9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2020 - Geschichte

Die Gedenkfeier in Yad Vashem zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war in mehrerer Hinsicht höchst problematisch, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Sie nützte vor allem Putins Geschichtsrevisionismus. "Jetzt werden wir Zeugen einer Instrumentalisierung, die das Gedenken an die Shoa keineswegs negiert oder zu minimieren versucht, sondern sogar aktiv hochhält, es aber so umdeutet, dass es sich nahtlos in die jeweils eigene nationale Heldengeschichte fügt. Putin geht hier mit kalter Systematik voran. In Yad Vashem setzte er unwidersprochen die verbrecherische Dimension der Belagerung Leningrads mit der des Holocaust gleich und unterstrich damit, dass er den Opferstaus der Völker der einstigen Sowjetunion ebenso wie den Heroismus ihres gemeinsamen Sieges über Hitler-Deutschland alleine für Russland beansprucht."

Gestern fand im Bundestag eine Anhörung zum Ausmaß der kaum zu bestreitenden Begeisterung der Hohenzollern für die Nazis statt. Von dieser Begeisterung hängt ab, wie legitim die Entschädigungsforderungen der Familie sind, berichtet Andreas Fanizadeh in der taz: "Der wunde Punkt der aktuellen Debatte dürfte nach Auffassung der Partei die Linke vielleicht auch in der Vergangenheit der Bundesrepublik zu suchen sein. Der Abgeordnete Jan Korte deutete dies an. Im Westen wurden die an den Verbrechen nachweislich beteiligten Familienclans und Dynastien nach 1945 nicht oder nicht immer konsequent genug bestraft, deren Vermögen auch kaum eingezogen. Die Hohenzollern können heute im Bundestag auf erstaunlich entschiedene Befürworterinnen zählen. Am Mittwoch besonders auf die Wortführerin der CDU im Kulturausschuss, Charlotte Motschmann, geborene Baronesse von Düsterlohe."

Den wichtigsten Auftritt hatte Christoph Maria Vogtherr, Leiter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten teilnahm, schreibt Jens Bisky in der SZ: "Die Würdigkeitsfrage nach dem Ausgleichsgesetz betreffe nur einen Teil der Objekte, etwa ein Drittel. Daneben gebe es Kunstwerke von der sogenannten '19er Liste'. Für diese war Mitte der Zwanzigerjahre im Zuge der Vermögensauseinandersetzung ein Vorkaufsrecht des Staates vereinbart worden, der auch 16 Positionen ankaufte, was nach dem Krieg vergessen war, sodass etwa, wie der Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser bereits vor Jahren nachwies, Watteaus Gemälde 'Einschiffung nach Kythera' ein zweites Mal angekauft wurde."

"Zwei Haltelinien sollten die staatlichen Verhandler ganz klar ziehen", fordert indes Hans Monath im Tagesspiegel: "Eine wie immer geartete Mitsprache der Hohenzollern bei der Darstellung ihrer Geschichte in öffentlichen Institutionen muss ausgeschlossen bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2020 - Geschichte

Im Berliner Abgeordnetenhaus ist eine Menge los. Heute wird dem ehemaligen Reichspräsidenten und Hitler-Installierer Hindenburg die Ehrenbürgerschaft aberkannt, berichtet Bert Schulz in der taz. In Hamburg habe man sich dagegen entscheiden und beschlossen, besser über historische Persönlichkeiten zu informieren: "In Berlin ist dies keine Option. 'Die Aberkennung ist eine Entscheidung mit Symbolcharakter', sagte Regine Kittler (Linkspartei) der taz. Auch heute gehe es wieder um den Schutz der Demokratie gegen erstarkte rechte Parteien und Nationalisten. Und: Man könne die Bewertung historischer Personen nicht abkoppeln von deren aktueller Bedeutung - ein Argument gegen die These, dass Hindenburg 1948 offenbar noch als verdienstvoller Mensch angesehen wurde und man das doch nicht im Nachhinein korrigieren sollte." Hm, wer war denn alles so Ehrenbürger in "Berlin - Hauptstadt der DDR"?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2020 - Geschichte

Die Äußerungen Lukas Bärfuss' zur deutschen und zur schweizerischen Geschichte sind in letzter Zeit immer für Debatten gut (siehe unser gestriges Resümee). Ende Dezember hat er der Republik ein Interview gegeben, das in Deutschland (auch vom Perlentaucher) unbemerkt blieb. Die Republik-Kolumnistin Mely Kiyak gibt zu, dass sie in dem Interview einiges gelernt hat: "Entschuldigung, aber Kurt 'Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus' Biedenkopf, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen, war der Schwiegersohn von Fritz Ries? Jenem Industriellen, der sein Vermögen mit Zwangsarbeitern in Auschwitz machte und nach dem Krieg behalten durfte? Und mit diesem Geld finanzierte er nach 1945 die Union? Ich meine, das ist doch irre. Das Startkapital der Christlich-Demokratischen Union kam auf dem Rücken von gefangenen und gefolterten Juden zustande?"

