Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2022 - Kunst

Chuck Close, Selbstporträt, 1999. Städel Museum, Frankfurt am Main. © Chuck Close, courtesy Pace Gallery


So absolut abstrakt wie man immer denkt war die amerikanische Nachkriegskunst gar nicht, lernt ein überraschter Stefan Trinks (FAZ) in der Grafikausstellung "Into the New. Menschsein: Von Pollock bis Bourgeois" im Frankfurter Städel Museum: Sie "offeriert unzählige Bilder vom Menschen, vielleicht gerade als Ausgleich zu den parallelen abstrakten Großformaten in der Malerei. ... Natürlich hatte es mit Chuck Close oder Jim Dine stets Künstler gegeben, die durch die Jahrzehnte hindurch am Figurativen festhielten. Doch auch bei Close' gepixeltem 'Selbstbildnis' aus dem Jahr 1999 lässt sich ersehen, wie mathematisch exakt und damit abstrakt der Künstler jedes Kästchen seines in Quadraten parzellierten Antlitzes errechnet hat. Und umgekehrt schälte sich in einem merkwürdigen Überkreuzungsprinzip auch bei Kern-Abstrakten wie Pollock oder Jasper Johns in der Forschung der letzten Jahre immer mehr heraus, wie sehr sie zeitlebens am Menschenbild festhielten. Nicht nur offenbaren Pollocks Drippings bei längerem Hinsehen stets Figürliches, es finden sich darüber hinaus gar Agglomerationen von Leibern und Knäuel tanzender Menschen."

Fürs Gallery Weekend in Berlin empfiehlt Laura Storfner im Tagesspiegel einen Abstecher zur Ausstellung von Joan Jonas in der Galerie Heidi, Joana Nietfeld, Joana Nietfeld empfiehlt Ser Serpas in der Galerie Barbara Weiss und Gunda Bartels sah Kyriaki Gonis dystopische Videokunst im Kunstverein Ost. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Wirtshaussterben? Wirtshausleben!" im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2022 - Kunst

Hanna Nagel, Die Ehe, 1930, Privatsammlung


Eine längst fällige Wiederentdeckung, meint in der FAZ Stefan Trinks über die zwischen 1928 bis 1945 entstandenen Arbeiten der Künstlerin Hanna Nagel, (hier der Katalog zur Ausstellung) die derzeit in der Kunsthalle Mannheim zu sehen sind: "Nagel wird mit ihrer an Rembrandt und Goya geschulten Hell-Dunkel-Kunst Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreißigerjahre die bildliche Verfechterin der allseits postulierten 'Neuen Frau', die sich dennoch mit den alten Problemen herumzuschlagen hat: Vereinbarkeit von Beruf und Kind, bei einer Künstlerin nochmals erschwert, Unsicherheiten der Familienplanung (ihre Serie zu Paragraf 218 war der meistbesprochene Beitrag in der epochalen Ausstellung 'Frauen in Not' von 1931) sowie die ebenfalls steinzeitalten Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, die auch beim 'Neuen Mann' und der 'Neuen Frau' der Goldenen Zwanziger dieselben blieben." 

Jeva Griskjane unterhält sich für monopol mit dem ukrainischen Künstler Pawlo Makow über dessen Installation "Fountain of Exhaustion" auf der Venedig-Biennale und Kunst in Zeiten des Krieges. Makow erzählt von den Hoffnungen, die die neunziger und 00er Jahre in Europa prägten. Doch schon 2008, "als ich wegen der Ausstellungen oft nach Europa kam, spürte ich wieder eine Art Rückfall in den erschöpften Zustand, in dem sich die gesamte westliche Welt befand, so wie es in Osteuropa in den 90er-Jahren war. Denn Europa hat sich verändert, besonders in den letzten 20 Jahren. Es gab wieder eine Art von Schwäche, es gab einen Mangel an Fähigkeit, die Hauptprinzipien der Demokratie zu schützen. Man konnte Europas Abhängigkeit von billigen Energiequellen erkennen und das egoistische Verhalten, den Alltagskomfort Europas nicht gegen die wichtigsten humanistischen Prinzipien eintauschen zu wollen. In gewisser Weise schien mir Europa in Bezug auf die globalen Probleme zu entspannt. Es konnte die Bedrohung, die von Russland ausging, nicht wirklich erkennen. ... Deshalb spürte ich, dass die Bedrohung zurückkam, aber nicht auf lokaler, sondern auf globaler Ebene."

