Der Größte: Ennio Morricone "Er ist der größte Filmkomponist", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz über EnnioMorricone. Den Anlass dazu bietet ihm GiuseppeTornatores diese Woche in den Kinos startender Porträtfilm, der die wichtigsten Stationen im Leben des italienischen Maestros abgeht - und mit ihm auch der taz-Kritiker. An Lob, Einsichten, Filmausschnitten und Höreindrücken herrscht kein Mangel, doch "was der Film weniger gut löst, ist der Einsatz von sprechenden Köpfen. Diese sagen nicht immer Notwendiges. Manches ist verplaudert, vieles erschlägt einen mit dem stetigen Betonen von Morricones Ausnahmestatus. Das wird eigentlich so schon deutlich. ... Am Ende ist es etwas viel der Hagiografie. Ein so großer Musiker wie Morricone hätte Besseres verdient." Crescendospricht mit Tornatore über seinen Film.
Der Geheimnisvollste: EO JerzySkolimowskis Eselfilm "EO" ist ein loses Remake von RobertBressons "Au Hasard Balthazar" (mehr dazu bereits hier). Wie im Vorbild auch verfolgen wir einen stoischen Esel auf seinem Lebensweg zwischen Zuneigung und Pein. "Skolimowskis Film eröffnet vor allem eine Möglichkeit", schreibt Peter Körte online nachgereicht in der FAS: "einem nicht-menschlichen Protagonisten durch eine Handlung zu folgen, ohne an seiner Mimik und Gestik ablesen zu können, wie er sie erlebt. Er erfährt Gewalt, Freundlichkeit, Zuwendung, Gleichgültigkeit. Wäre er ein Mensch, ordnete man ihm Motive, Gefühle, eine Haltung zur Welt zu. Welchen Reim sich EO auf die Welt macht, bleibt ein Rätsel. Skolimowski belässt es bei der Spekulation, dass auch ein Esel sich nach der Person sehnt, die gut zu ihm war. EO ist einer der geheimnisvollsten Helden der Kinogeschichte."
Weitere Artikel: Claudia Mäder fragt sich in der NZZ, ob MichaelKochs auch hierzulande sehr positiv besprochenes Schweizer Bergdrama "Drei Winter" heute den Sprung aus der Oscar-Vorauswahl zur Oscar-Nominierung schaffen wird. Manuel Brug quält sich für die Welt durch den Stapel von neuen Sisi-Filmen und -Serien, die von den Streamingdiensten in Hülle und Fülle angeboten werden. JamesCameron hat wissenschaftlich untersuchen lassen, ob LeonardoDiCaprios Figur am Ende von "Titanic" wirklich hätte sterben müssen, meldet Pascal Blum im Tagesanzeiger. Und der Guardianmeldet, dass der britische Regisseur MikeHodges ("Get Carter", "Flash Gordon") gestorben ist.
Besprochen werden XavierGiannolis Neuverfilmung von Balzacs "Verlorene Illusionen" (ZeitOnline, Tsp), TimBurtons Serie "Wednesday" (NZZ), eine Berliner Ausstellung über 100 Jahre "Nosferatu" (taz), GrahamHamocksNetflix-Eiszeit-Dokuserie "Ancient Apocalypse", die Tagesspiegel-Kritiker Uwe Ebbinghaus für historisch völlig haarsträubend hält, die neue Staffel von "Emily in Paris" (Presse) und die neue Staffel von "Tom Clancy's Jack Ryan" (Tsp).
Andreas Scheiner nimmt die Pleite eines Zürcher Kinos zum Anlass, in der NZZ über die Kinokrise allgemein nachzudenken und deren Ursachen zu erforschen. Dabei stößt er auch mit Blick auf Deutschland auf ein kaum entwirrbares Paradox: Immer mehr Filme haben zwar einen Kinostart, aber immer weniger Publikum kommt auch in die Säle - und die interessantesten Filme landen oft von vornherein via Streaming im Heimkino. Wer das zu entwirren sucht, "landet in einem Dickicht von Vertriebsförderreglementen, hört auch amüsante Geschichten über knausrigeStudios, die nicht an die eigenen Titel glauben. Der Filmfan muss jedenfalls daheim bleiben. Wenn er etwa den neuen Noah Baumbach sehen will. ... Selbst wenn ihnen Netflix nicht ins Geschäft pfuscht, bringen die Verleihfirmen nicht unbedingt die publikumswirksamsten Filme in die Kinos. Sondern jene, für die sie Förderung beantragen können. Amerikanische Mittelklasseproduktionen fallen durchs Raster. Und stattdessen kommen Nischenfilme zum Zug, in denen bereits europäische Produktionsgelder stecken."
