9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2015 - Religion

Mattias Drobinski berichtet in der SZ, dass die katholische Kirche an diesem Wochenende Oscar Romero seligsprechen wird, den vor 35 Jahren von Todesschwadronen ermordeten und in ganz Lateinamerika verehrten Erzbischof von San Salvador. Im Vatikan hatte er jedoch nie viele Freunde: "Im April 1979 ist er in Rom, will den neuen Papst treffen. Er wird hingehalten. Als er ihm endlich gegenübersitzt, mahnt Johannes Paul II., er solle sich um ein besseres Verhältnis zur Regierung bemühen. Eine zweite Begegnung 1980 verläuft ermutigender, der Papst versichert ihm, dass er sein Engagement für die Armen schätze. Aber er fürchte, dass die Kirche marxistisch infiltriert werde."

In einem zweiten Text zum Thema berichtet Sebastian Schoepp, dass es heute vor allem die Pfingstkirchen sind, die sich heute auf dem Kontinent breitmachen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2015 - Religion

Im FR-Interview mit Joachim Frank spricht der Religionssoziologe Detlef Pollack über Modernisierung, Säkularisierung und die Verbindung von Religion und Politik: "Die Verbindung mit nicht-religiösen Inhalten - wie etwa politischen oder nationalen - wirkt für die Religion vitalisierend, so lange die Menschen sie als zweckdienlich erachten. Aber auch nur so lange. Danach kommt es zu Abstoßungsbewegungen. In den USA etwa gehen viele gerade aufgrund der politischen Interpretation des Evangeliums auf Distanz zur Religion. Oder denken Sie an die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland. Sie gilt als Stabilisatorin des Putin-Regimes. Aber damit ist sie Teil des Herrschaftsapparats."

Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von Stephen Greenblatts Berliner Mosse-Lecture über die Bekehrung des Augustinus, die der amerikanische Literaturwissenschaftler "mit stiller agnostischer Lust" als Geschichte einer sehr weltlichen Erektion erzählte, die zur Lustfeindlichkeit im Christentum führte: "Wenn man aus der Verkettung ihrer biografischen Elemente etwas Universelles für das Semesterthema "Konversionen" lernen kann, ist es die Art und Weise, wie jemand einem zufälligen lebensgeschichtlichen Ereignis im Nachhinein Notwendigkeit verleiht: Autobiografische Konsistenz, legt Greenblatt nahe, gibt es nur um den Preis teleologischen Denkens - gerade in der radikalen Umkehr mitten im Leben."

Wie eng das Verhältnis zwischen Luther und den Fürsten wirklich war, erfährt Matthias Kamann in der Welt nicht in der gleichnamigen Torgauer Ausstellung, sondern beim Spaziergang durch die Stadt: "Torgau steht für das Bündnis zwischen administrativ beschlagenen, wortmächtigen und religiös wild entschlossenen Intellektuellen einerseits und Herrscherhäusern andererseits, die sich von jener Elite sowohl zu tieferer Frömmigkeit führen als auch dabei helfen ließen, ihre Gebiete effektiver zu verwalten und sich selbst mit neuen Befugnissen auszustatten. Somit fällt neues Licht auf das alte Problem, ob die Reformation von unten kam, von aufbegehrenden Volksmassen, oder von oben, von machtbewussten Fürsten. Entscheidend war wohl das Dazwischen."


9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2015 - Religion

An Palmyra hassen die Islamisten, dass es Zeugnis für eine reiche und erfolgreiche arabische Kultur vor dem Islam ist, schreibt Berthold Seewald in der Welt. Und ihr Erfolg bestand gerade im Synkretismus: "Sie akzeptierten die römische Oberhoheit und wussten sich zugleich mit den Parthern zu arrangieren. Wie schon der Baal-Tempel - seine Ruinen sind die ältesten Palmyras - starke hellenistische Einflüsse zeigt, öffnete sich die wachsende Metropole dem Einfluss Roms. Thermen wurden errichtet und ein Theater. Auch die Kolonnaden und vor allem das Tetrapylon, an dem sich die wichtigsten Straßen Palmyras kreuzten, setzen imperiale und hellenistische Vorbilder voraus."
Stichwörter: Baal, Islamischer Staat, Palmyra

