9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2020 - Geschichte

In der FR berichtet Ulrich Krökel, wie Putin versucht, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und vor allem des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 umzuschreiben: Dieser sei reine Selbstverteidigung gewesen, weil Polen schon 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich abgeschlossen hatte: "Aus Putins Sicht ergibt sich daraus und aus der westlichen Beschwichtigungspolitik (Appeasement) gegenüber Hitler eine Rechtfertigung Stalins. Die Sowjetunion habe damals allein gestanden und keine andere Wahl gehabt, als den Ausgleich mit den Nazis zu suchen. Was Putin unterschlägt: Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 enthielt in einem geheimen Zusatzprotokoll einen Kriegsplan, der auf Moskauer Initiative zurückging" und dann auch gleich ausgeführt wurde. "Dem Kremlchef spielt die Zuspitzung allerdings in die Karten", meint Krökel. "Denn für Putin gilt dasselbe wie für die polnische PiS: Er profitiert innenpolitisch von der Aufwallung nationalistischer Stimmungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2020 - Geschichte

Den Begriff der "Seidenstaße" kannte man im Mittelalter noch nicht, schreibt der Historiker Thomas Höllmann, Autor eines Buchs zum Thema, in einem FAZ-Essay: "Er wurde erst 1877 von dem deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen geprägt und in der Folgezeit zunächst ins Englische und dann ins Chinesische übersetzt. Zwar verbinden heute nicht wenige Menschen damit die Vorstellung von einer einbahnstraßenähnlichen Ost-West-Verbindung, doch trügt dieser Eindruck. Das von Ostasien bis nach Westeuropa und Nordafrika reichende, vielfach verzweigte und zeitweilig maritime Verbindungen einschließende Routengeflecht bildete einst das größte Verkehrsnetz der Erde, weshalb manche Autoren den Plural 'Seidenstraßen' bevorzugen." Mark Siemons erklärt in einem zweiten Artikel das neue chinesische Seidenstraßenprojekt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2020 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den blutigen 13. Januar 1920 in Berlin, an dem die radikale Linke zur Großdemonstration gegen das Betriebsrätegesetz aufrief. Da die Auseinandersetzung zwischen zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten mittlerweile das Ausmaß eines Bürgerkriegs angenommen hatte, gab es auch an diesem Tag Tote und Verletzte: "Die Demonstration vor dem Reichstag stand unter dem Motto 'Heraus zum Kampf gegen das Betriebsrätegesetz, für das revolutionäre Rätesystem!' Zwar hatte sich der 'Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte' im Dezember 1918 mit 344 zu 98 Stimmen gegen eine Räterepublik und mit 400 zu 50 Delegierten für eine möglichst frühzeitige Wahl der Nationalversammlung ausgesprochen, aber das hinderte die radikale Linke nicht, an ihren Zielen festzuhalten. Sie forderte, den 'Ausbau der Betriebsräte zu selbstständigen revolutionären Organen neben den Gewerkschaften'. Sie wollte nicht 'mitwirken', sondern das 'volle Kontrollrecht über die Betriebsführung' haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2020 - Geschichte

Knapp eine Million deutsche Frauen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von allierten Soldaten vergewaltigt, erinnert in der NZZ Yaël Debelle, die unter anderem mit der deutschen Historikerin Miriam Gebhard gesprochen hat: "'Die sexuelle Gewalt traf Frauen aller Schichten, junge Mädchen und alte Frauen - und auch Männer', sagt Gebhardt. 'Es geschah am helllichten Tag, nachts bei Hausdurchsuchungen, auf offenem Feld, in Kellern und Unterständen' - 'und in spontan eingerichteten Vergewaltigungsräumen'. Die Taten seien oft in der Gruppe verübt worden, die Soldaten hätten gegenseitig Schmiere gestanden. Rund 860 000 Frauen wurden vergewaltigt, so Gebhardts Hochrechnung. Die Historikerin hat die eidesstattlichen Erklärungen von vergewaltigten Frauen studiert, die abtreiben wollten."

