In der Welterzählt Mladen Gladić die schlicht skandalöse Geschichte, wie es dem iranischen Filmemacher AtaMehrad nun schon zum zweiten Mal verwehrt wurde, an einem deutschen Filmfestival teilzunehmen - und das nicht etwa wegen des Regimes in Teheran, sondern weil die deutsche Botschaft 2019 erst seinen Antrag verschustert hatte und ihm nun die Einreise verwehrt hat, weil sie fürchtet, Mehrad könne, einmal in Deutschland angekommen, auch noch Asyl beantragen - Vorwürfe, die er glaubhaft abwehrt: "Ata Mehrads Fall sei nicht singulär, meint Afsun Moshiry, die mit dem Regisseur bei 'Jadeh 99' zusammengearbeitet hat und auch für das Kasseler Dokfest arbeitet. Sie kenne andere Künstler aus dem Iran, denen kein Visum ausgestellt würde, auch in der jetzigen, politisch brisanten Situation. Dabei gehe es sowohl um Iranerinnen und Iraner, die in ihrem Heimatland Verfolgung zu befürchten hätten als auch um Fälle wie Ata Mehrad, die sich zwar in ihrer Kunst kritisch mit der iranischen Gesellschaft und Politik auseinandersetzten, an Auswanderung aber gar nicht dächten." Starkörper und historisches Leid: "Emancipation" Im Tagesspiegelbespricht Andreas Busche AntoineFuquas mit WillSmith besetztes Sklavereidrama "Emancipation" vor dem Hintergrund der in den USA gerade geführten bildpolitischen Diskussion um "Black Trauma Porn", also den Vorwurf der reißerischen Ausschlachtung des historischen Leids der afroamerikanischen Community. "'Prestige-Produktion' steht in Großbuchstaben über jeder, in gestochen scharfem Schwarz-weiß gedrehten (und mit gelegentlich monochromen Farbtupfern versehenen) Einstellung. Die Sümpfe von Louisiana, durch die sich Will Smiths Figur auf der Flucht vor einem sadistischen Sklaventreiber (Ben Foster) bis zur rettenden Frontlinie durchschlägt, evozieren eine kalteMagnum-Ästhetik. Das Spalier von aufgespießten Köpfen, an dem Paul auf dem Weg zur Plantage vorbeigetrieben wird, ist ein Höllenbild und wirkt in seiner Stilisierung gleichzeitig obszön."
Außerdem: Rüdiger Suchsland spricht für Artechock mit der Filmemacherin MiaHansen-Løve über deren Film "An einem schönen Morgen" (unsere Kritik). Thilo Wydra erinnert im Tagesspiegel an StevenSpielbergs "E.T.", der vor vierzig Jahren in die Kinos kam. Ralf Krämer empfiehlt im Freitag den Podcast "Kinderfilm".
Besprochen werden Noah Baumbachs Verfilmung von DonDeLillosRoman "Weißes Rauschen" (Artechock, FAZ), João Pedro Rodrigues' "Irrlicht" (Artechock, unsere Kritik), TakayukiHiraos zum Verdruss von FAZ-Kritiker Dietmar Dath hierzulande leider nur auf Scheibe, aber nicht im Kino erschienener japanischer Animationsfilm "Pompo the Cinéphile", ein Band mit Essays des Wiener Filmtheoretikers DrehliRobnik (Standard), GuillermodelToros Animationsfilm "Pinocchio" (taz), JohannesHartmanns und SandroKlopfsteins Schweiz-Groteske "Mad Heidi" (NZZ), die Netflix-Dokuserie "Harry & Megan" (FAZ, Tsp), die Westernserie "1883" (FAZ) und die neue "Räuber Hotzenplotz"-Verfilmung (Welt).