Weiteres: Der vom Humboldt Forum geplanten Ausstellung zum abgerissenen Palast der Republik steht Uwe Rada in der taz äußerst skeptisch gegenüber: "Ist das jetzt notwendige Erinnerungsarbeit für ein junges Publikum, das den Palast nicht mehr kannte? Oder ist das einfach nur eine dreiste Provokation der Sieger?" Tom Mustroph annonciert in der taz das Gallery Weekend in Berlin, das am Freitag beginnt. Im Tagesspiegel empfiehlt Jens Hinrichsen schon mal die Hinterglasmalerei von Philipp Fürhofer in der Galerie Judin.

Besprochen werden die Ausstellung "David Hockney - Landschaften im Dialog" in der Gemäldegalerie Berlin (taz), Herlinde Koelbls Angela-Merkel-Serie im DHM (Tsp) und die Ausstellung "Fictions of Emancipation" mit nur einer Büste von Jean Baptiste Carpeaux im Metropolitan Museum New York (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2022 - Kunst

Jan Brueghel und Peter Paul Rubens: Der Geruchssinn. Bild: Museo Nacional del Prado

Der Prado in Madrid gönnst sich zum Ende der Maskenpflicht eine Feier des Geruchsinns. Es widmet seine Ausstellung einer jener fünf Sinnesallegorien, die Jan Brueghel der Ältere gemeinsam mit Peter Paul Rubens gemalt hat, wie Karin Janker in der SZ erklärt: "Monatelang waren Wissenschaftler von Spaniens größtem Forschungsinstitut CSIC damit beschäftigt, rund 80 Spezies zu identifizieren, die Brueghel im Garten der spanischen Infantin Isabella Clara Eugenia in Brüssel angeordnet hat. Der Garten der Regentin war seinerzeit berühmt: Sie sammelte exotische Pflanzen und ließ daraus Parfum herstellen. Die Arbeit der Forscher legt nun nahe, dass Brueghel seine Bildkomposition nicht nur nach optischen, sondern auch nach olfaktorischen Kriterien entwickelt hat. Der Maler wollte, dass man sein Werk riecht. Für heutige Betrachter eine glatte Überforderung. Die Ausstellungsmacher wissen natürlich um die verkümmerte synästhetische Vorstellungskraft und machen es den Besuchern daher leichter, das Gemälde tatsächlich mit der Nase zu erleben."

In der FAZ sieht Thomas Oberender, bis vor kurzem Intendant der Berliner Festspiele, die "hyperindividualistische, hyperkapitalistische Marktwelt der Kryptokunst" nun auch auf die Bühne übergreifen: Am Wochenende wurde in Berlin eine NFT-Datei für 76.800 Euro versteigert, die die Uraufführung von Robert Wilsons und Philip Glass' "Einstein on the Beach" 1976 in Avignon. Bemerkenswert findet er nicht nur, wie im Berliner Kraftwerk Mitte aus den vollkommen unsinnlichen Blockchain-Prozessen eine pompöse Inszenierung gemacht wurde: "Der zweite Aspekt dieses NFT-Verkaufs einer Theaterszene ist die Tatsache, dass für diesen Verkauf eine globale Gemeinschaft von Sammlern und Händlern aktiviert wurde, die Kryptowährungen nutzen, die sie selbst herstellen und deren Wert sie selbst mitbestimmen können. Was ungefähr so ist, als würden die Berliner Volksbühne oder das Wiener Burgtheater selber Euros prägen, mit denen man ihre Tickets bezahlen kann. Erfolgreiche Künstler und Galeristinnen wussten immer, dass für den hochpreisigen Verkauf nicht nur erstklassige Präsentationsräume und nobilitierende Ausstellungen der Werke in renommierten Institutionen wichtig sind, sondern vor allem die Schaffung und Pflege einer Glaubensgemeinschaft an diese Werke. Nirgends wird so viel gemeinsam und komfortabel gegessen wie in der Welt der Marktführer-Galerien."