Eher als geisteswissenschaftliche Mode tut Simon Strauß in der FAZ die These ab, dass das Römische Reich wegen eines Klimawandels untergegangen sei: "Als TED-Talk-erfahrene Vorzeigefigur dieser 'new environmental historians of Rome's fall' tritt insbesondere der einundvierzigjährige Kyle Harper hervor, der manchen schon als 'Edward Gibbon des 21. Jahrhunderts' gilt. Sein demnächst auch auf Deutsch erscheinendes Buch 'Fatum' führt die Überzeugung des Autors schon im Titel: dass das spätantike Rom durch eine fatale, also schicksalhaft unausweichliche Klimaveränderung zu Fall gebracht worden sei."

Weiteres: In der FR schreibt Arno Widmann über Hong Xiuquan, den Anführer des Taiping-Aufstandes, der zum Christentum konvertierte und Jesus für seinen älteren Bruder hielt. Besprochen wird die Kunstinstallation "Kriegskinder" im Museum Neukölln, in der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs über ihre Erfahrungen sprechen (Berliner Zeitung).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2020 - Geschichte



In der Berliner Zeitung empfiehlt der Historiker Götz Aly wärmstens eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg über die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Stadtrecht. "Was ist an dieser Ausstellung so aufregend? Ganz einfach: Vom Magdeburger Domplatz aus öffnet sich der kulturhistorische Blick nach Osten. ... Anders als die heute verbreitete hoffärtige Einbildung, man könne Demokratie und Rechtsstaat einzelnen Staaten wie etwa Libyen notfalls mit Gewalt aufpfropfen, breitete sich das Magdeburger Stadtrecht per Osmose aus. Der Rechtskreis vergrößerte sich, weil die einzelnen Regelungen, die Schöffensprüche und die Öffentlichkeit der Verfahren funktionierten, das machte sie attraktiv: Zunächst übernahmen es Städte wie Berlin, Stettin, Danzig oder Breslau, schließlich folgten zum Beispiel Prag, Krakau, Lemberg, Wilna, Ofen (Budapest), Hermannstadt, Kiew, Minsk, Brjansk und Poltawa."

Außerdem: In der NZZ schreibt Regula Heusser-Markun über russische Kämpfer auf beiden Seiten des Spanischen Bürgerkriegs. Und die Historikerin Elisabeth Schraut erklärt, ebenfalls in der NZZ, was es mit dem "Türkenbecher" auf sich hat, der zur Zeit in der Ausstellung "Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe ausgestellt ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2020 - Geschichte

Die Debatte um die "Trostfrauen" zerreißt nach wie vor die Beziehungen zwischen Korea und Japan. Hoo Nam Seelmann stellt in der NZZ einen Dokuemtarfilm Miki Dezakis zum Thema vor: "Der zweistündige Film 'Shusenjo' besteht hauptsächlich aus Interviews und einigen historischen Aufnahmen, er bleibt bis zuletzt spannend. Es werden keine Greueltaten gezeigt, dafür sieht man, wie um Geschichte gestritten wird und wer wo nach Verbündeten sucht. Dreißig Personen erzählen ihre Version der Wahrheit über 'comfort women'. Bald treten zwei Lager deutlich hervor: hier die Unterstützer der Frauen und dort die Leugner ihrer Geschichte. Zu den Ersteren zählen nicht nur Koreaner, sondern auch Japaner und Amerikaner, zumeist Historiker, Juristen und Politiker, die auf Forschungen verweisen und differenziert argumentieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Geschichte

Im letzten Jahr sind einige Bücher zu den bislang eher stiefmütterlich behandelten deutschen Revolutionen von 1919 erschienen. Till Schmidt unterhält sich in der Jungle World mit dem Historiker Michael Brenner, der sich in seiner Studie "Der lange Schatten der Revolution - Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918 bis 1923" mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die meisten prominenten Revolutionäre in München Juden waren. Allerdings wurden sie dafür auch gerade von Juden scharf kritisiert: "Ich würde sogar sagen, dass außer den Antisemiten wohl niemand die Revolution, vor allem aber die beiden Räterepubliken, so sehr ablehnte und fürchtete wie die Münchner Juden. Aus Moskau kannte man das Wort: 'Die Trotzkis machen die Revolution und die Bronsteins (Trotzkis Geburtsname, Anm. d. Red.) zahlen den Preis.' In München machten die Eisners und Tollers die Revolution, und die alteingesessenen jüdischen Familien Münchens wie die Fraenkels und Feuchtwangers fürchteten, bei einem Scheitern der Revolution würden sie den Preis zahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2019 - Geschichte

