Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2021 - Bühne

"Frau Schmidt fährt über die Oder". Foto: Julian Baumann


An den Münchner Kammerspielen hat Anne Habermehl die Uraufführung ihres Stücks "Frau Schmidt fährt über die Oder" selbst inszeniert. Es geht um eine Frau Schmidt aus der DDR, die nach der Wende im "bundesrepublikanischen Nichts" landet und schließlich im Krankenhaus stirbt, ihre Tochter, den Großvater und einen Zeitenwandler. Nachtkritikerin Anna Landefeld war mit dem Puzzle, das sich ihr bot, zwei Stunden lang mehr als glücklich: "Anne Habermehl macht den Werkraum der Kammerspiele zum Therapieraum. Ein Therapieraum für vier Menschen, die Nebenfiguren der großen Geschichte, der großen Politik sind, über die das Weltenrad hinübergerollt ist und die man vergessen hat aufzusammeln. Sie gibt ihnen eine Sprache, eine einfache wie schöne, sich immer wieder zeitlich überlappende, springende, aber sich niemals verlierende Sprache. Es ist ein spannendes Glück, dass die Autorin Habermehl auch selbst inszeniert und aus ihrem poetisch-dokumentarischen Text einen klugen, einen aufmerksamkeitsfordernden, aber auch bedrückenden Theaterabend webt."

In der SZ ist Egbert Tholl fast wider Willen beeindruckt von dem Stück: "Es ist ein Text der Spurensuche und der Mutmaßungen, bei dem vieles vage bleibt. Anne Habermehl legt den Figuren stammelnde Unsicherheit in den Mund, einige Kalauer - 'die einzige Gemeinsamkeit hier ist die Einsamkeit' -, erfindet Monologe, die teils eigentlich Dialoge sind oder umgekehrt, sie stolpert so zwischen den Zeiten umher, dass man manches gerne klarer hätte, was Habermehl aber tunlichst vermeidet. Doch: Aus dem Raunen entsteht immer wieder eine eigentümliche, menschliche Wahrheit, der man sich nicht entziehen kann, schon gar nicht dann, wenn man selbst einen Vater hatte, der lange noch vom einstigen Besitz in Schlesien träumte und in seinen letzten Lebensjahren von einer Polin und einem Polen betreut wurde."

Szene aus "La clemenza di Scipione" in Eisenach. Foto © filmwild / Sebastian Stolz


Ganz und gar hingerissen ist Roland H. Dippel in der nmz von Johann Christian Bachs "La clemenza di Scipione" am Landestheater Eisenach. Hier "fliegen nicht nur musikalisch die Fetzen. Jetzt ist der Opernbarock definitiv vorbei", schreibt Dippel über die 1778 uraufgeführte Oper. "Dominik Wilgenbus machte aus der rituell-schematischen Handlung ein kleines Welttheater für zwei Spieler*innen mit Kopfpuppen und fünf Sänger*innen über die schmerzliche Annäherung zwischen den römischen Siegern und spanischen Verlierern des Zweiten Punischen Krieges: Bewegungsintensiv, sinnlich und immer wieder anrührend. Bei den Schweinen hätte man es in dieser Evolutionsdynastie gut sein lassen sollen, lamentiert Herr Gott (Falk Pieter Ulke). Aber 'Schweine können nicht musizieren' kontert Frau Göttin (Kerstin Wiese) und dazu klappern die Mäuler der göttlichen Kopfpuppen. Dem lässt sich schwerlich etwas entgegensetzen, wenn der größere Teil des Ensembles im Theater Eisenach mindestens ebenso gefährlich schön singt wie die Sirenen und fast so herzbewegend wie sterbende Schwäne.  ... Inspiriert von Harry Mulischs Roman 'Die Entdeckung des Himmels' schrieb Wilgenbus Dialoge, welche die von Ernest Warburton für die Notenedition nachkomponierten Seccorrezitative ersetzten."

Weitere Artikel: Esther Slevogt gratuliert in der nachtkritik Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag. Arno Lücker unterhält sich für das Van Magazin mit Joachim Veit, dem Editionsleiter der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, über den Komponisten. Roland Müller trifft sich für die Zeit mit Thomas Köck, dem "Dramatiker der Stunde", in der Stuttgarter Staatstheaterkantine.

