Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

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Magazinrundschau vom 23.01.2007 - Times Literary Supplement

Steven Weinberg verteidigt Richard Dawkins gegen die Kritiker seines Buchs "The God Delusion" (Auszug), in dem der Biologe Religion zu einer anthropologischen Konstante erklärt, die sich vor allem aus der Angst vor den angedrohten Höllenqualen bei einem Abfall vom Glauben nährt. In einem Punkt ist Weinberg allerdings nicht mit Dawkins einverstanden. "Dawkins behandelt den Islam einfach als eine weitere beklagenswerte Religion, doch es gibt einen Unterschied, und der liegt in dem Ausmaß, in dem religiöse Gewissheit in der islamischen Welt fortdauert, und in dem Schaden, die diese anrichtet. Richard Dawkins Äquidistanz ist gut gemeint, doch fehl am Platze. Ich teile seinen mangelnden Respekt für alle Religionen, doch in unserer Zeiten ist es aberwitzig, sie alle gleich gering zu schätzen."

Weiteres: Auch Bernard Williams weiß in seinem Buch "On Opera" nicht zu sagen, "wie etwas, dass in vielerlei Hinsicht so grotesk ist, so enorm bewegend sein kann", aber Jerry Fodor konzediert, dass man mit dem Buch der Erklärung ein ganzes Stück näherkommt. Michael Holroyd stellt schockiert fest, dass heutzutage kaum jemand den Schriftsteller Hugh Kingsmill kennt. Gavin Stamp liest Ian Gows Architektur-Band "Scotland's Lost Houses". Bharat Tandon hat sich Kevin Macdonalds Idi-Amin-Film "The Last King of Scotland" angesehen. Und schließlich gibt es als Gedicht der Woche Sylvia Plaths "An Appearance".

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Times Literary Supplement

Als größten Polemiker unserer Zeit preist Richard Wilson den Guardian-Kommentator Simon Jenkins, dessen neues Buch "Thatcher & Sons: A revolution in three acts" Wilson so großartig findet, dass er ihm einfach nicht zu glauben traut. Zum einen sind ihm die Fakten über den Thatcherismus der Labourparty zu deprimierend: "1995 gabe die britische Regierung 300 Millionen Pfund für Managementberater aus, 2003 waren es 1,7 Milliarden, ein Jahr später 2,5 Milliarden." Die Anekdoten über Margaret Thatcher dagegen sind zu schön: "Ich mag vor allem die über den spanischen Außenminister, der zu Thatcher gesagt haben soll: 'Mir wurde von ihrer außerordentlichen Intelligenz berichtet, Madam, aber niemand hat mich vor ihrer Schönheit gewarnt.' Douglas Hurd dachte, sie würde explodieren, aber von wegen: Jahrelang fragte sie jeden Spanier, den sie traf: 'Was ist eigentlich aus ihrem charmanten Außenminister geworden?'."

George Steiner erklärt sich zwar in Bezug auf Georg Büchner für etwas befangen - sein Urgroßonkel, der Publizist Karl Emil Franzos, hatte Büchners Schriften 1878 zu publizieren begonnen - muss aber angesichts der Ausgabe der "Dichtungen, Schriften, Briefe und Dokumente" im Klassikerverlag feststellen: Der Mann war ein Genie. Nach Lektüre mehrerer Neuerscheinungen zum Thema konstatiert Alastair Sooke: "Satan ist wieder en vogue." Und Jon Barnes stellt David Standishs Kulturgeschichte der Täuschung "Hollow Earth" vor.

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Times Literary Supplement

Sophie Ratcliffe hat sich durch Thomas Pynchons neuen 1085 Seiten starken Roman "Against the Day" geackert. Es scheint sich aber gelohnt zu haben. Neu sei in "Against the Day", schwärmt Ratcliffe, "dass die Abwesenheit auf struktureller Ebene klarer wird. Ein Vorwurf an das Buch lautete bereits, dass es unmöglich sei, mit all den vielen Charakteren mitzuhalten. Das liegt zum einen an der schieren Masse des Erzählten, aber auch daran, dass so viele Personen einfach aus der Geschichte herausfallen. Es gibt keine Dickens'schen 'Momente unbedingter Freundlichkeit', bei denen Figuren nach 400 Seiten Abwesenheit wieder auf die Bühne zurückkehren. Pynchon spielt auf textueller Ebene eben diese Erfahrung des Ausgelöschtseins aus, über die er schreibt. Es ist dieser Verlust, gegen den der Roman protestiert - der Verlust des Lebens, der Verlust der Geschichte, aber in besonderem der Verlust des Individuums in der Masse kapitalistischer Gier."

