Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 33

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - Times Literary Supplement

Der Schriftsteller (und Baronet) Ferdinand Mount hat John Styles' Geschichte der Kleidung im 18. Jahrhundert "The Dress of the people" geradezu verschlungen und ihr unter anderem entnommen, dass Großbritanniens Arbeiterschaft schon immer so gut gekleidet war, dass die Aristokratie um die Distinktion fürchten musste. "'Die Müllerin, die sich wie eine Herzogin kleiden wollte' wurde von Neil McKendrick als eine treibende Kraft der Industriellen Revolution ausgemacht. Doch durch das gesamte Jahrhundert wurde der modische Aufstieg gedeckelt, angefangen bei Defoe, der meinte, Dienstmädchen sollten in Uniform gesteckt werden, um ihren Extravaganzen ein Ende zu setzen, bis zu dem Londoner Magazin, das sich 1783 beklagte, dass 'jedes Dienstmädchen seine eigenen Baumwollkleider habe, eigene Baumwoll-Strümpfe, während ehrliche Stoffe aus Leinen und Wolle, die ihrem Stand viel angemessener wären, in unseren Geschäften modern.'"

Außerdem: Der norwegische Islamismus-Experte Thomas Hegghammer bilanziert, wie falsch das wenige Wissen ist, das wir tatsächlich vom Dschihadismus und von al-Qaida haben ("Fürs Protokoll: Bin Laden war niemals ein Playboy in Beirut, er war ein scheuer und frommer junger Mann.")

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - Times Literary Supplement

George Brock liest eine Reihe von Neuerscheinungen zu Nordirland, die ihm vor allem Antwort auf das große Rätsel gaben, warum eigentlich die IRA bereit war, zu relativ wenig Bedingungen so viel preiszugeben: Sie war heillos vom MI5 unterwandert, selbst Freddie Scappaticci, Chef der gefürchteten Sicherheitsabteilung der IRA, arbeitete für die Briten. "Wenn es Lehren aus dem Anti-Terror-Kampf in Ulster zu ziehen gibt, dann diese: "Werben Sie gute Spione an. Werben Sie noch mehr an. Dann lassen Sie die Zeit für Sie arbeiten. Die Morde, das lange Warten und die Komprosmisse der Exit-Strategie werden die Moderaten zermürben. Dann warten Sie noch ein wenig. Danach dürfen die Politiker kommen."

Warum sieht alle Welt Lateinamerika nach links driften?, fragt sich David Gallagher vom vom chilenischen Centro de Estudios Publicos. In Argentinien übernimmt Cristina Kirchner das Präsidentenamt von ihrem Mann Nestor und wird in peronistischer Tradition weiterregieren - also "weniger Marx als Mussolini". Und in Venezuela? "Hugo Chavez finanziert populistische, anti-kapitalistische Politiker in ganz Lateinamerika, kein Land ist immun gegen seinen Einfluss. Mit seinem 'bolivarischen' Traum von der Einheit des Kontinents unter seiner Ägide ist er der neue Imperialist der Region. Seltsamerweise kommt Chavez damit durch, sich als Mann der Linken zu verkaufen. Dabei ist sein autoritärer Populismus näher am Faschismus. Die großen Nutznießer seiner bolivarischen Revolution sind Chavez' eigene Megalomanie und eine neue Brut sogenannter Boligarchen."

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - Times Literary Supplement

Früher waren Kaffeeehäuser Orte offenen demokratischen Geistes, heute sind Kaffeeketten das Symbol für den selbstsüchtigen Konsum ohne Verstand, konstatiert Bee Wilson noch ganz unter Schock nach dem Film "Black Gold". Dessen Macher Marc und Nick Francis halten angesichts der grotesken Armut der Kaffeebauern unsere heutige Kaffeekultur sogar für antidemokratisch. Von den knapp 3 Euro, die ein Becher Cappuccino heute koste, bekomme ein afrikanischer Bauer gerade mal 1,5 Cent. "Wir sehen eine Arbeiterin in New York einen Frappuccino schlürfen, den sie wahrscheinlich gar nicht schaffen wird, so überdimensioniert ist er, und wir sehen arme afrikanische Bauern verzweifelt zu Gott um höhere Kaffeepreise beten. Seit dem Kollaps des Internationalen Kaffee-Abkommens - das bis 1989 die Preise regulierte - haben die Kaffeepreise in Afrika ein 30-Jahres-Tief erreicht. Bei 22 Cent das Kilo liegt derzeit der Marktpreis für ungeröstete Bohnen. 'Wenn wir 57 Cents bekommen könnten', sagt ein Äthiopier, 'wäre das für uns himmlisch'. Dabei würde es das Zweifache brauchen, um den Bauern ein gutes Leben zu ermöglichen - nicht eines mit solchen Luxusgütern wie Elektrizität, sondern mit sauberem Wasser, sauberer Kleidung und der Möglichkeit, die Kinder in die Schule zu schicken."
Stichwörter: Äthiopien, Wasser, Kleidung

