9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Internet

Facebook ist in vielen ärmeren Ländern, in denen das Internet für die Mehrheit praktisch nicht existiert, inzwischen zu einem Ersatz geworden. Dass es diesen Ersatz zur Propagierung diverser eigener Dienste nutzt, empört - wie so viele andere Kommentatoren - auch Michael Moorstedt in der SZ. Dass Facebook kürzlich für einige Stunden nicht erreichbar war, ist für ihn der Gipfel: "Wenn der Konzern die ohnehin schon drängenden Probleme nicht gelöst bekommt, dann sollte er vielleicht nicht unbedingt kritische Infrastrukturen bereitstellen", schreibt er. Wer das sonst tun könnte, sagt er allerdings nicht. Vielleicht deutsche Medienkonzerne?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2021 - Internet

Wird Facebook so etwas wie die Alkoholindustrie oder wie die Waffenlobby? Nein, es wird die Tabakindustrie des 21. Jahrhunderts, meint Jonathan Freedland im Guardian nach den Aussagen der Whistleblowerin Frances Haugen: "Hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg diesen Befund zugegeben, als er im März vor dem Kongress aussagte? Hat er nicht. Stattdessen sagte er: 'Die Forschung, die wir gesehen haben, zeigt, dass die Nutzung sozialer Apps, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann.' Mit anderen Worten: Rauchen ist gut für Sie. Aber wenn es um Leben und Tod geht, ist die Rolle von Facebook direkter als der psychologische Schaden allein. Haugen sagte aus, dass die Plattform in Äthiopien 'ethnische Gewalt anheizt', so wie es in Myanmar verheerende Auswirkungen hatte, wo Facebook schließlich seine fatale Rolle in der Kampagne des Militärs gegen die muslimische Minderheit der Rohingya zugab, die zu Mord, Vergewaltigung und Enteignung führte. Die Behörden in Nigeria sind ebenfalls der Meinung, dass über Facebook verbreitete Fake News Menschen töten, da Gruppen sich gegenseitig als Vergeltung für Gräueltaten angreifen, die nie stattgefunden haben."

Und auch der Netzaktivist und Gründer von Digitalcourage, padeluun, plädiert in der taz dafür, die Digitalkonzerne zu zerschlagen: "Der Bundesdatenschutzbeauftragte hat angekündigt, gegen Behörden vorzugehen, die auf Facebook sind. Und was passiert? Die gehen teilweise zu Instagram. Instagram! Eine Plattform, auf der man noch nicht mal Links nach draußen setzen kann, ein völlig abgeschottetes System. Gleichzeitig lassen wir Kinder darauf. Auf eine Plattform, deren Algorithmus einen abwertet, wenn man auf einen Post keine Antwort von seinen 'Friends' bekommt. Das erzeugt brutalen Druck. Es sind verbrecherische Systeme, den auch die meisten Erwachsenen gar nicht gewachsen sind. Deshalb bin ich hier ein Verbieter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 - Internet

Hierzulande mag der Facebook-Blackout vielleicht als willkommene "Digitalaskese" hingenommen worden sein, aber für "Hunderte Millionen Nutzer in Ländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika war der Ausfall eine Katastrophe, schreibt Andrian Kreye in der SZ, denn: "Facebook ist dort ganz buchstäblich das Internet. Dort können Menschen über die App Discover from Facebook oder das Angebot Facebook Zero für kleines Geld oder gratis ins Internet, selbst dann, wenn sie keinen Datenplan mit einem lokalen Anbieter haben. 'Zero-Rating' nennt sich diese Praxis, Nullbewertung. Das ist allerdings keine Wohltätigkeit, sondern ein Geschäftsmodell. Weil die großen digitalen Anbieter ihre Wachstumsraten in den Wohlstandsländern ausgereizt haben, bleiben nur die Entwicklungs- und Schwellenländer, um Nutzer zu gewinnen. 'Zero-Rating' gilt als digitaler Kolonialismus. Denn natürlich sind Discover und Facebook Zero Nadelöhre, die all die neuen Nutzer nicht nur an sich binden, sondern in den meisten Fällen auch verhindern, dass sie die Konkurrenz erreichen." Außerdem habe Zuckerberg Facebook aus "Personalmangel" nicht mehr im Griff, ergänzt Kreye auf den Meinungsseiten der SZ.

Wie sehr Menschen in vielen Ländern auf Facebook, Instagram und Whatsapp längst als Kommunikationsmittel angewiesen sind, konkretisiert Markus Reuter bei Netzpolitik: "Im Iran zum Beispiel, wo Instagram das letzte verbleibende westliche soziale Netzwerk ist und ganze Wirtschaftszweige mit diesem Netzwerk verknüpft sind. Da haben Leute keine Geschäfte gemacht und Geld verloren. Oder in Argentinien, wo man Unternehmen nicht mehr erreichen konnte, weil der Kundenservice über WhatsApp abgewickelt wird. Oder in Indien, wo Familien nicht mehr miteinander kommunizieren konnten. Ihnen wird der Zeigefinger nicht gerecht. Gerade wenn sie wie die meisten Menschen in Argentinien Mobilfunkverträge haben, bei denen sie WhatsApp kostenlos nutzen können, aber für das restliche Internet teuer bezahlen. Weil es keine Netzneutralität, sondern Zero-Rating gibt."