Weiteres: Malcolm Bowie feiert das von Richard Stokes herausgegebene "Book of Lieder", das die Texte von mehr als tausend deutschen und österreichischen Liedern auch auf Englisch bereithält, und mit Hugo Wolf preist Bowie die kleine Form: "Auch kleine Dinge können uns entzücken / Auch kleine Dinge können teuer sein." Harold James konstatiert anlässlich von Joseph Stiglitz' "Making Globalization Work", dass die Globalisierungskritik an Radikalität verliert, aber an Intelligenz gewinnt. Und schließlich stellen Autoren ihre Lieblingsbücher des vergangenen Jahres vor.

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Times Literary Supplement

Bill Clinton entschuldigte sich für die Sklaverei, der Papst für die Kreuzzüge: Entschuldigungen, Schuldeingeständnisse, Reparationsforderungen und -zahlungen sind seit den Neunzigern en vogue, stellt David Lowenthal angesichts von zwei neuen Büchern zum Thema fest. Dabei dienen offizielle Zerknirschungsadressen seiner Ansicht nach oft lediglich dazu, sich narzisstisch in Szene zu setzen und den Problemen der Gegenwart auszuweichen. "Die wenigsten erinnern sich, dass in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts, als das aufgeklärte Großbritannien die Sklaverei in seinen westindischen Kolonien abschaffte, nicht den Ex-Sklaven eine Entschädigung wegen Freiheitsberabung bezahlt wurde, sondern den Sklavenhaltern als Ausgleich für finanzielle Nachteile. Wir können zwar Verfehlungen der Vergangenheit beklagen, aber unsere heutige Moral kann nicht dazu herhalten, deren Täter anachronistisch zu diffamieren, haben sie doch der Moral ihrer eigenen Zeit gemäß gehandelt."

Die Dichterin Lavinia Greenlaw, blättert ganz hingerissen in einer neuen, von James Fenton herausgegebenen Liebesgedicht-Anthologie ("The New Faber Book of Love Poems") und erkennt dabei: "Das Liebesgedicht hat den Vorzug, dass es sich selten mit Beschreibung um der Beschreibung Willen zufrieden gibt. Das Liebesgedicht hat eine Mission." Und diese Mission erfülle es am besten, wenn die beschreibende Kraft der Sprache hinter ihre rhytmischen und melodischen Aspekte zurückfällt: "Wenn es um Liebe geht, tun sich klaffende Lücken auf, wo Sprache und Erfahrung versuchen zur Deckung zu kommen. James Fenton scheint zu suggerieren, dass diese Lücke am ehesten vom Nicht-Lexikalischen oder, wie er ... sagt, vom Lied überbrückt werden kann:

Down in the valley, walking between,
Telling our story, here?s what it sings.
Here?s what it sings, dear, here?s what it
sings,
Telling our story, here?s what it sings."

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - Times Literary Supplement

Ausgesprochen lehrreich findet Ferdinand Mount Lawrence James' Geschichte der Mittelklasse in England "The Middle Class", die sich schon unter Heinrich VIII. durch die besondere Herablassung auszeichnete, mit der sie auf "Emporkömmlinge" blickte. Außerdem hat Mount erfahren, dass die psychischen Folgen des sozialen Aufstiegs sehr früh erkannt wurden: "Ein Priester aus dem späten 14. Jahrhundert etwa beklagte das häufige Auftreten des Burn-outs unter Yuppies. 'Diese jungen Männer exponieren sich im Abenteuer ihres Lebens, erleiden viele Unbill, viele gefahren an Land und auf See. Am Tage sind sie so gequält, dass sie in der Nacht keine Ruhe finden, sie haben Träume im Übermaß und wachen häufig auf.' Viele Schuldner wählten eher den Selbstmord als die Demütigung, ruinierte Bauern brachten sich bei einer Missernte in den 1880er Jahren ebenso um wie während der Maul-und-Klauen-Seuche am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Beobachter vom Kontinent machten für die hohe Selbstmordrate in Großbritannien schon im 19. Jahrhundert eine übertriebene Freiheit und Erwartung an das Leben verantwortlich - in anderen Worten: das angelsächsische Modell."

