Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2024 - Film

Gefühle bestimmen jede Szene: "All of Us Strangers"

Die Filmkritik ist begeistert von Andrew Haighs "All of Us Strangers", in dem ein schwuler Mann mittels eines Zeit-Limbos in die Achtziger gerät, sodass er nicht nur alten Lieben, sondern auch seinen Eltern begegnet, denen er sich nie offenbaren konnte. Der Regisseur "ist klug genug, auf jede Erklärung zu verzichten", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Was geschieht, geschieht, und dass es geschehen darf, ist ein Glück, so groß und unwahrscheinlich, dass nicht viel mehr übrigbleibt, als es anzunehmen. Der Score ist laut und ziemlich drüber. Der Cast auf beiläufige Weise sehr gut. Die Zeit, die irgendwann zu Beginn aus den Fugen gerät, wird sich bis zum Ende nicht geordnet haben, und es erzählt viel über diesen wunderbaren Film, dass das nicht einmal besonders auffällt." Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist dies "vielleicht einfach einer der schönsten und traurigsten Filme über Liebe und Verlust. ... Für die heterosexuelle Welt sind die Achtzigerjahre die ikonische Zeit des Teenagerfilms. Was Andrew Haigh hier mit den Mitteln des Kammerspiels, ohne Ausstattungstricks und an nur zwei Schauplätzen erreicht, ist ein bezwingender Gegenentwurf: Wie musste sich ein Zwölfjähriger fühlen, der in dieser von HIV geprägten Zeit seine Homosexualität entdeckt? Es wird nicht viel darüber gesprochen in diesem wunderbaren Minimalismus, aber Gefühle bestimmen jede Szene." Weitere Besprechungen in taz und SZ (online gestellt vom Tagesanzeiger).

Es ist eben keine Farce, wenn sich Kritik daran regt, wenn AfD-Politiker bei der Berlinale-Eröffnung über den Roten Teppich laufen, kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel als Antwort auf Peter Laudenbach in der SZ (unser Resümee). Es gebe überhaupt keinen Grund dafür, die Politik nach Gießkannenprinzip mit Freikarten zu hofieren, findet er: "Klar, Bund und Land unterstützen die Berlinale finanziell; finanziert wird das aber mit Steuergeldern, nicht mit Parteispenden. Dass Politikern (aller Parteien!) Karten für die Berlinale zustehen, hat mit der, so Roth, 'demokratischen Praxis' erst mal sehr wenig zu tun. Der ehemalige Festivalchef Dieter Kosslick reagierte auf die Zumutung der AfD schon 2019 auf seine ganz eigene Weise: Er bot Vertretern der Partei Freikarten für den Dokumentarfilm 'Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto', gewissermaßen als Akt der politischen Bildung." Auch Rüdiger Suchsland auf Artechock meint: "Es geht darum, ob und wie wir uns einer existentiellen Herausforderung stellen. Ob die Rede von der 'wehrhaften Demokratie' eine blöde Phrase ist, oder Substanz hat. ... Meine Position gegenüber dieser Partei ist: Tabus errichten, rote Linien ziehen, ausgrenzen."

In der Zeit erinnert Moritz von Uslar an den letzte Woche verstorbenen Schauspieler Carl Weathers, oder besser gesagt: an seine berühmteste Rolle, den charismatischen Boxer Apollo Creed in Sylvester Stallones "Rocky"-Filmen, oder noch besser gesagt: an "Rocky IV", in dem Creed unter den wuchtigen Schlägen des Russen Ivan Drago zu Tode kam. "Es waren die Achtzigerjahre, die Zeiten, in denen ein Film von brutal schlichter Handlung - Osten fordert Westen zum finalen Kampf auf, Westen gewinnt und verzeiht, alle jubeln - gleichzeitig ein Drecksfilm und riesengroßes Kino sein konnte. ... Es ist, auch nach 39 Jahren, nicht möglich, Rocky IV ohne schweißnasse Hände anzugucken. Carl Weathers' Tanz mit Stars-and-Stripes-Zylinder zu James Browns 'Living in America' ist eine ewige Botschaft von Pop, Glanz und Gayness - und die ultimative freudige Verhöhnung jedes hässlichen Aggressors. Noch einmal wird uns ein wunderbar schlechter Film nicht retten." Wie James Brown und Carl Weathers den russischen Hünen umtanzen, muss man wirklich gesehen haben:



