Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2022 - Kunst

In dem jährlich von Capital erstellten Kunstkompass bleibt Gerhard Richter (90) der wichtigste Künstler der Welt, wie etwa der Tagesspiegel meldet, gefolgt von Bruce Nauman (80), Georg Baselitz (84), Rosemarie Trockel (69) und Cindy Sherman (68). In der Berliner Zeitung betont Harry Nutt zwar, dass in den Bewertung des Kunstkompass gerade nicht Verkaufspreise und Auktionserlöse einfließen, sondern Ausstellungen, Rezensionen und Museumsankäufe. Trotzdem rät er davon ab, immer nur nach Norden zu wollen: "Für Gerhard Richter gilt, was einst der Schriftsteller und Sänger Leonard Cohen über seinen Kollegen Bob Dylan sagte, als dieser 2016 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam. Das sei in etwa so, sagte Cohen, als würde man am Mount Everest eine Tafel mit der Aufschrift 'Höchster Berg der Welt' anbringen. Wer Kunst liebt und in sie investieren möchte, ist ohnehin gut beraten, sich dorthin zu orientieren, wohin die Kompassnadel gerade nicht zeigt."

Weiteres: In der taz schlendert Katharina J. Cichosch über die Paris Internationale, die sich als Independent-Messe gegen die ebenfalls an der Seine gastierenden Art Basel ziemlich gut behauptet. Als "maximal durchschnittlich" qualifiziert Nadine A. Brügger in der NZZ ein "Balmoral"-Aquarelle von König Charles, das gerade für 6.400 Franken versteigert wurde. Besprochen werden die Schau des preußischen Klassizisten Johann Gottfried Schadow "Berührende Formen" in der Alten Nationalgalerie (BlZ) und die Ausstellung des deutsch-britischen Künstlers Michael Müller im Frankfurter Städel (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2022 - Kunst

jan Vermeer: Der Soldat und das lachende Mädchen, 1657. Bild: Frick Collection

In der FAZ rät Alexandra Wach dringend zu einem Abstecher nach den Haag zur Schau "Manhattan Masters" im Mauritshuis, mit der die New Yorker Frick Collection für die Zeit ihres Umbaus ihre Alten Meister zeigt, darunter Rembrandt, Vermeer, Holbein und Bellini: "Dass sie ausnahmsweise den Weg zurück über den großen Teich gefunden haben, darunter Landschaften der weniger prominenten Aelbert Cuyp, Meindert Hobbema, Isaac van Ostade, Philips Woewerman und Jacob van Ruisdael und zwei Porträts von Rembrandts Schülern, ist einer Renovierung geschuldet. Es ist das erste und wohl das letzte Mal, denn Fricks Testament schreibt vor, dass alle Bilder im Museum bleiben müssen."

Weiteres: Tobias Timm schildert in der Zeit, wie sich die Museen auf alle Eventualitäten vorzubereiten beginnen und bombensichere Depots suchen. Besprochen werden eine Schau des flämischen Dadaisten Paul van Ostaijen im Berliner Stadtmuseum (BlZ) und eine Helmut-Newton-Ausstellung im Kunstforum Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2022 - Kunst

Heather Phillipson: Rupture No1. Foto: Tate Liverpool

Die Tate Liverpool zeigt ab morgen die Finalisten des Turner Preises. Einiges kommt Guardian-Kritiker Adrian Searle formal etwas konservativ vor, aber Heather Phillipson Endzeit-Installation "Rupture No 1 findet er großartig: "Eine Reihe blinzelnder Augen, aus Naturdokumentationen geschnitten, blicken uns anklagend an, als ob die ökologische Krise allein unsere Schuld wäre, was sie offenkundig ist. Die Wände der Galerie sind mit Filmen von aufkommenden Stürmen und ziehenden Schwänen überzogen. Sogar die Brachvögel beschweren sich. Auf einer großen Leinwand geht die Sonne auf wie ein Pfirsich, und die Erde, so erklärt uns Phillipson in einem neuen Audiokommentar, hörbar in einem Wald von baumelnden Kopfhörern, ist eine flambierte Tomate."