Im FAZ-Interview mit Roland Lindner sorgt sich der Anwalt John Tye von "Whistleblower Aid", der Frances Haugen vertritt, vor möglichen Vergeltungsschlägen Facebooks gegen Haugen: "Facebook könnte nun alle möglichen Anschuldigungen gegen sie erheben, sie über Medien zu attackieren versuchen oder sie verklagen. Facebook könnte sagen, sie hätte irgendwelche persönlichen Motive. Und über solche Bedrohungen machen wir uns auch Gedanken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2021 - Internet

Am Sonntag gab die Whistleblowerin Frances Haugen in der CBS-Sendung "60 Minutes" ein Interview, in dem sie ihre Identität preisgab und über die Gefährdung Facebooks für Gesellschaft und Demokratie sprach, heute wird Haugen im Unterausschuss für Verbraucherschutz, Produktsicherheit und Datensicherheit des US-Senats als Zeugin auftreten. Auf Seite 3 der SZ reiben sich Lena Kampf, Andrian Kreye und Georg Mascolo nach Sichtung der Unterlagen die Augen: "Liest man die Dokumente, die Haugen aus der Firmenzentrale mitgenommen hat, die internen Studien, Präsentationen aus Konferenzen, die Chats, ist man verblüfft, mit welcher Akribie Facebook die Probleme von Facebook durchleuchtet. Ausführlich werden da etwa die Schwierigkeiten diskutiert, die man bei der Überwachung von Posts aus Krisenherden in Syrien oder im Jemen hat, weil die Moderatoren nur marokkanisches Arabisch sprechen. Man liest, dass Facebook weiß, dass mexikanische Drogenkartelle über seine Plattform neue Auftragskiller suchen und moderne Menschenhändler im Nahen Osten ihre Ware anbieten. Und da ist die wissenschaftliche Genauigkeit, mit der Facebook erforscht hat, welche psychischen Auswirkungen es hat, wenn sich Teenager rund um die Uhr mit den digital geschönten Idealbildern auf Instagram vergleichen."

Der gestrige Blackout hatte aber keineswegs damit zu tun, dass Facebook seine Dienste aus Scham abstellte. Es gab lediglich Netzwerkprobleme, wie unter anderem Spiegel Online meldet: "Facebook-Technologiechef Mike Schroepfer hatte sich vier Stunden nach dem Ausfall über den Konkurrenzdienst Twitter für die Probleme bei Facebook, Instagram und WhatsApp entschuldigt. 'Wir haben Netzwerkprobleme, und Teams arbeiten so schnell wie möglich an der Fehlerbehebung und Wiederherstellung', schrieb er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2021 - Internet

Wikileaks hat "durch Transparenz und Zugänglichkeit zu den Quellen die Glaubwürdigkeit von Journalismus gestärkt. Bis dahin saß die Branche auf einem ganz schön hohen Ross, was den exklusiven Umgang mit Quellen anging", sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, zum 15. Geburtstag von Wikileaks im FR-Gespräch mit Bascha Mika. Mit dem Fall Julian Assange soll ein "Signal der Einschüchterung" gesendet werden, fährt er fort: "Zum einen kämen die USA dann mit der Anschuldigung durch, dass die Veröffentlichungen von Assange und Wikileaks nichts mit Journalismus zu tun haben. Das ist ein Angriff auf die Pressefreiheit, denn diese Arbeit ist ja eine großartige Leistung für den Journalismus gewesen. Zum anderen: Wenn diese Praxis Schule macht, könnte sich jedes Land, das sich durch eine Veröffentlichung in einem anderen Land beleidigt fühlt, auf Assanges' Auslieferung berufen. Das würde Pressefreiheit und Journalismus grundsätzlich schwächen. Deshalb geht es hier um einen Präzedenzfall." Er fordert deshalb eine völkerrechtliche Konvention zum Schutz von Whistleblowern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2021 - Internet

In der FAZ berichtet Lilly Bittner von einem Bericht des Wall Street Journals, demzufolge Facebook interne Forschungsergebnisse zurückhalte, die schwere psychische Probleme bei jugendlichen Instagram-Nutzern festgestellt haben: "Wir verschlimmern bei jedem dritten Mädchen im Teenageralter die Probleme mit dem Körperbild', heiße es in einer Präsentation des Konzerns von 2019. Daten aus dem letzten Jahr bestätigten das Ergebnis. Eine Umfrage aus dem Jahr 2020 zeige, dass es jungen Männern ähnlich gehe: Vierzig Prozent der befragten männlichen Teenager gaben an, dass Vergleiche auf Instagram ihr Körperbild negativ beeinflussten. Eine weitere Studie zeige, dass junge Nutzer Instagram die Schuld für das Anwachsen der Angst- und Depressionsrate gäben. Hinzu kämen negative Auswirkungen auf das Vertrauen in Freundschaften, Essstörungen sowie suchtähnliche Verhaltensweisen der App-Nutzer. Die Daten zeigen laut Wall Street Journal, dass diese Probleme spezifisch für Instagram und nicht repräsentativ für soziale Medien im Allgemeinen seien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2021 - Internet