Außerdem: Elon Musk unterstützt die Schauspielerin Gina Carano bei ihrer Klage gegen Disney, die aus der Serie "The Mandalorian" geflogen ist, nachdem sie auf Twitter die Lage der Republikaner in den USA mit der Lage der Juden in Nazi-Deutschland gleichgesetzt hat, meldet David Steinitz in der SZ. Besprochen werden Trân Anh Hùngs "Geliebte Köchin" (Perlentaucher, Freitag), Blitz Bazawules Neuverfilmung von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" als Musical (FR, Welt), Tina Satters Whistleblower-Drama "Reality" (taz, critic.de, Tsp), Will Glucks RomCom "Wo die Lüge hinfällt" (Presse), und Bryce McGuires Horrorfilm "Night Swim" mit einem Swimming Pool als Killer (FD, SZ). Hier außerdem der Überblick mit allen Kritiken des Filmdiensts zur aktuellen Kinowoche, sowie hier die aktuellen Kritiken von Artechock.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2024 - Film

Hanns-Georg Rodek hat in der Welt kein Verständnis dafür, dass die Berlinale R.P. Kahls "Die Ermittlung" nicht zeigen will, eine vierstündige, offenbar sehr essayistische Annäherung an die Auschwitz-Prozesse. Der prominent besetzte Film basiert auf dem gleichnamigen Dokumentar-Theaterstück von Peter Weiss, der die Auschwitz-Prozesse beobachtet hatte. Dass Berlinale-Leiter Carlo Chatrian den Film künstlerisch nicht anerkennen will, hält Rodek (der offenlegt, selbst als Statist an den Dreharbeiten beteiligt gewesen zu sein) für wenig nachvollziehbar, auch die Begründung, es gebe bereits Filme zum Holocaust im Programm findet er morsch: Dies lässt sich "auf Basis der bisher bekannten Inhaltsangaben der akzeptierten Filme überprüfen. Da ist Andreas Dresens 'In Liebe, Eure Hilde' (über den deutschen Widerstand, nicht den Holocaust), da ist 'Tage in Terezin' (ein fast 30 Jahre alter Film über das Getto-Kabarett in Theresienstadt), und da ist 'Im Land meiner Eltern' (ein vierzig Jahre alter Film über die Kinder exilierter Juden in Berlin). Das hört sich nicht gerade nach einem Überschuss an Holocaust-Filmen an. Man könnte auf die Idee kommen, die Anzahl der Holocaust-Filme auf der Berlinale mit der Anzahl von Filmen zum Feminismus (nach vorsichtiger Zählung mindestens zehn), zur Selbstermächtigung von Frauen (mindestens zehn), zum Rassismus (mindestens fünf), zum Kolonialismus (mindestens vier) und zu Geflüchteten (mindestens vier) zu vergleichen."

Die Intimität im Pathos der Popkultur: "All of Us Strangers"

Mit seinem queeren Zeitreise-Liebesfilm "All of Us Strangers" ist dem Regisseur Andrew Haigh "vielleicht einer der bewegendsten Filme der jüngeren Zeit" gelungen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Haigh schafft eine innere Allgegenwart, die stark im Zeichen von Trauerarbeit steht - Trauer über eine Sozialisation, die frühzeitig zum Stillstand kam. ... Adam (großartig: Andrew Scott, bekannt aus 'Fleabag') war mit seinem Schicksal eines jungen Homosexuellen in einer feindlichen Umgebung, aber auch in einer explodierenden Popkultur lange Zeit allein. Diese Einsamkeit schöpft 'All of Us Strangers' bis in die tiefsten Dimensionen aus, während sich zugleich schon Auswege eröffnen. ... Die 'Power of Love' muss einiges aushalten. Aber das ändert nichts daran, dass Haigh das Pathos der Popkultur hier auf eine Intimität hin öffnet, wie man sie im Kino nur selten so erleben kann."