Weiteres: In seiner Besprechung von Clive James' tragikomischen Erinnerungen "North Face of Soho" konstatiert Christopher Hitchens, dass die siebziger Jahre in London weitaus weniger komisch gewesen wären, wenn James sich nicht so bereitwillig lächerlich gemacht hätte, etwa durch Projekte, "mit denen er doppelt so viel Wirkung entfalten könnte wie die italienische Renaissance und dabei gleichzeitig Robbenbabies im Regenwald retten". Zu lesen ist auch Alan Hollinghursts Vorlesung über Ronald Firbank, einen der "brillantesten" Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Times Literary Supplement

Die Musik des amerikanischen Komponisten Aaron Copland (die "Fanfare for the Common Man" als mp3) erinnert Allen Shawn an die Gemälde Edward Hoppers und die Lyrik Robert Lee Frosts. Einen neuen Band mit Briefen des Pioniers amerikanischer E-Musik empfiehlt er wärmstens - vor allem dem Künstlernachwuchs. "Die Briefe zeigen sehr eindrücklich, dass man etwas mit Hingabe tun kann, ohne seine Großmut und seine Zugehörigkeit zur Welt aufzugeben, dass man als Künstler nicht extra neurotisch werden muss, dass starke Überzeugungen diplomatisches Geschick nicht ausschließen, dass es möglich ist, wichtige Werke zu schaffen und dabei bescheiden zu bleiben. In Bezug auf letzteres rät Copland dem jungen Henry Brant: 'Ein freundlicher Rat: Legen Sie sich eine andere Verbeugung zu, Ihre jetzige ist nicht einfach genug.'"
Stichwörter: Commons, Mp3, Hopper, Edward, E-Musik

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Times Literary Supplement

Ökonomische Ungleichheit macht sich zunehmend als politische Ungleichheit bemerkbar, schreibt Stein Ringen in einer Eloge auf Robert Dahls neues Buch "On Political Equality" und sieht das heraufziehen, was Alexis de Tocqueville milden Despotismus nannte: "Wohlfahrtsverbände, Kulturinstitute, Schulen, Universitäten, öffentliche und soziale Dienste - sie alle werben um Mittel von privaten Geldgebern. In all diesen Bereichen werden die Entscheidungen weniger öffentlich und von gewählten Volksvertretern getroffen als von den Reichen im Privaten... Ökonomische Macht macht sich auch in der direkten Maschinerie der Demokratie bemerkbar. Der Mechanismus funktioniert über eine megateure Politik, bei der politische Kandidaten, Parteien und Kampagnen von großen Spenden durch reiche Individuen oder Institutionen abhängig werden." So werde Demokratie "zunehmend korrupt".

Weiteres: Derek Mahon huldigt Samuel Becketts Gedichten, die direkt ins Innenohr drängen. Besprochen werden auch Ole J. Benedictows Geschichte der Pest "The Black Death" ("Die besten Horrorgeschichten sind die wahren"), Adam Sismans Buch über die Freundschaft zwischen Wordsworth and Coleridge, "The Friendship", und Fiona MacCarthys Sozialstudie über Debütantinnen, "The End of the Debutantes".

Magazinrundschau vom 10.10.2006 - Times Literary Supplement

Iain Elliot empfiehlt die Erinnerungen des britischen Botschafters Craig Murray (mehr hier) an seine Zeit in Usbekistan. Als Diplomat mit recht lockerem Lebenswandel und Unterstützer der demokratischen Opposition hatte er es sich ebenso mit dem Regime wie mit seinem Außenministerium verscherzt: "Einmal nahm er Simon Butt, den Chef des Eastern Departments, zu einem Treffen mit Dissidenten in Samarkand mit. Am nächsten Morgen fand ihr Gastgeber, Professor Mirsaidow, die Leiche seines 18-jährigen Enkels Avazow auf der Straße vor seinem Haus... Murray ist überzeugt, dass seine Schwierigkeiten mit dem Außenministerium daher rührten, dass die Amerikaner Präsident Islam Karimow als wertvollen Verbündeten im Kampf gegen den Terror ansahen, was es erforderlich machte ein Auge zuzudrücken, wenn es um den Terror gegen das eigene Volk ging. Im Gegenzug zur wirtschaftlichen und politischen Hilfe durften die USA die Karshi Airbase für ihre Operationen in Afghanistan nutzen. Die 'korrekte' Linie hieß daher, Karimow zu ermuntern, seine Menschenrechtsbilanz zu verbessern."