Besprochen werden Stefan Herheims Neuinszenierung von Wagners "Götterdämmerung" an der Deutschen Oper Berlin (nmz, van), Hakan Savaş Micans Musiktheaterstück "Berlin Karl-Marx-Platz" in der Neuköllner Oper (taz) und eine Ballettfassung von Stendhals "Rot und Schwarz" in Paris (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2021 - Bühne

Nachrufe auf die verstorbene Meistersopranistin Edita Gruberova , die "Coloratura assoluta" und "Nachtigall des Ziergesangs", schreiben heute noch einmal Manuel Brug in der Welt, Jürgen Kesting in der FAZ und Christian Wildhagen in der NZZ (mehr in unserem gestrigen Efeu). Besprochen wird Johan Simons' Inszenierung "Ödipus. Herrscher" in Bochum (SZ).
Stichwörter: Simons, Johan

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2021 - Bühne

Edita Gruberova ist tot, die Königin der Koloraturen, Virtuosin der hohen Töne, Inbegriff der Perfektion. In der FR erinnert sich Stefan Schickhaus: "Diese immer junge Stimme. Diese Beweglichkeit. Diese zeitlose Stilsicherheit. Presse und Publikum begannen sich irgendwann zu wundern, warum dieser Edita Gruberova, die 1970 als 23-Jährige gleich mit der Königin der Nacht an der Wiener Staatsoper debütiert hatte, die Zeit so rein gar nichts anzuhaben schien. Aber wann setzte das ein, das Wundern?" Vor allem hörte es nicht auch, versichert Ljubisa Tosic im Standard: "Jeder Ton, jeder quirlige Triller, jedes großzügige Glissando, all diese musikalischen Gesten wirkten als Ausdruck seelischer Zustände der Figuren. Das Ergebnis war eine paradoxe Glaubwürdigkeit in jener wundersamen Künstlichkeit, die Oper ja auch tatsächlich ausmacht." In der SZ hat Reinhard J. Brembeck vor allem Gruberovas Paraderolle als Elisabetta in Donizettis "Roberto Devereux" vor Augen: "Die Königin ist alt, sie will es sich lange nicht eingestehen, auch nicht, dass sie von ihrem jungen Lover Roberto Devereux mehr benutzt als geliebt wird. Zuletzt aber hat sie es kapiert. In diesem Moment aber, vor siebzehn Jahren auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters, wurde aus der grandiosen Superweltmeister-Koloratursopranistin Edita Gruberová eine ganz große Künstlerin. Dieser Moment wird jeder und jedem, der oder die dabei war, bis ans Lebensende in Erinnerung bleiben."

Hier ein Ausschnitt aus der Wahnsinnsarie von Donizettis "Lucia di Lammermoor":



Besprochen werden Bonn Parks und Ben Roesslers Highscool-Oper "Gymnasium" im neuen Münchner Volkstheater (deren künftigen Kult-Status SZ-Kritiker Egbert Tholl für ausgemacht hält), Stefan Herheims Inszenierung von Richard Wagners "Götterdämmerung" in Berlin (Tsp, FAZ), Adam Linder Choreografie "Loyalty" in Hamburg (FAZ) und Johan Siemons mit einer Ödipus-Überschreibung am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2021 - Bühne

Am Hofe des Lotterkönigs: Charistiopher Marlows "Edward II." Foto: Arno Declair/Volkstheater