Außerdem: Susanne Lenz spricht in der Berliner Zeitung mit der Schauspielerin NinaKunzendorf über die RTL-Serie "Haus der Träume" und das AlterninderFilmbranche. Im Standardempfiehlt Valerie Dirk die Wiener Filmschau "Cinema Royal" über Königshäuser in der Filmgeschichte. Das E.T.-Originalmodell ist für 2,4 Millionen Dollar versteigert worden, meldet Philipp Bovermann in der SZ. Besprochen wird CharlotteWells "Aftersun" (ZeitOnline).
Und: Die Berlinale lässt sich künftig von Uber sponsoren, meldet unter anderem der Tagesspiegel. Die Taxifahrer Berlins bedanken sich.
Die iranische Schauspielerin TaranehAlidoosti ist vom Teheraner Regime festgenommen worden. Man kennt sie unter anderem aus Filmen von AsgharFarhadi, in ihrem Land gilt sie als Kino-Ikone, schreibt Tomas Avenarius in der SZ. Das hat sie vor dem Zugriff der Mullahs nicht geschützt: Wegen ihrer anhaltenden Kritik an Irans Führung sitzt sie nun im Evin-Gefängnis und sieht einer mehrjährigenHaftstrafe entgegen. "Die Justiz wirft ihr vor, 'zum Chaos' angestiftet zu haben mit 'nicht belegten Bemerkungen über jüngste Ereignisse' und mit der 'Veröffentlichung provokanten Materials'. Was mit dem kruden Gestammel der Schergen des Mullah-Systems gemeint ist? Die Schauspielerin hatte die Hinrichtung eines jungen Mannes angeprangert, der wegen der Proteste nach dem Tod der 22 Jahre alten Mahsa Amini verurteilt worden war. Das Regime werde irgendwann für die ihm eigene Brutalität den Preis bezahlen müssen, hatte sie dem Sinn nach gepostet. ... Es wird das Regime kaum beeindrucken, dass sich eine ganze Reihe bekannter Schauspieler, Regisseure und andere Kino-Leute und Künstler nach der Verhaftung vor dem Evin-Gefängnis versammelten, um auf das Schicksal von Taraneh Alidoosti hinzuweisen. Im Gegenteil, auch diese Künstler riskieren ihre Freiheit."
Außerdem: Max Florian Kühlem erzählt in der Berliner Zeitung die Geschichte des Hollywoodproduzenten CarlLaemmle. In seiner Serienkolumne für die Zeitblickt Matthias Kalle auf "Weeds" zurück. Besprochen werden StepanBurnashevs und DmitriiDavydovs "Sibirisch für Anfänger" (SZ), Guillermo del Toros "Pinocchio" (Welt), die Berliner Ausstellung zu "100 Jahre Nosferatu" (BLZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "The Patient" (BLZ).
Schau mir in die Augen, Kleines: "EO" (Rapid Eye Movies) Mit seinem Eselfilm "EO" hat JerzySkolimowksi auch eine Hommage an RobertBressons Eselklassiker "Au hazard Balthasar" gedreht, erzählt der polnische Auteur im taz-Gespräch. Der Esel ist der ultimative Laienspieler, sagt er: "Ich wusste, egal was der Esel machen sollte, er würde es als Realität begreifen. ... Ich habe versucht, so viel Zeit wie möglich mit dem jeweiligen Esel allein zu verbringen. Nur wir zwei Kreaturen. Immer wenn meine Crew in der Mittagspause war oder umgebaut hat, habe ich mich mit dem Esel beschäftigt, im Stall oder wo er sonst stand. Ich habe ihn gestreichelt und umarmt, ihn angefasst und ihm in zärtlichem Ton Worte zugeflüstert, die er natürlich nicht verstand. Aber ihm war klar, dass meine Stimme freundlich ist, dass ich etwas Nettes ausdrücke, dass ich gern mit ihm zusammen bin. Ich habe den Esel wie ein Haustier behandelt - und konnte so mit ihm etwas schaffen, was ich für mich 'Koexistenz' nennen möchte, die Koexistenz zweier lebender Organismen, zweier Entitäten aus verschiedenen Welten."