Dass der laut Kritikerumfrage von Sight & Sound beste Film aller Zeiten (oder zumindest: bis zur nächsten Abstimmung in zehn Jahren) mit ChantalAkermans "Jeanne Dielman" nun von einer Frau kommt, beschäftigt die Filmkritik noch weiter. Die Cinephilie kommt allmählich in der Gegenwart an, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ein Kanon ist kein Monolith, sondern lebendig und Neubetrachtungen unterworfen. Und: Je mehr Personen befragt werden, desto heterogener bildet er ein gegenwärtiges Gesamtbild der Meinungen und Geschmäcker ab. Die Kunstwelt ist da schon weiter als das Kino." NZZ-Kritiker Patrick Straumann trauert nicht nur um wohlverdiente Recken der Filmgeschichte, die nun aus der Liste gepurzelt sind, sondern ist sich auch uneins, ob ein dreineinhalbstündiger, nur Insidern bekannter und ziemlich spröder Film an der Spitzenposition wirklich gut aufgehoben ist: "Der stilistische Minimalismus, der 'Jeanne Dielman' seine hypnotische Kraft verleiht, stellt sich gegen die historischen Kontinuitäten, denen die Liste ihre Raison d'être verdankt. Allerdings ist die Inkompatibilität wohl ohnehin gegenseitig: Avantgarden haben weder die Funktion noch die Berufung, solche Aufzählungen anzuführen."
Berlinale-Leiter CarloChatrian hingegen freut sich in einem Essay für die Welt sehr über diese Auszeichnung für eine sperrigere Konzeption von Kino. Seine erste Begegnung mit dem Film in den Neunzigern rüttelte sein Verständnis von Kino gehörig auf, schreibt er. Akermans "Einstellungen sind Zeit-Blöcke. Das Gedächtnis muss die Dauer erfassen, zum Beispiel die Zeit, die jemand braucht, um ein Schnitzel zu panieren. ... Akermans Filme ordnen den Raum dem Konzept der Dauer unter, als würde erst die Dauer erweisen, was einen Raum ausmacht. Zum filmischen Raum wird ein Raum erst, wenn er der Zeit standhält, die durch ihn hindurchfließt. Indem sie durch einen Raum fließt, bewirkt die Zeit, dass dieser mehr wird als ein bloßer Raum."
Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben: "An einem schönen Morgen" Herzzerreißend schön findetPerlentaucher Jochen Werner Mia Hansen-Løves "An einem schönen Morgen". Darin verabschiedet sich Sandra (Lea Seydoux) einerseits von ihrem Vater in die Pflege und beginnt andererseits eine Affäre mit einem unglücklich verheirateten Mann. "Es ist ein Film über das Abschiednehmen, einerseits. Über die Solidarität, die sich angesichts der Krankheit eines geliebten Menschen in nur scheinbar selbstverständlichem Handeln ausdrückt, aber auch, andererseits, darüber, dass es notwendig sein kann loszulassen." Und andererseits "einer der allerschönsten und allerehrlichsten Filme über Affären, über neue Lieben in der Mitte des Lebens, über die schwierigen Entscheidungen, die man zu treffen hat, und über den Preis, den man mitunter zahlen muss für eine vage Wette auf ein neues Glück." Weitere Besprechungen im Freitag, Tagesspiegel und Filmdienst. Für die taz hat Thomas Abeltshauser mit der Regisseurin gesprochen.
Weitere Artikel: Nach Untersuchungen zu seinem umstrittenen Film "Sparta" muss UlrichSeidl keine Fördermittel zurückzahlen, meldet Dominik Kamalzadeh im Standard. Der Standardplaudert mit dem Schauspieler NicholasOfczarek über seine Rolle im neuen (in der SZbesprochenen) "Räuber Hotzenplotz"-Film. Nun wird Georg Stefan Troller schon 101 Jahre alt (unser Resümee zum 100. Geburtstag) - Marc Ortmann hat ihn für die taz in Paris besucht.