Magazinrundschau vom 23.10.2007 - Times Literary Supplement

Die Philosophin Martha Nussbaum hat sich die jüngste Arbeit des durch sein Gefängnis-Experiment berühmt gewordenen Stanford-Psychologen Philip Zimbardo angesehen. "The Lucifer Effect" heißt das Buch und fragt, was Menschen böse macht. "Zimbardo schließt, dass Situationen viel stärker als Charaktereigenschaften erklären, warum Menschen andere grausam und erniedrigend behandeln. Er verbindet diese Einsichten mit einem detaillierten Bericht über die Misshandlungen durch amerikanische Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib, wo, wie er argumentiert, die Demütigungen und Quälereien, die die Gefangenen über sich ergehen lassen mussten, nicht von bösen Menschen, sondern von einem bösen System hervorgebracht wurden. Situationen werden von Systemen geschaffen, sagt er, und es ist am Ende das System, das wir herausfordern müssen, nicht den durchschnittlichen Akteur." Nussbaum will dem nicht folgen: "Menschen sind nicht gleich. Die Forschungen, die Zimbardo beschreibt, zeigen ein erschreckend großes Ausmaß von miesem Verhalten in den Experimenten, aber in keiner Weise einheitlich mieses Verhalten."
Stichwörter: Nussbaum, Martha

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Times Literary Supplement

Anlässlich einer Sammlung von Schriften, die als "The Jewish Writings" neu herausgegeben wurden, zeichnet Steven Aschheim Hannah Arendt als Rebellin, die instinktiv gegen formalistische Links- oder Rechtspositionen oder mitleidig liberales Getue Stellung bezog. "Wie zum Beispiel ordnen wir ihre 1959 veröffentlichten 'Reflections on Little Rock' ein, die, in ihrer Befürwortung von Landesrecht, die Sache der Rassentrennung zu unterstützen schienen (sie argumentierte, dass nicht Schulen und Kinder die Last einer vom Bund erzwungenenen Integration tragen sollten). Ihre instinktive Neigung trieb sie dazu, gegen konventionelle Haltungen zu opponieren, gegen den Strom zu schwimmen, Wellen zu schlagen und Unbehagen, sogar Wut auszulösen. Bis heute finden ihre Bewunderer das erfrischend, ihre Kritiker dagegen geradezu dämonisch. Arendt war sich dieser Reaktionen natürlich bewusst. Das - endlos umstrittene - 'Eichmann in Jerusalem' zu schreiben, war, sagte sie zu Mary McCarthy, 'moralisch berauschend ... ein Triumph der Transzendenz ... Sie waren die einzige Leserin, die verstand, was ich niemals zugegeben hätte - nämlich dass ich dieses Buch in einem seltsamen Zustand der Euphorie schrieb. Und dass ich seitdem erleichtert über die Sache bin. Erzählen Sie das niemandem; ist es nicht der positive Beweis, dass ich keine 'Seele' habe?'"