Beim FilmfestivalHavannazeigt sich Geri Krebs von der NZZ die ganze Misere Kubas - und dies nicht etwa in den Filmen, sondern schon in der Moderation der Komikerin AndreaDoimeadiós, die "gleich zu Beginn für Lacher sorgt, als sie erklärt, sie sei in Kuba wohl die einzige Schauspielerin ihrer Generation, die bleiben wolle. ... Die Moderatorin wird noch angriffiger. Etwa, als sie mit betont leiserer Stimme die politische Prominenz im Saal erwähnt: den Kulturminister, die stellvertretende Kulturministerin und den Chef des Departements für Ideologie im Zentralkomitee der kommunistischen Partei Kubas. 'Ich habe mich schon oft gefragt, worüber man in diesem Departement wohl spricht', fügt sie an, und der Saal bebt vor Lachen. Als sie daraufhin die zwei Produzenten des argentinischen Eröffnungsfilms, 'Argentina, 1985', auf die Bühne bittet, erklärt sie, die beiden seien übrigens nicht vom Departement für Ideologie im Zentralkomitee der kommunistischen Partei Kubas. Eine derartige VerulkungderHerrschenden, und erst noch in ihrer Anwesenheit, hat es so an einer öffentlichen Veranstaltung in Kuba noch nie gegeben. 'Vielleicht wundern Sie sich, dass ich das hier so moderiere', sagt Andrea Doimeadiós. 'Aber ich finde, wir sollten unsere Angst verlieren.'"
Weitere Artikel: Die Allianz deutscher Filmproduzenten fordert aufgrund desaströser Zuschauerzahlen die Verlängerung des Ausfallschirms des Bundes und eine höhere Kostenbeteiligung von Sendern und Streamern, meldet Jörg Seewald in der FAZ. In der NZZtrauert Nadine A. Brügger um die goldene Zeit der Weihnachtsfilme. Besprochen werden JamesCamerons "Avatar Zwo" (Filmfilter), Alejandro González Iñárritus auf Netflix gezeigter Film "Bardo" (Standard), das Sky-Biopic "Der Kaiser" über FranzBeckenbauer (ZeitOnline), die Netflix-Dokuserie "Harry und Meghan" (taz) und MichaelKochs Schweizer Bergdrama "Drei Winter" (SZ).
Im Artechock-Kommentar kommt ein ziemlich zornig wirkender Rüdiger Suchsland nochmal auf die nach einer internationalen Filmkritikerumfrage erstellten Sight & Sound-Liste mit den hundert besten Filmen zu sprechen, an deren Spitze nun überraschend ChantalAkermans "Jeanne Dielman" (derzeit beim Kino Arsenal im günstigen Stream) an der Spitze steht (unsere Resümees). Akerman hält er zwar für "eine der Größten, Besten", doch habe diese Entscheidung nichts mit einem neuen Interesse an Akerman, sondern "einzig und allein mit der leider von allzu vielen Menschen geteilten ideologischen Agenda zu tun, nach der jetzt gefälligst eine Frau ausgezeichnet werden muss. Die daraus folgende falsche Entscheidung zerstört geradezu das, was an der vielleicht immer schon ein bisschen hirnrissigen Umfrage und Vorstellung vom 'besten Film aller Zeiten' bislang interessant war: das Interesse für Geschmack und Ästhetik. Offensichtlich interessieren sich heute allzu viele Leute nicht mehr für Geschmack und Ästhetik, sondern für die Politisierung von beidem. Dies führt nicht zu einem besseren Geschmack und einer anderen Ästhetik, sondern es führt zur Verabschiedung dieser Kategorien beziehungsweise auf lange Sicht zu ihrer Neuformatierung unter anderen Begriffen und den anderen Formen. ... Vielleicht ist das ein Triumph für das 'Frauenkino'. Aber eben nicht für das Kino. Und es ist dieses Kino, nicht das 'Frauenkino', das Chantal Akerman interessiert hat. Jetzt wird sie instrumentalisiert." Wobei ja doch die Frage bleibt: Wenn es einfach eine Frau sein sollte, warum dann Akerman und nicht eine andere?