Besprochen werden João Pedro Rodrigues' "Irrlicht" (SZ, Perlentaucher), Maria Schraders "She Said" über die Aufdeckung von Weinsteins Übergriffen (FAZ, FR, TA, ZeitOnline), EmilyAtefs Krankheitsdrama "Mehr denn je" mit VickyKriep (Tsp) und NoahBaumbachs DeLillo-Verfilmung "Weißes Rauschen" (FR). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Nur die Harten kommen in das, was vom Garten übrig blieb: "The Walking Dead" Philipp Böhm verabschiedet sich in der Jungle World mit einem vergifteten Nachruf-Longread von der sich nach elf Staffeln in den Ruhestand verabschiedenden Serie "The Walking Dead", die vom ÜberlebennachderZombie-Apokalypse handelt, die ganzen Zehnerjahre hindurch lief und dabei teils Traumquoten erzielte. Dass Zombiefilme einem etwas Grundsätzliches über die conditio humana verraten, wie viele Fan-Kommentatoren nahelegen, kauft Böhm dem Ganzen nicht ab. Die Serie "hätte ein interessantes Korrektiv werden können, doch aus diesen Bildern sprach vielmehr ein relativ abstraktes Unbehagen an Gesellschaft an sich. ... In der Absage an Gesellschaft und an Solidarität jenseits der engen Gemeinschaftsgrenzen beschwört 'The Walking Dead' eine resignative Utopie, indem sie ein simples, vielleicht brutales, aber dennoch funktionierendes Leben in den Ruinen des Kapitalismus behauptet, in dem die Gegenwart weggedrängt wird. Wo alles zusammengebrochen ist und die Menschheit in verfeindete Banden zerfällt, muss man sich auch nicht mehr mit lästigen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen."
Weiteres: Frankfurter Allgemeine Quarterlyspricht mit GretaGerwig unter anderem über ihre Rolle in NoahBaumbachs (im Tagesspiegelbesprochener) Verfilmung von DonDeLillosRoman "Weißes Rauschen". In der FRsprichtBenBecker über seine Gedanken. Nachrufe auf Kristie Alley schreiben Dietmar Dath (FAZ), Jenni Zylka (Tsp) und David Steinitz (SZ).
Besprochen werden JeanineMeerapfels essayistischer Dokumentarfilm "Eine Frau" (Tsp), PhyllisNagys "Call Jane" (Standard), die letzte Staffel von "His Dark Materials" (ZeitOnline), das österreichische Klosterschulendrama "Serviam" von RuthMader (Standard) und neue Horrorfilme mit Clowns (Presse).
Die alle zehn Jahre von Sight & Sound nach Kritikerumfragen erstellte Liste mit den 100 besten Filmen aller Zeiten sorgt mit dem neuen und unerwarteten Spitzenreiter - ChantalAkermans "Jeanne Dielman" - weiter für Aufregung im Filmkritikermilieu (unser Resümee). Paul Schraders auf Facebook veröffentlichte und ziemlich wadenbeißige Kritik, dass der Film nun künftig nicht "als wichtiger Film in der Geschichte des Kinos, sondern auch als Meilenstein einer verzerrten, woken Neubewertung" gelten werde, hält Daniel Kothenschule im Filmdienst im wesentlichen für substanzlos. Bei ihm überwiegt die Freude über die Auszeichnung für eine Zeit ihres Lebens zu wenig beachtete Filmkünstlerin: "Es schmerzt, wann immer bedeutende Künstlerinnen oder Künstler erst posthum Anerkennung finden - während doch ständig irgendwo Filmpreise überreicht werden. Aber vielleicht hat gerade deshalb eine solche Kritiker:innen-Umfrage jenseits aller roter Teppiche eine andere Bedeutung. Was Paul Schrader - und etliche cinephile Kritiker dieser Entscheidung wohl tatsächlich erzürnt, ist ein Paradigmenwechsel. Die Deutungshoheit über Qualität im Film könnte sich von der klassischen Filmkritik in Richtung einer akademisch sozialisierten Kunstöffentlichkeit verlagern. Damit einher geht die Befürchtung einer Abwertung der unterhaltenden Spielarten der Filmkunst - wie ja schon bei Festivals das Genrekino oder leichte Komödien nur selten Preise gewinnen. Rückenwind bekommt diese Sorge von der gegenwärtigen Kinokrise: Wenn kommerzielle Filmtheater schließen, weil ihnen die Zuschauer in Richtung der Streamingdienste abwandern, könnten am Ende nur noch Museumskinos übrigbleiben - die dann den Vorlieben des Kunstbetriebs untergeordnet würden."