Weiteres: Im Guardian schickt nun auch Adrian Searle aus Venedig seinen Bericht von der Biennale. Besprochen wird Fujiko Nakayas Retrospektive "Nebel Leben" im Haus der Kunst in München (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2022 - Kunst

Katharina Fritsch: Elefant (1987) Foto: Biennale


Regelmäßig werden die nationalen Pavillons auf der Biennale von Venedig für obsolet erklärt, aber wenn dann die Goldenen Löwen vergeben werden, ist die Aufregung groß, weiß Peter Richter inzwischen in der SZ. Diesmal gingen die Trophäen an den von Sonia Boyce gestalteten britischen Pavillon, an die Amerikanerin Simone Leigh als beste teilnehmende Künstlerin sowie an die Deutsche Katharina Fritsch und die Chilenin Cecilia Vicuña für ihre Lebenswerke: "Meldungen, wonach 'die Biennale' hier in erster Linie 'schwarze Künstlerinnen' habe ehren wollten, stellt Fragen von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen arg über die Qualität ihrer künstlerischen Beiträge. Zumal es an hochklassiger Kunst gerade von schwarzen Frauen aller möglichen Herkünfte und Staatsangehörigen bei dieser Biennale auch sonst nicht mangelt. Dass auf diese Weise aber nun mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten ausgerechnet gleich zweimal der Inbegriff dessen triumphiert, was früher mal als imperialistische Nation galt, ist eine Pointe, wie sie auch nur die Miniaturweltgemeinschaft von Venedig so hübsch hinkriegt." Monopol versammelt Stimmen zum deutschen Pavillon.

Besprochen werden die beiden Klimt-Ausstellung in der Albertina Modern und der Marx Halle in Wien (die mit all ihrem Gold und Schnörkel bei Standard-Kritiker Amira Ben Saoud ein gefährliches Gefühl der Übersättigung erzeugen: "Man kann sich ja auch nicht unendlich viele Mozartkugeln hineinstopfen.") die Ausstellung "Kunst und Medizin" im Kunsthaus Zürich (NZZ), André Thomkins' Ausstellung "Kopfarbeit - Handarbeit, Tag und Nacht" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2022 - Kunst

Im taz-Interview mit Astrid Kaminski plaudert der amerikanische Künstler James Bridle über das Leben auf einer griechischen Insel, Do-it-yourself und die Verbindung von Kunst und Aktivismus. Das Ergebnis ist die Aegina-Batterie: "Die 'Aegina Batterie' bildet ein wenig eine Ausnahme. Zunächst hat mich die Tatsache fasziniert, dass Zitronen Solarenergie speichern. Aber ich würde mein Haus nicht mit Zitronen heizen. Dieses Projekt hat vielmehr neben der physischen auch eine metaphysische Ebene. Ich referiere damit an die substanziell belastete Beziehung zwischen Griechenland und Deutschland, an die sehr schiefe Bilanz dieser Beziehung. Ich möchte Energie und damit 'Power' aus Griechenland nach Deutschland bringen. Ein Nachfolgeprojekt wäre dann die Frequenz des griechischen Lichts, diese Art von Aprillicht, die wir hier haben, nach Berlin zu bringen!"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2022 - Kunst