Außerdem: In der Berliner Zeitunglegt der Öko-Philosoph Michael Marder in einer eher etwas vom Überbau aus zurecht gebogen wirkenden Interpretation dar, warum hinter der niedlichen Maske des neuen Disney-Animationsfilm "Stranger Worlds" die Fratze des Faschismus lauert: weil sich der Film eher auf die Seite der Fauna als der Flora schlägt. Nach Zelda Biller (unser Resümee) ärgert sich auch Andreas Scheiner in der NZZ über Darin Sallams von Netflix gestreamten Film "Farha", den er einfach antisemitisch findet.
Besprochen werden Charlotte Wells' Sommerfilm "Aftersun" (Tsp., Standard), JamesCamerons "Avatar 2" (Artechock, unsere Kritik hier), die Sky-Miniserie "Die Wespe" (taz, FAZ), XavierGiannolis Balzac-Adaption "Verlorene Illusionen" (Freitag), IsakiLacuestas "Frieden, Liebe und Death Metal" über die traumatischen Nachwirkungen des Bataclan-Anschlags (Tsp), die Ausstellung "Premierenfieber" im Historischen Museum Hannover (in der taz-Kritiker Wilfried Hippen lernt, dass Hannover einst Deutschlands Kinometropole war) und Emmanuel Courcols Theaterfilm "Ein Triumph" über fünf Häftlinge, die Becketts "Warten auf Godot" einstudieren (FAZ).
Einnehmende Intimität: "Nightsongs" von Marva Nabili Wer in Berlin ist, sollte sich die Möglichkeit nicht entgehen lässt, in der Filmreihe "Women Make Films" des Kino Arsenals die Filme von MarvaNabili kennenzulernen, schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher. Nur zwei konnte die iranische Regisseurin überhaupt drehen: "Solitäre eines Filmschaffens, das seine Themen von vornherein gefunden hatte". Der eine, "Versiegelte Erde", entstand mit spärlichen Mitteln in ihrer Heimat ("alles wird umhüllt von der Harmonie der Farben und der Wärme des Lichts"), der andere, "Nightsongs", im Exil in den USA. Darin "verarbeitet Nabili eine zweifache Entfremdung, die des Exils und der Ausbeutung. Sie zeichnet das einfühlsame Porträt einer chinesischen Einwandererfamilie, die bescheiden in einer beengten Wohnung in New Yorks Chinatown lebt ... Wie selbstverständlich nimmt die Familie noch eine junge Cousine auf, die mit den anderen chinesischen Boatpeople aus Vietnam geflohen ist, eine gebildete Frau aus vornehmer Familie, völlig ungeeignet für die Arbeit in der Nähfabrik. Sie bringt chinesischePoesie mit, die sich aus dem Off über den Film legt. Ihre Stille und ihre Zartheit geben dem Film eine einnehmende Intimität."
ZeldaBiller, die nach Tel Aviv ausgewandert ist, fällt aus allen Wolken: "Der schlechteste Film, den ich bisher gesehen habe, heißt 'Farha', läuft seit zwei Wochen auf Netflix und ist nichts anderes als antiisraelischerPropaganda-Kitsch", der in Israel mal wieder die Nazis von heute imaginiert, schreibt sie in ihrem in der NZZ veröffentlichten Briefwechsel mit Dana Vowinckel: 'Dass der Film der jordanischen Regisseurin Sallam in Israel zum Politikum werden würde, war vorhersehbar. Der Finanzminister Lieberman will, dass das Kino in Jaffa, das 'Farha' vor zwei Wochen gezeigt hat, nicht mehr staatlich gefördert wird, und auf Instagram verkünden israelische Influencer, dass sie ihr Netflix-Abo gekündigt haben."