Medienabenteuer mit Bösewichen: "She Said" von Maria Schrader NZZ-Kritikerin Nadine Brügger ist ziemlich unzufrieden mit MariaSchraders "She Said" über die Aufdeckung von HarveyWeinsteinssexuellenÜbergriffen. Die gleichnamige Buchvorlage der beiden Journalistinnen MeganTwohey und JodiKantor lüftete noch minutiös die Strukturen des Schweigekartells, das Weinstein gedeckt hatte, der "Film hingegen schaut vor allem den Journalistinnen bei der Arbeit zu. Dadurch wird aus der Systemkritik ein Medienabenteuer. Ein Krimi, angetrieben von Geheimnissen, Kampfgeist und klar erkennbaren Bösewichten. ... Zu sehen sind glückliche Zufälle, ohne die der Artikel niemals hätte geschrieben werden können. Konspirative Treffen, die sich an rasante Autofahrten und hektische Telefonate reihen."
Weitere Artikel: Andrey Arnold spricht für die Presse mit den Betreibern des neuen, ehrenamtlich betriebenen FilmverleihersKinema21, der mit Genre-Querschlägern ein junges Publikum wieder für das Kino begeistern will. Die Agenturen melden, dass die Schauspielerin KirstieAlley nach kurzer Krankheit gestorben ist.
Besprochen werden MiaHansen-Løves "An einem schönen Morgen" mit LéaSeydoux (online nachgereicht von der FAS) und KurdwinAyubs Komödie "Sonne" (Jungle World, mehr dazu hier).
So authentisch wie möglich: "She Said" von Maria Schrader Im Standardunterhält sich Bert Rebhandl mit MariaSchrader über die Dreharbeiten ihres Films "She Said", der als Journalismusthriller die Aufdeckung von HarveyWeinsteinsÜbergriffen erzählt. Gedreht wurde in den Räumlichkeiten der New York Times, die dafür erstmals einen großen Dreh in ihrem Haus gestattete. "Das war auch nur möglich, weil die Reporter im Homeoffice waren. ... Wenn man in das vollkommen leergefegte Gebäude der Redaktion kommt, das hatte damals ja einen Eindruck wie Pompeji. Da lagen zum Teil private Laptops, auf jedem Schreibtisch die physischen Zeitungen vom 13. März 2020. Alles, was essbar war, war von irgendwelchen Brigaden einmal weggeräumt worden, der Rest war immer noch da."
Außerdem: In seiner Serienkolumne für die Zeitblickt Matthias Kalle auf 34 Staffeln "Simpsons". Besprochen wird Aino Sunis Spielfilmdebüt "Heartbeast" (taz).
Die Sensation - aber auch die Irritation - war perfekt, als die alle zehn Jahre von Sight & Sound nach Kritikerumfragen erstellte Liste mit den besten Filmen aller Zeit in diesem Jahr von Chantal Akermans "Jeanne Dielman" angeführt wurde: Erstmals eine Frau an der Spitze, erstmals ein Film, mit dem niemand gerechnet hat, da er für die eher gediegene Cineasterei, die üblicherweise diese Liste auszeichnet, so gar nicht steht. Seit seiner von keinen Preisen gekrönten Premiere in Cannes 1975 ist "Jeanne Dielman", der in annähernd vier Stunden wortkarg vom Alltag einer Mutter in Brüssel erzählt, "den Weg eines Kultfilms" gegangen, schreibt Hanns-Georg Rodek auf Welt+. Der Film wurde "zu einem KristallisationspunktderentstehendenfeministischenFilmkritik". Ihn zu sehen, ist derzeit allerdings schwer: Im Stream gibt es den Film - zumindest in Europa - nicht.
