Hanns-Georg Rodek wiederum weist in der Welt auf die viel zu selten gewürdigten Verdienste hin, die sich Scorsese auch abseits seiner eigenen Filme um Filmkultur und -Geschichte erworben hat: "Seine 'Film Foundation' hat mehr als 850 Filme restauriert und bei weitem nicht nur amerikanische. Sein 'World Cinema Project' hilft Ländern, die nicht die Mittel besitzen, ihr eigenes Filmerbe zu erhalten. Scorsese ist unglaublich großzügig gegenüber anderen Filmemachern und leiht häufig seinen Namen als Mitproduzent von deren Filmen. Einen Scorsese bei einem Projekt mit an Bord zu haben, kann darüber entscheiden, dass ein schwieriges Projekt doch finanziert wird."
Architecton Natürlich werden auf der Berlinale auch weiter fleißig neue Filme geschaut, zum Beispiel der essayistische Dokumentarfilm "Architecton", der im Wettbewerb läuft, und in dem Regisseur Victor Kossakovsky vorführen will, wie viel Schaden Beton über die Menschheit gebracht hat. Claudius Seidl ist in der FAZ alles andere als begeistert, insbesondere von einer Szene, die vom Krieg beschädigte Gebäude, vermutlich in der Ukraine, zeigen: "Man denkt, man sehe hier Mahnmale, doch im Lauf des Films wird klar, dass Kossakovsky es anders meint: Nicht der Krieg ist der Skandal für ihn. Sondern der Umstand, dass aus modernen Häusern keine würdevollen, vornehmen Ruinen mehr werden. Dann Sprengungen, das Gestein, das Geröll, aus dem der Zement gemacht wird. Dagegen montiert: Mauern, die seit tausend Jahren stehen. Dazu eine Musik, die diese Zivilisationskritik mit tieferer Bedeutung aufladen soll und vor allem laut und penetrant ist. Der Betonkopf ist der Regisseur." Für Filmstartsbespricht Jannick Nolting den Film.
Der unsichtbare Zoo Einen Dokumentarfilm ganz anderer Art hat Romuald Karmakar gedreht: "Der unsichtbare Zoo" bewegt sich drei Stunden lang im Zoo Zürich zwischen Tieren und Besuchern, Pflegern und Zooverwaltung. Jochen Werner ist auf Filmstartsschwer begeistert: "Aus all diesen Einzelaufgaben setzt sich nach und nach ein Mosaik zusammen, das unser Verständnis der Funktionsweise, der Aufgabe und des Selbstbilds der Institution Zoo vertieft. Denn im Grunde ist 'Der unsichtbare Zoo' gleich mehrere Filme in einem. Zunächst mal ist es ein Film über Arbeitsprozesse: Gebannt sehen wir den menschlichen Protagonisten dabei zu, wie sie ihre jeweiligen Aufgaben im großen Ganzen des Tiergartens erledigen, ob im Konferenzraum oder im Tiergehege. Und dann, natürlich, ist das nicht zuletzt auch ein Tierfilm, in dem Regisseur Karmakar jede Spezies mit großer Würde und Neugier ins Bild setzt. Deshalb erscheint es dann am Ende auch nur ganz selbstverständlich und schlüssig, dass die nichtmenschlichen Protagonisten an prominenter Stelle im Abspann gelistet werden." Im Tagesspiegelschreibt Christiane Peitz über den Film.
Andreas Schreiner besucht für die NZZ eine Vorstellung des von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv gedrehten aktivistischen Dokumentarfilm "No Other Land", der zeigt, wie sich Palästinenser gegen die israelische Armee, die an ihrem Wohnort einen Truppenübungsplatz errichten will, zur Wehr setzen. Dass der Film einseitig für die Palästinenser Partei nimmt, kann Schreiner aus der Situation heraus verstehen. Aber: "Abgedreht wurde 'No Other Land' im Oktober 2023, kurz nach dem Massaker der Hamas. Die Attacke wird bloß in einem Satz notdürftig erwähnt, dann zeigt der Film, wie jüdische Siedler sich rächen und ein Dorf in Masafer Yatta überfallen. So nachvollziehbar der Fokus auf das eigene Leid ist: Wenn die Macher es nicht einmal über sich bringen, das Pogrom vom 7. Oktober und die Entführungen anzuklagen, wie will man dann mit ihnen ins Gespräch kommen?" Außerdem vermisst Schreiner weitere Berlinale-Veranstaltungen zum Konflikt. Die "Berlinale-Leitung duckt sich weg".
Außerdem: Susan Vahabzadeh in der SZ und Christiane Peitz im Tagesspiegelresümieren das bisher Gesehene - beide mit eher verhaltenem Fazit. Florian Weigl flaniert für critic.de durchs Forumsprogramm. Claudia Reinhard porträtiert im Tagesspiegel die Schauspielerin Renate Reinsve, die in gleich zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen ist. Valerie Dirk schreibt im Standard über die drei österreichischen Festivalbeiträge. Gunda Bartels stellt im Tagesspiegel den Undergroundfilmer Lothar Lambert vor, der den Special Teddy erhält. In der tazinterviewt Julia Hubernagel den griechischen Regisseur Yorgos Zois, dessen "Arcadia" in Encounters zu sehen ist. Tagesspiegel-Kolumnist Robert Ide hat "noch in gar keinem Film geheult". Besprochen werden der Wettbewerbsfilm "L'Empire" (critic.de, Filmstarts, Moviepilot), "Ellbogen" aus der Sektion Generation(taz), der Wettbewerbsfilm "A Traveler's Needs" (critic.de, Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (taz), der Forumsfilm "Henry Fonda for President" (taz), der Forumsfilm "Was hast du gestern geträumt, Parajanov?" (taz), der Panoramafilm "Andrea lässt sich scheiden" (Presse), der Encountersfilm "Ivo" (Tagesspiegel), der Wettbewerbsfilm "Langue Étrangère" (Tagesspiegel, Filmstarts), der Forumsfilm "Reproduktion" (Tagesspiegel), der Panoramafilm "My New Friends" (Filmstarts), der Berlinale-Special-Film "Sasquatch Sunset" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (Moviepilot), der Forumsfilm "Cats of Gokogu Shrine" (critic.de) und "Dicks: Das Musical", der auf der Woche der Kritik zu sehen ist (Filmstarts).
Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" Zwei deutsche Wettbewerbsfilme waren am Wochende auf der Berlinale zu sehen. Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" hätte eine brav belehrendes Moralstück werden können, das seinem Publikum den antifaschistischen Kompass vorreicht, so Elmar Krekeler in der Welt. Dresen hätte "erzählen können, wo die Haltung, der Kompass der Widerständlerin Hilde Coppi herkam, deren Weg zum Schafott in Plötzensee im August 1943 sein Wettbewerbsbeitrag 'In Liebe, Eure Hilde' abschreitet. Tut er aber nicht. Er verweigert sich jeglicher platten Form späterer medialer Nutzbarmachung im Fach Ethik." Stattdessen erzählt der Film eine Liebesgeschichte. Und "sucht", so Susan Vahabzadeh in der SZ, "die Menschlichkeit in jeder seiner Figuren - in der Hebamme, die Hilde hilft, das Kind bei sich behalten zu dürfen, das sie in Haft bekommt, der Wärterin, die hartherzig sein will und es dann doch nicht schafft. Diese Frauen stehen nicht auf der richtigen Seite der Geschichte, aber Monster sind sie nicht." Weitere Besprechungen: Filmstarts, taz. Im Filmdienstspricht Wolfgang Hamdorf mit dem Regisseur, in der Berliner Zeitungführt das Dresen-Interview Cornelia Geißler. Ebenfalls in der Berliner Zeitungporträtiert Michael Brettin Hilde Coppi, das historische Vorbild der Hauptfigur.
Matthias Glasners "Sterben" Matthias Glasners "Sterben" wiederum erinnertFR-Autor Daniel Kothenschulte "in seiner Form an jene Welle das Leben umarmender Ensemblefilme, wie sie in der Nachfolge von Paul Thomas Andersons 'Magnolia' in Mode kamen. Viele Szenen halten den hohen Anspruch einer ebenso effektsicheren wie durchaus spektakulären Gefühls-Tour de Force, allerdings gelingt es Glasner nicht, einen tragenden emotionalen Bogen aufrecht zu halten." Andreas Kilb ist in der FAZ jedoch angetan: "Dass dieses Puzzle aus scharfkantigen und manchmal auch stumpfen Erzählsplittern ein Gesamtbild ergibt, statt in Episoden zu zerfallen, verdankt 'Sterben' vor allem seinen Schauspielern: Corinna Harfouch, Lars Eidinger, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld, Robert Gwisdek, Anna Bederke und Saskia Rosendahl ergänzen sich zu einem Ensemble, wie man es im deutschen Kino lange nicht mehr gesehen hat. Aber es gibt auch ein Formgefühl, einen Rhythmus in 'Sterben', der die Geschichte mühelos über drei Stunden Länge trägt." Weitere Besprechungen: Berliner Zeitung, Filmstarts, Tagesspiegel.
Insgesamt werden beide Filme zwar nicht enthusiastisch, aber wohlwollend besprochen. Was man von zwei französischen Wettbewerbsbeiträgen nicht behaupten kann. Bruno Dumonts Science-Fiction-Komödie "L'Empire" endet laut FAZler Claudius Seidl mit einem schwarzen Loch, von dem "der ganze Plot und jeder tiefere Sinn verschluckt wird. Was man nur mit viel Sympathie für den Regisseur als finalen surrealistischen Gag deuten mag." Olivier Assayas' heitere Corona-Reflexion "Suspended Time" hingegen ist für critic.de-Kritiker Frédéric Jaeger eine "Petitesse" von einem Film, geprägt von einer Leichtigkeit, die keine ist, "die das bürgerliche Leben als schrullige Eigenheit zu rechtfertigen sucht." Zu "L'Empire" siehe auch Tagesspiegel, zu "Suspended Time" Filmstarts, taz.
Außerdem: Katrin Doerksen und Thomas Grohresümieren auf culturmag die ersten Berlinaletage, Felicitas Kleiner im Filmdienst. Gunda Bartels porträtiert im TagesspiegelBirgit Minichmayr, die auf der Berlinale gleich in zwei Filmen zu sehen ist. Katrin Nussmayr interviewt in der PresseJosef Hader, dessen Film "Andrea lässt sich scheiden" im Panorama zu sehen ist. Esther Buss porträtiert im Filmdienst die Künstlerin Maria Lassnig, der das Festival ein Kurzfilmprogramm widmet. Eva-Chritina Meier unterhält sich in der taz mit Lola Arias, deren Film "Reas" im Forum präsentiert wird. Marie-Luise Goldmann fragt sich in der Welt, or Berlinalefilme wirklich 14 Stunden lang sein müssen.
Besprochen werden der Forumsfilm "The Wrong Movie" (critic.de), der Forumfilm "Favoriten" (critic.de, taz), der Forumfilm "The Editorial Office (critic.de), der Wettbewerbsfilm "My Favorite Cake" (critic.de), der Panoramafilm "Meanwhile on Earth" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "La Cocina" (critic.de, Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (Critic.de, Filmstarts), "Shikun" aus der Sektion Berlinale Special(Tagesspiegel, Filmstarts), "Love Lies Bleeding" aus der Sektion Berlinale Special (Filmstarts), "Treasure" ebenfalls aus Berlinale Special (Tagesspiegel, Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Another End" (Filmstarts), der Panoramafilm "Faruk" (Filmstarts) und der Forumsfilm "Mit einem Tiger schlafen" (Filmstarts).
Mit einiger Verzögerung ist MeToo, so scheint es, in der französischen Filmszene voll angekommen. Neben Gérard Depardieu, gegen den jüngst neue Vorwürfe erhoben wurden, stehen die Regisseure Jacques Doillon und Benoît Jacquot im Zentrum der Kritik. Johanna Adorján unterhält sich in der SZ mit der Schauspielerin Judith Godrèche, die die Diskussion ins Rollen brachte. Godrèche: "Ich hoffe, es tut sich etwas. Ich hoffe es. Die französische Kultur hat viel zu lange weggesehen. Hat Entschuldigungen gefunden für männliche Künstler, die ihren Status, ihre Macht ausnutzen, um sehr junge Frauen ins Bett zu kriegen. Und dies eben, genau wie Benoît Jacquot es ja selbst sagt, unter dem Deckmantel der Kunst." In der FAZberichtet Marc Zitzmann über die Entwicklungen.