Der Filmdienstspricht mit IsakiLacuesta über dessen (in SZ und tazbesprochenes) Trauma-Drama "Frieden, Liebe und Death Metal". Der Film schildert das Jahr einiger Überlebender nach dem Bataclan-Anschlag. Entsprechend spricht Lacuesta viel über Traumabewältigung: "Im Film geht es um Trauer und um posttraumatischen Stress, aber es war mir wichtig, dass der Film voller Gefühle, Musik und Farbe ist. Es ist ein Liebesfilm über zwei Personen, die darum kämpfen weiterzumachen. Und auch darum, weiterhin auf Rock-Konzerte gehen zu können, weil sie die Musik und die Poesie in ihrem Leben nicht verlieren wollen. Das Hauptthema des Films ist dieses 'Nicht aufgeben'. Als ich nach langer Zeit des Pandemie-Lockdowns endlich wieder auf einem Konzert war, habe ich das selbst gespürt, dieses Gefühl kollektiver Katharsis. Das geht rauf und runter, von der Euphorie zur Trauer, wenn plötzlich von toten Freunden und schrecklichen Erlebnissen erzählt wird."
Außerdem: Kira Taszman hat für critic.de ein Gespräch mit dem Schauspieler PascalGreggory geführt, der aktuell in MiaHansen-Løves "An einem schönen Morgen" (unsere Kritik) zu sehen ist. Dominik Kamalzadeh plaudert im Standard mit JamesCameron über dessen neuen "Avatar"-Film (mehr dazu hier).
Besprochen werden CharlotteWells' "Aftersun" (SZ), MichaelKochs Schweizer Oscarkandidat "Drei Winter" (taz, Tsp) und die Netflix-Dokuserie "Harry & Meghan" (Welt). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, ärgert sich in einem großen Filmdienst-Essay mächtig über MonikaGrütters und ClaudiaRoth: Die amtierende Kulturministerin und ihre Vorgängerin verschleppten das nötige Update der Filmförderung und vergeudeten damit wertvolle Zeit, gerade so als gäbe es keine Kinokrise: "Die Umdeutung von wirtschaftlichem Unvermögen in kulturelle Relevanz hat nun volle Fahrt aufgenommen. Niemals war so viel von 'Filmkunst' und 'Kinokultur' die Rede wie heute, seit davon kaum mehr etwas übrig ist. Die Frage, was kulturell relevant ist und wie man es ausweisen müsste, darf selbstverständlich nicht beantwortet werden, denn die Antwort wäre systemgefährdend. Bessere Filme braucht und will hier keiner, könnte auch keiner herstellen, keiner erkennen. ... Die Kinowirtschaft in Deutschland macht ihre Geschäfte sowieso nicht mit deutschen Filmen, aller patriotischen Sonntagsreden zum Trotz, die unentwegt auf uns niedergehen. 'Top Gun: Maverick', Aufguss eines Films von 1986, ist derzeit Maßstab und Hit. Das hält diese Bande nicht davon ab, unverfroren auf Förderentscheidungen Einfluss nehmen zu wollen, damit Filme, die ihnen nicht passen, 'so früh wie möglich aus der Förderung verschwinden'. So weit kommt's noch, dass die Kinowirtschaft bestimmt, was gefördert wird." Natürlich unter Wasser: "Avatar - The Way of the Water" Ziemlich viel Geld verdient hat die Kinowirtschaft vor dreizehn Jahren mit JamesCamerons 3D-Pionierfilm "Avatar", dessen Fortsetzung nun wider Erwarten doch noch in die Kinos kommt. Das nahezu vollständig mit CGI und Motion-Capturing-Verfahren produzierte Bombast-Vehikel setzt effekttechnische Standards, staunttazlerin Barbara Schweizerhof insbesondere über die weiten Strecken, die der Film unter Wasser spielt: "Von den Meerestieren, den Pflanzen, den Wellen und Strömungen bis hin zu den einzelnen Tropfen auf den Gesichtern und Haaren der Helden und Heldinnen fließt, schwimmt und taucht alles mit einer visuellen Selbstverständlichkeit, die förmlich in die Leinwand hineinzieht." Große Begeisterung auch bei Perlentaucher Nicolai Bühnemann: "Dass 'Avatar - The Way of Water' das Meisterwerk geworden ist, das der Vorgänger gerne gewesen wäre, liegt an der emotionalen Wucht des Films, aber auch daran, dass Cameron den Ethno-Kitsch, an dem auch diesmal kein Mangel herrscht, mit einer atemberaubenden Gemeinheit konterkariert, die sich zuerst gegen die walartigen Wesen, dann gegen das Publikum selbst richtet." Auch SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand findet: "Nie hat die Interaktion von Haut, WasserundLeder überzeugender ausgesehen", allerdings hätte sie dem Treiben "ein originelleres Drehbuch" gewünscht. Satt kommt Presse-Kritiker Andrey Arnold aus dem Kino: "Während geringere Attraktionsdrechsler uns dreist nährstoffarme Grütze ins Gesicht klatschen, serviert Cameron ein reichhaltiges, vollwertigesMahl."