Vielleicht zeichnet sich in dieser Auszeichnung nicht nur das Interesse an einer diverserenFilmgeschichtsschreibung ab, sondern auch ein Strukturwandel der Bedingungen, unter denen Cinephilie betrieben wird? Das könnte man nach Fritz Göttlers Einschätzung in der SZ denken: "Dass 'Jeanne Dielman' ein Meisterwerk und ein würdiger Spitzenreiter ist, ist unbestreitbar und kein Geheimnis, der Film wird seit Jahrzehnten gerühmt und studiert. Dass weniger Leute ihn gesehen haben als 'Vertigo' und Co., liegt daran, dass 'Jeanne Dielman' eher in Kinematheken oder Programmkinos läuft als in großen Kinosälen (oder als TV-Wiederholung) ... Viele rühmen 'Jeanne Dielman' als den großen feministischen Film des letzten halben Jahrhunderts", auch "könnte man mit ihm klären, was Feminismus eigentlich bedeutet, im Kino und generell - wie Glamour und Alltag, Einsamkeit und Lust zusammenspielen. In seiner magischenKonsequenz steht 'Jeanne Dielman' dem vorherigen Spitzenreiter 'Vertigo' in nichts nach."
"Die seit Jahren laufenden Kampagnen für mehr Gleichberechtigung und Diversität schlagen sich auch in der Geschichtsschreibung nieder", stellt Andrey Arnold in der Presse fest. "Die Zahl der von Sight & Sound befragten Menschen (1639, darunter auch der Autor dieser Zeilen) hat sich im Vergleich zur letzten Erhebung verdoppelt, bei der Kür der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde verstärkt Wert auf Inklusion gelegt. Das macht sich auch an anderen Stellen bemerkbar. Erstmals in den Top 10: 'Beau Travail' (1999) der Französin Claire Denis (Platz sieben) und 'In the Mood for Love' (2000) vom Hongkonger Wong Kar-wai (Platz fünf). ... 2012 landeten nur zwei Regisseurinnen in der Gesamtauswahl, heuer sind es elf. Und statt eines einzigen Films von einer schwarzen Person fasst die Liste nun sieben." Auf Facebookopponiert derweil PaulSchrader gegen die Liste und ihr Ergebnis.
Lustvoll übertrieben: "Medusa" Auch das Gegenwartskino ist feministisch und divers: Diese Woche startet Anita Rocha da Silveiras feministische Horror-Groteske "Medusa", die einen Blick auf das Brasilien der Zukunft wirft, wenn ein radikaler Christenfundamentalismus herrscht, unter dem Jagd auf Ungläubige gemacht wird. "Das Werk ist klar ein Kind der Bolsonaro-Zeit, gleichzeitig aber alles andere als bleiern geraten", schreibt ein begeisterter Simon Rayß im Tagesspiegel."Da Silveira tränkt ihre urbanen Landschaften in Neonfarben, darunter wabert Bernardo Uzedas Soundtrack, der direkt aus John Carpenters altem Synthesizer stammen könnte. Alles an 'Medusa' ist lustvoll übertrieben. Die marodierenden Rächerinnen pilgern in eine blau und pink ausgeleuchtete Kirche, singen mit Zahnpasta-Grinsen religiöse Popsongs und geben im Internet Tutorials, wie man das perfekte christliche Selfie macht. ... So überzeichnet diese schöne neue Welt des christlichen Fundamentalismus auch scheint: Die Vorbilder für die gewalttätigen Anti-Feministinnen hat sich da Silveira nicht etwa ausgedacht. Sie hat sie direkt den brasilianischen Nachrichten entnommen."
Außerdem: Auf Artechockerinnert sich Rüdiger Suchsland an HansMagnusEnzensberger und stellt sechs Thesen zur Kritik und ihrer ökonomischen Lage auf. Dunja Bialas erinnert sich auf Artechock an Jean-MarieStraub und DanièleHuillet in München.