Hira Nabi: "All That Perishes at the Edge of Land", Filmstill, 2019. Bild: Museum Tinguely

Gleich drei Baseler Ausstellungen setzen sich mit unserem Verhältnis zur Natur auseinander, und FAZ-Kritikerin Ursula Scheer ahnt, dass hier auch die Vorstellungen künstlerischer Autonomie an Grenzen gerät. Unser Handeln gegenüber der Umwelt und dem Tier weist immer auf uns zurück. Zum Beispiel die Schau "Territories of Waste" im Museum Tinguely: "Nichts verschwindet einfach so, auch nicht die Erinnerung: Anca Benera und Arnold Estefán haben für ihre Installation 'The Last Particles' eine laborähnliche Multimedia-Umgebung geschaffen, in der Sand von den Stränden der Normandie, auf denen 1944 die Alliierten landeten, unters Mikroskop kommt. Von einem Magneten angezogen, richten sich schwarze und scharfkantige winzige Fragmente zwischen den hellen Körnern auf, formieren sich wie ein Schwarm, verdichten sich bedrohlich. Was sich visuell eindrücklich präsentiert, sind die eisernen Überreste von Militärgerät, das geologische Materie wird - und in die Nahrungskette eingeht."

Weiteres: Um die Rieckhallen neben dem Hamburger Bahnhof wird auf Hochtouren verhandelt, berichtet Birgit Rieger im Tagessspiegel, auch wenn die Lage angesichts der anstehenden Neuwahlen immer verfahrener erscheint.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2022 - Kunst

Bild: Koki Tanaka
Sehr feinsinnig findet Sophie Jung in der taz, wie der japanische Künstler Koki Tanaka im Berliner Haus der Kulturen am Wochenende vorführte, wie sinnvoll kollektives Arbeiten sein kann: "In kleinen Gruppen platzierte Koki Tanaka die Geladenen in seinen Installationen, trug ihnen Aufgaben auf - es galt, aus einem Ursud drei Suppen zu kochen oder aus den Teppichbodenrollen einen Unterschlupf zu bauen - und ließ sie sich dabei in ein lockeres Gespräch vertiefen. Mehrere Kameras filmten, alles wurde auf Screens wiedergegeben. Die Zuschauer:innen, ausgestattet mit Kopfhörern, konnten durch die Halle laufen, sich auf einen Liegestuhl legen, Suppe essen, zuschauen und zuhören."

Weiteres: Im Standard bringt Olga Kronsteiner Hintergründe zur Suppenattacke der beiden Klimaaktivistinnen gegen Vincent van Goghs "Sonnenblumen" in der National Gallery von London. Besprochen werden eine Schau zur Selbstikonisierung der Frida Kahlo im Modemuseum Paris (die zum Ärger von Monopol-Kritikerin Alexandra Wach ihr künstlerisches Werk völlig außer Acht lässt) und Shara Hughes' Landschaftsbilder im Kunstmuseum Luzern (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2022 - Kunst

Im Interview mit Hannes Hintermeier und Stefan Trinks in der FAZ spricht der Verleger Lothar Schirmer über sein fotografisches Imperium, seine Begegnungen mit Joseph Beuys und die Nachfolge: "Ich suche einen geistig und materiell unabhängigen Menschen. Es kann ein Adliger sein, es kann auch aber ein Fräulein aus dem Westen sein. Man muss wissen: Der Konstruktionsfehler der Verlagsarbeit ist, dass sie auf Kosten eines Familienlebens geht. Das hätte ich nicht mehr geschafft, Verlag und Familie. Insofern ist der Verlag heute meine Familie, für die ich ebenso sorgen muss wie für meine Autoren, denen ich ebenfalls eine Perspektive eröffnen muss. Andererseits sagt mir meine Lebenserfahrung, dass, wenn ich morgen tot umfalle, meine Möglichkeiten, auf die Welt Einfluss zu nehmen, erschöpft sind. Aber wo etwas zu holen ist, finden sich immer Leute, die sich das auch holen wollen. Ob das nun die eigenen Verwandten sind oder irgendwelche Strategen."

