Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 33

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - Times Literary Supplement

Mit Freude beobachtet Bee Wilson eine "Rückkehr des Baguettes", die die Franzosen vor allem den Retro-Bäckern Eric Kayser and Dominique Saibron verdanken, die den Teig bei minimaler Geschwindigkeit kneten. Mit seiner Geschichte des Baguettes "Good Bread is Back" liegt Steven Laurence Kaplan also im Trend, konstatiert Wilson und erzählt selbst: "Um 1789 tauschten die Italiener die Knusprigkeit des Brots gegen die Schlabberigkeit der Pasta. Jenseits des Kanals gaben die Briten Brot zugunsten des Zuckers auf. Während des 18. Jahrhunderts stieg der britische Zuckerkonsum um das Achtfache, auf 16 Pfund pro Person und Jahr. Mit all diesen süßen Kalorien war Brot nicht länger so bedeutend, vor allem das britisches Brot mit Alaun gepanscht wurde, einem Bindemittel, mit dem sich auch aus schlechtem Mehl weiße poröse Brotlaiber herstellen ließen. Doch in Frankreich blieb das Brot relativ rein und essentiell. Leben ohne Brot blieb undenkbar. Den 'Geschmack fürs Brot verloren' zu haben, war ein Synonym für den Verlust des Lebenswillen."

Erschüttert liest Kate Brown Nicolas Werth's Buch "Cannibal Island", das die Geschichte einer Gefängnis-Insel erzählt, mit der Stalin den Gulag reformieren wollte: Wachen und Kosten sollten eingespart werden: "Die 'Bewohner' der Insel Nazino konnten vom kargen Komfort oder der spärlichsten Ordnung eines Arbeitslagers nur träumen angesichts des grausigen Szenarios, das sich von ihnen im Frühjahr 1933 in Westsibirien abspielte. Mitten in der Nacht wurden sie auf einer kleinen, öden Insel inmitten eines tosenden eisigen Flusses ausgesetzt, Hunderte von Meilen entfernt von jeglicher Zivilisation. Ohne Nahrung, ohne Obdach, ohne warme Kleidung."

Magazinrundschau vom 05.06.2007 - Times Literary Supplement

Chris Patten, letzter Gouverneur von Hongkong, hat Elizabeth Roberts spannende Geschichte Montenegros "Realm of the Black Mountains" gelesen und gibt seine Einschätzung der Lage: "Selbst für europäische Standards ist Montenegros Geschichte erstaunlich turbulent und brutal. Man wäre schlecht beraten, sich mit einem Montenegriner anzulegen. Ihren Kampf um die Macht führten die Kriegsherren, Fürstbischöfe und Könige durch Enthauptungen, Vergiftungen und Blendungen. Ein Herrscher ließ seinen Bruder ans Kreuz nageln und in zwei Hälften zersägen. Köpfe rollten und wurden als Fußball benutzt oder geschenkverpackt dem Sultan geschickt. Zum Islam übergetretene Menschen wurden massakriert. (...) Kein Wunder, dass der Carnegie-Report über die regionalen Kämpfe während des Ersten Weltkriegs den Gebrauch von Terror gegen die Zivilbevölkerung festhielt, mit dem nationalistische Ideologen die Menschen von ihrem Land vertrieben. Diese erbärmliche Taktik hat sich in den Balkankriegen in den neunziger Jahren fortgesetzt. Montenegrinische Manieren haben sich offenbar nicht sonderlich gebessert."

Weiteres: Für Bharat Tandon bezeugt die Anthologie junger amerikanischer Autoren "Granta 97" vor allem den Aufstieg der "Deadly Earnests": "Viele Geschichten kommen in einem wenig ermutigenden Sinn als gekonnt daher, sie machen ihr Ding, ohne sich schlecht oder innovativ genug zu benehmen, um einen wirklich zu treffen - abgesehen vielleicht von ihrem ausgewiesenen Mangel an Komik." Besprochen werden außerdem neue Bücher über Risiken und Nebenwirkungen von Schwangerschaften und eine Auswahl von Ted Hughes' Lyrik-Übersetzungen.