Magazinrundschau vom 25.09.2007 - Times Literary Supplement

Der Historiker Niall Ferguson geht recht hart mit "Fateful Choices", dem jüngsten Buch seines Kollegen Ian Kershaw ins Gericht. Kershaw stellt zehn weltgeschichtlich wichtige Entscheidungen der Jahre 1940 und 1941 dar, verzichte aber ganz darauf, mögliche Alternativen darzustellen: "Wollte man einem Einführungsseminar vor Augen führen, wie Historiker konventionellerweise mit dem Problem der Verursachung umgehen, wären diese zehn Essays bestens geeignet. In jedem einzelnen beginnt Kershaw mit einer Zusammenfassung der Entscheidung und ihrer Implikationen. Dann geht er - ganz wie E.H. Carr es in 'Was ist Geschichte?' (1961) empfiehlt, in der Geschichte zurück, um die Ereigniskette aufzudecken, die zu dieser Entscheidung führte. Alternativen werden nur in Betracht gezogen, um an ihnen zu verdeutlichen, dass sie keine wirklichen Alternativen waren und deshalb mit Notwendigkeit verworfen worden sind. Kershaws Gelehrsamkeit ist über jeden Zweifel erhaben. Die philosophischen Voraussetzungen seiner Essays sind jedoch entschieden antiquiert."

Weitere Artikel: Edith Hall stellt nach Lektüre von Ryszard Kapuscinskis postum erschienenem Buch "Travels With Herodotus" fest: "Es kann keine bessere Einführung in Herodots Geschichtsschreibung für das breite Publikum gegen als diese lebendigen Memoiren." Clive Sinclair bespricht den Neo-Western "3:10 to Yuma".

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - Times Literary Supplement

Gar nicht einverstanden ist Paul Duguid mit Andrew Keens Klage "The Cult of the Amateur" über die Auswüchse des Laienjournalismus im Internet. In Keens Augen ist der "kollektive Ruf nach demokratisierten Medien ein Angriff auf unsere Ökonomie, unsere Kultur und unsere Werte": "Der einstige Chef eines Musik-Startups scheint entdeckt zu haben, dass sich Pornografie und Piraterie im Netz ausbreiten, während vulgäre Amateure, ohne Rücksicht auf Autoritäten oder Experten respektierte Institutionen wie die Encyclopaedia Britannica oder die New York Times unterminieren. Keen ist wütend, und durch sein Buch zieht sich die Sehnsucht, mit der Macht des Programmierers alles auf einmal zu löschen. Weil das nicht geht, macht er im letzten Kapitel eine Reihe von Vorschlägen für staatliche Interventionen. Davon sind wenig neu, und wahrscheinlich noch weniger effektiv. Doch ob nun effektiv oder nicht - die Erfahrung sagt uns, dass staatliche Interventionen im Netz dazu tendieren, den Interessen derer zu dienen, die ihre Lobby-Arbeit im Kongress gemacht haben."

Außerdem besprochen werden Clive James' Notate "Cultural Amnesia", Diana Pavlac Glyers Doppelporträt von C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien "The Company They Keep" und eine Ausgabe von Harriet Martineaus "Collected Letters".

Magazinrundschau vom 11.09.2007 - Times Literary Supplement

Als ausgesprochen kluge Kulturgeschichte feiert Michael Caine das Buch "It" des Theaterwissenschaftler Joseph Roach: "Wie Roach zeigt, gibt es eine große Tradition von Prominenten, Märtyrern, Stars, Monarchen und anderen, die in den Augen der Öffentlichkeit Magnetismus, Charisma, Sprezzatura oder was auch immer besaßen - jeder Begriff birgt seine eigene historische Fülle. Das gewisse Etwas ist laut Roach die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit magisch auf sich zu ziehen, unabhängig von schauspielerischem Talent, physischer Schönheit oder einem anderen handfesten Vorzug. Aber was ist es genau? Wird man damit geboren? Muss man sich dazu emporarbeiten? Wird es einem zugeworfen? Um Es zu haben, muss der glückliche Besitzer diesen seltsamen Magnetismus haben, der beide Geschlechter anzieht. Er oder sie muss sich gänzlich seiner selbst unbewusst sein und zugleich voller Selbstvertrauen sein. Einbildung oder das Seiner-selbst-Bewusstsein zerstören Es. Im Tierreich zeigt Es sich bei Tigern und Katzen - beide Tiere sind faszinierend und mysteriös - und nicht zu zähmen."