Außerdem: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard eine Reihe im Filmarchiv Austria zum populären mexikanischen Kino 1940-1970. Besprochen werden Blitz Basawules Neuverfilmung von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" als Musical (Tsp), Tina Satters Whistleblower-Drama "Reality" (Zeit Online) und Kida Khodr Ramadans neue ARD-Serie "Testo" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2024 - Film

Die Aufregung um die Berlinale, die mit ihren Einladungen an die Abgeordneten aus dem Kulturausschuss auch zwei AfD-Mitglieder auf ihre Gästeliste für die Eröffnungsgala gesetzt hat, ist groß. Von einem "großen Dilemma", spricht Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin des Festivals, im Tagesspiegel-Interview. "Wir setzen uns für demokratische Grundwerte und gegen Rechtsextremismus ein und unterstützen alle Demonstrationen und Initiativen gegen rechts. Aber wir respektieren es, wenn die Kulturstaatsministerin und der Berliner Senat ihre Kartenkontingente an demokratische Mandatsträger vergeben, auch wenn sie von der AfD sind. Dass wir damit nicht die AfD gutheißen, ist ja klar." Auch Dlf Kultur hat mit Rissenbeek gesprochen.

Bereits "früher erhielten AfD-Politiker auf gleiche Weise Einladungen; dass dagegen jetzt Proteste laut werden, eröffnet eine lange überfällige Diskussion", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Die Anwesenheit von Politikern vom rechten Rand müsse man "notfalls wohl aushalten, aber man darf sie nicht ignorieren", findet er: "Es gibt, das zeigen die vergangenen Wochen, Protestformen, um deutlich Position zu beziehen - und im Rahmen der Veranstaltung selbst auch die Anwesenheit von antiliberalen Kräften zu thematisieren. Man darf der AfD die Diskurshoheit nicht überlassen." Die Sache ist gewiss "kein Skandal" und die Aufregung darum "eine Farce", findet Peter Laudenbach in der SZ. "Die Filmbranche hat aus ganz anderen Gründen Anlass, nervös auf die Umfragewerte der AfD zu blicken. Die Partei versucht über ihre Vertreter in den Gremien der Filmförderung und in den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender Einfluss auf die Entscheider und die Finanzierung einzelner Filme zu nehmen. Und je stärker die Partei in den Parlamenten vertreten ist, desto größer könnte dieser Einfluss werden."

Die AfD ist längst im Mainstream angekommen, man kann sie nicht einfach mit Lippenbekenntnissen wegzaubern, kommentiert Julia Lorenz auf Zeit Online. Die Partei "vor den Gästen der Filmfestspiele zu verstecken, würde das Bild der gegenwärtigen deutschen Kulturpolitik schönen. Ein wenig verlogen wäre das schon. Hier allerdings offenbart sich das große Dilemma im Umgang mit den demokratisch legitimierten Demokratiefeinden von der AfD: Man möchte ihrer Erzählung, als politische Outlaws allerorts gegängelt zu werden, keine Munition durch tatsächliche Ausgrenzung liefern - was häufig dazu führt, das demokratische Protokoll zu ihren Gunsten auszulegen und sie selbst dann nicht auszuladen, wenn man nicht gegen geltendes Recht, sondern nur die Regeln des Anstands verstoßen würde."

Der "trefflich im Klima der politischen Konfliktphase" zirkulierende Skandal um eine "protokollarische Gepflogenheit" hat der demokratischen Brandmauer gegen rechts einen Bärendienst erwiesen und der AfD ein gemachtes Bett bereitet, findet Harry Nutt in der FR: "In vielen Kommunen, in denen rechte Parteien bereits jetzt über Macht und Einfluss verfügen, sehen sich Intendanten und Kultureinrichtungen seit geraumer Zeit mit Zersetzungsstrategien einer kulturellen Revolte von rechts konfrontiert, die darauf aus ist, ehrwürdige Institutionen zu diskreditieren. Es wäre an der Zeit, sich diesen Prozessen mit Argument und Standfestigkeit zu widersetzen. Die Dämonisierung Einzelner, die sich für eine Gala schick gemacht haben, gehört nicht zur klugen Abwehr der immer abstruser werdenden Auseinandersetzungen um Kunst- und Meinungsfreiheit."