Jan Küveler würdigt Cameron in der Welt als großen Antriebsmotor des Blockbusterkinos, der immer einen noch aufwändigeren und gigantischeren Film drehen muss. "Die untergründige Botschaft des Films ist wie gemacht für Grüne und die 'Letzte Generation': Menschliche Spitzentechnologie und terraformerische Ambition muss sich tribalistischemGemeinschaftsgeist und den SelbstheilungskräftenderNatur notwendig geschlagen geben. Angesichts des enormen technischen Aufwands" wirkt dies auf Küveler aber "etwasheuchlerisch." Das denkt sich auch Andreas Scheiner in der NZZ.
Dietmar Dath von der FAZ deutet den übergroßen Film vom Kleinklein der sozialen Zumutungen im Alltag der Benachteiligten her, die zur Ertragsmaximierung fortlaufend quantifiziert und optimiert werden: "Ob das Ding damit alle Kassen knackt oder in einem Floploch versinkt, hängt freilich davon ab, ob es noch genügend Zahlungswillige gibt, die außerhalb der zermürbenden Tortur zwischen Langeweile und Hektik, Überstunden und Arbeitslosigkeit, die wir 'Gegenwart' nennen, noch die Kraft zum Mitfantasieren besitzen. Näheres dazu in den Wirtschaftsnachrichten."
Außerdem: Helmut Hartung berichtet in der FAZ vom anhaltenden Gewerkschaftsstreit zwischen dem Bundesverband Regie und Netflix. Besprochen werden MichaelKochs Schweizer Oscarkandidat "Drei Winter" (Zeit), die Gangsterserie "The Offer" (ZeitOnline) und die auf Disney+ gezeigte True-Crime-Serie "Mord im Auftrag Gottes" (taz).
Von der 3D-Revolution, die JamesCameron vor 13 Jahren mit "Avatar" ausgerufen hatte, ist im wesentlichen nur Schutt und Asche geblieben, merkt Hanns-Georg Rodek (online nachgereicht von der Welt) zum anstehenden Kinostart des seit Jahren angekündigten Sequels an "und vielleicht ist der Stoff, der einst den 3D-Hype auslöste, nun auch sein Schwanengesang". Isabella Caldart wirft für die taz einen Blick ins Angebot von Paramount+, originellerweise ein weiterer Film- und Serienstreamer, von denen es bekanntlich nicht genug geben kann. Philipp Bovermann meldet in der SZ die Nominierungen für die Golden Globes. Und übrigens: Das Berliner Kino Arsenal hat nun ChantalAkermans eben von Filmkritikern als besten Film aller Zeit ausgerufenen Klassiker "Jeanne Dielman" zum schmalen Preis im Streaming-Angebot.
Ich kotz' Dich zu mit meinem Gold: "Triangle of Sadness" Am Samstag wurde in Island bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises RubenÖstlunds Kapitalismus-Groteske "Triangle of Sadness" (unsere Kritik) als bester Film des Jahres ausgezeichnet und auch in fast allen anderen wichtigen Kategorien mit Preisen überhäuft. Eigentlich ist dieser Film "tatsächlich fast schon zu groß für das europäische Kino", findet Andreas Busche im Tagesspiegel, aber andererseits muss er auch dem Produzenten beipflichten, dass der Film eben auch "das perfekte Beispiel für klassischesAutorenkino, das auf der Vision seines Regisseurs beruht" sei. "Dies sei, so die implizite Botschaft, die einzige Chance des europäischen Kinos gegen die Übermacht der US-Filmindustrie und der Streaminganbieter."