Vollkommen euphorisiert kommt SZ-Christine Dössel aus dem neuen Münchner Volkstheater, das mit einer Inszenierung von Christopher Marlowes Königsdrama "Edward II." am Wochenende eröffnet wurde: "Um überregional gleich noch ein bisschen mehr Neid zu triggern: Es ist architektonisch ein Darling, technisch auf dem ausgefeiltesten Stand und in seinem Da- und Sosein einfach wunderschön." Und auch Christian Stückls Inszenierung findet sie sehenswert: "Stückl gibt seiner empathischen Inszenierung einen offensiven Anstrich in der Signalfarbe Pink. Das Licht, die Schminke, sämtliche Kostüme, egal ob Uniform, Blouson, Tüllkleid oder Smoking, alles ist im selben schrillen Farbton gehalten, der assoziativ das Schwul-Lesbisch-Transsexuelle transportiert: Shocking Pink. Eine Welt in Schwarz und Purpurrosa." Zufrieden ist auch Teresa Grenzmann in der FAZ, ihrer Ansicht nach kann die "als Ansage gelesen werden: aufzufallen, anzuecken, Menschlichkeit sprechen und Persönlichkeit wirken zu lassen. Dabei im durchweg jungen Ensemble und unter frischer Regie die Lust am Spiel wach und die Gegenwart in Schach zu halten." taz-Kritikerin Johanna Schmeller weiß auch zu schätzen, dass das Volkstheater seinen alten Standort in der Innenstadt aufgegeben hat: "Umso spannender bleibt aber, wie das Theater das Schlachthofviertel in den kommenden Jahren bespielen wird: Die Nobelnachbarschaft und das gesetzte Publikum der Altstadt, das in Premieren gesellschaftliche Verpflichtungen sieht, hat es gegen einen jungen, alternativen, politisch und künstlerisch interessanten Resonanzraum getauscht, der vieles erwarten lässt."

Klar, wer hier die Cheerleaderin ist: Bonn Parks und Ben Roesslers "Gymnasium" © Arno Declair/Volkstheater

Noch toller findet Sabine Leucht in der Nachtkritik allerdings die zweite Premiere des Volkstheaters: Bonn Parks und Ben Roesslers Highschool-Oper "Gymnasium", in der sich eine Vulkanforscherin gegen das postfaktische Zeitalter und die Entleerung der Hirne stemmt: "Weit weg von den anderen sitzt sie kurz unter dem Gipfel des Pappmaché-Vulkans, der im Zentrum von Jana Wassongs herrlich trashiger Bühne Qualm und Glitzerkonfetti spuckt. Sie kaut Stullen und trauert verlorenen Gewissheiten hinterher: 'Alles, was ich gelernt habe, stimmt nicht mehr. Früher, da war Liebe und Zuneigung immer alles, egal was kam, und jetzt, da ist Meinung alles. Ich glaube, Meinung hat die Liebe zu einem Duell herausgefordert, und die Meinung hat gewonnen."

Besprochen werden außerdem Kate Prince' Hip-Hop-Tanzshow "Message in a Bottle" zur Musik von Sting in Zürich (NZZ), Tim Plegges Tanzstück "Memento" am Hessischen Staatsballett (FR) und Stephan Müllers Inszenierung des "Bockerer" im Theater in der Josefstadt in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2021 - Bühne

Nam June Paik und John Godfrey. Global Groove, 1973 (Film Still). © Estate of Nam June Paik, courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York


Das Museum Folkwang in Essen setzt sich in der Ausstellung "Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest" mit Fragen der kulturellen Aneignung im Tanz auseinander. Das ist wichtig und richtig, meint Wiebke Hüster in der FAZ. Aber man muss auch etwas von der Geschichte des Tanzes verstehen, es reicht nicht, nur auf die Ethnie zu achten: "Eine Tanzöffentlichkeit, die sich nicht mehr mit Bewegungen, Schulen, Traditionen und Werken auseinandersetzt, sondern vornehmlich mit den Protagonisten, ihren Hintergründen und Ethnien, verliert über Einzelbeobachtungen den Sinn für die ästhetischen Errungenschaften der Tanzkunst. Darin liegt ohnehin eine Schwäche des Narrativs vom modernen Tanz. Dieses beinhaltet den ständigen Bruch mit dem Voraufgegangenen um des Fortschritts willen, was dazu führt, dass viele individuelle Linien sich im Staub des Vergessens verlieren."

Frankenstein oder eine Frischzellenkur am Schauspiel Hannover. Foto © Katrin Ribbe


Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein" ist der meistgespielte Text der Saison, versichert Christiane Lutz in der SZ. In Berlin wurde er schon gespielt, es folgen Rostock und Bielefeld, Landshut und Aalen, Frankfurt und München. Aber jetzt erst mal Hannover, wo Regisseurin Clara Weyde den Stoff als Stück über Elternschaft inszeniert, die außer Kontrolle gerät, als Frankenstein seiner Kreatur die Liebe verweigert: "In dieser Weigerung liegt der neue Grusel des Romans, der ihn so bühnentauglich macht: Wir kommen nicht mehr umhin, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Wer versucht, sich davonzustehlen, den bringt die Natur zur Demut. Frankenstein hat zwar allerlei ethisch und moralisch einwandfreie Motive für seine biologische Bastelei, doch er scheitert daran, in seiner Schöpfung eines neuen Menschen auch wirklich einen solchen zu sehen. Wer ist jetzt das Monster?"