Außerdem: Josef Nagl bietet im Filmdienst einen Überblick über kommende Filmausstellungen. Besprochen werden Andrew Haighs schwules Liebesdrama "All Of Us Strangers" (Tsp) und die auf Netflix gezeigte Splatter-Anime-Serie "Blue Eye Samurai" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2024 - Film

Rund 200 Leute aus dem Filmbetrieb protestieren dagegen, dass die Berlinale auch zwei Mitglieder der Berliner AfD-Fraktion auf ihre Gästeliste gesetzt hat - Deadline, Variety und Hollywood Reporter mit Einzelheiten, der Tagesspiegel bringt weitere Updates zur Causa. Für "mindestens naiv" und einen "Übergriff auf der politisch-symbolischen Ebene" hält Rüdiger Suchsland auf Artechock das Vorgehen der Berlinale, die sich damit rausredet, nunmal nach dem Gießkannenprinzip Einladungen in den politischen Betrieb zu verschicken: Wer gewählt ist, darf auch zum Festival. "Diese Behauptung ist de facto eine Kapitulationserklärung von Demokraten, die zwei Dinge beweist: Den fehlenden Instinkt der Berlinale und die Gefahr der Selbstlähmung von Demokratien, wenn demokratische Verfahren zum Fetisch und Selbstzweck werden. ... De facto muss die Berlinale nämlich gar nicht die Mitglieder des Parlaments einladen, genauso wenig wie die Mitglieder des Verfassungsgerichts. Sie hat es nur bisher getan. Einladen muss sie allenfalls die Mitglieder der jeweiligen Regierung, an der die AfD ja nicht beteiligt ist."

Für die NZZ spricht Andreas Scheiner mit Nicolas Cage über dessen Karriere zwischen großem Kino, C- und D-Movie-Schrott und Internet-Memes. Insbesondere Letzteres erfüllt ihn mit Sorgen: "Plötzlich ist man als ein Freak abgestempelt. Und niemand will sich mehr ein eigenes Bild machen. ... Ein Schauspieler wie ich muss besonders gut abwägen, wie er damit umgeht." Als "einer, der gerne die Grenzen dessen auslotet, was als gutes Schauspielen angesehen wird. Der auf der Suche nach einem anderen Sound ist, einem anderen Look oder einer anderen Bewegung. Der vielleicht nicht in die Kategorie dessen fällt, was gewöhnlich als gutes Schauspielen angesehen wird. Ich suche nach etwas anderem. Aber wenn das Internet das nicht versteht und daraus ein Meme, einen Witz macht, nimmt mir das die Kraft."

Außerdem: Die Zeit hat ihr Gespräch mit Agnieszka Holland (hier unser Resümee) online nachgereicht. Ihren Film "Green Border" besprechen Jungle World und Standard (und natürlich wir). Claire Beermann erzählt im Zeit Magazin von ihrem Besuch bei der Hollywood-Kostümbildnerin Ann Roth. Philippe Zweifel und Michèle Binswanger (TA) sowie Valérie Catil (taz) verneigen sich vor Larry David, dessen letzte Staffel "Curb your Enthusiam" dieser Tage startet. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Carl Weathers. Besprochen werden Kida Khodr Ramadans ARD-Serie "Testo" (Welt) und die Amazon-Serie "Mr and Mrs Smith" (Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2024 - Film

Katharina J. Cichosch resigniert in der taz: Würden Museen schließen, wäre der Aufschrei groß, doch wenn Kinos sterben, wird ringsum mit den Achseln gezuckt, gerade auch in der Kulturpolitik. Nur weil Kino automatisch als Kommerz und Konsum gilt? "Dabei entspricht ironischerweise ein durchschnittlicher Ausstellungsbesuch viel eher dem (gerade unter Kunstmenschen) vielgeschassten 'neo-liberalen' Kulturkonsum als der Besuch einer Filmvorstellung im auch sozial durchmischten Treffpunkt Kino. ... Bevor nun weiterhin Kinohäuser für immer geschlossen werden, könnten neue Allianzen aus den heute separierten Ökonomien Kunst und Kino geschmiedet werden: Warum nicht Videokunst im Filmsaal zeigen? Kulturpolitisch geförderte Kooperationen mit Museen und Kunstakademien eingehen? Allein werden sie die Lichtspielhäuser nicht retten. Dafür bräuchte es ein radikales Überdenken der Geringschätzung für den Kulturort Kino."