Besprochen werden MariaSchraders "She Said" über die Aufdeckung der Weinstein-Übergriffe (taz), DenisCôtés auf Mubi gezeigter "This Kind of Summer" (critic.de), KurdwinAyubs Hijab-Komödie "Sonne" (critic.de, mehr dazu hier), ThomasStubers "Die stillen Trabanten" nach Kurzgeschichten von ClemensMeyer (ZeitOnline), der weihnachtliche Gewaltfilm "Violent Night" (Standard) und die Agentenserie "Slow Horses" (ZeitOnline).
Das cinephil-boulevardeske Dekaden-Großereignis ist da: Das British Film Institute hat seine traditionell alle zehn Jahre durchgeführte Kritikerumfrage nach den besten Filmen aller Zeitenausgewertet (auch einige Perlentaucher-Filmkritiker haben daran teilgenommen). Das Ergebnis ist durchaus bemerkenswert: ChantalAkermans "Jeanne Dielman 23, quasi du Commerce, 1080 Bruxelles" gilt jetzt quasi aus dem Nichts (jahrzehntelang war "Citizen Kane" der unangefochtene Spitzenreiter, vor zehn Jahren gestürzt von "Vertigo") mit Kritikersegen als bester Film überhaupt - zumindest für die nächsten zehn Jahre. Ein Videoessay von IndieWire klärt uns darüber auf, was es mit diesem dreieinhalbstündigen Film auf sich hat:
Weitere Artikel: In der Welt schreibt Daniel Kothenschulte über den tragischen Fall des Filmhistorikers und -archivars SergeBromberg, dem in Frankreich vier Jahre Haft drohen, weil bei einem durch unachtsam eingelagertes Nitrofilm-Material entstandenem Brand zwei Menschen gestorben sind (mehr dazu hier). Außerdem erklärt Kothenschulte in der FR, wie es dazu kam, dass JohnHoustons Klassiker "African Queen" überhaupt erst jetzt zum ersten Mal ungekürzt in die deutschen Kinos kommt. Isabella Caldart staunt auf 54books, wie sich die die lange Zeit brachliegende RomCom in diesem Jahr grunderneuert hat. Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod der Schauspielerin ChristianeHörbiger. Und ohne darf sich ein Jahr nicht neigen: JohnWaterskürt im Artforum seine zehn Filme des Jahres - dass Ozons "Peter von Kant" seine Liste anführt, dürfte unseren Kritiker Robert Wagner nicht begeistern.
Besprochen werden ThomasStubers "Die stillen Trabanten" nach Kurzgeschichten von ClemensMeyer (Tsp, SZ), PhyllisNagys Abtreibungsdrama "Call Jane" (FAZ, SZ, taz, mehr dazu hier) und Jeanine Meerapfels Dokumentarfilm "Eine Frau" über ihre eigene Familiengeschichte (SZ).
Bizarre Komik des Zusammenlebens: "Sonne" In ihrem Debütfilm "Sonne" stellt sich KurdwinAyub die Frage "Hijab - ja oder nein". Die Turbulenzen, denen die österreichische Teenie-Komödie nachzieht, entwickeln sich aus einem Insta-Video. "Auf das klassische Sozialdrama, das hinter der Prämisse schlummert, lässt sich die Regisseurin" gar nicht erst ein, freut sich Karsten Munt im Perlentaucher. "Die klaren Demarkationslinien, an denen sich deutschsprachige (post)migrantische Filmerzählungen gerne ins Dramatische hangeln, werden gleich zu Beginn verwischt. ... Die Momentaufnahmen des Familienlebens fühlen sich nie wie Cliffnotes eines Integrationsdiskurses an, sondern lassen sich auf die bizarre Komik des täglichen Zusammenlebens ein."