Utopia, Regie: Sohrab Shahid Saless, 1983 In der NZZwidmet sich Patrick Holzapfel anlässlich einer Buchveröffentlichung dem Regisseur Sohrab Shahid Saless, der sowohl im vorrevolutionären Iran als auch in Deutschland gearbeitet hat und bis heute ein Außenseiter der Filmgeschichte geblieben ist: "Er wurde als Weltbürger des Kinos beschrieben, aber dem Verdacht der Bürgerlichkeit entzieht sich Saless vollends. Stattdessen kann man in ihm einen kompromisslosen Künstler entdecken, der frei nach seinem Vorbild Anton Tschechow, dessen Erzählung 'Der Weidenbaum' er verfilmte und über den er auch einen Porträtfilm drehte, mit dem Seziermesser an seine Stoffe und Protagonisten heranging. Dazu zählt bei allem Malaise auch Humor. Seine Filme gehören zu jenen, die den eigenen Blick auch außerhalb des Kinos nachhaltig verändern. Plötzlich spürt man die soziale Kälte in den Blicken der Menschen, deren Ängste von der Kamera freigelegt werden."
Weiteres: Im Standardunterhält sich Valerie Dirk mit Paula Beer, deren Film "Stella. Ein Leben" in Österreich anläuft. In der NZZgratuliert Andreas Scheiner John Travolta zum 70. Claudia Reinhard schreibt im Tagesspiegel über den nach wie vor harten Kampf, den Pro Quote Regie für mehr Chancen für Regisseurinnen führen muss. Besprochen wird Frederic Wisemans Edelrestaurantfilm "Menus Plaisirs - Les Troisgros" (NZZ).
Auch Daniel Kothenschulte ist in der FRvoll des Lobes und sieht den "besten Liebesfilm in einem Berlinale-Wettbewerb, seit Richard Linklaters 'Before Sunrise'" Freilich gibt es auch Gegenstimmen. Für FAZler Claudius Seidl ist "My Favorite Cake" nicht mehr als "ein langsamer und äußerst betulicher Fernsehfilm". Auch Christiane Peitz glaubt im Tagesspiegel nicht, dass der Film der Herausforderung, Glück zu filmen, gewachsen ist. Weitere Besprechungen: taz, Filmstarts. Nichts Neues ist, nebenbei bemerkt, vom iranischen Regime zu vermelden: Wie schon vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen wurde Moghaddam und Sanaeeha die Ausreise verweigert. Die Premiere fand in Abwesenheit des Regieteams statt.
Wie reagiert man auf ein Festival, das Kino vor allem als verlängerten Arm der Politik versteht? Vielleicht, so Claudius Seidl in der FAZ, indem man sich in der Sektion Berlinale Special einen Film anschaut, der ganz anders funktioniert: "Und so konnte man Abel Ferraras 'Turn in the Wound' als entschiedenen Einspruch gegen den Geist dieser Gala verstehen, als einen Film, der von dem Bewusstsein angetrieben wird, dass er die Welt ganz sicher nicht zu einem besseren Ort machen wird. (...) Ferrara, der einst berühmt war für seine bösen, grausamen und sehr katholischen Filme, in denen der Weg zur Erlösung durch die Fegefeuer seiner Inszenierungen führt, Ferrara ist in die Ukraine gereist, wo er offenbar erkannt hat, dass er seinen Kunstanspruch gleich vergessen kann. Der Horror dort artikuliert sich, indem die Leute, Zivilisten wie Veteranen des Krieges, einfach sprechen, von den vergangenen zwei Jahren. Und immer wieder unterbrochen werden von dem hässlichen Gefühl, dass sie den Krieg und die Grausamkeit der Russen noch immer nicht fassen können." Mehr zum Film im Tagesspiegel.
In der Berliner Zeitungschließt sich derweil Claus Löser der Kritik an der diesjährigen Retrospektive an (siehe auch unseren Text). Die Auswahl der Filme bildet durchaus eine gewisse Bandbreite des deutschen Filmschaffens jenseits der Konvention ab. Aber: "Auf den zweiten Blick kommen Fragen auf. So stellt sich das Missverhältnis zwischen west- und ostdeutschen Beiträgen als eklatant heraus. Fast zwanzig bundesdeutsche Langfilme stehen gegen eine einzige (!) abendfüllende Defa-Produktion. (...) Schade auch, dass keines der Werke im analogen Format gezeigt wird, obwohl teilweise hochwertige 35mm-Kopien verfügbar gewesen wären. Renommierte internationale Festivals gehen mit dem physischen Filmgedächtnis anders um, quittieren nicht vorschnell die Möglichkeiten einer historisch-adäquaten Präsentation. Zugespitzt ließe sich sagen, dass die Retrospektive dem Festival und damit der hiesigen Kulturpolitik buchstäblich ein Armutszeugnis ausstellt." Im Tagesspiegelstellt Kerstin Decker das Programm vor.
Außerdem: Christiane Peitz unterhält sich im Tagesspiegel mit Andreas Dresen und Liv Lisa Fries, deren gemeinsamer Film "In Liebe, Eure Hilde" im Wettbewerb läuft. In der FAS beantwortet Matthias Glasner, ein weiterer Wettbewerbsregisseur, vier Fragen. Besprochen werden der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (Filmstarts, critic.de, Tagesspiegel), der Eröffnungsfilm "Small Things Like These" (taz, Moviepilot, Filmdienst), der Panoramafilm "Crossing" (taz), der Panoramafilm "The Outrun" (Tagesspiegel), der Forumsfilm "Ihre ergebenste Fräulein" (critic.de), dessen Regisseurin Eva C. Heldmann außerdem in der tazinterviewt wird, der Forumsfilm "The Editorial Office" (Tagesspiegel), der Forumsfilm "Favoriten" (Tagesspiegel, Filmstarts), der Generationfilm "Sieger sein" (Filmstarts), hierzu auch ein Interview mit der Regisseurin Soleen Yusef im Tagesspiegel, "Cuckoo" aus der Sektion Berlinale Special (Filmstarts, Tagesspiegel), der Panoramafilm "Alle, die du bist" (Filmstarts), das Programm des Forum Expanded (Tagesspiegel), der Woche-der-Kritik-Film "Dicks - Das Musical" (Tagesspiegel) und der Berlinale-Classics-Film "Reifezeit" (Tagesspiegel).