Weiteres: Elena Oberholzer porträtiert für die NZZ die Schauspielerin Ayo Edebiri, die gerade von einer Auszeichnung zur nächsten geht. Werbeeinblendungen und höhere Preise, dafür aber auch weniger Neuproduktionen: Die goldenen Zeiten des Streamings scheinen vorbei, kommentiert Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Für die Presse gleicht Heide Rampetzreiter die Netflix-Serie "Griselda" mit dem wahren Leben der für ihre Skrupellosigkeit berüchtigten Drogenbaronin Griselda Blanco ab. Und die Agenturen melden, dass der aus den "Rocky"-Filmen bekannte Schauspieler Carl Weathers gestorben ist.

Besprochen werden Blitz Bazawules Neuverfilmung von "Die Farbe Lila" als Musical (taz), Kida Khodr Ramadans ARD-Serie "Testo" (FAZ, Tsp), die Netflix-Serie "The Brothers Sun" mit Michelle Yeoh (Presse), Christopher Dolls "Eine Million Minuten" mit Karoline Herfurth und Tom Schilling (Freitag, FD, unsere Kritik), Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (FAZ, Welt) und die Amazon-Serie "Mr. und Mrs. Smith" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2024 - Film

Iran hat den beiden Filmemachern Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha verboten, das Land zu verlassen und im Februar die Berlinale zu besuchen, wo ihr Film "My Favourite Cake" im Wettbewerb läuft. Laut Pressemitteilung des Festivals droht den beiden zudem "in Bezug auf ihre Arbeit ... ein Gerichtsverfahren". Die beiden Filmschaffenden "hatten bereits 2021 auf dem Festival ihr Drama 'Ballad of the White Cow' gezeigt, das vom Justizsystem im Iran und von der Todesstrafe handelt", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "'My Favourite Cake' ist ein leichterer Film, mit komödiantischen Elementen, wie Chatrian bei der Vorstellung des Programms sagte. Die Gegenwart in Teheran ist gleichwohl präsent: Im Zentrum des Films steht eine Frau, die ihren Wünschen nicht ganz regelkonform nachgehen möchte."

Strauchelnder Verweigerer: Voodoo Jürgens in "Rickerl"

Adrian Goigingers in Wien spielende Austropop-Komödie "Rickerl - Musik is höchstens a Hobby" mit Voodoo Jürgens ist "eine der lustigsten deutschsprachigen Komödien der letzten Jahre", verspricht Kamil Moll auf Filmstarts. "In entspanntem Erzähltempo erzählt Adrian Goiginger Rickerls Geschichte mit viel Gespür und sichtbarer Liebe für Kneipenpalaver und vermeidet es dabei gekonnt, in sozialmelodramatische Klischees zu verfallen. Der herumstrauchelnde Verweigerer wird nicht als tragischer Fall gezeichnet, sondern als ein moderner Antiheld, der sich mit Schnauze und Schmelz dem Kampf gegen die Zumutungen des Alltags und Arbeitslebens, einem falschen Leben, stellt. 'Wann wirst du endlich in der Gegenwart ankommen?', fragt ihn mal jemand. Seine Antwort darauf: 'Auf die Gegenwart ist g'schissen.'" Auch Artechock-Kritker Axel Timo Purr schließt den Film in sein Herz, der der "herrschenden Moral ein Schnippchen" schlägt. "Dazu gehört dann auch, dass die Menschen hier unverantwortlich handeln, alle rauchen und saufen, auf alles folkloristisch Aufgesetzte scheißen" und "sich dennoch irgendwie alle lieben. Das ist schrecklich, aber auch schön. Das ist grausam, aber auch herzzerreißend."