Noch weiter geht Hanns-Georg Rodek in der Welt: Es bräuchte einen Marshall-PlanfürseuropäischeAutorenkino, das vom post-pandemisch niedrigen Publikumszuspruch und der Übermacht der Streamingdienste derzeit geradezu zerrieben werde. Doch "die Brüsseler Kommission gibt zwar Geld für alle möglichen Filmzwecke, ist aber viel zu sehr der marktwirtschaftlichenIdeologie verhaftet, sprich: Was ihr beim Schutz der europäischen Stahlindustrie oder Agrarwirtschaft vor unlauterem Wettbewerb durchaus einleuchtet, hat sich im Bereich der Kulturindustrien in ihrem Denken und Handeln noch nicht durchgesetzt. Es braucht also eine andere Institution, die bereit ist, eine Führungsrolle zu übernehmen, und die EuropäischeFilmakademie scheint sie übernehmen zu wollen."
Außerdem: Matthias Kalle wirft für die Zeit einen Blick zurück auf die Serie "The Office" im Lichte des heute diskutierten Begriffs "QuietQuitting". Besprochen werden NoahBaumbachs Verfilmung von DonDeLillosRoman "Weißes Rauschen" mit AdamDriver und GretaGerwig (Standard) und AntoineFuquas Sklavereidrama "Emancipation" mit WillSmith (NZZ, mehr dazu hier).
Einer der schönsten Filme: "Farewell to the Summer Light" von Yoshishige Yoshida Auf FacebooktrauertSZ-Kritiker Philipp Stadelmaier um den japanischen Autorenfilmer YoshishigeYoshida, einem im westlichen Ausland nicht ganz so bekannt gewordenen Regisseur der japanischen Neuen Welle: "Seine Filme bestehen nur aus Mise en scène, einem akzentuierten Stil, der das, was zerbrochen ist, verdichtet. Nicht, um Logik herzustellen, sondern um das Zersplitterte als Zersplittertes zusammenzuhalten. Diese Filme kultivieren das Nichts, die Leere, auf ruhige, intelligente, elegante Art. Sie sind raffiniert. Sehr fein. Ultrafein. "Farewell to the Summer Light" (1968) und "Akitsu Onsen" (1962) gehören zu den schönsten Filmen, die ich kenne." Seine "Hauptthemen: die Dekonstruktion aller Verwandtschaftsbeziehungen, der sexuellen Reproduktion, der Familie, der Ehe und der Revolution." Er "ist ebenso von Derrida beeinflusst wie von Godard, Resnais oder Duchamp." Das Filmmagazin MidnightEye hat vor einigen Jahren ein langes Gespräch mit Yoshida geführt.
Heute wird der EuropäischeFilmpreis verliehen. Es ist eine Verleihung im Zeichen der Krise, nicht zuletzt der Krise Europas, kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Die demonstrative Solidarität mit der Ukraine ist gut, der Totalausschluss russischer Filme, der auch Filme von Putinkritikern umfasst, geht ihr allerdings zu weit. "Filme über die Krise für Kinos in der Krise, so ließe sich die aktuelle Lage zusammenfassen." Nominiert sind vor allem Filme, die schon auf den großen Festivals Preise abstaubten. Diese Beschränkung zeige "auch: Es hapert mit der Sichtbarkeit, Europa bleibt zersplittert."
Außerdem: Im Kino sind immer mehr schwarze, weiblicheHeldenfiguren zu sehen, freut sich Jenni Zylka in der taz. Bert Rebhandl porträtiert im Standard die Filmemacherin MariaSchrader, mit der er auch für den Tipgesprochen hat. Valerie Dirk spricht im Standard mit der Regisseurin YngvilSveFlikke über deren Komödie "Ninjababy". Was ist eigentlich aus dem 3D-Kino geworden, fragt sich Hanns-Georg Rodek in der Welt zum nun anstehenden Filmstart von JamesCamerons "Avatar"-Fortsetzung. In dieser hat SigourneyWeaver eine Hauptrolle, mit der David Steinitz in der SZ spricht. Die Schauspielerin KristenStewart wird Jurypräsidentin der nächsten Berlinale, meldet unter anderem der Tagesspiegel.
Besprochen werden unter anderem MiaHansen-Løves "An einem schönen Morgen" (SZ, unsere Kritik), JoãoPedroRodrigues' "Irrlicht" (Tsp, unsere Kritik), NoahBaumbachs Verfilmung von DonDeLillosRoman "Weißes Rauschen" (Zeit), CharlotteWells' Spielfilmdebüt "Aftersun" (taz) und die Netflix-Dokuserie "Harry & Megan" (Presse).
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