John Travolta ist nicht auf der Berlinale, feiert aber dafür seinen 70. Geburtstag. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath einem der großen Tänzer des Kinos: "[E]s ist wirklich fast egal, ob gerade die Bee Gees jaulen oder Olivia Newton-John fiepst, Travolta könnte auch in völliger Stille graziöse und kraftvolle Mitteilungen an die seelischen Bewegungsmelder und Storyprotokollspeicher im Publikum aussenden. Mehr noch: eine tief tanzaffine Funktionslust an dynamischen Beziehungen zum restlichen Personal vor der Kamera prägt bei ihm selbst die Wortwechsel..." Für die SZ übernimmt Harald Hordych die Honoration. Claudius Seidl wiederum würdigt in der FAZRene Russo, die ebenfalls 70 wird.
Außerdem: Jean-Martin Büttner porträtiert in der NZZ Stanley Kubrick: Ein "Chirurg der Macht" war der Regisseur. Christian Meier setzt sich in der Welt noch einmal mit Claudia Roths jüngsten filmpolitischen Vorstößen auseinander. Der Standardberichtet über eine weitere Anzeige wegen sexuellen Übergriffs gegen Gérard Depardieu. Besprochen wird Luc Jacquets "Voyage au pôle sud" (SZ)
Die Berlinale ist eröffnet - und wird, beobachtet Andreas Kilb in der FAZ, von allen Seiten politisch bedrängt. Das Programm hingegen hält sich sonderbarerweise weitgehend fern von den realen und diskursiven Schlachtfeldern der Gegenwart: "Aus Russland, das in Berlin früher reichlich vertreten war, ist aus naheliegenden Gründen kein einziger Film zu sehen, aber auch aus der Ukraine läuft nur je ein Beitrag im Forum und im Panorama. Als 'Berlinale Special' wird immerhin - um auf den zweiten Kriegs- und Krisenherd zu sprechen zu kommen - das neue Werk des israelischen Regisseurs Amos Gitai gezeigt, eine Verfilmung von Ionescos 'Nashörnern', die vom zunehmenden Wahnsinn unter den Bewohnern eines Wohnblocks in Tel Aviv handelt. Einen palästinensischen Film durfte man nach Lage der Dinge nicht erwarten, und es gibt ihn in Berlin auch nicht."
Auch die Ein/Ausladung von AfD-Politikern (siehe auch hier und hier) wird weiterhin diskutiert. Der Regisseur Christian Petzold, dieses Jahr Mitglied der Wettbewerbsjury, positioniert sich auf der Eröffnungspressekonferenz deutlich: "Ich denke, es ist kein Problem, fünf Personen von der AfD im Publikum zu haben. Wir sind keine Feiglinge. Wenn wir es nicht aushalten, dass fünf Personen von der AfD im Publikum sitzen, werden wir unseren Kampf verlieren." Für Andreas Busche im Tagesspiegelverweist die Ein- und anschließende Ausladung der AfDler auf ein "Grundproblem" des Festivals: "Inwieweit soll ein Filmfest auch zivilgesellschaftliche Aufgaben übernehmen und protokollarischen Gepflogenheiten folgen? Oder sollte es lediglich eine Bühne bieten, auf der gestritten werden kann, über Filmkunst und Politik?" Auch die NZZkommentiert. Robert Ide hingegen sehnt sich angesichts des Tohuwabohus im Tagesspiegel nach etwas ganz anderem. Nämlich nach Ex-Berlinaleleiter Dieter Kosslick und seinem "wärmenden roten Schal der Zuneigung".
Immerhin werden jetzt auch Filme gezeigt (einen guten Überblick bieten wieder die Kritikerspiegel bei critic.de und artechock). Der diesjährige Eröffnungsfilm "Small Things Like These" spielt im Irland er 1980er und dreht sich unter anderem um junge Frauen, die in einem von der katholischen Kirche betriebenen Heim misshandelt werden. Regie führt Tim Mielants, die Hauptrolle übernimmt mit Cillian "Oppenheimer" Murphy ein waschechter Star. Es geht zwar, passend zur Diskurslage, um schwere Themen wie Zivilcourage, aber wirklich begeistert zeigt sich die Kritik nicht. "[D]ie bedrückende Schwere der Bilder macht Mielants' Film trotz seiner schlanken 95 Minuten zu einer freudlosen Sache", meint Andreas Busche im Tagesspiegel. Auch Andreas Kilb sieht in der FAZ nicht mehr als "eine Übung im gehobenen Filmstil". Susan Vahabzadeh findet in der SZ immerhin Gefallen am Hauptdarsteller: "Für ein großes Gesellschaftstableau bräuchte es vielleicht mehr, als 'Small Things Like These' zu bieten hat, aber dafür spiegelt sich alles im Gesicht von Cillian Murphy, was man nicht sieht. Er spielt mit solcher Intensität, so bewegend, dass man ihm gleich den nächsten Preis zutraut." Weitere Besprechungen: critic.de, Tip, Berliner Zeitung, fimstarts.
Im Perlentaucherblickt Thomas Groh auf die diesjährige Retrospektive, und ist ziemlich ernüchtert: Anstatt wie früher ein anspruchsvolles filmhistorisches Programm mit Kopien aus aller Welt zusammen zu stellen, zeigt die verantwortliche Deutsche Kinemathek diesmal budgetbedingt "unter dem Schlagwort 'Das andere Kino' lediglich Filme aus dem eigenen Archivbestand, die man jüngst digital restauriert hat. Weil das alleine schwerlich als 'Retrospektive' durchgeht, werden die Filme als Querschläger annonciert: unangepasste Filmkonzepte, unangepasste Filmentwürfe (was nebenbei bemerkt stark an die Retrospektive 2016 über das deutsche Kino in Ost und West 1966 und an die Retrospektive 2019 'Selbstbestimmt - Perspektiven von Filmemacherinnen' erinnert). Mit 20 Filmen ist die Auswahl denn auch gefühlt schmaler denn je. Zumal die Martin Scorsese gewidmete Hommage in diesem Jahr auf ein Minimum eingedampft ist. So wenig Filmgeschichte war auf der Berlinale selten." Mit "kreativem Witz" hat die Kinemathek auf die Sparzwänge reagiert, meint hingegen Claudia Lenssen in ihrem Durchgang durch die Retrospektive in der taz.
