Efeu - Die Kulturrundschau

Kaffee, bitte!

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2021. Die SZ schätzt seine heitere Maliziosität, die FAZ seine Tausendsassahaftigkeit: Sie und andere gratulieren Georg Stefan Troller zum Hundersten. Die taz weiß noch nicht, ob sie sich von einem Servierroboter anmiauen lassen möchte. Die FAZ lauscht klingenden Möbeln von Nevin Aladağ. Ansonsten ist es ein trauriger Dezembermorgen: Die taz trauert um Greg Tate, die FR um Robbie Shakespeare, die NZZ um Lina Wertmüller.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2021 finden Sie hier

Film

Stefan Troller 2011. Foto: Von Bodow - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Die Feuilletons feiern den großartigen Georg Stefan Troller, der heute in guter geistiger und körperlicher Gesundheit hundert Jahre alt wird. Radiomensch, Büchermensch, Filmmensch - er ist "ein sanfter Tausendsassa", schreibt Peter Stephan Jungk in der FAZ. "Er erinnert mich manchmal an Woody Allens Filmfigur Zelig, überall scheint er dabei gewesen zu sein, hat ungemein viele Stationen des politischen und gesellschaftlichen Lebens sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa miterlebt, begegnete Hunderten Prominenten, von Muhammad Ali über Édith Piaf, Paul Gauguin, Leonard Cohen, Peter Handke bis hin zu Juliette Gréco, Romy Schneider oder Audrey Hepburn."

Auf Marc Reichwein von der Welt wirkt Troller "heute wie ein Überlebender einer längst versunkenen TV-Epoche", dem einst "sensationelle 30-Minuten-Porträts" gelungen sind, auf die man in der Brache des heutigen Fernsehens so nicht mehr hoffen darf. Trollers "Pariser Journal" ist ein Klassiker in der Geschichte der TV-Magazine (der WDR zeigt eine vierstündige Hommage, die allerdings rabiat ins 16:9-Format gequetscht wurde), mit seiner Reihe "Hollywood Profile" drehte er ungewöhnliche, zwischen Nähe und Distanz changierende Porträts namhafter Filmschaffender (beim BR gibt es eine kleine Retrospektive) in seiner Reihe "Personenbeschreibung" schuf er einnehmende, hochkonzentrierte, dabei künstlerisch hoch stehende Porträts (wir verweisen gerne auf diesen faszinierenden Film über Thomas Brasch). Mehr Troller findet man in der ARD-Mediathek, in der BR-Mediathek, in der ARD-Audiothek und als graue Quelle gibt es natürlich immer Youtube.

Für die taz hat Ilja Richter eine Troller-Hommage collagiert. "Mein Paris sollte ein Gegenentwurf dazu sein", zitiert er ihn (oder legt er ihm das in den Mund?), "eine Kamera, die sich überall hin durchdrängte. Eine Realität, die nichts verleugnete oder versteckte. Dazu ein Text, der dem damals im Fernsehen üblichen geradezu ins Gesicht schlagen musste - feuilletonistisch, ironisch, kaustisch, selbstbezogen, weltmännisch. Mit anderen Worten - jüdisch." Willi Winkler schätzt in der SZ Trollers "heitere Maliziosität". Im Interview mit dem FAZ-Magazin blickt Troller nicht gerade optimistisch in die Zukunft: "Meine Vorstellung ist, dass die Geschichte sich in zwei Phasen abspielt. In der einen wollen die Menschen wissen, in der anderen wollen sie glauben." Und heute "sehnen sich die Menschen schon wieder nach Erlösung, nach Glaubendürfen, nach Hingabe. ... Ich fürchte auch, dass Biden nur eine vorübergehende Erscheinung ist, bis Trump wiederkommt und sich zum Diktator auf Lebenszeit ausruft."

Für die Jüdische Allgemeine spricht Sophie Albers Ben Chamo mit Troller über dessen Leben und die Erfahrung des aufbrandenden Antisemitismus im Wien der Zwanziger und Dreißiger und "die darauffolgende Emigration, die mir beibrachte, dass es auf mich nicht ankam, dass niemand besonders daran interessiert war, dass der Schorschi Troller überlebt, das war schon ein ganz schöner Antrieb, doch überleben zu wollen. ... Als ich in Dachau diese ganzen Toten herumliegen sah, suchte ich nach meinem Gesicht. Da hätte ich liegen können."