In der nachtkritik ist Jan Fischer nur mäßig angetan von der Inszenierung: "Spannend ist an 'Frankenstein oder eine Frischzellenkur' selbstverständlich die Idee, Shelleys Roman ins Jetzt hinein zu deuten - und die Inszenierung zieht auch viele Fäden vom Jahr 1816 bis zur Bühne des Schauspiels Hannover. Dennoch wird eher grob collagiert als fein geklebt, wird eher Wert darauf gelegt, immer noch ein anderes Thema daraufzulegen als ein gerade angesprochenes und angedachtes zu vertiefen."

Weitere Artikel: Boussa Thiam unterhält sich für Dlf Kultur mit Dietmar Dath über dessen Theaterstück "Restworld", das gestern Premiere am Theater Heidelberg hatte: Anders als im Film wird hier die Geschichte über einen mörderischen Vergnügungspark in der Zukunft aus der Sicht der Roboter erzählt. Zum Siebzigsten des Theatermanns Christoph Marthaler schreiben Christine Dössel in der SZ und Hubert Spiegel in der FAZ.

Besprochen werden Karl Alfred Schreiners Choreografie der barocke Ballettoper "Amors Fest" in München (nmz), Doris Uhlichs Choreografie "Gootopia" im Tanzquartier Wien (nachtkritik), Kay Voges' Inszenierung von Lydia Haiders "Zertretung 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten" am Volkstheater Wien (nachtkritik) sowie "Fidelio" in Glyndebourne und "Jenůfa" an der Royal Opera in London (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2021 - Bühne

Robert Hunger-Bühler in "Anne-Marie die Schönheit" von Yasmina Reza am Theater Freiburg, wo es weitere Vorführungen im November gibt. Foto: Britt Schilling


In Yasmina Rezas Stück "Anne-Marie die Schönheit" ist ein Solostück für eine Frau. Geschrieben hat Reza es jedoch ausdrücklich für den Schauspieler André Marcon. Das Schauspielhaus Zürich hat die Rolle jetzt mit Robert Hunger-Bühler besetzt. Eine ausgezeichnete Wahl, findet Roman Bucheli in der NZZ. Schade nur, dass das Schauspielhaus das Stück aus identitätspolitischen Gründen nicht in Zürich spielen will, sondern Hunger-Bühler als alternde Schauspielerin Anne-Marie durch die Provinz schickt. Den Zürchern entgeht was, wenn Anne-Marie in ihrer letzten Rolle sich selbst spielt: "Wie falsch das alles ist - und wie sehr es sich zugleich auf seltsam traurige Weise richtig anfühlt, wird vielleicht gerade darum so unaufdringlich, fast zärtlich spürbar, weil Robert Hunger-Bühler den Zwiespalt selber verkörpert. Er versucht ja auch gar nicht, die Illusion zu erwecken, es stehe eine Frau auf der Bühne, Rock und Bluse sind keine Travestie, nur die Andeutung einer Verschiebung der Identität. Darum bleibt der Abstand zwischen ihm und der Rolle gerade dort am schmerzhaftesten gegenwärtig, wo er zu verschwinden droht. Es ist diese feine Dissonanz, die unsere Sinne schärft für die großen Dissonanzen im Leben der Frau und in den Weisen, wie sie davon erzählt."

Das neue Münchner Volkstheater. Foto vom Architektenbüro LRO 


Heute abend eröffnet das neue Münchner Volkstheater mit Marlowes "Edward II." in der Regie von Christian Stückl. In der FAZ nutzt Matthias Alexander die Gelegenheit, noch einmal von den "Meistern des Stuttgarter Architekturbüros LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei" und insbesondere Arno Lederer zu schwärmen. Für das Theater wird der neue Bau eine Herausforderung, meint er: "Jahrzehntelang hat das Volkstheater in einer umgebauten Turnhalle an der Brienner Straße mehr gehaust als residiert, jetzt verfügt es über gewaltige 30 000 Quadratmeter Geschossfläche und über eine technische Ausstattung, von der die Kollegen an Kammerspielen und Residenztheater nur träumen können. Auch die Personalstärke ist aufgestockt worden, immerhin um ein Drittel. Das ist schön und beglückend, aber auch fordernd. Intendant Christian Stückl und sein junges Team, die Volkstümlichkeit nie mit Provinzialität verwechselt haben, werden sich mit gestiegenen Erwartungen konfrontiert sehen: seitens des Publikums, der Kritik und der Politik."