Pawlo Makow, Der Brunnen der Erschöpfung, 1995. Zeichnung. Courtesy Pawlo Makow


Gestern wurde offiziell die Biennale in Venedig eröffnet, die unter dem Motto "The Milk of Dreams" dem Surrealismus huldigt - ein Thema, mit dem einige Kritiker fremdeln, ist es doch vom Kriegsgeschehen in der Ukraine denkbar weit entfernt. "Auch der ukrainische Pavillon eröffnet an diesem Samstag", schreibt Sophie Jung in der taz: "Im Arsenale, hinter den türkischen und singapurischen Beitrag geradezu abgeschoben, als würde der Ort des Pavillons die europäische Randlage des Landes versinnbildlichen, steht die wandhohe Pyramide aus Kupfertrichtern von Pawlo Makow. Wasser tröpfelt von oben auf die ersten Kelche, bis es sich über ihre zweiarmigen Ausgüsse auf die gesamten 78 schon quietschgrün oxidierten Gefäße langsam verteilt wie ein desolates Wasserspiel. Eine Metapher für Mensch und Natur, sagt der Künstler, ein 'Brunnen der Erschöpfung', so auch der Titel der Installation. Ko-Kuratorin Maria Lanko hat die Trichter des in Charkiw lebenden Makow in drei Kisten mit dem eigenen Auto bis nach Venedig gebracht. Die Tragik dieses Krieges und die Frage, was angesichts dessen die Kunstschau überhaupt noch soll, dringen direkt hervor in diese Biennale und versinken dann aber wieder im Rausch der 58 Länderpavillons und über 1.200 weiteren Künstler:innen der Hauptausstellung."

Findet als einzige Gnade vor den Augen der FR-Kritikerin: Precious Okoyomon und ihre Kudzu-Pflanzungen. Earthseed, MMK für moderne Kunst, Frankfurt, 2020. Photo Axel Schneider. Courtesy the Artist


Die für den Westen "zentralen Topoi der Gegenwart" können auf der Biennale alle besichtigt werden: die Vereinigung von Mensch und Maschine oder die Verwischung von Geschlechtergrenzen, gibt FR-Kritikerin Sandra Danicke missmutig zu Protokoll. "Allerdings verfestigt sich beim Durchqueren der Ausstellung ein ganz anderer Eindruck: Man hat das Gefühl, zahlreiche der hier präsentierten Künstlerinnen und Künstler wollten der Realität lieber entfliehen, anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Da werden Zauberwälder und Parallelwelten beschworen, Traumlandschaften evoziert, Bäume umarmt, dass man sich erstaunt die Augen reibt. Hätte man all dies vor zehn, zwanzig Jahren gezeigt, wäre man über die zahlreichen Entdeckungen, die man hier zweifellos machen kann, vermutlich begeistert gewesen. Jetzt, gefühlte 27 Surrealismus-Ausstellungen später, ist man doch eher befremdet." Ganz anders sieht das Gesine Borcherdt in der Welt: "Alemani ist es gelungen, unter dem Begriff des Surrealismus, der hier nicht nur als Epoche der Kunst, sondern als inneres Stimmungsbild zu verstehen ist, unter diesem Begriff also ein Zeitbild zu schaffen, in dem die Kunst die Stimme erhebt" und "das Rationale gegen die Poesie eintauscht, das Kalkül gegen die Freiheit".