Magazinrundschau vom 15.05.2007 - Times Literary Supplement

Philip Longworth hat in Alena Ledenewas Buch "How Russia Really Works" erfahren, welche Praktiken heute Russlands Politik und Wirtschaft kennzeichen. Die sechs Todsünden sind schwarze Propaganda, der Gebrauch kompromittierender Informationen, mafiöse Geschäftsverbindungen, Geldwäsche, doppelte Buchführung - und die Privatisierung der Justiz: "In der Mitte der 90er Jahre ließen sich private Fixer, Sicherheitsfirmen oder kriminelle Banden informelle Aufträge geben, um mit alternativen Methoden konventionelle, rechtliche Angelegenheiten zu klären. Diese Methoden reichten von der Unterstützung der Behörden bei Firmen-Durchsuchungen bis zum Ausüben finanziellen Drucks, von der Erpressung und Gewaltandrohung bis zum Auftragsmord. Solche Taktiken verstärkten die Ineffizienz des Rechtsstaats, halfen aber, die Lücke zu füllen, die der ineffiziente postkommunistische Staat ließ. All die Praktiken, die Ledenewa beschreibt, hatten ebenso positive wie negative Effekte, sie halfen, die Wirtschaft und Gesellschaft aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig die Demokratie unterminierten."

Weiteres: Benjamin Markovits liest die Briefe des jungen Henry James, Derek Mahon widmet dem "subversiven" Aidan Higgins eine Hommage, und Adam Thorpe begeistert sich für Martin Garretts Kulturgeschichte der "Provence".

Magazinrundschau vom 08.05.2007 - Times Literary Supplement

Vergrößert oder schmälert das Internet die Ungleichheit? Jon Garvie hat mit großem Interesse Kieron O?Haras und David Stevens' Buch "Inequality.com" zum Thema gelesen: "Wir produzieren jährlich eine Menge an digitalen Informationen, die der Summe aller in der Menschheitsgeschichte gesprochenen Wörtern entspricht, wenn auch die übergroße Mehrheit aus banalen persönlichen Trivialitäten besteht. Und während der Westen Schnappschüsse aus dem Urlaub hochlädt, Musik runterlädt und über Pornoseiten surft, verändert sich das politische Verhältnis zwischen Bürgern, Staat und Wirtschaft auf subtile, aber fundamentale Weise. Die Autoren argumentieren, dass digitale Ungleichheit sich nicht nur auf Zugang und Verteilung beziehen sollte, sondern auch auf den Verlust grundlegender Freiheitsrechte (zum Beispiel das Recht auf eine Privatsphäre), den wir regelmäßig über uns ergehen lassen, um beschleunigte soziale und kommerzielle Interaktionen zu genießen. Die Universalität von Handys versorgt Regierung und Unternehmen mit der Fähigkeit, unsere Bewegungen zu überwachen, unsere Handlungen zu interpretieren und unsere Wünsche vorwegzunehmen."

Besprochen werden außerdem Lew Losews bisher nur auf Russisch erschienener Essay über "Joseph Brodsky", Wilbur Smith' neuer Thriller "The Quest" und Jake Halperns Buch "Fame Junkies", das mit der Idee aufräumt, die Welt der Celebrities sei demokratischer geworden, nur weil Fernsehzuschauer ihre Superstars jetzt selber wählen.

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - Times Literary Supplement

Leo A. Lensing, Professor of German Studies an der Wesleyan University, singt eine Hymne auf "the Wunderkind" Rainer Werner Fassbinder, von dem die Deutschen seiner Meinung nach immer noch nicht begriffen hätten, dass er einer ihrer größten Künstler des 20. Jahrhunderts war. Mit Freude hat Lensing sogar die frühreifen Gedichte "Im Land des Apfelbaums" gelesen: "Gefragt, ob sie die literarischen Neigungen des junger Rainer gefördert hätte, gab seine Mutter, die Schauspielerin Liselotte Eder, zu: 'Es machte mich nervös. Vergessen Sie nicht, der gesamte Fassbinder-Clan - sein Vater, sein Onkel, seine Cousins - alle schrieben Gedichte. Und sie klangen alle wie Rilke! Wenn man seinen Onkel und dessen Kinder besuchte, wurden einem sofort die Originalgedichte der Kinder präsentiert. Und ich sagte mir: 'Oh Gott, bitte, nicht auch noch Rainer!' Die Ergebnisse von Fassbinders frühem Dichten legen nahe, dass seine Mutter erfolgreich jeden Rilkeschen Einfluss verhindert hat."