Auf 54books denkt der Literaturwissenschaftler Simon Sahner über die Codes und Kommunikationsstrategien in den sozialen Medien nach, die zwar allen offenstehen, aber zugleich eine "Zugehörigkeit zur Kultur der Digitalität" markieren und eine "Ausschlussdynamik" in Gang setzen: "Digitale Kultur ist längst nicht mehr die Spielwiese einiger, vermeintlich nerdiger Menschen, es ist ein Feld kulturellen Handelns geworden, das durch eine anders strukturierte Form des Zugangs und der Partizipation gesellschaftliche Gruppen in einen kulturellen Diskurs geholt hat, die über Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte von Gate-Keepern herausgehalten wurden. Dabei ist kein kultureller Raum entstanden, der durch Diskriminierungsfreiheit und Gleichheit allen die gleiche Stimme verleiht und unbeschränkte Teilhabe ermöglicht, aber ein Raum, in dem relevante Gegenwartskultur entsteht, die nicht mehr allein durch eine bestimmte Gruppe mit klassischem kulturellem Kapital dominiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2021 - Internet

Inspiriert von Neal Stephensons SF-Roman "Snow Crash" bastelt Facebook derzeit an einem Augmented-Reality-Projekt namens Metaversum, das gewissermaßen ein neuer Höhepunkt kapitalistischer Wirtschaft wäre, berichtet Rahel Lang in netzpolitik: "Ein zentraler Aspekt" von Zuckerbergs Vision "ist es, eine eigene Wirtschaft mit digitalen Zahlungsprozessen und Blockchain-Technologien zu schaffen. So wie Menschen auf Fortnite ihren Charakter ausstatten können, soll das Metaversum einen ganz eigenen Markt von digitalen Produkten geben. Das Metaversum setzt damit nicht nur das Internet, sondern auch den Kapitalismus auf die nächste Ebene - und mit ihm, die Spaltung in Klassen." Doch dazu gibt es bereits einen antikapitalistischen Gegenentwurf, den das Projekt Dynamicland kreiert hat, so Lang, die das recht detailliert beschreibt. Aber ob es sich durchsetzen wird? "Nach der Vision der Arbeitsgruppe soll die Infrastruktur des Dynamiclands im Jahr 2060 überall sein. Mark Zuckerberg peilt für die Anfänge des Metaversums das Jahr 2030 an. Bisher können diese Utopien parallel zueinander bestehen, ihre Konzepte sind aber unvereinbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2021 - Internet

Peter Glaser, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs, erzählt in der Zeit, wie er vor vierzig Jahren den Computer entdeckte: "Nun war da dieser kleine Fernseher in der Wohnung eines Bekannten, davor eine dicke, hässliche Tastatur. Ob ich auch mal was eingeben wolle. Ich tippte 'HALLO' - und das Wort war sofort im Fernsehen!" Und wie es war, als sie den CCC gründeten: "An einem Tag Ende August 1981 saßen die fünf in Büttners Wohnung um Schleisieks Osborne 1 herum, der elf Kilo wog und als erster tragbarer Computer der Welt beworben wurde. Das Gespräch drehte sich um Computer für jedermann, ihre Vernetzung und die sozialen Auswirkungen und führte schließlich zu der Frage, ob es nicht auch noch andere 'politisch wache Informatiker' in Deutschland gebe. Eine Kleinanzeige wurde formuliert, die in der taz erschien und heute als Gründungsurkunde des Chaos Computer Clubs, CCC, gilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2021 - Internet

Stefan Krempl zitiert bei heise.de aus Zahlen von LobbyControl und Corporate Europe Observatory (CEO) über Lobbyorganisationen in Brüssel. Die Tech-Konzerne, stellt sich dabei heraus, geben das meiste Geld aus: "Allein die zehn größten Digitalkonzerne beschäftigen in Brüssel mehr als 140 Lobbyisten und lassen über 32 Millionen Euro pro Jahr dafür springen. Google steht an der Spitze mit 5,75 Millionen Euro für Politikbeeinflussung in Brüssel, gefolgt von Facebook mit 5,5 und Microsoft mit 5,25 Millionen Euro."

Ingo Dachwitz stellt bei Netzpolitik einen Bericht der Universität Toronto zur Zensur von LGBTIQ-Inhalten durch Internetzensoren in autoritären Ländern vor. Es überrascht nicht, dass sie massiv ist: "Die Sperrungen würden dabei nicht notwendigerweise in Zusammenhang mit gesetzlichen Verboten von Homosexualität stehen, wohl aber mit dem Bestreben, die Grundrechte von LGBTIQ Menschen einzuschränken. In Ländern wie Russland und Indonesien, wo Homosexualität nicht offiziell verboten sei, werde die Zensur etwa mit Verweis 'obszöne Inhalte' oder 'homosexuelle Propaganda' begründet. Häufig sei auch eine fälschliche Markierung von LGBTIQ-Inhalten als Pornografie zu beobachten."