Außerdem: Florian Weigl resümiert für critic.de die "White Nights"-Ausgabe des Fantasy Filmfests. Leonie C. Wagner porträtiert für die NZZ die Schweizer Schauspielerin Dominique Devenport. Chris Schinke schreibt für den Filmdienst einen Nachruf auf den Regisseur Norman Jewison.

Besprochen werden Agnieszka Hollands "Green Border" (Perlentaucher, Artechock, mehr dazu bereits hier), "Eine Million Minuten" mit Tom Schilling und Karoline Herfurth (Welt), Leiv Igor Devolds "Norwegian Dream" (Artechock), die von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierte Serie "Masters of the Air" (NZZ) und Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (taz, FD).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.02.2024 - Film

Kalibriert den Blick auf die Politik neu: "Green Border" von Agnieszka Holland

Für die Zeit spricht Matthias Krupa mit der Regisseurin Agnieszka Holland über ihr in den vergangenen Monaten im damals noch nationalkonservativ regierten Polen kontrovers diskutiertes Flüchtlingsdrama "Green Border". Der Film erzählt von illegalen Pushbacks polnischer Grenzbeamte von syrischen Flüchtlingen, die von Lukaschenko nach Belarus geflogen und dann gezielt an der EU-Außengrenze abgesetzt werden. Gedreht hat die polnische Autorenfilmerin bewusst ohne Filmförderung und Anträge, um den Film unbemerkt im Schatten produzieren zu können, auch wenn die Dreharbeiten vom Kriegsbeginn in der Ukraine überschattet waren: "Der Krieg war so groß, er kam für viele so überraschend, obwohl er nicht wirklich überraschend war - warum sollte man sich noch für die Geschichte von einigen Geflüchteten in einer obskuren Ecke Europas interessieren? Aber dann habe ich verstanden, dass es sich im Grunde genommen um dieselbe Geschichte handelt. An der Grenze zu Belarus und beim Angriff auf die Ukraine, in beiden Fällen geht es um die Zerbrechlichkeit Europas. Putins Plan, der große geopolitische Hintergrund, ist die Frage: Wie kann man Europa destabilisieren und spalten? Für einen Diktator sind Flüchtlinge billige Waffen, ein Krieg ist viel teurer."

FAZ-Kritiker Bert Rebhandl ist nach diesem Film fix und fertig: "Es ist kaum vorstellbar, dass Menschen diesen Film ruhigen Bluts verlassen. Man kann nicht anders als mitleiden mit den Protagonisten. Was aber vor allem aus 'Green Border' zu lernen wäre: Engagement beginnt nicht auf einem Rettungsschiff im Mittelmeer oder bei Hilfsaktionen in polnischen Wäldern, sondern bei jedem Behördengang, mit jedem Facebook-Post, in jedem Moment von Gesellschaft. Würden Sie jemandem Ihr Auto leihen, wenn diese Person damit der Grenzpolizei ein Schnippchen schlagen wollte? Agnieszka Holland kalibriert unseren Blick auf die Politik neu." Für die FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film.

Außerdem: Ueli Bernays sieht für die NZZ die in Russland und in der Ukraine gleichermaßen erfolgreiche Serie "Slovo Patzana" über Straßengewalt in der Sowjetunion. Kracauer-Stipendiat Leo Geisler gibt im Filmdienst einen Ausblick auf seine Artikelserie, in der er sich im kommenden Jahr mit Heist-Filmen auseinandersetzen will: Ihm geht es dabei um den "Übergang von Disziplin zur Kontrolle". Fabian Tietke empfiehlt im Tagesspiegel die Reihe "Jeonju Digital Project" im Berliner Kino Arsenal. Philipp Bovermann erzählt in der SZ von seinem Treffen mit Austropop-Bohemian Voodoo Jürgens, der aktuell in der (in FR und taz besprochenen) Komödie "Rickerl" im Kino zu sehen ist. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Christine Schorn zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Christopher Dolls Aussteigerfilm "Eine Million Minuten" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von Radu Ciorniciucs Dokumentarfilm "Acasa" über eine Roma-Familie (taz), Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (Tsp), Marc Turtletaubs Tragikomödie "A Great Place to Call Home" (Standard), Ulrike Wiebrechts Buch "Marlene Dietrich in Berlin" (Tsp), die von Steven Spielberg produzierte Serie "Masters of the Air" (für die SZ online nachgereicht vom TA), die Netflix-Serie "Griselda" (Welt, mehr dazu bereits hier), der auf Arte gezeigte französische Sechsteiler "Hafen ohne Gnade" (FAZ), die Amazon-Serie "Mr. & Mrs. Smith" (Presse), die auf Youtube bereits sehr erfolgreiche, nun noch einmal im TV ausgestrahlte SR-Doku "NS-Ärzte: Ihre Verbrechen, ihre Karrieren" (taz) und Timm Krögers "Die Theorie von allem", der nun auch in der Schweiz startet (NZZ). Außerdem informiert das SZ-Filmteam, welche FIlme sich diese Woche lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick mit allen Filmdienst-Kritiken in dieser Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2024 - Film