Emil-Nolde-Haus in Seebüll. Foto: Artandatecture

2013 musste sich die deutsche Kunstwelt eingestehen, dass Emil Nolde kein innerer Emigrant war, sondern schlicht ein Faschist und Antisemit. Jetzt ist das Nolde-Haus in Seebüll konzeptuell generalüberholt vom Architekturbüro Artandarchitecture saniert worden. In der SZ begrüßt Till Briegleb den aufgeklärten Blick auf den Expressionisten, bei dem sich - wie zuletzt auch bei Annie Ernaux diskutiert - die Frage stellt, ob man das Werk losgelöst von den politischen Ansichten des Künstlers betrachten kann: "Inwieweit sich Person und Werk trennen lassen, wie es die meisten Nolde-Interpreten seit dem Bekanntwerden seiner NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Krieg getan haben, oder ob das Werk selbst nicht doch etwas transportiert von Noldes böser Ideologie, das ist im Moment die Gretchenfrage. Sie stellt sich bei Nolde drängender als bei den anderen, mehr opportunistisch agierenden Künstlern des Expressionismus, die nach 1933 in Deutschland geblieben waren, weil er bis 1945 in seinen Schriftzeugnissen intensiv darum bemüht war, die feste Einheit zwischen seiner Kunst und seiner kerndeutschen Weltanschauung zu proklamieren. "

Besprochen werden eine Ausstellung des Künstlers Dirk Dietrich Hennig im Sprengel Museum in Hannover (taz), Michael Müllers Installation "Der geschenkte Tag" im Frankfurter Städel (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2022 - Kunst

Michael Heizers "The City". Foto: Ben Blackwell, courtesy of Michael Heizer and the Triple Aught Foundation. Mehr Bilder bei Dezeen.


Jörg Häntzschel lässt sich für die SZ das 2500 Meter mal 700 Meter große Projekt "The City" des Land-Art-Künstlers Michael Heizer in der Wüste von Nevada zeigen, das nach 52 Jahren Bauzeit abgeschlossen scheint: Eine riesige gewalzte Kiesfläche. Ist das alles? Mit der Zeit beginnt er "den Rhythmus der sanften Hügel wahrzunehmen, der Kiesbänder, die wie Deiche wirken, sich aber verjüngen und kreuzen, die mal kreisrunden, mal merkwürdig verzogenen Mulden, alle verbunden mit einem filigranen Netz von 'Straßen', die mit präzise gegossenen Beton-Randsteinen eingefasst sind. ... Doch immer wieder zieht es einen zurück zu '45° 90° 180°', einer Plaza, auf der Reihen immer gewaltigerer Betonklötze lehnend, stehend und liegend angeordnet sind, Dreiecke und Rechtecke, die größten neun Meter hoch. Es scheint ein Denkmal zu sein, aber wofür? Ein dreidimensionales Gemälde von De Chirico? Elegante Kulisse für ein wortkarges Eifersuchtsdrama von Michelangelo Antonioni oder Alain Resnais? Unsere Schritte werden langsamer, als würden sie gelenkt von der schieren Masse der Betonformen." (Mehr zu Heizers Projekt bei artnews, dem New Yorker und dem Guardian.)

