Gegensatz von Gefühl und Vernunft partout eine aktualisierte Variante abringen zu wollen, nimmt Neuenfels 'Die Zauberflöte' schlicht als das, was sie ist: ein eigentümlich anarchisches, mit kruder Symbolik vollgestopftes Spiel, das seine Figuren nicht in ein starres dramatisches Verlaufsschema presst, sondern ihnen in ihren Irrungen und Wirrungen zu folgen scheint, ja sie schließlich sogar ziemlich abrupt aus dem Blick verliert."

Weitere Artikel: Vasco Boenisch berichtet von der ersten Verleihung des Deutschen Theaterpreises "Der Faust" ("Für eine Premiere erstaunlich glatt und für einen Theaterpreis erschreckend konturlos spulte sich dagegen die Preisverleihung selber zügig ab") Harald Eggebrecht resümiert einen offensichtlich hochklassigen Grand Prix "Emanuel Feuermann" für Cellisten in Berlin. Rene Martens brichtet über die Gründung eines World Future Council in Hamburg mit Expertinnen wie Bianca Jagger, die den Begriff des "Verbrechens gegen die Zukunft" in die Debatte bringen will. Fritz Göttler verfolgte das Festival der Filmhochschulen in München. Peter Laubenbach bespricht Jon Fosses "Schlaf" in Michael Thalheimers Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin und zitiert zugleich aus einem offenen Brief des Ensembles, das sich Thalheimer als Intendanten des Hauses wünscht. Joachim Kaiser schreibt zum Tod des Münchner Dramaturgen Hans-Joachim Pavel.

Besprochen werden die große Rebecca-Horn-Ausstellung in Berlin, einige neue DVDs, darunter eine "Bonanza"-Edition mit einigen Folgen von Robert Altman, John Neumeiers Ballett "Parzival - Episoden und Echo" im Festspielhaus Baden-Baden und Bücher, darunter zwei Bände mit Briefen von Virginia Woolf. Auf der Medienseite meldet "jja", dass die ARD bisher nicht recht zufrieden ist mit dem Publikumserfolg von Ulrich Wickerts Büchersendung.