In der SZ blickt Peter Richter milde lächelnd auf das weiblich "Unterleibliche" der Biennale: "Ausgerechnet den Surrealismus nun jubelnd als Bewegung für feministisches Empowerment hingestellt zu bekommen, mag verblüffen, eigentlich sogar ein bisschen beängstigen, ist aber äußerst zeitgenössisch. Denn Leute mit Faible fürs Okkulte wissen es längst, und wer Esoterischen mit Skepsis oder gar Aversionen gegenübersteht, muss seit einigen Jahren umso mehr zur Kenntnis nehmen: Die Rückkehr magischen Denkens wird unter dem Rubrum 'alternative Wissensweisen' als emanzipatives Projekt verstanden und mit großem institutionellem Erfolg vorangetrieben." Ins Stocken geraten kann die Begeisterung für Esoterik im Raum der Ukraine, "wo einem der 'Westen' zur Abwechslung nicht als etwas begegnet, das rationalitätskritisch angeklagt wird, sondern für dessen Zugehörigkeit gerade Menschen in den Tod gehen, die lieber nicht einer Herrschaft des Mystizismus anheim fallen wollen." Weitere Artikel zur Biennale im Standard und im Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit Grafiken von Hans Uhlmann im Kunsthaus Dahlem in Berlin (Tsp), die Ausstellung "Moved by Schlemmer: 100 Jahre Triadisches Ballett" in der Staatsgalerie Stuttgart (FAZ) und die Ausstellung "Alfred Kubin. Bekenntnisse einer gequälten Seele" im Wiener Museum Leopold (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2022 - Kunst

Charline von Heyl, Pagan Prophet, 2021. Photo Alex Marks. Courtesy the Artist; Petzel, New York


Gestern hat Hanno Rauterberg in der Zeit die Biennale in Venedig sehr kritisch unter die Lupe genommen (der Text ist jetzt online freigeschaltet). Stefan Trinks ist dagegen heute in der FAZ voller Lob für die oft surrealistische Kunst, die dort unter dem Motto "The Milk of Dreams" gezeigt wird. Er empfiehlt die Pavillons von Malta, Italien, Griechenland, aber auch Deutschland und hält fest: "Geschlecht als Kategorie ist beim Betrachten dieser Kunst irrelevant", obwohl über neunzig Prozent der Teilnehmer weiblich sind. "Neben den zwei Oberthemen der Ausstellung 'Metamorphosen' und 'Mensch und Natur', die mit einer Terrakottaarmee an Mensch-Tier-Pflanze-Hybriden nahezu alle Säle besiedeln, bedienen etwa die Künstlerinnen P. Staff mit ihrer Weltraumvision 'On Venus' oder Elaine Cameron-Weir mit dem Captain-Future-haft metallverkleideten Raum 'Low Relief Icon' souverän und gleichberechtigt die dritte große Fragestellung 'Mensch und Technik'. Und die Rumänin Andra Ursuţa stellt gleich einen gesamten Saal mit Cyborgs aus farbig semitransparentem Kunstharz voll, gerahmt von Rosemarie Trockels ebenfalls algorithmisch erstellten Web-Abstrakta." Und: "Unbedingt noch stärker im Auge behalten muss man die Malerin Charline von Heyl, die mit ihrer Botticelli-Paraphrase 'Primavera' von 2020 und 'The Garden of Cyrus' ein Gespür für 'Farbe als Haut der Welt' beweist".
 
Loukia Alavanou, "On the Way to Colonus." VR360. Filmstill. © Loukia Alavanou, 2021


Auch FR-Kritikerin Sandra Danicke war besonders beeindruckt vom griechischen Pavillon, wo Loukia Alavanou ihre Arbeit "Oedipus in Search of Colonus" installiert hat, die man mit einer VR-Brille betrachten kann. Es ist eine Adaption von Sophokles' Drama "Ödipus auf Kolonos", die sie auf einer Müllhalde am Rand Athens inszeniert hat, mit Roma, die dort tatsächlich leben. "Mit der Brille auf dem Kopf durchwandern wir diesen Unort, landen in verschiedenen Wohnungen, umringt von Menschen, die zum Teil irritierende Clowns- oder Tiermasken tragen, uns bisweilen aber auch ganz offen ins Gesicht sehen. Sie stehen dort, konfrontieren uns mit ihrer Gegenwart - und wir können nicht weg. Sind 17 Minuten lang ein Bestandteil der Szenerie, die bedrückend wirkt, aber keine billige Anklage ist. Ein Effekt, der so viel stärker erlebt wird, als jede Fernsehdokumentation. Danach, man kann es nicht anders sagen, wirkt vieles, sehr vieles, was in den Länderpavillons gezeigt wirkt, vollkommen blutleer. Man muss es sich vielleicht an einem anderen Tag anschauen."