Besprochen werden außerdem ein Bildband, der an die erste russische Kunstausstellung in Berlin 1922 erinnert (FR), die Ausstellung "Stéphane Mandelbaum" im Tower MMK in Frankfurt am Main (Jungle World), die Ausstellungen "Empowerment" im Kunstmuseum Wolfsburg und "Fun Feminism" im Kunstmuseum Basel (Welt) und die Ausstellung "Die Habsburger im Mittelalter" im Historischen Museum in Speyer (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2022 - Kunst

Villa di Livia at Prima Porta, frescos in the Triclinium, detail Palazzo Massimo


Wer dies gerade in Rom liest, sollte die Hufe schwingen, damit er um elf Uhr in den Aufzug zur obersten Etage des Palazzo Massimo steigen kann, "die ganz der fachkundigen Präsentation herrlicher Fresken und Mosaike gewidmet ist" und "eine der schönsten zusammenhängenden Gartenmalereien" beherbergt, empfiehlt Stefan Trinks in der FAZ: "ein üppig blühender Garten, der detailliert gezeichnet ist und - wenn Salvatore Settis, der große italienische Archäologe, richtig gezählt hat - 69 Vogel- und 23 Pflanzenarten lebensecht darstellt. Hier gedeihen Iris, Veilchen, Mohn, Chrysanthemen und Rosen; unter den Gehölzen beeindrucken Oleander, Myrten, Buchsbaum und Schneeball; und zahlreich sind die Bäume: Pinien, Steineichen, Dattelpalmen, Quitten, Granatäpfel und Zypressen. ... Der Blick des Betrachters wird durch Vögel, die im Flug munter umherschweifen, und Äste, die der Wind sanft beugt, gelenkt und verliert sich schließlich im türkisfarbenen Himmel. In diesem unterirdischen Gewölbe glaubte man ins Freie zu schauen: in einen Garten, in dem Blüten und Früchte allgegenwärtig sind."

Jakob Biazza war für die SZ bei der traditionellen Semestereröffnung der Hochschule für bildende Künste in Hamburg (HFBK), wo Präsident Martin Köttering versuchte, Studenten und Lehrkräften die Gastprofessoren Reza Afisina und Iswanto Hartono von Ruangrupa schmackhaft zu machen. Berufen worden waren sie schon vor der Documenta, jetzt gelte es, so Köttering, "Widersprüche und Dissonanzen auszuhalten und 'Räume für differenzierte Aussagen' zu schaffen. Darin liege 'die Qualität einer demokratischen Diskussionskultur'." Doch dann wollten Präsidium und Kollegium bei der Veranstaltung, die von Buhrufen begleitet war, doch lieber "schnell über ästhetische und Organisationskonzepte sprechen, über Kunsttheorie, über 'unhierarchische Horizontalität und Kollektivität, empathische Performativität und soziale Vernetzung'". Nun ja, war ja nur der erste Anlauf. Verteidigt wurden die Ruangrupa-Professoren übrigens von ihrer neuen Kollegin, der israelischen Professorin für soziales Design Gilly Karjevsky, berichtet Alexander Diehl in der taz: "Statt etwa vom 'Nahost-Konflikt' sprach sie wiederholt von der 'Besetzung Palästinas' als einem Thema, über das der globalen Nordwesten sehr uninformiert und voreingenommen diskutiere. Auch die beiden Ruangrupa-Mitglieder würden 'verfolgt', sagte Karjevsky, als 'angebliche Antisemiten'."

Weitere Artikel: Heute erscheint die 13. Künstlerausgabe der Welt, gestaltet von dem Maler Daniel Richter, der Boris Pofalla in seinem Atelier erzählt, wie seine politischen Collagen entstanden. In der FAZ berichtet Jürgen Kaube von einer anstehenden Entscheidung des Supreme Courts, der die Frage künstlerischer Aneignung neu entscheiden muss. Konkret geht es um ein Prince-Foto von Lynn Goldsmith, das Andy Warhol übermalt hat. Ist das Kunst oder unerlaubte Aneignung? Urteilen Sie selbst. Ebenfalls in der FAZ berichtet Andreas Kilb von einem Riesenmosaik des Trojanischen Krieges, das in Nordsyrien ausgegraben wurde: Es zeigt Achill, Herakles, Neptun und die Kämpfer der Griechen vor Troja. In der taz berichtet Harff-Peter Schönherr vom Urban-Art-Festival "famos" in Osnabrück.