Außerdem: Hans-Georg Rodek macht sich in der Welt Gedanken über mögliche zukünftige Spielstätten des Festivals. Besprochen werden der Panoramafilm "The Outrun" von Nora Fingscheidt (taz), der Panoramafilm "I Saw the TV Glow" von Jane Schoenbrun, (taz) die queeren Filme des diesjährigen Festivals (Tagesspiegel), iranische Filme im Forum und Panorama (Tagesspiegel) und Lana Gogoberidzes "Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete", der im Forum Spezial zu sehen ist (critic.de).
Abseits der Berlinale trauern die Feuilletons um die im Alter von 90 Jahren verstorbene Schauspielerin Johanna von Koczian, die vor allem durch ihre Rolle in Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder" bekannt wurde. Willi Winkler erinnert sich in der SZ: "Koczian besaß genau die Leichtfüßigkeit, über die der deutsche Nachkriegsfilm so gern verfügt hätte, für die er aber dann doch keine Verwendung hatte. (...) Koczian hielt tapfer mit, versuchte sich im Musical, trat unter Helmut Käutner im Theater am Kurfürstendamm in 'Teenagerlove' auf. Der gute alte deutsche Film zerging in den Sechzigern. Koczian trat in Fernsehserien auf, zeigte sich im 'Kommissar', hatte eine Hauptrolle in 'Stewardessen', wurde in der 'Landärztin' vernutzt und erschien zuletzt auch noch im 'Traumschiff' als Erinnerung an die Diva, die sie nie ganz wurde." Für die FRruft Harry Nutt Koczian nach.
Außerdem: Im Standardberichtet Stefan Brändle über MeToo-Fälle im französischen Kino. Besprochen wird das Bob-Marley-Biopic "One Love" (Zeit Online).
Nach all den Aufregern und Skandalen in den letzten Monaten und Wochen um die Berlinale meint man zwar, das Festival sei längst vorbei oder sowieso an sich schon am Ende. Aber tatsächlich beginnt es erst heute - und ist zugleich der letzte Jahrgang der nur kurzen Ära Chatrian. "Eigentlich, so hatte man den Eindruck, lief sich Chatrian in den vergangenen Jahren immer noch ein bisschen warm, war die Berlinale im Begriff, weiter umgebaut zu werden", schreibt Tim Caspar Boehme mit spürbarem Kummer in der taz. Allerdings bleibe von den Chatrian-Jahren nur wenig im Gedächtnis, meint SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh: "Der große Aufbruch der Berlinale nach der Ära Kosslick hat irgendwie nicht stattgefunden." Chatrians Vorgänger "wurde vorgeworfen, dass er kein Näschen dafür gehabt habe, kleine Filme aufzuspüren, die dann große werden. Allerdings hat er immerhin 'Nader und Simin' (2011) von Asghar Farhadi im Wettbewerb gezeigt, der von Berlin aus die Welt eroberte, mit einem Goldenen Bären im Gepäck. Einen solchen Coup hat Carlo Chatrian leider nicht landen können."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte würde sich freuen, "wenn in diesem Jahr die Skandale wieder mal von der Leinwand und der Kunst ausgingen und nicht Boykotte forciert würden oder eine außerhalb des Festivals vielfach aus dem Ruder gelaufene Cancel-Unkultur. Die Lage ist ernst. Schon hört man von den Oberhausener Kurzfilmtagen, die im Mai stattfinden werden, dass dort eine Boykott- und Absagewelle drohe. Es wäre fatal: Die deutsche Festivalkultur galt immer als eine der reichsten der Welt." Immerhin "klingt Chatrians letzter Wettbewerb vielversprechend", schreibt Valerie Dirk im Standard und gibt Tipps aus dem Wettbewerb.
Die Gewinnerin des Festivals steht bereits fest, findet Deniz Yücel in der Welt: die AfD. Mit ihrem unsouveränen Lavieren und der letztendlichen Wieder-Ausladung habe das Festival dem Kampf gegen rechtsaußen einen Bärendienst erwiesen. Geradezu neurotisch findet Yücel den vorangegangenen Protest, dem es seiner Ansicht nach wohl nur um Social-Media-Herzchen aus der eigenen Community, nicht aber um eine kluge Taktik ging: "Freihaus hat man der Partei nicht nur ein weiteres Argument geliefert, um ihre beliebte Opfernummer zu inszenieren, sondern auch, um ihre Ressentiments zu rechtfertigen." Vollkommen anders sieht es Rüdiger Suchsland auf Artechock: Dem Festival gehört für diese Entscheidung "Lob", denn "wir alle haben gepennt.Jahrelang still geduldet wurden Rechtsextremisten bei der Eröffnung der Berlinale."
Mehr zur Berlinale: Tilman Schumacher (Perlentaucher) und Michael Meyns (taz) werfen einen Blick aufs Programm der parallel zur Berlinale stattfindenden, von Filmkritikerin organisierten "WochederKritik". Im CulturMaggeben Katrin Doerksen und Thomas Groh zehn Tipps aus den Nebensektionen, die man nicht verpassen sollte. Araballa Wintermayr empfiehlt in der tazAnnieBakers im Berlinale-Panorama gezeigtes Debüt "Janet Planet". Susan Vahabzadeh porträtiert in der SZ die Jurypräsidentin LupitaNyong'o. Katja Nicodemus spricht in der Zeit mit CillianMurphy, der im heute gezeigten Eröffungsfilm "Small Things Like These" die Hauptrolle spielt. Und die Deutsche Kinemathek begleitet die Retrospektive über unangpasstes deutsches Nachkriegskino mit einem ergänzenden Streaming-Programm.
Noch ein Filmschauplatz: ClaudiaRoths finaler Entwurf für die ReformderFilmförderung ist da (unser Resümee von gestern). Den Interessen der Produzenten kommt Roth damit weit entgegen, andere Gewerke haben das Nachsehen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Dies ist in seiner Ignoranz ein Anschlag auf alle Kreativen. ... Dieser Entwurf ist, das ist auch im Schnellverfahren zu sehen, ein ziemlichchaotischesGeflausel und Gekruschel und Gefloskel, in dem wenig zusammenhängt, und noch weniger konkret ist. Stattdessen viel Wabern und sehr allgemeine Versprechungen. Es gibt eine Zusammenfassung am Anfang, die ziemlich vage ist. Im weiteren Entwurf aber steht dann zu vielen Punkten dieser Zusammenfassung überhaupt nichts - das deutet darauf hin, dass vieles noch unausgegoren und schlicht und einfach unfertig ist."