Besprochen werden Kenneth O. Morgans Biografie des Labour-Politikers "Michael Foot", A.L. Kennedys neuer Roman "Day" und Hildegard Hammerschmidt-Hummels Studie zu Shakespeares Totenmaske "The True Face of William Shakespeare".

Magazinrundschau vom 17.04.2007 - Times Literary Supplement

Daniel Johnson hat mit angehaltenem Atem Garri Kasparows Buch "How Life imitates Chess" gelesen, das man bitte nicht mit der Anekdotensammlung eines Prominenten verwechseln sollte: "Kasparow ist nicht nur der größte Schachspieler, den die Welt je gesehen hat. Er ist auch der Führer der Opposition und die letzte Hoffnung der Demokratie in Russland. Er war mutig genug, mit nichts anderem als seinem Kopf den Mann herauszufordern, den er verächtlich als einen 'einfachen Oberstleutnant im KGB' bezeichnet. In der Partie, die Kasparow jetzt mit Präsident Putin spielt geht es um Leben und Tod. Dies gibt seinen Überlegungen zum Schach und zum Leben eine besondere Schärfe." Um gegen Putin zu gewinnen, glaubt Johnson, wird Kasparow genauso diszipliniert agieren müssen wie einst gegen Karpow: "Für Kasparow wird es nicht leicht, die Wähler zu gewinnen, die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben."

Weiteres: Es gibt viele Industriellenfamilien, die ein gewaltiges Imperium gründeten und andere Menschen an ihrem Reichtum teilhaben ließen. Andrew Mellon etwa war ein großer Philanthrop und vermacht seine Kunstsammlung dem amerikanischen Volke. Und es gibt die Familie Thyssen-Bornemisza. Angus Trumble, Kurator des Yale Center for British Art in New Haven, hat - Mellon im Blick - David Litchfields Familiengeschichte "The Thyssen Art Macabre" gelesen und kann seinen Abscheu vor so viel Raffgier kaum verhehlen. James Fenton schreibt über die Gedichte der Lyrikerin Elizabeth Bishops, Carolyne Larrington liest Terri Apters Buch über den ewigen Geschwisterkampf "The Sister Knot".

Magazinrundschau vom 10.04.2007 - Times Literary Supplement

Der Zoologe Robert May, früher höchster wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, hält zum Thema Klimawandel fest, dass es zwar immer Temperaturschwankungen auf der Erde gegeben hat, dass aber die CO2-Konzentration seit 8.000 Jahren konstant bei 280 ppm lag. Und dieses relativ gleichmäßige Klima hat solche segensreiche Entwicklungen wie den Ackerbau erst ermöglicht. Inzwischen liegt die CO2-Konzentration bei 380, im Jahr 2050 wird sie bei 500 ppm liegen. "Es sollte festgehalten werden, dass ein solcher Grad an Treibhausgasen auf unserem Planeten zuletzt vor 20 bis 40 Millionen Jahren herrschte, als der Meeresspiegel rund hundert Meter höher lag als heute. Laut dem niederländischen Nobelpreisträger Paul Crutzen sollten wir endlich anerkennen, dass wir in eine neue geologische Epoche getreten sind: das Anthropozän, das um 1780 begann, als James Watt die Dampfmaschine entwickelte und die Industrialisierung die geochemische Geschichte unseres Planeten zu verändern begann."

Weiteres: Karl Miller schwärmt von Ian McEwans neuem Roman "On Chesil Beach" als einem meisterlichen Meisterwerk. A. E. Harvey stellt einen Ansatz neutestamentlicher Quellenforschung von Richard Bauckham vor, der die Übereinstimmungen in den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas damit erklärt, dass sie sich alle auf Augenzeugen berufen. Ali Smith preist Jan Bondesons Geschichte erstaunlicher Tiere "The Cat Orchestra and the Elephant Butler".