"Wo ist hier der Konflikt der Zivilisationen", fragtWelt-Kritiker Hanns-Georg im Scherz. Dem Film geht es eher um "das Chaos der Zivilisationen. Des Erwachsenwerdens. Der sozialen Medien, die ihren Abhängigen einreden, sie könnten alles werden, heute dies und morgen das Gegenteil. So viele Vorbilder, so viel Geilheit, so viele Sehnsüchte. So viele Rollen, die gespielt werden wollen. Wie soll aus multiplen Alter Egos Identität entstehen?" So beschreibt der Film eben auch keine solche, sondern "eher deren Auflösung. Genauer: die Sehnsucht, in der anderen Kultur das zu finden, was man in der eigenen vermisst - und nicht fündig zu werden." Einen "enorm frischen, mitreißenden Film" sahSZ-Kritikerin Martina Knoben: "Eine herrliche Lust am Spiel mit den Möglichkeiten des Digitalen ist da zu sehen, mit Filtern und Apps, die Kussmünder zu Mandala-Blumen arrangieren oder die Gesichter der Mädchen in Tiergesichter verwandeln. 'Ich bin Teil der ersten Social Media-Generation', sagt die Regisseurin. 'Mit uns begann alles. Man konnte sein, was man wollte. Der Randbezirk Wien-Simmering hatte keine Grenzen mehr.'"
Überhaupt die Regisseurin: "Ich habe viele Geschichten gesehen, die entweder kitschig waren oder in denen die Charaktere etwas sehr Leidendes an sich hatten", erzählt sie im taz-Gespräch. "Da wird dann immer Mitleidgeneriert und das wollte ich verhindern. Ich wollte mal was Authentisches erzählen, etwas, wo Zuschauer*innen mit demselben Migrationshintergrund oder einem ähnlichen dasitzen und sich denken 'Ah, meine Familie ist genau so'."
Außerdem: In der SZ spricht MariaSchrader über ihren Film "She Said" über die Aufdeckung der Weinstein-Übergriffe. Dem Berliner Publikum legt Thomas Abeltshauser in der taz das FestivalAround the World in 14 Films ans Herz. Der Schauspieler JanJosefLieferserinnert sich in der Berliner Zeitung an seinen überraschend verstorbenen Kollegen TobiasLanghoff. Nachrufe auf die Schauspielerin ChristianeHörbiger schreiben Manuel Brug (Welt), Martin Lhotzky (FAZ) und Jürg Zbinden (NZZ).
Besprochen werden EmilyAtefs "Mehr denn je" mit VickyKrieps (Perlentaucher, critic.de, online nachgereicht von der FAS), ThomasStubers "Die stillen Trabanten" nach einer Vorlage von Clemens Meyer (taz), JeanineMeerapfels Dokumentarfilm "Eine Frau" über ihre Mutter (Freitag), ein ARD-Zweiteiler über das Leben von AliceSchwarzer (ZeitOnline, Welt, TA), GuillermodelToros "Pinocchio" (Standard, unsere Kritik hier), eine Pasolini-Ausstellung im Maxxi in Rom (Tsp), RolfOlsens auf BluRay erschienene Abenteuer-Reißer "Käptn Rauhbein aus St. Pauli" mit Curd Jürgens (eine "Ansammlung erzählerischer Unfassbarkeiten" bezeugt Robert Wagner auf critic.de), JunLees "Cloudy Mountain" (SZ) und die Serie "The Bastard Son & the Devil Himself" (Presse). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Südhemisphärischer Surrealismus: Albert Serras "Pacifiction" Standard-Kritiker Bert Rebhandl schwebt mit Albert Serras Dschungel- und Diplomatendrama "Pacifiction" im Kino-Himmel: "Das Vage ist die Domäne von Serra, er schafft mit 'Pacifiction' eine geradezu virtuoseVagheit, eine - so könnte man den Titel ja auch lesen - stillgelegte, ruhiggestellte Fiktionalität, mit der es für einen Plot nicht mehr so richtig reicht." Er "ist ein Eklektiker, der gern die Epochen durchlässig werden lässt und an alles zu glauben scheint, nur nicht an einen Fortschritt, auch an keinen dramaturgischen. Mit 'Pacifiction' führt er nun eine lange Traditionsspur von Erzählungen an ein Ende, in denen Menschen aus Europa oder Nordamerika irgendwo an der Peripherie des Weltgeschehens den Überblick verlieren oder gleich sich selbst. Großartig, wie Serra dabei einen ganz eigenen, maritim-südhemisphärischenSurrealismus entwickelt."