Besprochen werden die Ausstellung "Wie geht es jetzt weiter? Zwölf Erzählungen aktueller Kunst aus Spanien" im Frankfurter Kunstverein (FR), die Ausstellung "Worin unsere Stärke besteht" von 50 in der DDR geborenen Künstlerinnen im Berliner Bethanien (BlZ), eine Ausstellung des fotografischen Werks von Lucia Moholy im Berliner Bröhan-Museum (Tsp) und eine Werkschau des englischen Bildhauers Antony Gormley im Lehmbruck-Museum in Duisburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2022 - Kunst

Gauri Gill, 'Indian grocery store in Queens, New York 2004', aus der Serie 'The Americans', 2000-2007, © Gauri Gill


In der FR empfiehlt Lisa Berins eine Ausstellung der indischen Fotografin Gauri Gill in der Frankfurter Schirn: "Es ist ein besonderer Blick auf ihr Heimatland, vor allem auf ländliche Gemeinschaften, und es ist ein Blick, mit dem sich Gill mit Frauen und Mädchen in der streng patriarchalen Gesellschaft solidarisiert. Die 1970 in Chandigarh geborene und in Neu-Delhi lebende Gauri Gill fotografiert das reale Leben - aber rein dokumentarisch ist es nicht. Es ist nicht nüchtern, hart und schonungslos, die Subjekte sind der Kamera nicht ausgeliefert, sie haben einen aktiven Part in der Entstehung der Fotografien, sie bestimmen mit. Gill zerrt weder vor die Linse, noch bildet sie fahrig ab. Ihre Fotografien schaffen Nähe, ohne voyeuristisch zu sein. Und bei aller Unaufgeregtheit besitzt ihr Werk eine Kraft, die neben der künstlerischen auch eine politische ist."

Sempés Titelbild für die Zeitschrift Le Moustique 1956


Gerührt und sehr liebevoll blickt Ralph Trommer im Tagesspiegel auf die Zeichnungen von Sempé, die derzeit in der Fondation Folon nahe Brüssel ausgestellt werden. Eigentlich hatte es ja eine Geburtstagsausstellung zum Neunzigsten werden sollen, nun ist es eine Hommage an den im August verstorbenen Künstler. "Sempés Blick auf die menschliche Spezie ist, bei aller Schärfe, die gelegentlich aufblitzt, einfühlsam und liebevoll. Menschliche Schwächen thematisierte er oft, doch mit einer unverwechselbaren Zärtlichkeit. ... Ein Zyklus, Teil des Buches 'Saint Tropez' (1968), zeigt, wie eine Gruppe von Handwerkern ein Haus baut, dabei perfekt als Gemeinschaft funktioniert, arbeitet und in Pausen miteinander schwatzt, isst und trinkt. Das letzte Panel zeigt das fertige Anwesen: Eine reiche Sippe sitzt gelangweilt und sprachlos am Pool. Sempé bleibt trotz deutlicher Kritik stets sanft: 'Ich betrachte die menschliche Gattung. Ich urteile nicht. Niemals.'"

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Idole & Rivalen. Künstlerischer Wettstreit in Antike und Früher Neuzeit" im Kunsthistorischen Museum Wien (taz) und die Ausstellung "Paul Klee. Vom Rausch der Technik" im Zentrum Paul Klee in Bern (NZZ).

Und noch eine frohe Nachricht aus der Kunstwelt:

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2022 - Kunst

Cecilia Vicuna: Brain Forest Quipu. Foto: Matt Greenwood / Tate Modern

Die chilenische Künstlerin und Dichterin Cecilia Vicuña zeigt in der Turbinenhalle der Tate Modern ihr Großwerk "Brain Forest Quipu", das Adrian Searle im Guardian als bewegenden Klagegesang auf den Verlust der andinen Quechua-Kultur preist: "'Brain Forest Quipu' besteht aus geknüpften, gewebten und geflochtenen Skulpturen, deren Präsenz die Blässe toter Dinge, gebleichter Vegetation und letzter Spuren annimmt, es ist eine Elegie auf die verlorene Sprache und die mutwillige Zerstörung. Eingeflochten in diese Skulpturen sind Vogelgezwitscher und das Rauschen des Wassers, das begleitende Geräusch von Insekten, klagende Volkslieder und die eigene Stimme der Künstlerin. Wir hören Streicherensembles, Gitarren und Chöre, Feldaufnahmen und ferne, widerständige Schreie ... Visuell sind diese herzzerreißenden Skulpturen ansprechend, taktil und ziemlich schön, doch sie erinnern an abgestorbene Reben und abfallende Rinde, vertrocknete Kürbisse und menschliche Hinterlassenschaften. Ich dachte an majestätische, aber elende Leichentücher, die sich im trockenen Wind wiegen."

Weiteres: Ruangrupa ist jetzt in der Gruppenausstellung "Loving Others" im Wiener Künstlerhaus vertreten, im Imterview mit dem Standard spricht Iswanto Hartono über den Antisemitismus, die Medienattacken und die eigene Überforderung. Verantwortung schiebt er allerdings auf die Documenta-Leitung: "Die Organisation war nicht wirklich offen für Diskussionen. Wir waren immer offen für Gespräche." In Hamburg, wo zwei Ruangrupa-Mitglieder Gastprofessuren bekamen, versucht man die Antisemitismusdiskussion jetzt begleitetenden Veranstaltungen einzuhegen, meldet der Tagesspiegel. In der FR schreibt Arno Widmann voller Verehrung zum zweihundertsten Todestag des Bildhauers Antonia Canova, an dessen Marmorgruppe "Amor und Psyche" Widmann sich nicht satt sehen kann..

Besprochen werden die die Ausstellung "The New Abnormal" mit Fotografien aus dem Ukraine-Krieg im Hamburger Phoxxi (taz) und eine eine Ausstellung zur glanzvollen Geschichte der Tudors im Metropolitan Museum in New York (NY Times, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2022 - Kunst

Im Zeitblog "10 nach 8" beschreibt eine Afghanin die Situation von Studentinnen der Bildhauerei in Afghanistan: "Das Fach wurde 1966 von Meister Amanullah Haidarzad begründet, einem der großen Bildhauer dieses Landes, der sein Meisterdiplom aus Italien mitgebracht hatte und nach seiner Rückkehr Kurse in Bildhauerei und Malerei einführte." Die Taliban cancelten den Kurs, doch die Studentinnen saßen dennoch wartend auf den Fluren ihres Instituts. "Als Bildhauerinnen setzen sie sich einem hohen Risiko aus. Innerhalb der afghanischen Gesellschaft wurden Künste wie Malerei und Bildhauerei auch vor den Taliban stets an den Rand gedrängt und als minderwertig angesehen. In der ganzen Gesellschaft, aber besonders bei den Taliban, gilt das Abbilden von Lebewesen als Vergehen. Mit Verweis auf den Islam werden diese Künste in Verruf gebracht und ihre Weiterentwicklung verhindert, obgleich es im Koran keinen Anhaltspunkt für ein religiöses Verbot von Malerei und Bildhauerei gibt. Die Taliban verbieten diese Künste, weil sie der Meinung sind, dass sie Muslime zu Polytheismus und Götzenanbetung verleiten - wie in der Zeit vor dem Islam, als die Menschen Statuen von Göttern anfertigten, um sie dann anzubeten."

Wieteres: In der taz versteht Ingo Arend die Biennale Istanbul als Gradmesser des politischen Klimas: "Die türkische Kunstszene laviert derzeit in einem Patt zwischen Repression und Selbstbehauptung. Auf der einen Seite lauert Erdoğan, auf der anderen sichern die großen Industriellenfamilien wie Koç oder Sabancı mit ihren Privatmuseen der Kunst Räume." Besprochen werden die Ausstellung "YOYI. Care, Repair, Heal" im Berliner Gropiusbau (FAZ) und Stanley Greenbergs Fotoband mit Bäumen, die vor 150 Jahren in amerikanischen Parks gepflanzt wurden (Monopol).