Außerdem: Marcel Gyr erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Michael Schönhaus, der bei Ankündigungen des Films "Stella. Ein Leben" über StellaGoldschlag stutzig wurde und im Kino dann tatsächlich seinen eigenen Vater auf der Leinwand dargestellt sah. Lars von Törne (Tsp) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren "Simpsons"-Schöpfer MattGroening zum 70. Geburtstag. Im taz-Gespräch erklärt Thore Horch warum die Berliner Kino-Perle International ab Mai für zwei Jahre wegen Sanierung schließen muss. Besprochen werden Felipe Gálvez Haberles von der Kritik gefeiertes Debüt "Colonos" (FR, online nachgereicht von der FAZ), Denis Moschittos Thriller "Schock" (FAZ), ReinaldoMarcusGreens Biopic "Bob Marley: One Love" (taz, FR, Standard), ShirelPelegs auf Netflix gezeigte RomCom "Die Liebeskümmerer" (Tsp), die Amazon-Doku "Das letzte Tabu" über Homosexualität im Profi-Fußball (Presse) und S. J. Clarksons Superheldinnenfilm "Madame Web" (SZ).
Gerade noch auf der Zielgeraden hat ClaudiaRoth ihr Versprechen aus dem letzten Jahr, vor der Berlinale 2024 ihren finalen Entwurf für die Reform der Filmförderung vorzulegen, umgesetzt. Das auf 200 zusammengefasste Vorhaben entspricht in etwa Roths ersten Ankündigungen aus dem letzten Jahr und kommt den aus der Branche laut gewordenen Forderungen sehr weit entgegen, resümiert Andreas Busche im Tagesspiegel: "So viel Einigkeit herrscht selten in der deutschen Filmlandschaft, so groß war die Not aber auch lange nicht mehr." Zwei Säulen sollen mehrPlanungssicherheit schaffen. "Die dritte Säule, die Investitionsverpflichtung für Sender, Streamer und andere audiovisuelle Dienste, nimmt unter anderem jene Unternehmen in die Pflicht, die auf dem deutschen Markt Geld einnehmen, aber ihren Unternehmenssitz im Ausland haben und dort Steuern zahlen. Sie sollen einerseits von der Anreizförderung profitieren, im Gegenzug aber verpflichtet werden, in deutsche und europäische Produktionen zu investieren; von 20 Prozent des Vorjahresumsatzes ist im Entwurf die Rede."
Freilich ist noch unklar, ob das alles so kommt - die politischen Verhandlungen insbesondere mit Christian Lindners Ministerium dürften hart werden. Tobias Kniebe ist in der SZ dennoch beeindruckt: Im Falle eines Erfolgs "wäre alles zusammen in der Tat ein großer Wurf". Imposant in seinem Willen zum Neuanfang findet er den Abschied vom Produktionszuschuss von 20 Prozent für Dreharbeiten im Land: "Stattdessen bekämen Filmproduzenten eine Rückerstattung vom Finanzamt von bis zu 30 Prozent der deutschen Herstellungskosten - ein völlig neues Paradigma. Es hätte aus Sicht der Filmbranche den Vorteil, dass die Mittel dafür potenziellunbegrenzt wären und späte Antragsteller nicht mehr leer ausgehen. Auch wenn Riesenproduktionen aus dem Ausland anrücken, sind immer Ressourcen da. Die Geldmittel müssten auch nicht, wie bisher, in jedem Bundeshaushalt neu verteidigt werden." Für den "größten Umsturz, den es in der deutschen Förderpolitik seit Jahrzehnten gegeben hat" hältWelt-Kritiker Hanns-Georg Rodek diesen Vorschlag: "Da für - beispielsweise - 100 Euro rückgezahlter Steuern rund 600 Euro Umsatz durch die Filmproduktion in Deutschland gemacht werden (die nicht entstünden, käme die Produktion nicht hierher), ist das Ganze für alle Beteiligten ein Geschäft, auch für den Fiskus."
Andreas Kilb zeigt sich in der FAZ skeptisch in den Details: So "sollen Auswahlkommissionen ausgemustert und durch 'Automatisierung' ersetzt werden - was nichts anderes heißt, als dass der Betrieb fördern wird, was dem Betrieb nützt: kassenträchtige Komödien, Pferde- und Animationsfilme. Für die weitere Vermittelmäßigung des deutschen Kinos wird also gesorgt sein, wenn das Gesetz 2025 in Kraft tritt. Es sei denn, man überlegte sich, wie man den deutschen Regisseuren und Autorinnen den Freiraum verschafft, den sie brauchen."
Außerdem: Das Lavieren der Berlinale in der AfD-Affärehält Fatma Aydemir im Guardian alles in allem für einen ziemlich schlechten Witz. Der Tagesspiegelhört sich im Betrieb um, für wie politisch die Berlinale in diesem Jahr gehalten wird: Dominik Graf etwa erwartet "wieder viel karges Kino im freudlosen Büßergewand", freut sich aber schon auf die "Neufassung der Sektion des Forums" unter der neuen Leiterin BarbaraWurm, die wohl "sehr viel Unerwartetes" bringen werde. Im WDRwerfen Georg Seeßlen und Markus Metz einen Blick auf die Berlinale-Retrospektive, die sich in diesem Jahr unangepassten Produktionen des deutschen Nachkriegskinos widmet. Für den Standardspricht Marian Wilhelm mit Juliette Binoche über ihre Rolle Trần Anh Hùngs "Geliebte Köchin" (hier unsere Kritik). Richard Pleuger interviewt für die SZ den Filmproduzenten CharlesBrand, der sehr unbekümmert auf den Zug des letzten Kinosommers aufspringt und mit seinem flugs produzierten Trashfilm "Barbenheimer" den Hype nun abmelkt.
Besprochen werden Felipe Gálvez Haberles "Colonos" (taz, FAZ), die Amazon-Serie "The New Look" über CocoChanel und ChristianDior (FAZ, mehr dazu hier), Reinaldo Marcus Greens Biopic "Bob Marley: One Love" (NZZ), AndrewHaighs "All of Us Strangers" (NZZ, unsere Kritik), der Superheldenfilm "Madame Web" mit DakotaJohnson (Standard, Presse), die Amazon-Doku "Das letzte Tabu" über Homosexualität im Profifußball (Freitag) und die österreichische Amazon-Serie "Beasts Like Us" (Presse).