Götz Aly lobt in der Berliner Zeitung die Klarheit der Rede Frank-Walter Steinmeiers in Yad Vashem: "Er mied die Wörter Hitler, Diktatur, NS-Regime, Ideologie, Machthaber, Rassenwahn, Weltanschauungskrieger. Warum verzichtete er auf alle diese unter Journalisten, Historikerinnen und Moderatorinnen, Gedenkpädagogen und Schulbuchautoren so hochbeliebten Distanzformeln? Die Antwort ist einfach. Alle diese Begriffe dienen dazu, sich um das zentrale unbeantwortete Problem herumzudrücken: Wie konnte ein ganzes Volk, und zwar das deutsche, derart tief sinken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2020 - Geschichte

Die FAZ veröffentlicht die Rede Ronald S. Lauders, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, die er zum gestrigen Gedenktag in Auschwitz gehalten hat. Wo die Schuld für den Holocaust liegt, ist klar. Aber es gab auch ein Wegsehen der anderen Länder, das Lauder ebenfalls thematisiert: "Im Juli 1938 organisierten die Vereinigten Staaten eine Konferenz in Evian, auf der über die Krise der jüdischen Flüchtlinge beraten werden sollte. Viele schöne Reden wurden gehalten, doch die Vereinigten Staaten nahmen keine weiteren jüdischen Flüchtlinge mehr auf. Die anderen Konferenzteilnehmer schlossen sich an. Zweiunddreißig Staaten waren vertreten, und keiner half den Verzweifelten - mit Ausnahme der kleinen Dominikanischen Republik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2020 - Geschichte

Die geschichtsrevisionistischen Äußerungen Wladimir Putins beinhalten eine Leugnung, und diese Leugnung ist nicht neu, schreibt Nikolai Klimeniouk in der FAS: "Diese Art der Relativierung kennt man bereits aus der Sowjetunion: Dort wurden die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus stets unter die Gesamtverluste der jeweiligen Staaten subsumiert, vor allem wenn es um sowjetische Juden ging. Über Babyn Jar in Kiew, wo die Nazis 33.000 Juden erschossen hatten, hieß es zum Beispiel, dort seien soundso viele Sowjetbürger ermordet worden. Es sollte keine besonderen Opfer geben. Das wahre Verbrechen Hitlers, das einzige, was nach der alten sowjetischen und der aktuellen russischen Lesart wirklich zählt, war der heimtückische Überfall auf die Sowjetunion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Geschichte

Die deutsch-französische Autorin Géraldine Schwarz ermuntert in der Welt dazu, sich auch der eigenen Familiengeschichte zu stellen: "Die Verbrechen des Dritten Reichs haben in vielen deutschen Familien Spuren hinterlassen. Wie meine Großeltern waren die meisten keine Monster, aber durch ihr Mitläufertum haben sie das Dritte Reich in seinem unmenschlichen Unterfangen bestätigt. Ohne sie hätte es vielleicht Auschwitz nicht gegeben. Gerade daher ist das Familiengedächtnis als Ergänzung zur 'großen' Geschichte so wichtig, um die jungen Menschen dafür zu sensibilisieren, wie ein Mensch zum Täter oder Mitläufer werden kann. Die soziopsychologischen Mechanismen bleiben dieselben, die uns durch Apathie, Konformismus, Angst, Blindheit oder Opportunismus zu Komplizen von Verbrechen machen können."

Weiteres: Zum Holocaust-Gedenktag erinnert der DlfKultur mit einer langen Nacht an die Ermordung der europäischen Juden und spürt den Habseligkeiten der Ermodeten nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2020 - Geschichte

Der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz - gestern offiziell in Yad Vashem gefeiert, wo auch Frank-Walter Steinmeier redete - steht im Zeichen unguter geschichtspolitischer Debatten, konstatiert Klaus Hillenbrand in der taz, vor allem mit Blick auf Wladimir Putins Äußerungen zum Hitler-Stalin-Pakt und zum Zweiten Weltkrieg. "Wenn Wladimir Putin Polen unterstellt, unter ihnen hätten sich die schlimmsten Antisemiten befunden, dann geschieht dies, um die eigene historische Verantwortung zu leugnen. Wenn die polnische Regierung als Reaktion mit dem Hinweis auf die verheerenden Folgen des Hitler-Stalin-Pakts antwortet, hat sie recht. Aber sie minimiert auch die Bedeutung der sowjetischen Streitkräfte für die Befreiung Europas, wobei diese wiederum für viele Menschen den Beginn einer neuen Diktatur bedeutete."

Um die Gedenkveranstaltung in Yad Vashem hat es auch in Israel Debatten gegeben, berichtet Judith Poppe ebenfalls in der taz: "Organisator der Veranstaltung ist der russische Oligarch und Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Moshe Kantor. Ihm wird nachgesagt, ein guter Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sein. Auseinandersetzungen um die verschiedenen Narrative haben im Vorfeld des Holocaust Forum zu Zerwürfnissen geführt. Ha'aretz sprach gar davon, dass Israel 'Stalins Handschlag mit Hitler' reinwasche." Gabriele Lesser berichtet über den polnischen Boykott der Veranstaltung in Yad Vashem.