Lysann Windisch vom Arthaus-StreamingdienstMubi, der seine Eigenproduktionen regelmäßig auch im Kino auswertet und daneben eine Kinozeitschrift herausgibt, spricht im Tagesspiegel darüber, wie sich Streaming und Kino vereinen lässt. Eine Konkurrenz sieht sie im Fall von Mubi nicht, eher im Gegenteil sogar eine Symbiose: "Das Mubi-Publikum ist jünger als die klassische Arthouse-Klientel. Das Wort Programmkino hatte lange einen angestaubten Charakter, gerade in puncto Kundenansprache und Digitalisierung. Es ist unerlässlich, neue Zielgruppen für das Kino zu begeistern, jünger, cooler, ein bisschenedgy. Und dafür die entsprechenden Kanäle zu finden. ... . Der Appetit auf diese Filme ist ja vorhanden, man muss nur Angebote schaffen, die auch wahrgenommen werden. Darin sehe ich unsere Verantwortung als Verleih: Indem wir einen Film wie 'Memoria' von Apichatpong Weerasethakul auf die Leinwand bringen, öffnen wir den Blick für eine andere Art von Kino. Streaminganbieter und Kinobetreiber müssen sich künftig als Partner verstehen."
Weitere Artikel: Die österreichischeFilmbranche diskutiert, wie sie sich auf Vordermann bringen kann, berichtet Valerie Dirk im Standard. Der britische Boulevard sieht AaronTaylor-Johnson als nächstenBond, meldet Denise Jeitziner im Tagesanzeiger. Im StandardsprichtCarlaMarieLehner über ihre Arbeit als neue Leiterin des Internationalen Menschenrechtsfilmfestivals in Wien. Urs Bühler porträtiert in der NZZ den Schweizer Schauspieler MaxHubacher. KevinSpacey, seit MeToo-Vorwürfen weitgehend abgemeldet, dürfte demnächst wohl einen neuen Film drehen (auch wenn es sich wohl nur um eine Sprechrolle handelt), meldet David Steinitz in der SZ. In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem Schauspieler MandyPatinkin zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden EmreKayış' "Der anatolische Leopard" (taz), NathanFielders Dokuserie "The Rehearsals" (ZeitOnline) und ein ARD-Biopic über AliceSchwarzer (Welt).
Das Recht der Frauen auf ihren Körper: "Call Jane" Gerade jetzt, da in den USA dem Recht auf Abtreibung immer mehr Steine in den Weg gelegt werden, tut ein Film wie PhyllisNagys "Call Jane" not, findet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Der Film zeigt den Kampf der Frauen, die in den Sechzigern das Recht auf Abtreibung überhaupt erst erstritten haben. Aber anders als andere Filme zum Thema Abtreibung liegt der "Fokus nicht auf der Einsamkeit, der Gefährdung und Verzweiflung betroffener Frauen. Sondern auf der Solidargemeinschaft der denkbar unterschiedlichen Aktivistinnen, zu denen auch eine Nonne gehört. Die Rolle und die Macht der Kirche bei der Abtreibungsfrage wird gleichwohl nicht thematisiert. ... So verquer es klingen mag: Phyllis Nagy hat ein Feel-Good-Movie mit gehörigem human touch über ein kompliziertes, lange tabuisiertes Sujet gedreht." Doch "das macht nichts. Es kann gar nicht genug Publikumsfilme geben, gar nicht genug Popularität für das unverbrüchliche Recht der Frauen auf ihren Körper."
Besprochen werden EmilyAtefs "Mehr denn je" mit VickyKrieps (Zeit), TimBurtons Serie "Wednesday" (TA) und die Serie "The Bear" (54books).
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