Weiteres: Andrew Motion plädiert dafür, die Original-Manuskripte von Schriftstellern aufzubewahren. Besprochen werden David Mattinglys Studie über die römische Besatzung Britanniens "Imperial Posession" und Richard Fords Roman "The Lay of the Land".

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Times Literary Supplement

Mit einiger Verspätung reagiert das TLS im Aufmacher auf Günter Grass' Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" und sein Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Ian Brunskill kann nur gutheißen, dass Grass damit als Gewissen der Nation und Praeceptor Germaniae Schaden genommen hat: "Als Grass sah, wie Willy Brandt sühnevoll als Bundeskanzler 1970 vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos kniete, muss er zweifellos erkannt haben, was wirkliche moralische Autorität ist und woher sie kommt - und zweifellos wusste er auch, dass er etwas Ähnliches für sich nicht in Anspruch nehmen konnte. Brandt war die lebende Verkörperung des heroischen Widerstands gegen Hitler. Grass verdankte seinen Einfluss der Eloquenz und Energie, mit der er seinen literarischen Ruhm benutzte. Vielleicht ist das auch der Grund, dass Grass bei seinem politischen Engagement - anders als viele seiner Vorgänger in diesem Land, das seine Autoren oft viel ernster als verdient nahm - immer sehr viel Wert darauf legte, dass er nicht als Dichter und Denker, nicht von den Höhen der Kultur aus agierte, sondern als engagierter Bürger: Citizen Grass."

Für eines seiner besten Bücher hält Bharat Tandon Martin Amis' neuen Roman "House of Meetings", das postum herausgegebene Zeugnis eines russischen Emigranten und Gulag-Überlebenden: "Auf das Individuum bezogen, mag es stimmen, dass Charakter Schicksal ist und umgekehrt. Aber in einem größerem Maßstab ist Schicksal Demografie, und Demografie ein Monster."

Weiteres: Vielleicht ein wenig blauäugig, aber sehr wertvoll und durchdacht findet M. E. Yapp Ali M. Ansaris Buch "Confronting Iran", das die Beziehungen zwischen den USA und Iran als eine Geschichte der verpassten Möglichkeiten beschreibt. Von Ilan Bermans angriffslustigem Buch "Tehran Rising" rät Yapp eher ab. Seiner Einschätzung nach operiert es mit völlig unhaltbaren Zahlen. Besprochen werden außerdem Andrew Motions schmerzvolle Erinnerungen an seine Kindheit "In the Blood" und Andrew Husseys Paris-Geschichte.

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - Times Literary Supplement

Kenneth Anderson findet Francis Fukuyamas Buch "After the Neocons" im Ganzen zwar nicht überzeugend, aber Fukuyamas Erklärung dafür, warum der Irak der falsche Ort für den Kampf gegen Terror war, erscheint ihm interessant: "Selbst wenn der Irak stabilisiert werden könnte, argumentiert Fukuyama, würden dort nicht die Wurzeln des Terrorismus gefunden werden. Sie liegen an Orten, die wir nicht mit militärischer Macht angreifen können - in Hamburg, London und der Pariser Banlieue. Daher ist der islamistische Terrorismus kein regionales, politisches oder soziologisches Problem, er ist vielmehr eine Akkumulation individueller Psychologien, die alle eine höchst individuelle Geschichte aus Ablehnung und Exklusion teilen sowie eine Suche nach Integration, vor allem der Mittelschicht, in eine pluralistische europäische Moderne. Selbst wenn die Attentäter vom 11. September in Saudi-Arabien und Ägypten geboren wurden, ihre spirituelle Wandlung zu Dschihadisten hat sich in Westeuropa vollzogen.
Nach dieser Einschätzung hat die Bush-Regierung einen Krieg gegen die falsche Region und das falsche Land geführt."

Weiteres: Höchstes Lob vergibt Katherine Duncan-Jones an John Stubbs fabelhaft geschriebene Biografie des großen John Donne "The Reformed Soul". Besprochen werden auch Pedro Almodovars Film "Volver", John LeCarres neuer, im Kongo angesiedelter Thriller "The Mission Song" und Judith Flanders Studie über das viktorianische England "Consuming Passions".