Nach den Störaktionen der Performance im Hamburger Bahnhof in Berlin rechnet Harry Nutt von der Berliner Zeitung auf der Berlinale mit ähnlichen Szenen und Aktionen israelfeindlicher Aktivisten, zumal auch in New York Kunsteinrichtungen am vergangenen Wochenende gestört wurden. "Den Akteuren wütender Proteste ging es noch nie um Differenzierung und eine pflegliche Anerkennung ihrer Sicht auf die Dinge. Wer sich einer Bewegung mit dem Namen Strike Germany anschließt und damit zum Ausdruck bringt, dass er den deutschen Staat und seine Institutionen für ein gelenktes Überwachungsregime hält, der ist vermutlich nicht für etwas zu gewinnen, das der amerikanische Philosoph Nelson Godman 'The Ways Of Worldmaking' genannt hat. Dabei käme es gerade jetzt auf eine Art relativistischenPluralismus an, in dem man an seinen eigenen Prägungen festhält und zugleich offen ist für neue. Früher einmal galt das Kino als Ort, an dem solche Welten erzeugt wurden." In Russland sorgt MichailLokschins mit AugustDiehl besetzte Bulgakow-Adaption "Meister und Margarita" für volle Säle. In den Film sind wohl auch einige Spitzen gegen Putins Russland eingebaut, die das Publikum allem Anschein nach auch sehr zur Kenntnis nimmt, berichtet Stefan Scholl in der FR. "Aber Moskau wäre nicht Moskau, wenn es jetzt kein patriotisch-antiwestlichesGezeter gäbe: Lokschin sei US-Bürger und gegen Putins ukrainische 'Spezialkriegsoperation', sein Film aber ebenso antirussisch wie antisowjetisch, schimpft der TV-Moderator Tigran Keossajan. 'In Russland herrscht regelrecht masochistische Duldsamkeit gegen unsere offenen Feinde.' Nicht nur er fordert, die Sicherheitsorgane einzuschalten. ... In den großen Moskauer Kinos wird inzwischen nach den Aufführungen applaudiert. Dass Staat und Gesellschaft sich unter Putin wieder Richtung Sowjetunion in den Vorkriegsjahren bewegen, das spüren die Menschen."
Außerdem: Mathias Raabe freut sich auf Zeit Online über das aktuelle Comeback der Musicals im Kino: "Sie werden wieder gesellschaftsfähig in Zeiten, in denen es nicht mehr stigmatisiert wird, überGefühlezureden." Alexander Braun spricht im Tagesspiegel über die von ihm kuratierte Simpsons-Ausstellung im Schauraum Dortmund. Felicitas Kleiner stöbert für den Filmdienst durchs Archiv des Public-Domain-PortalsWikiFlix. Helmut Hartung wirft in der FAZ einen Blick auf die Lage der deutschenFilmproduzenten, die sich erhoffen, dass ClaudiaRoth heute endlich ihre Reform der Filmförderung auf den Tisch legt.
Besprochen werden AndrewHaighs "All of Us Strangers" (Jungle World, unsere Kritik), TinaSatters "Reality" (FAZ), FelipeGálvez' Debütfilm "Colonos" (Tsp), die Amazon-Serie "Mr & Mrs Smith" (NZZ), die ARD-Actionserie "School of Champion" (FAZ) und IanPenmans Buch "Fassbinder. Tausende von Spiegeln" (SZ).
Keine große Namen im letzten Jahrgang und eine kurze Amtszeit voller Pech und Baustellen: Peter Körte lässt in der FAS (online nachgereicht) CarloChatrians glücklosen Berlinale-Jahre austrüben. Auch "das Forum verabschiedet sich in diesem Jahr von seinem Kino Arsenal im Sony Center, aus dem auch Filmmuseum, Filmhochschule und Kinemathek in eine ungewisse Zukunft weichen müssen. Damit ist praktisch alles verschwunden, was den Potsdamer Platz auch zu einem Zentrum des Films machen sollte. Ein tolles Signal! Was passieren wird, wenn 2025 auch der Mietvertrag für das Musicaltheater ausläuft, ob die Berlinale die Verlängerungsoption zieht, ist offen. Auch für die neue Leiterin TriciaTuttle bleibt das Festival eine schwierigeBaustelle."
Auch um den Walk of Fame in Hollywood, wo sich die Stars mit ihren Sternen verewigen, steht es nicht gut, berichtet Christiane Heil in der FAZ: Er gleicht mittlerweile einer "heruntergekommenenPartymeile. ... In den vergangenen Jahren war es am Walk of Fame und in Nachbarvierteln nach Streitereien bei Drogenhandel oder Glücksspiel wiederholt zu Schusswechseln, MesserstechereienundsexuellenÜbergriffen gekommen. Neben Downtown und Skid Row, mit etwa 15.000 Obdachlosen eine der größten Zeltstädte der Vereinigten Staaten, gehört Hollywood inzwischen zu den gefährlichsten Gegenden in Los Angeles. ... Dass viele Schauspieler, Musiker und andere Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie trotz Nominierung auf einen Stern am Walk of Fame verzichten, ist längst kein Geheimnis mehr. Nach George Clooneys Namen etwa sucht man vergeblich. Wie der Oscarpreisträger wollten auch Clint Eastwood, Leonardo DiCaprio, Meg Ryan, Ben Affleck, Angelina Jolie und Brad Pitt nicht in rosafarbenem Terrazzo verewigt werden."
Besprochen werden der von AndreasWirsching herausgegebene Band "Kino im Zwielicht. AlfredBauer, der Nationalsozialismus und die Berlinale" (FD), die Amazon-Serie "Expats" mit Nicole Kidman (Presse) und Tràn Anh Hùngs "Geliebte Köchin" mit JulietteBinoche und BenoîtMagimel (FAZ, unsere Kritik).