Uffe Isolotto, We Walked the Earth, Pavilion of Denmark, Biennale Arte, 2022. Image courtesy of Ugo Carmine


Weiteres von der Biennale: In der NZZ stellt Philipp Meier den Schweizer Pavillon vor, in dem Latifa Echakhch versucht, "das Hochgefühl" entstehen zu lassen, "das einen noch länger begleitet, wenn man ein Konzert verlässt, das sei eigentlich die Essenz des Konzerts - diese Anwandlung einer Stimmung der Erfüllung, zu der sich ein etwas schmerzlicher Nachhall gesellt, dass es auch schon wieder vorüber ist." Auf Zeit online schreibt Tobias Timm über den deutschen Pavillon: Dort hat Maria Eichhorn "den Putz abschlagen lassen, das Fundament freigelegt, Hohlräume geöffnet - als hätten hier Archäologen etwas gesucht. 'Relocating a Structure' heißt das Projekt, und es besteht aus verschiedenen Komponenten", die deutsche Geschichte sichtbar machen sollen und, so Catrin Lorch in der SZ, "als Simulation schon einmal vorwegnimmt", wie der Ort ohne den deutschen Pavillon aussähe: "Ein sandfarbenes Plateau direkt am Wasser, eine kleine, baumbestandene Utopie. Was wäre, wenn es diesen Bau nicht mehr gäbe? ... Vor allem internationale Besucher kritisierten während der ersten Tage, dass die deutsche Kunst den Blick nicht hebt, dass man an der NS-Geschichte klebe. Diese Kritik übersieht, dass 'Relocating a Structure' modellhaft gedacht ist, eine universal gültige Anleitung zum Umgang mit allen auf Ewigkeit angelegten Architekturen." Und Boris Pofalla hebt in der Welt u.a. den dänischen Pavillon hervor: "Der Däne Uffe Isolotto (*1976) hat ein naturalistischsurreales Horrorkabinett in szeniert - man solle doch lieber von 'Darkmark' sprechen, sagt ein jugendlicher Besucher zu seiner Mutter beim Betrachten eines erhängten Kentauren."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2022 - Kunst

Eglė Budvytytė in collaboration with Marija Olšauskaitė and Julija Steponaitytė, Songs from the Compost: mutating bodies, imploding stars (Videostill), 2020. Courtesy the Artist. © Eglė Budvytytė


Die Biennale in Venedig "träumt in diesem Jahr den Traum von der großen Vereinigung" des Menschen mit der Natur und der Maschine, erzählt Hanno Rauterberg in der Zeit. "Die Kunst, ein Heilsversprechen. Ja, so ist es ernsthaft gemeint. Die diesjährige Kuratorin der Biennale, die aus Italien stammende Cecilia Alemani, verfolgt frohgemut ein posthumanistisches Programm, angetrieben von der 'Idee, die zentrale Stellung des Menschen zu überwinden und dann zu Erde, zur Maschine, zur Natur zu werden'. Eine Symbiose von Macht und Magie", so Rauterberg, der diesen Ansatz erstaunlich unkritisch findet. Auch diese Biennale "trifft eine Auswahl, was sollte sie sonst tun. Überdies trifft diese Auswahl ein einzelnes Subjekt, ein kuratierender Mensch, und eben kein Tier, keine Pflanze, keine Maschine. Es ist außerdem ein europäischer Mensch, wohlgemerkt für eine Ausstellung in Venedig, historisch ein Oberzentrum des westlichen Weltbeherrschungsdenkens. Und so bleibt die Biennale des Posthumanismus zwangsläufig ein Widerspruch in sich selbst. Zudem entgeht ihr, wie sehr hier eine mystifizierende Kunst den Interessen der Macht zuarbeitet. Etliche Genforscher dürften von den Ideen der permanenten Wandelbarkeit des Menschen, wie sie die Biennale preist, schon deshalb begeistert sein, weil sie ihrerseits finden, dass die Evolution aktiv vorangetrieben werden müsse."