Weiteres: Dorion Weickmann trifft sich für die SZ mit der koreanischen Choreografin Eun-Me Ahn, deren Stück "Dragon" gerade in Potsdam aufgeführt wird. Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Bellinis "Norma" an der Semperoper (nmz), der Doppelabend "Das Mrs. Dalloway Prinzip" und "4.48 Psychose" in der Inszenierung von Selen Kara am Schauspiel Dortmund (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2021 - Bühne

Die verschiedenen Hygiene-Konzepte an deutschen Theatern können ganz schön verwirrend sein - zumal sie sich auch noch andauernd ändern. Und die Zuschauer machen auch nicht alles mit. Die einen fühlen sich wohler mit Maske, die anderen ärgern sich, dass sie trotz Impfung Maske tragen müssen, berichtet Christine Dössel in der SZ: "Überall die gleiche Frage: Was wollen und fürchten denn nun eigentlich die Zuschauer? ... Ulrich Khuon, der als ehemaliger Präsident des Deutschen Bühnenvereins die Gesamttheaterlage gut im Blick hat, geht davon aus, dass ein Teil vor allem der über 70- und 80-Jährigen nicht mehr zurückkehren wird. Er erwartet einen Einbruch von zehn bis fünfzehn Prozent. Alarm schlägt er deswegen nicht: 'Das wird eine Anstrengung werden, aber keine Horrorerfahrung. Es kann auch lustvoll sein, sich neu auszuprobieren und Zuschauer zu gewinnen.'" Sehr viel weniger gelassen sieht das Joachim Lux vom Hamburger Thalia-Theater. Er "macht außerdem einen viel größeren Problemkreis auf: Leere städtische Kassen, steigende Energiepreise, Tariferhöhungen, Inflation - das ergebe einen 'explosiven Cocktail von Mehrkosten und Mindereinnahmen'."

Weitere Artikel: Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit Tim Plegge, Hauschoreograf für das Hessische Staatsballett, über sein neues Stück "Memento". In der FAZ berichtet Christoph Weissermel vom FIND-Festival an der Berliner Schaubühne.

Besprochen werden Donizettis "Viva la Mamma!" in Lübeck (nmz) und die Uraufführung von Alexander Zemlinskys Opernfragment "Malva" bei "Zemlinsky 150" in Prag (nmz, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Bühne

Im Pandaemonium: Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel. Foto: N. Klinger

Ein Musiktheater der Zukunft hat SZ-Kritiker Egbert Tholl mit Florian Lutz' Eröffnungspremiere am Staatstheater Kassel mit Alban Bergs "Wozzeck" erlebt. Die ZuschauerInenn saßen nicht im Parkett, sondern im Pandaemonium, einer Raumbühne: "Im Geschehen, irgendwo in dem spektakulären, mehrgeschossigen Stahlgestänge, mit dem Sebastian Hannak den Bühnenraum gefüllt hat, die Seitenbühnen und die Hinterbühne, um das Portal herum und auch ein bisschen in den 'normalen' Zuschauerraum ragend. Unter einem, auf dem leicht terrassierten Boden der Bühne, sitzt das Staatsorchester Kassel, weit aufgefächert, und Francesco Angelico dirigiert es mit so bei diesem Stück noch nie erlebter Poesie. Alban Bergs 'Wozzeck', per se schon ein Schrei nach Humanität, wird hier zu einem ganz neuem Erlebnis, weil man im Klang sitzt, der den Raum ausfüllt, weil man wirklich jedes einzelne Instrument orten kann und man so ganz unmittelbar erfährt, was die Arbeit eines großen Orchesters ja immer ist: ein Gesamtergebnis hergestellt von vielen Individuen."