Lina Wertmüller. Foto: Augusto De Luca, Flickr, CC BY-SA 2.0
Die Autorenfilmerin Lina Wertmüller ist im Alter von 93 Jahren gestorben. "Ihre Sozialsatiren galten stets als überbordend, ihre Charaktere als überzeichnet, ihre feministische Perspektive als problematisch", schreibt Marisa Buovolo in der NZZ: Insbesondere ihre in den Siebzigern entstandenen Filme "setzten mit originellem Hang zum Verzerrten die untergehende mediterran-machistische Gesellschaft in Szene." Der lange Arm des Neorealismus, als lange Zeit einzig legitime Spielart des italienischen Kinos, wurde ihr, die in den Siebzigern eine Weile sehr gefeiert wurde, zum Verhängnis, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ: Sie wurde wegen dessen "kritischer Dogmatik" nur "selten wirklich geschätzt. ... 'Chaos' nannte sie einmal als einen Schlüsselbegriff für ihr Leben wie für ihre Arbeit. Sie hielt deswegen auch nichts von den strengen ideologischen Ableitungen, denen die Kunst in ihrer Zeit unterworfen wurde." So ist "ihr Kino ist lebendig und pragmatisch in jeder Hinsicht."

Sie war außerdem die erste Regisseurin, die für einen Oscar nominiert war und wurde damit zur "Gleichstellungsikone", schreibt Andrey Arnold in der Presse: "Das Leben der Menschen im ärmeren italienischen Süden und die Absurditäten des Politischen blieben zeit ihres Lebens Gegenstand von Wertmüllers Schaffen." Ihre Drehbücher sprühten vor Fantasie, schreibt Peter von Becker im Tagesspiegel. Weitere Nachrufe schreiben Fritz Göttler (SZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt).

Weitere Artikel: In der FR ärgert sich Marc Hairapetian, dass das ZDF den TV-Klassiker "Der Seewolf" zum 50-jährigen Jubiläum nicht etwa ins Hauptprogramm hebt, sondern in der Digitalnische ZDFNeo versenkt, wo dann zu allem Unglück auch noch bloß eine völlig zusammengekürzte Version gezeigt wird.

Besprochen werden Steven Spielbergs Remake von "West Side Story" (Zeit, mehr dazu hier), die Fortsetzung des Serienklassikers "Sex and the City" (ZeitOnline, FAZ), Salomé Jashis "Taming the Garden" (NZZ) und Nora Fingscheidts Netflix-Thriller "The Unforgivable" mit Sandra Bullock (Standard, FAZ).
Archiv: Film

Literatur

In den Actionszenen der Weltliteratur erinnert Matthias Heine daran, wie der Barockpoet Quirinius Kuhlmann auf dem Scheiterhaufen landete.

Besprochen werden unter anderem Marieke Lucas Rijnevelds "Mein kleines Prachttier" (NZZ), ein zweisprachige Ausgabe der Gedichte von Archilochos (online nachgereicht von der FAZ) und Hugh Aldersey-Williams' Biografie über den Naturwissenschaftler Christiaan Huygens (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Der Bellabot bei der Arbeit. Foto: Pudu


In der taz bestaunt Adrian Lobe den selbstfahrenden chinesischen Servierroboter Bella, der in der Gastronomie, Krankenhäusern, Büros und Kantinen eingesetzt werden soll. Fragt dann aber streng: "Warum hat der Bot, der als 'miauende Robo-Kellnerin' tituliert wurde, einen weiblichen Namen? Und warum ist er nach einer Katze modelliert? Warum werden über das Design Stereotype produziert und Männerfantasien bedient - die weibliche Bedienung als schnurrendes Kätzlein, das per Knopfdruck Bier auf den Tisch stellt?" Das sind total eurozentrische Fragen, lernt er im Gespräch mit dem Maschinenethiker Oliver Bendel: "In asiatischen Ländern gebe man Robotern gerne eine Tiergestalt, so Bendel", das mache sie sympathischer. Kaffee, bitte!
Anzeige
Archiv: Design
Stichwörter: Servierroboter, Roboter

Musik

Der Musiker und Kritiker Greg Tate ist tot. Diedrich Diederichsen erinnert sich in der taz an Begegnungen mit ihm. Zu verabschieden ist ein "Chronist der Schwarzen Avantgarde", wie erste Nachrufe Tate titulierten: "Weder auf HipHop noch auf Musik hat er sich beschränkt. ... Vor allem aber hatte Tate eine einzigartige, unvergessliche Schriftstimme: Man erkannte seinen Ton auf Anhieb, er schrieb einen aus seiner Idee von Jazz-Vernacular, ungebremstem Rap-Einfallsreichtum, radikaler politischer und postmodern-theoretischer Sprache zusammengebrauten verführerischen Mix, bei dem Behauptung und Beschreibung, freundliche Pointenüberraschungen und nicht weniger freundlich daherkommende Sarkasmen, ja Beleidigungen, sich in verführerischer Dichte abwechselten." Im Gespräch mit Dlf Kultur würdigt Klaus Walter Greg Tate als einen der wichtigsten Denker der USA.