Die Debatte um die Hohenzollern und ihren für die Nazis so segensreichen Beitrag zur deutschen Geschichte war ja ursprünglich eine juristische, weil von der Antwort der Entschädigungsanspruch der Familie abhängt. Aber darüber geht die Kontroverse inzwischen weit hinaus, meint der Historiker Jörn Leonhard in der FAZ: "Schon jetzt führt die Geschichte vor Gericht zu aporetischen Konstellationen: So als könnte man eindeutige rechtliche Kategorien entwickeln und anwenden, um einen an Komplexität kaum zu überbietenden Zusammenhang wie die Zerstörung der Weimarer Republik auf eine Person zuzuspitzen. So suggestiv das anmutet, weil es die Komplexität der Vergangenheit auf die vermeintlich objektivierbaren Kategorien von 'schuldig' und 'unschuldig' reduziert, führt es doch vor allem zu grotesken Verzerrungen und Verrenkungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2019 - Geschichte

Im Tagesspiegel stellt Leander F. Badura zwei Bücher vor, die den Mythos widerlegen, in früheren Zeiten hätten Muslime, Christen und Juden in der arabischen Welt friedlich zusammengelebt: Georges Bensoussans "Die Juden der arabischen Welt" und Nathan Weinstocks "Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967" erzählen, mit welcher Gewalt Juden in der arabischen Welt Mitte des 20. Jahrhunderts in den Exodus getrieben wurden. "Das Gründungsjahr Israels - 1948 - war der Beginn eines Exodus', in dem etwa 900.000 Juden ihre Heimat zurückließen, von denen zwei Drittel in Israel Schutz suchten, die übrigen 300.000 in anderen Teilen der Welt. Sie flohen vor Diskriminierungen und zunehmend offener Gewalt. Wer Hab und Gut hatte, wurde zumeist enteignet. Die Zahl übertrifft die der arabischen Flüchtlinge infolge des ersten Krieges der Araber gegen Israel. Während das Schicksal dieser Menschen jedoch weithin bekannt ist und zudem in der internationalen Politik als Hebel gegen Israel genutzt wird, ist von dem der Juden in der arabischen Diaspora selten zu hören. Das mag daran liegen, dass Israel sie integrierte (bisweilen mehr schlecht als recht, aber das ist eine andere Geschichte), während die später Palästinenser genannten Araber in ihren Aufnahmeländern bis heute in Flüchtlingslagern leben müssen. Doch es liegt auch am Desinteresse der Öffentlichkeit, nicht zuletzt in europäischen Gesellschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 - Geschichte

Der Streit um die Hohenzollern wird zu einem veritablen neuen Historikerstreit. Vorgestern hat sich Richard Evans gegen das von den Hohenzollern in Auftrag gegebene Gutachten Richard Clarks gewandt (unser Resümee). Im Zeit-Interview mit Christian Staas sieht es Heinrich August Winkler heute ähnlich wie Evans. Clark fertigt er mit einer Nebenbemerkung ab. Auch das späte bekannt gewordene Gutachten von Wolfram Pyta und Rainer Orth, ebenfalls pro Hohenzollern, findet nicht seine Zustimmung. Der Kronprinz von Preußen hat für ihn deutlich Hitler zugearbeitet: "Nach dem 30. Januar 1933 erwies er dem neuen Regime umgehend seine Reverenz; besonders deutlich am sogenannten Tag von Potsdam am 21. März 1933." Der Einwand dass der Prinz dabei im Sinne der Konservativen agieren wollte, die mit Hitler paktierten, sticht dabei für Winkler nicht: "Natürlich wollte der Kronprinz die deutschnationalen Verbündeten Hitlers unterstützen, aber genau das war ja ein Beitrag zur Stabilisierung der Regierung Hitler, die aus einer Koalition von Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Stahlhelm bestand, der sogenannten Kampffront Schwarz-Weiß-Rot."

Es liegen inzwischen vier Gutachten zu dem Streit vor: jeweils von Stephan Malinowski und Peter Brandt für das Land Brandenburg, von Christopher Clark und von Wolfram Pyta/Rainer Orth pro Hohenzollern. Letzteres bezeichnet Winkler im Zeit-Gespräch als "Apologie pur". Er begrüßt ausdrücklich, dass die Guachten öffentlich seien. Bei Jan Böhmermanns Seite hohenzollern.lol kann man sie alle herunterladen.