Im Standard empfiehlt Bert Rebhandl dem Wiener Publikum die Retrospektive Barbara Albert im Filmarchiv Austria. Besprochen werden Agnieszka Hollands polnisches, seit seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig kontrovers diskutiertes Flüchtlingsdrama "Green Border" (taz, Tsp), Lisa Gerigs Doku "Die Anhörung", für die Geflüchtete ihre Anhörungen nachspielen (NZZ), die BluRay-Ausgabe der dritten Staffel von Lars von Triers Serie "Geister - Exodus" (FD), Adrian Goigingers Austropopkomödie "Rickerl" mit Voodoo Jürgens (Tsp) und Marc Turtletaubs Komödie "A Great Place to Call Home" mit Ben Kingsley, Jane Curtin und Harriet Harris (FD, FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2024 - Film

Experimentierfreudig: "Electric Fields" von Lisa Gertsch

Das 45. Filmfestival Max Ophüls Preis ist zu Ende. Lisa Gertschs Langfilmdebüt "Electric Fields" wurde gleich in drei wichtigen Kategorien (Bester Spielfilm, Bestes Drehbuch und Preis der Filmkritik) ausgezeichnet. "Die Schweizer Regisseurin übersetzt für ihren schwarz-weißen Episodenfilm Träume in reale Umgebungen", schreibt dazu Jenni Zylka in der taz und beobachtet: "Das Surreale in Gertschs Film, das sich in ruhigen, an den schwedischen Regisseur Roy Andersson gemahnenden Sequenzen durch das Reale frisst, steht symptomatisch für die aktuelle, fingerfertige Lust am Absurden, die momentan viele deutschsprachige Produktionen umarmen." So zeigte sich beim Festival "ein größeres Genrevertrauen und eine gestiegene Experimentierfreudigkeit der Nachwuchstalente." Hier alle ausgezeichneten Filme mit den Jurybegründungen.

Gut dokumentierte Kaltblütigkeit: "Griselfa" (Netflix)

Für Aufsehen sorgt gerade die Netflix-Miniserie "Griselda" über die Drogenbaronin Griselda Blanco, von der kolportiert wird, dass selbst Escobar vor ihr erzitterte. Noemi Ehrat hat auf Zeit Online allerdings Vorbehalte, denn mit dieser Figur soll man durchaus mitfiebern: Die "gut dokumentierte Kaltblütigkeit Blancos" wird dabei gerne mal unter den Tisch gekehrt, "meistens schreckt die Serienversion der Figur sogar vor Gewalt zurück, setzt sie nur als scheinbar notwendiges Übel ein. ... Gerade weil 'Griselda' die Drogenhändlerin zum feministischen Underdog verklärt, drängt sich die Frage auf, woher das Bedürfnis kommt, ausgerechnet eine Mörderin als mitfühlend und reumütig darzustellen. War es für die Serienschöpfer unvorstellbar, dass auch Frauen gewissenlos und brutal sein und sogar psychopathische Züge tragen können?"