In der FAZ stellt der Historiker Karl Schlögel den ukrainischen Künstler Viktor Arnautow vor, dessen kommunistische Monumentalbilder (von denen einige auch in Amerika zu sehen sind) in Mariupol jetzt von russischen Soldaten zerstört wurden. "Man erkennt in Arnautows Zyklus die Bildsprache seines Lehrers, des Künstler-Revolutionärs Diego Rivera, bei dem er zwischen 1929 und 1931 in Mexico City gearbeitet und der an bedeutenden Ausgestaltungen öffentlicher Gebäude mitgewirkt hatte. ... Aber Arnautow hatte ein Leben vor und nach seiner amerikanisch-kalifornischen Zeit. Es begann und endete in Mariupol, in der Stadt, von der bis in die allerjüngste Zeit nur wenige gehört hatten, obgleich sie im 20. Jahrhundert eine der bedeutendsten Stahlstädte der Welt, ein Zentrum der sowjetischen Industrialisierung war, und die jetzt zum Symbol barbarischer russischer Kriegführung und heldenhaften ukrainischen Widerstands geworden ist, ja zum Ort der Entscheidung im Kampf zwischen einer unabhängigen, freien Ukraine und einem imperial-faschistischen Angreifer."

Weitere Artikel: Katharina Rustler hat sich für den Standard in Venedig den österreichischen Pavillon des glamourösen Duos Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl angesehen: Mit ihrer "Kombination aus verlockender Zugänglichkeit, spaßiger Genreüberschreitung und queerer Sprache sind Knebls und Scheirls Kunst trotz 1970er-Romantik am Puls der Zeit", lobt sie. In der taz unterhält sich Maxi Broecking mit dem amerikanischen Konzeptkünstler William Pope.L über dessen Ausstellung im Berliner Schinkel Pavillon, wo er Modelle ikonischer Berliner Architektur schreddert. Und Ralf Leonhard schreibt (nachgereicht aus der einem Stromausfall zum Opfer gefallenen taz von gestern) den Nachruf auf den Aktionskünstler Hermann Nitsch.

Besprochen werden die Ausstellung "Pionnières - Artistes dans le Paris des Années folles" im Pariser Musée du Luxembourg mit namhaften Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Natalia Gontscharowa, Sophie Taeuber-Arp oder Marie Vassilieff, aber auch vielen hierzulande eher unbekannten wie Mela Muter aus Polen, Anna Béöthy-Steiner und Amrita Sher-Gil aus Ungarn oder Juliette Roche aus Frankreich (NZZ), Carrie Mae Weems' Ausstellung "The Evidence of Things Not Seen" im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart (taz), die Retrospektive "Heidi Bucher. Metamorphosen", die nach dem Haus der Kunst in München jetzt im Kunstmuseum Bern zu sehen ist (Welt) und eine kulturhistorische Ausstellung zu Moses Mendelssohn im Jüdischen Museum Berlin (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2022 - Kunst

Orgien Mysterien Theater: 100. Aktion, Schloss Prinzendorf, 3.8.1998. Bild: Hermann Nitsch