Besprochen wird Marie Bues' Inszenierung von Thomas Köcks "Klimatrilogie" am Schauspiel Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2021 - Bühne

Mehr vom Mehr: Sivan Ben Yishais "Like Lovers Do". Foto: Krafft Angerer / Kammerspiele

Schier vom Sitz reißt es taz-Kritikerin Johanna Schmeller in Pinar Karabuluts Inszenierung von Sivan Ben Yishais "Like Lovers do - Memoiren der Medusa", so fertig und so begeistert ist sie nach dieser Hölle einer Missbrauchsfantasie in den Münchner Kammerspielen: "Dabei lotet Sivan Ben Yishai die Grenzen der Sprache in einer Weise aus, die Medien, sozialen Netzwerken und selbst Filmen üblicherweise verboten ist und die in dieser Härte und Unmittelbarkeit dem Theater vorbehalten bleibt. Mehr wird an diesem Abend mehr: Mehr Schmerz, mehr Furor, mehr Angst, mehr Gefühl werden unterstützt durch fast durchgehend brüllende, singende oder greinende Schauspieler. Mehr grelle Farben, flackerndes Licht, ein Ufo, das sich - natürlich im Trockennebel - auf die Bühne senkt, ein Finale als Luftperformance (Bühnenbild: Michela Flück). Ein Tümpel, in dem Blut oder Sperma rot blubbernd kocht und in den die Figuren kopfüber abstürzen."

Besprochen werden Robert Borgmanns Inszenierung "Passion I und II" nach Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Bochum (SZ) und Barbara Freys bereits bei der Ruhrtirennale gezeigte Inszenierung von Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" am Wiener Burgtheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2021 - Bühne

Angélica Liddell beim FIND Festival. Foto: Christophe Raynaud de Lage/Schaubühne

So begeistert wie ergriffen zeigt sich Barbara Behrendt in der taz von Angélica Liddells radikaler Performance beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne, bei ZuschauerInnen ohnmächtig aus der Schaubühne getragen werden musste, wie Behrendt berichtet: "Liddell beschwört die Theokratie, die überrationalisierte Welt habe die Menschen zu Idioten gemacht. Ihre Worte sind voller Poesie und Furor ... Ihr Ziel ist nicht Provokation - und doch darf man sich von der zweiten Festivaleinladung provoziert fühlen: 'The Scarlett Letter' spielt auf Nathaniel Hawthornes Roman an, der die Prüderie der Gesellschaft um 1850 beklagt. Die Inszenierung ist nicht deshalb provokant, weil einer der zehn nackten Männer der Performerin demonstrativ einen Finger in die Vagina schiebt oder sie den Penis eines anderen genussvoll in den Mund nimmt. Sondern weil Liddell das Loblied auf den Mann als solchen singt, dem sie bis in alle Ewigkeit die Füße küssen möchte."

In der SZ betont Peter Laudenbach, dass Europas wütendste Theaterkünstlerin in der Tiefe ihrer Seele eine Moralistin sei: "Liddell steigert sich in einen immer aberwitzigeren Furor, in dem sie von wohlerzogenen französischen Schulmädchen (die sie auf der Bühne am liebsten 'von unten bis oben aufschlitzen' würde) bis zum laizistischen Staat so ziemlich alles zum Teufel wünscht und sich zu reaktionär schillernden Anti-Utopien versteigt ('Ich fordere eine Theokratie'). Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hasstiraden des Übertreibungskünstlers Thomas Bernhard und ist bei allem durchaus ernst gemeinten Hass immer wieder genauso komisch wie Bernhards Ausfälle." In der Nachtkritik verehrt Gabi Hift Liddell eher als "Hohepriesterin der bildschönen Theaterverstörung".

Besprochen werden außerdem Sivan Ben Yishais neues Stück "Like Lovers Do" an den Münchner Kammerspielen (SZ, Nachtkritik), das Radar Ost Festival am Deutschen Theater Berlin (Nachtkritik), "Victor/Victoria" am Staatstheater Main (FR), Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel (FR), der letzte Teil von Hilary Mantels Trilogie um Thomas Cromwell an der Royal Shakespeare Company (FAZ) und der letzte teil von Hakan Savaş Micans Berlin-Trilogie "Berlin Karl Marx Platz" an der Neuköllner Oper (Tsp).