Außerdem: Jean-Martin Büttner verneigt sich in der NZZ vor Larry David, dessen Comedyserie "Curb Your Enthusiasm" Anfang Februar mit ihrer zwölften und letzten Staffel beginnt. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Sandra Milo. Besprochen werden Adrian Goigingers "Rickerl - Musik is höchstens a Hobby" mit Voodoo Jürgens (FD), Dennis Albrechts Dokumentarfilm "KinoKinoKino" über das Kinosterben (taz), die Disney-Serie "Das große Krabbeln" (FAZ) und die Arte-Doku "USA gegen Hitler" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2024 - Film

In "Die Ausstattung der Welt" stehen ausnahmsweise mal die Dinge im Vordergrund

Susanne Weirichs und Robert Bramkamps Dokumentarfilm "Die Ausstattung der Welt" versenkt sich in drei Archiven in die Geschichte der Filmrequisiten und des Filmfundus. Sie alle "befinden sich in einem ständigen Prozess des Archivierens, Auszeichnens, Dokumentierens, und diese Prozesse haben ihre Geschichten", schreibt Georg Seeßlen in der Jungle World. "In rhythmischer Wiederkehr zeigen Filmausschnitte, was aus den Sachen werden kann, wenn sie aus ihrem Schlaf im Fundus erwachen. Die Geschichten der Sachen werden in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in ihre einzige Zukunft, nämlich im Film, hineinerzählt. ... Es ist eine cineastische Kunst, mit wenigen, aber genau gewählten Dingen eine Geschichte zu erzählen. Insofern kann man 'Die Ausstattung der Welt' auch als Forderung verstehen, achtsamer, bewusster mit den Dingen im Film umzugehen. Die Vergrößerung des Sichtraumes durch neue Techniken zwingt dazu, ihn mit lauter Sachen zu füllen. Wie gut ein Film ist, kann man auch daran sehen, wie viel Respekt und Interesse alle Beteiligten (einschließlich der Schauspieler) den Sachen entgegenbringen." Der "Hintergrund wird Vordergrund", ruft Kerstin Decker im Tagesspiegel über diesen "schönen, aufmerksamen Film", der die unauffälligsten Elemente eines Kinofilms in den Rang von Stars erhebt: "Die Dinge treten immer wieder unvermittelt in Aktion, in kurzen, gut montierten Filmsequenzen - von 'Kolberg' bis 'Gundermann' - und wir haben nun gar kein Auge mehr für die Schauspieler, sondern nur mehr für eine kleine Fahne, ein Telefon, eine Karaffe oder was wir sonst gewöhnlich übersehen."

Witzig und verpeilt: "The Woddafucka Thing"

Tim Caspar Boehme freut sich in der taz über Gianluca Valleros Kreuzberger Indie-Ganovenfilm "The Woddafucka Thing": Der Film "ist eine schnörkellose Komödie, in gestochenem Schwarzweiß gefilmt und ohne Förderung über sechs Jahre hinweg entstanden. Der Film leistet vieles von dem, was üppig geförderte Filme in Deutschland oft vermissen lassen. Er hat, das ist schon ein großes Verdienst für sich, einen spontanen Witz, der weder bemüht-verkrampft noch dämlich-steril daherkommt. ... Übermäßig streng erzählt ist das alles nicht unbedingt, Vallero mag es lieber angenehm verpeilt. Was eine ungezwungene Form ergibt für ernsthafte Fragen, die er auf diese Weise angeht. Begonnen mit Dingen wie Gentrifizierung, die sich in Gestalt von Mietwucherern manifestiert, bis hin zu alltäglichem Rassismus."

Weitere Artikel: Jörg Taszman fasst für den Filmdienst die heftige Diskussion in Polen um Agnieszka Hollands Flüchtlingsdrama "Green Border" zusammen, das jetzt auch bei uns anläuft. Besprochen werden Alexander Paynes "The Holdovers" (Jungle World, Standard, unsere Kritik), das ARD-Porträt "Ich habe Auschwitz überlebt - Die Zeitzeugin Eva Umlauf" (FAZ), Thomas Siebens Horrorfilm "Home Sweet Home" (FAZ) sowie Samantha Jaynes und Arturo Perez Jrs Musicalneuverfilmung von "Mean Girls" (NZZ).