Der Berlinale-Rückzieher bei den AfD-Einladungen beschäftigt die Filmkritiker weiter. Dieses Manöver nach viel Hin und Her kommt "nicht bloß zu spät, es kann auch kaum mehr überzeugen", hält Tim Caspar Boehme in der taz fest. "Was wäre nun schlimmstenfalls auf der Berlinale passiert, wären sie tatsächlich gekommen, die personae non gratae der AfD", fragt Katharina Körting im Freitag. Am ehesten wären wohl "vielfaltsferne Menschen mit einer vielfältigen Kulturpolitik in Berührung gebracht" worden. "Das größte Risiko bestand offenbar nicht für die Kulturfreiheit, sondern für das wohlige Befinden der Kulturschaffenden, unter ihresgleichen zu sein." Das Festival "wird von Bundesmitteln bezahlt, deshalb werden Bundestagsabgeordnete kontingentiert aus allen Parteien eingeladen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Stellen wir uns das mal andersherum vor: Die AfD regierte irgendwo (was der Himmel verhüte) und lüde dann unliebsame Abgeordnete anderer Parteien nicht mehr zu den öffentlich geförderten Festivals ein. Das ist doch genau das, wovor wir uns alle so fürchten!" Dass die AfD es sich in diesem Fall allein deswegen anders überlegen würde, weil einige ihrer Vertreter selber mal über den roten Teppich laufen durften, wird aber auch niemand ernsthaft glauben.
Hanns-Georg Rodek hat derweil für die WamS einen Blick aufs Festivalprogramm geworfen und vermisst die ganz großen Highlights. Um einen neuen Scorsese zeigen zu können, muss das Festival mittlerweile mit dem Ehrenbär locken: Dies "illustriert die so hervorragende wie problematische Stellung der Berlinale. Sie genießt weltweit Respekt und Sympathie - aber kaum einer der heißerwarteten Filme landet bei ihr. 'Made in England' ist ein Nebenwerk (und er nur Co-Regisseur), der nächste 'echte' Scorsese, der historische Thriller 'The Wager', wieder mit Leonardo DiCaprio, dürfte anderswo Premiere feiern." Andreas Busche vom Tagesspiegelfindet dennoch 25 Filme im Programm, auf die er sich freut. Nadine Lange stellt im Tagesspiegel queere Filme aus dem Berlinale-Programm vor.
Weiteres: In der FAZempfiehlt Kira Kramer Martina Müllers unter anderem von SandraHüller gesprochene "Lange Nacht" des Dlf Kultur über Ernst Lubitsch. Martin Scholz spricht für die WamS mit der Schauspielerin LilyGladstone, die sich ihrer Leistung in Martin Scorseses "Killer of the Flower Moon" (unsere Kritik) als erste Native American Hoffnungen auf einen Oscar machen kann. Kracauer-Stipendiat Leo Geisler bringt im Filmdienst die erste Lieferung seiner Essayreihe "Disziplin & Kontrolle" über die Wandlungen des Heist-Movies. Esthy Baumann-Rüdiger porträtiert in der NZZ die Schauspielerin SandraMoser, die als erste Schwarze im Schweizer Fernsehen gespielt hat.
Besprochen werden BlitzBazawules Neuverfilmung von AliceWalkersRoman "Die Farbe Lila" (Standard), NikolausGeyrhalters in Österreich startender Dokumentarfilm "Stillstand" über den Corona-Lockdown (Standard) und der ARD-Film "Boom", in dem die Schauspieler mit einer KI improvisieren (FAZ),
Nach anhaltender Kritik hat die Berlinale Vertreter der AfD nun explizit von ihrer Eröffungsgala ausgeladen - hier das Statement des Festivals auf Instagram. Auf den ersten Blick findet SZ-Kritiker David Steinitz das zwar einleuchtend. Denn: Die Berlinale ist das politischste unter den A-Festivals, gibt sich weltoffen, zeigt Weltkino, lädt Filme und Journalisten aus aller Welt ein und hat als Publikumsfestival ein sehr diverses Publikum. "AfD-Politiker einzuladen, steht dieser Programmatik diametral entgegen". Doch "die Sache hat trotzdem das Potenzial, sich als Eigentor zu erweisen. Denn AfD-Politiker sitzen nun mal als gewählte Vertreter in politischen Institutionen, die traditionell zur Berlinale eingeladen werden, unabhängig von ihrer Ideologie. Jetzt geht garantiert ein neues Gezeter von rechts los, dass eine quasi-staatliche Institution wie die Berlinale alle gewählten Volksvertreter gleich behandeln müsse. Zumindest bislang hat man den Eindruck, dass die Diskussion um die Einladung vor allem jenen Defätisten und AfD-Sympathisanten in die Hände spielen könnte, die die ganze Veranstaltung tendenziell ohnehin für abschaffenswert halten."
Die Forderungen des sich eben in der deutschen Filmbranche gegründeten "Netzwerk Film & Demokratie", das vehement gegen die AfD auf dem Festival protestiert hatte, sind damit zwar erfüllt, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Doch "die Frage des Umgangs mit der Haltung der Partei zu Kunst und Kultur ist damit aber noch nicht vom Tisch. 'Filmpolitisch ist die AfD bisher lediglich durch Anfeindungen von Filmschaffenden und Anwürfen gegen Brancheninstitutionen aufgefallen', heißt es in der Protestnote des Netzwerks. 'Aus ihren Anträgen und ihrer Programmatik spricht der unverhohlene Wunsch nach einer staatlich in ihrem Sinne regulierten Kunst.'"
Weiteres: Frédéric Jaeger resümiert für critic.de das FilmfestivalRotterdam. Während Apple und Amazon das Kino als Plattform fǘr ihre Filme umwerben, knausert Netflix und schade damit sich selber, schreibt Jörg Taszman im Filmdienst. Schade findet es Michèle Binswanger im Tagesanzeiger, dass Biopics ihre Figuren nicht mehr als Helden zeigen wollen. Bidhan Rebeiro berichtet für Artechock vom 22. DhakaInternationalFilmFestival. Artechockbringt verstreute Notizen von Rüdiger Suchsland zum Film- und Mediengeschehen. Christiane Peitz schlüsselt im Tagesspiegel die Berlinale nach Zahlen auf. Besprochen werden Andrew Haighs "All of Us Strangers" (Presse, Welt, Standard, mehr dazu hier), BlitzBazawules Neuverfilmug von AliceWalkersRoman "Die Farbe Lila" als Musical (NZZ) und die ARD-Serie "Die Notärztin" (Tsp).
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