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2015 - Religion

Wer eine islamische Reformation fordert, sollte sich noch einmal genau ansehen, was Luther so alles angerichtet hat, meint Mehdi Hassan im Guardian: "Don't get me wrong. Reforms are of course needed across the crisis-ridden Muslim-majority world: political, socio-economic and, yes, religious too. Muslims need to rediscover their own heritage of pluralism, tolerance and mutual respect - embodied in, say, the Prophet's letter to the monks of St Catherine's monastery, or the "convivencia" (or co-existence) of medieval Muslim Spain. What they don't need are lazy calls for an Islamic reformation from non-Muslims and ex-Muslims, the repetition of which merely illustrates how shallow and simplistic, how ahistorical and even anti-historical, some of the west's leading commentators are on this issue."
Stichwörter: Islam, Reformation, Ex-Muslime

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2015 - Religion

Am kommenden Wochenende soll Óscar Romero, der vor 35 Jahren erschossene Erzbischof von San Salvador, seliggesprochen werden. Die taz widmet dem Thema einen Schwerpunkt: Astrid Prange referiert die Geschichte der lateinamerikanischen Bewegung der Befreiungstheologie, zu deren Begründern Romero gehörte und die im Kalten Krieg vom Vatikan als marxistisch marginalisiert wurde. Ralf Pauli berichtet vom Seligsprechungsverfahren, das die Frage klären musste, ob der Mord an Romero religiös oder politisch motiviert war. Und der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff erläutert im Gespräch mit Astrid Prange die übergreifende Bedeutung der Seligsprechung Romeros: "Nach der traditionellen Doktrin und den Kriterien der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse wird jemand ein Märtyrer, wenn er für seinen Glauben oder aufgrund seiner Treue zum Katholizismus gestorben ist. Im Fall Romeros ist diese Regel geändert worden: Auch jemand, der mit seinem Leben die Armen verteidigt, ist heilig. Theologisch ausgedrückt bedeutet dieses Ereignis, dass Óscar Romero kein Märtyrer des Glaubens oder der Kirche ist. Romero ist ein Märtyrer des Reich Gottes, das größer ist als die Kirche und nicht mit ihr gleichgesetzt werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2015 - Religion

So wie die Naturwissenschaft die Widerlegung des Ptolemäischen Weltbilds öffentlich machen musste, sollte auch die Theologie die Erkenntnisse der historischen Bibelkritik anerkennen, erklärt der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann im Gespräch mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "So viel steht jedenfalls fest: Es gab keinen Exodus aus Ägypten, keine Sinaioffenbarung, keine Zehn Gebote, Abraham und Mose sind bloße Namen, Jericho wurde nie erobert, der Pentateuch, die sogenannten fünf Bücher Mose, wurde erst im 5. vorchristlichen Jahrhundert zusammengestellt. Weil sie wahr sind, kann man diese Sätze nicht oft genug wiederholen, denn fast 2000 Jahre lang haben Kirchenfunktionäre - zur Erhaltung ihrer Macht - nicht selten das glatte Gegenteil gepredigt."

Als einen Ort der monotheistischen Selbstbehauptung beschreibt Joachim Güntner in der NZZ das geplante House of One am Berliner Petriplatz: "Gedacht als Bet- und Lehrhaus, wird das House of One alles zugleich sein: Kirche, Synagoge und Moschee, vereint unter einem Dach, im kleinen Format, aber mit Hoffnung auf grosse Ausstrahlung. Eine multireligiöse Agora nebst Schutzräumen inmitten einer weitgehend säkularen Metropole."


9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2015 - Religion

Das Lycée Averroès in Lille ist eine von nur zwei staatlich anerkannten und mit öffentlichen Mitteln finanzierten muslimischen Mittelschulen in Frankreich. Jetzt hat dort der Lehrer Soufiane Zitouni gekündigt, weil die Schule dem Islamismus Vorschub leiste, berichtet Rudolf Balmer in der taz: ""Glauben Sie, wir hätten so viele antijüdische Dinge von den Schülern zu hören bekommen, wenn dies nicht von den Erwachsenen in ihrer Umgebung geäußert worden wäre?" Im Fach "Muslimische Ethik", einer Art - fakultativem - Religionsunterricht, würden die Jugendlichen im Sinne einer "islamistischen Bewegung mit politischen Zielen" beeinflusst, sagt Zitouni und führt dafür externe Dozenten wie die umstrittenen Prediger Tariq und Hani Ramadan an, die offiziell von der Schule eingeladen worden seien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2015 - Religion