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Times Literary Supplement

Zinovy Zinik bespricht den Sammelband "The Solzhenitsyn Reader", der Alexander Solschenizyn gegen die zunehmenden Vorwürfe verteidigt, ein theokratischer, antisemitischer und slawophiler Monarchist zu sein. Zinik ist nicht überzeugt: "Während seiner zwanzig Jahre in Vermont (nach seiner Ausweisung aus der der Sowjetunion), bemerkte Solschenizyn nur die hässlicheren Manifestationen der Massenkultur und übersah die revolutionären sozialen Kräfte der amerikanischen Demokratie. Er neigte dazu, ein Land als eine Gemeinschaft zu betrachten, die im kollektiven Konsens über soziale Fragen zur Harmonie findet. Er kann nicht den politischen Wert verstehen, den das Recht auf eine andere Meinung hat, die Übereinstimmung, nicht übereinstimmen zu müssen. Er hat im Westen nicht gelernt, dass politische Idee ohne praktische Anwendung auch keinen spirituellen Wert besitzen. Und in der Praxis ziehen seine Ansichten zu Patriotismus, Moralität und Religion die reaktionärsten Kräfte der russischen Gesellschaft an, von ganz oben bis ganz unten."

Besprochen werden eine F.P. Locks Biografie des Denkers und Revolutionsgegners Edmund Burke (die Jonathan Clark einfach großartig findet), Celia Applegates Studie zu Mendelssohn Wiederentdeckung der Matthäus-Passion "Bach in Berlin", zwei Bücher über Schauspielerinnen in der frühen Neuzeit, und neue Shakespeare-Inszenierungen auf britischen Bühnen.

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Times Literary Supplement

Gabriel Josipovici hat Steven F. Krugers "The Spectral Jew. Conversion and embodiment in medieval Europe" gelesen, ein Buch über das komplizierte Verhältnis von Juden und Christen im Mittelalter und dessen Argumente und Zweideutigkeiten in einem Abendmahl-Bild von Pietro Lorenzetti in Assisi wiederentdeckt. Er fragt sich: "Was bedeutet dieses Abwaschtuch, mit dem der Küchenjunge den Teller abwischt? Es ist nichts anderes als der Tallit, der jüdische Gebetsschal." Er legt das Buch nicht nur Theologiestudenten unters Kopfkissen: "Heute ist der geheime Andere nicht länger in erster Linie der Jude, sondern der Muslim."
Stichwörter: Mittelalter

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - Times Literary Supplement

David Wootton preist Hugh Trevor-Ropers postum herausgegebene Biografie "Europe's Physician" des calvinistischen Arztes Theodore De Mayerne, den die katholischen Häscher von Genf über Paris nach London jagten. Für Wootton ist es eines der düstersten und pessimistischsten Geschichtsbücher, die je geschrieben wurden: "Trevor-Roper glaubte nicht, dass sich Ideen ihren Weg in der Welt bahnen würden. Dies ist das zentrale Thema seines letzten Buches. Die hugenottischen Ärzte im Paris des Henri IV. hatten im Streit mit der Medizinischen Fakultät die besseren Argumente, aber der Disput war am Ende nichts anderes als ein Kräftemessen, und die Fakultät war stärker. Dasselbe gilt für Kardinal du Perrons Erfolg, die Protestanten zum Katholizismus zu bekehren, nachdem Henri IV. entschieden hatte, dass Paris durchaus eine Messe wert wäre: Perron hatte nicht die besseren Argumente, er zahlte gut. Am Ende überlebte das protestantische Genf nicht wegen d'Aubignes Beredsamkeit oder Mut, sondern wegen Richelieus zynischer Realpolitik."

Bee Wilson hat Andrew F. Smith' "Encyclopedia of Junk Food and Fast Food" gelesen und stellt nun fest: "Der größte Reiz am Junk Food besteht darin, dass er von der erdrückenden Kontrolle eines Küchenhaushalts befreit. Es braucht kein Besteck und kein Geschirr, keine festen Essenszeiten, kein Bitte und Danke. Junk Food ist die Antithese zu 'Iss Deinen Spinat.'"

Weiteres: Stephen Abell attestiert Norman Mailer angesichts seines Hitler-Romans "The Castle in the Forest" eine "Analität des Bösen". Besprochen werden zwei Neuerscheinungen zum Kampf um die Abschaffung der Sklaverei (David S. Reynolds' "John Brown, Abolitionist" und Nicholas Lemanns "Redemption") sowie Briefe von Jessica Mitfords.