Im gestrigen Dlf-Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann warf auch der polnische Journalist Adam Krzeminski Wladimir Putin Einflussnahme auf den Holocaust-Gedenktag im Yad Vashem vor, äußerte Verständnis für Andrezj Dudas Entscheidung, nicht an der Konferenz teilzunehmen und erinnerte: "Es gab eine polnisch-russische Kommission der Historiker, die eindeutig diese Lügen von Putin widerlegt hatten, und das waren russische Historiker. Derselbe Putin, der heute das sagt, hat 2009 auf der Westerplatte in Danzig den Hitler-Stalin-Pakt als moralisch verwerflich abgelehnt."

Putin steht mit seinem "gefährlichen" Geschichtsrevisionismus nicht allein da, ergänzt Stefan Kornelius in der SZ: "Das Europäische Parlament hat mit einer unrühmliche Entschließung zum Geschichtsbewusstsein in Europa Anlass zur Kritik und Putin eine neue Vorlage im Streit um die Deutung des Hitler-Stalin-Pakts gegeben. Die polnische Regierung hat mit ihrem Holocaust-Gesetz die schmerzhafte Befassung mit der eigenen Vergangenheit unter Strafe gestellt. Von der Ukraine bis zum Balkan verhindern Nationalismus und billiger Patriotismus die Aufarbeitung der Vergangenheit und stiften damit neuen Unfrieden. In Deutschland sät die AfD mit dem 'Vogelschiss der Geschichte' bittere Zwietracht."

Viel Ärger hat außerdem auf Twitter ein "Tagesschau"-Kommentar der HR-Reporterin Sabine Müller zu der Gedenkveranstaltung ausgelöst. Da heißt es: "Der Gedenktag in Yad Vashem wurde von den egoistischen Auftritten Israels und Russlands überschattet. Eine vertane Chance im Kampf gegen Antisemitismus."

Besprochen wird die Ausstellung "Medicus. Die Macht des Wissens" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, die laut Rudolf Neumaier im Feuilleton-Aufmacher der SZ Medizingeschichte faszinierend erlebbar macht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2020 - Geschichte

Der Autor Frederick Forsyth erinnert im Guardian an ein fast vergessenes Desaster vor fünfzig Jahren, den Biafra-Krieg, in dem eine Million Kinder gestorben sein sollen. Forsyth geißelt die Rolle der BBC (deren Korrespondent er damals war), die die britische Außenpolitik einfach nachgebetet hätte, und die britischen Repräsentanten, die das nigerianische Regime bei seinen Verbrechen unterstützte: "Wirklich beschämend ist, dass dies nicht von Wilden getan wurde, sondern in jeder Phase von in Oxbridge ausgebildeten britischen Mandarinen unterstützt und gefördert wurde. Warum? Liebten sie das korrupte, diktatorisch geprägte Nigeria? Nein. Von Anfang bis Ende sollte damit vertuscht werden, dass die Einschätzung der nigerianischen Situation durch Großbritannien ein enormer Irrtum war. Und, schlimmer noch: Mit Neutralität und Diplomatie aus London hätte das alles vermieden werden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2020 - Geschichte

In der SZ lobt Lothar Müller die neue Dauerausstellung im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz, die nicht nur wissenschaftlich auf der Höhe sei, sondern sich auch Inklusion auf die Fahnen geschrieben habe: "Zu Recht wird dabei vorausgesetzt, dass nicht einen quellenkritischen Grundkurs gemacht haben muss, wer die schriftlichen Dokumente und Fotografien betrachtet. An einer der 'Partizipationsstationen' wird erläutert, welche Aufschlüsse Stempel, Absender, Adressat oder etwaige Kommentare auf dem Dienstweg ergeben. An Touchscreens lassen sich Akten aufblättern, an akustischen Stationen Stimmen von Opfern aufrufen, deren Briefe, Tagebücher oder Proteste Eva Mattes, Iris Berben, Hanns Zischler und Boris Aljinovic lesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Geschichte

Wichtiger als die Frage, ob die Hohenzollern den Nazis Vorschub leisteten, findet der Historiker Eckart Conze in der SZ ein neues geschichtspolitisches Klima, das er zu verspüren vermeint: "Christopher Clarks Buch 'Die Schlafwandler' wurde hierzulande auch deswegen so begierig aufgenommen, weil es den Beginn des Ersten Weltkriegs als Systemversagen deutete und damit nicht nur die preußisch-deutschen Eliten entlastete, sondern das Kaiserreich insgesamt. So rückt das ferne Reich dem deutschen Nationalstaat der Gegenwart wieder näher. Im Vorfeld des 150. Jahrestags der Reichsgründung im nächsten Jahr treten an die Stelle kritischer Distanz immer häufiger affirmative Bekenntnisse zur preußisch-deutschen Nationalgeschichte und zu einer nationalstaatlichen Kontinuität."