Der Reggae-Bassist Robbie Shakespeare ist tot. Als Hälfte des Duos Sly & Robbie war er ziemlich wirkmächtig: Sein "unverwechselbares Bassspiel ist charakteristisch für ganz viele Musikstile der frühen achtziger Jahre", schreibt Harry Nutt in der FR. Unter anderem Grace Jones, Bob Marley, Bob Dylan, die Stones, Madonna, Joe Cocker und viele anderen nahmen seine Dienste gerne in Anspruch. Auf rund 1.800 Veröffentlichungen taucht Robbie Shakespeare in den Credits auf, hat Karl Fluch vom Standard nachgezählt. Die beiden Musiker "bildeten in den Compass Studios auf den Bahamas eine Reggae-Keimzelle der internationalen Popmusik", schreibt Jan Wiele in der FAZ. "Aber auch als eigene Künstler haben Sly und Robbie Maßstäbe gesetzt, indem sich sich etwa der Dancefloor-Musik öffneten und auch diese mit prägten." 1981 machte ein Rockpalast-Konzert von Black Uhuru Sly & Robbie dem deutschen Publikum bekannt.



Außerdem: Nicholas Potter schreibt in der Jungle World, wie zum Beispiel das Berghain auf die neuen Pandemieverordnungen für Clubs reagiert. In der NMZ gibt uns Moritz Eggert Steigbügelhilfe zum Verständnis Neuer Musik. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über die Frage nach der Liebe, wie sie der Pop der Achtziger gestellt hat.

Besprochen werden Herwig Zamerniks gemeinsam mit den Swingin' Rebels aufgenommenes Album "Endlich Vernunft" (Standard) und das neue Album "The Time of Foxgloves" der Folklegende Michael Hurley (Pitchfork). Hier die erste Single des Albums:


Archiv: Musik

Bühne

In der NZZ annonciert Lilo Weber die Show "50 Years", die das Theater Mummenschanz zur Feier seines fünfzigjährigen Bestehens plant. Die nachtkritik informiert über ihre Erweiterung als digitale Bühne. Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit Martina Droste, Leiterin des Jungen Schauspiels in Frankfurt, über deren Arbeit mit Jugendlichen,

Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung des "King Lear" am Schauspielhaus Bochum (NZZ) und Jesús Rubio Gamos Choreografie "Gran Bolero" im Staatstheater Darmstadt (FR).
Archiv: Bühne

Kunst

Wie klingt ein Stuhl? Stefan Trinks (FAZ) lernt es beim Besuch der Münchner Villa Stuck, die die  klingenden Möbel der Künstlerin Nevin Aladağ ausstellt. Dort entdeckt er "erst beim zweiten Hinsehen die 'Zutaten' Aladağs in der Tiefe des Raums: Dort stehen diverse harfenbespannte Möbel wie der tönende Stuhl aus dem einstigen 'Istanbul Music Room' von 2014, der als organisch geschwungenes Bugholzgebilde ohnehin schon eine Art Menschengestalt besitzt; um ihn zum Tönen zu bringen, müsste man nur noch eine Jacke über seine saitenbespannte Lehne werfen. Auch Aladağs 'Athens Chair' daneben, den sie für die letzte Documenta 2017 in Athen als Komplementär zu Kassel baute, bleibt nicht stumm. Die nach Designikonen wie dem 'Barcelona Chair' Mies van der Rohes klingende Bezeichnung 'Athens Chair' im Ohr, kann der Betrachter fast nicht anders, als sich vorzustellen, wie wohl das Hineinfläzen in den mit Harfensaiten aufgetakelten Stuhl-Hybrid klingen würde."

Besprochen werden außerdem die "Easy Rider Road Show" über das "Fahrrad als Utopie" im Märkischen Museum Berlin (FAZ) und die Ausstellung "Beuys & Duchamp. Künstler der Zukunft" im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Aladag, Nevin, Villa Stuck