"Billig" findet Thomas Avenarius in der SZ Ayaan Hirsi Alis Kritik am Islam wie auch ihr neues Buch "Reformiert Euch!" Und ernst nehmen kann er ihre Unterscheidung von Mekka-Muslimen und Medina-Muslimen sowieso nicht: "Das folgt, Ayaan Hirsi Ali lebt schließlich in den USA und arbeitet für den dortigen neokonservativen Markt, dem Muster von denen mit dem weißen und denen mit dem schwarzen Hut. Die einen sind mit uns, die anderen gegen uns. Feuer frei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2015 - Religion

Im Interview mit Jan Marot in der Welt spricht der algerische Autor Kamel Daoud über die Fatwa gegen sich und eigentlich gegen die ganze Welt, über das schwarze Jahrzehnt in Algerien und den Kampf gegen den Islamismus: "Es gibt keinen anderen Weg als die Kultur. Denn man wird nicht als Islamist geboren, man wird zum Islamisten gemacht. Man wird zum Dschihadisten - weil man gewisse Bücher gelesen hat, weil man bestimmten Menschen zugehört hat. Weil man bestimmte Dinge gesehen hat. Und weil man keine andere Lösung weiß. Schauen Sie, in Algerien, in Marokko kosten meine Romane umgerechnet 17 Euro, was gemessen an der Kaufkraft mehr als 150 Euro für die Käufer bedeutet. Ein Vermögen. Die Bücher der Islamisten dagegen werden gratis verteilt. Und dabei darf man auch nicht vergessen, dass es Saudi-Arabien ist, das viele dieser Bücher finanziert."

Joachim Güntner berichtet in der NZZ, wie Ayaan Hirsi Ali in Berlin ihr neues, etwas moderateres Buch "Reformiert Euch!" vorstellte. Aber: "Schon ihr selbstbewusster Gebrauch der ersten Person Singular war eine emanzipatorische Kampfansage."

Im FR-Interview mit Arno Widmann findet dagegen die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong: "Selbstverständlich muss man gegen Gräuel und gegen Gewalt eintreten. Wo auch immer. Aber ohne sich aufzublasen. Aufgeblähte Egos sind immer und überall schädlich. Auch im Kampf gegen den Terrorismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2015 - Religion

Henri Tincq singt auf slate.fr ein Loblied auf den französischen Diplomaten Laurent Stefanini, den Frankreich zum Botschafter am Heiligen Stuhl ernennen will, um dann auf ein kleines Problem zu sprechen zu kommen: "Seit drei Monaten ist Laurent Stefaninis Kandidatur blockiert. Frankreich bekommt keine Antwort vom Vatikan, wo jedes Schweigen traditionell einer Ablehnung gleichkommt. Warum die Bolckade? Weil diese so erfahrene und sehr katholische Diplomat Laurent Stefanini den Nachteil hat, homosexuell zu sein!"

Rap und katholische Kirche haben eine ähnlich krude Moral des Respekts. Der Rapper Booba, der neulich Verständnis für die Mörder der Charlie-Hebdo-Zeichner bekundete, verteidigt sich auf seiner Instagram-Seite jetzt mit Papstzitaten, berichtet Alec Yildiz auf huffpo.fr: "Der Rapper hat ein Video des Papstes publiziert und ihme einen Text zur Seite gestellt, wo er auf seine Kritiker antwortet. In aller Bescheidenheit behauptet er, dass er eigentlich nichts anderes sage als das Oberhaupt der katholischen Kirche und zitiert: "Man darf nicht provozieren. Man darf den Glauben der anderen nicht beleidigen. Es gibt eine Grenze. Jede Religion hat ihre Würde." Auf diese Erklärungen des Papstes stützt sich Booba um sich zu rechtfertigen... Der Papst hatte übrigens angefügt: "Wenn ein Feund schlecht über meine Mutter spricht, kann er auf einen Faustschlag zählen, das ist normal." Der Vergleich ist also nicht an den Haaren herbeigezogen..." Gäbe es noch Rapper, wenn sich all die von ihnen besungenen Bitches nach dieser Moral richteten?

Aus einer Verteidigung von Leitkultur heraus kritisiert Heike Schmoll im FAZ-Leitartikel das Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts: "In einer freiheitlichen Gesellschaft muss es möglich sein, die eigene Kultur offensiv zu leben, solange die Grenzen anderer nicht verletzt werden. Daher wäre ein Kopftuchverbot mit gewissen Ausnahmen der negativen Religionsfreiheit der Schüler vermutlich dienlicher gewesen und hätte die Schulleiter vor schwierigen Konflikten bewahrt." Ohne sich weiter mit dem Modell auseinanderzusetzen stellt Sshmoll auch fest, dass die "laizistische Schule nach französischem Vorbild jedenfalls keine Lösung" sei.