Der Wiener Aktionist Hermann Nitsch ist tot. In der SZ attestiert Till Briegleb ihm "priesterlichen Aufrüttelungswillen" für all die exzessiven Kunstrituale, in denen er Lammkadaver ans Kreuz nagelte oder Frauenkörper mit Blutkaskaden übergoss, bis er schließlich mit seinen Schüttbildern in Bayreuth inszenierte: "Der Wiener Aktionismus kannte nichts, wenn es darum ging, Menschen zu schockieren, um ihnen vorzuführen, wie eingefahren und stumpf sie dahinlebten. Mit quälend unverständlichen Texten, Körperkunst, die bis zur Selbstverletzung reichte, und Aktionen, in denen alle Körperflüssigkeiten zur Anwendung kamen, entäußerte sich die Wiener Wut auf das Devote, Angepasste und Obrigkeitshörige in immer schrilleren Inszenierungen." In der Welt weiß auch Hans-Joachim Müller Nitschs Orgien-Mysterien-Theater als "böses Kind der Avantgarde" zu schätzen: "In seinen besten Zeiten gerieten die kunstaktionistischen Dinge zuweilen außer Kontrolle." Im Standard hält Michael Freund fest: "In seinen eigenen Augen war er Religionsarchäologe und Therapeut, Erlöser und Synästhet, Seinsmystiker und Festefeierer, ein Kosmopolit, der in Österreich lebt, und ein Fan des Weinviertels, Anarchist und Verächter der Pensionierung, Genießer alles Fleischlichen und dabei talentloser Koch, war er Caesar, Nero, Wagner 'und alles, was je war'." Weitere Nachrufe in NZZ, FR, Tsp, FAZ.

Weiteres: Im Guardian schickt Charlotte Higgins einen ersten Bericht von der Biennale von Venedig, die am Samstag für die Allgemeinheit öffnet. In der SZ-Serie zum Epoche machenden Jahr 1972 erinnert Catrin Lorch an die Documenta, mit der Harald Szeemann auch die Rolle des Kurators neu erfand. In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe von verschiedenen Initiativen, Picassos Umgang mit Frauen aufzuarbeiten.

Besprochen wird die Schau "Nebel. Leben" der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya im Haus der Kunst in München (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2022 - Kunst

Dominique Gonzalez-Foerster: Metapanorama, 2022. Foto: Hugo Glendinning / Serpentine


Im Observer erliegt Laura Cumming dem Zauber der französischen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, die in der Londoner Serpentine Gallery ein riesiges Metapanorama als gemeinsame Erlebniswelt entfaltet: "Es handelt sich um ein 360-Grad-Bildpanorama von - sozusagen - Aliens, die man auch einfach einsame Genies nennen könnte. Vor einem dunklen, intergalaktischen Himmel sind Bilder von William Blake und Ada Lovelace, Joseph Cornell und Andrei Tarkowski, Alan Turing und Gustav Metzger zu sehen. Es sind Visionäre aller Art, von Emily Dickinson bis Odilon Redon, von Rudolf Steiner bis David Bowie. Loie Fuller, Tänzerin und Pionierin der Theaterbeleuchtung (deren Tanz nicht zufällig als 'Serpentine' bekannt war), tritt neben Hannah Höch auf, der deutschen Dadaistin und Pionierin der Collage. Es ist ein 'all-together-now' der schönen Geister. Und die Anspielung auf Höch ist voller Anmut, denn diese Installation ist nicht weniger als eine kolossale Collage, bezaubernd konzipiert und digital umgesetzt. Aus dem voluminösen Dunkel des Weltalls materialisieren sich seltsame Planeten: nur dass sie sich als Kunstwerke entpuppen, wie die leuchtenden, gestreiften Scheiben der visionären Malerin Hilma af Klint und die Wolkenlandschaften von Georgia O'Keeffe, die in ihrer abstrakten Anordnung von weißen Rauten auf Kobalt fast außerirdisch wirken."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem kolumbianischen Künstler Fernando Botero zum Neunzigsten, dessen Liebe nach wie vor der runden Form gilt.

Besprochen werden die Renoir-Ausstellung im Badener Museum Langmatt (NZZ), die Schau "American People" der Künstlerin Faith Ringgold im New Museum in New York (FAZ) und David Hockneys Landschaften in der Berliner Gemäldegalerie (Tsp).