"Was für eine herrliche, ungestüme, kräftige Breitseite von einem Buch!", freut sich Atheist Richard Dawkins über Christopher Hitchens' Abrechnung mit Religionen aller Art "God is not Great". Auch über Hitchens selbst kann er gar nicht genug schwärmen. Was für ein "tödliche Akkuratesse in der Schießkunst"! Und was für Reaktionsfähigkeiten: "Einmal wurde er von einem amerikanischen Priester öffentlich herausgefordert, zuzugeben, dass es ihn doch beruhigen würde, wenn er erführe, dass die Männergang, die sich ihm in einer dunklen Gasse nähert, gerade von einem gemeinsamen Gebet komme. Sein Volley war nicht parierbar: 'Um nur beim Buchstaben B zu bleiben, hatte ich tatsächlich solche Erlebnisse in Belfast, Beirut, Bombay, Belgrad, Bethlehem und Bagdad. In all diesen Fällen kann ich definitiv sagen und begründen, warum ich mich sogar bedroht gefühlt hätte.'"

Besprochen werden auch Niklaus Largiers Geschichte der Geißelung "In Praise of the Whip" und zwei Bücher über die Geschichte und Ausgrabung Pompejis.

Magazinrundschau vom 14.08.2007 - Times Literary Supplement

Mit Schaudern hat Christopher Coker die Studie "Doomsday Men" von P. D. Smith' gelesen, die - inspiriert von Stanley Kubricks "Dr Strangelove" - die Geschichte von der reellen Suche nach der Wunderwaffe erzählt. Von Edward Teller über Wernher von Braun und Herman Kahn bis zur Doomsday-Maschine, über die Russland verfügen soll: "Aus Angst, ein von amerikanischen U-Booten aus lancierter Überraschungsangriff könnte Moskau in dreizehn Minuten auslöschen, hat die sowjetische Führung die Konstruktion eines automatischen Netzwerks autorisiert. Sein Herzstück ist ein Computersystem, das dem aus 'Dr. Strangelove' ganz ähnlich ist. Sein Codename lautet Perimetr. Seit Januar 1985 ist es in Betrieb, und es läuft noch immer. Seine Aufgabe ist es, zu beobachten, ob es nukleare Detonationen auf russischem Boden gegeben hat, und zu überprüfen, ob die Kommunikation zum Kreml abgebrochen ist. Wenn die Antwort auf beide Fragen 'Ja' lautet, wird der Computer zu dem Schluss kommen, dass das Land angegriffen ist und sein nukleares Arsenal aktivieren. Alles, was es dafür braucht, ist eine letztliche menschliche Bestätigung von einem Kommandoposten tief unter der Erde."

Voller Bewunderung David Martin über "All die vermeintlichen Zeichen einer sicheren und liberalen Zukunft, so wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen, gründen auf einem kontingenten historischen Fluss, der zu jeder Zeit seine Richtung ändern und sehr leicht in die Hegemonie eines chinesischen oder russischen totalitären Kapitalismus führen kann".

Besprochen werden außerdem John Grays neues Buch "Black Mass", in dem der Philosoph die "moderne Politik als weiteres Kapitel in der Geschichte der Religion" entlarvt und einmal mehr das Ende der Utopien beschwört, und Thierry Savatiers Geschichte des Courbet-Gemäldes "L'Origine Du Monde".

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Times Literary Supplement

Nach der offenbar deprimierenden Lektüre einer ganzen Reihe von Büchern zur Lage in Russland sieht Charles King dunkelschwarz für Land und Leute. "Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, wird Russland im nächsten Jahrhundert eine muslimisch geprägte, vielleicht sogar mehrheitlich muslimische Gesellschaft werden, eine Tatsache, die russische Intellektuelle, Politiker und die orthodoxe Kirche erst begreifen müssen. Bisher hat Russland auf die Politik zurückgegriffen, die schon im Zarenreich die Beziehung zum islamischen Süden kennzeichnete: den muslimischen Rand innerhalb Russlands, aber außerhalb des russischen Bewusstseins halten. Heute werden die Völker des Kaukasus - besonders Muslime - regelmäßig als diebisch und rebellisch verunglimpft, die für alles verantwortlich sind, vom organisierten Verbrechen bis hin zum Terrorismus. Sie werden als die größte Bedrohung für Russlands Sicherheit und Stabilität beschrieben. Diese Angst nicht nur vor Terroristen, sondern vor allen Menschen aus dem Süden hat keine kleine Rolle bei der Festigung von Putins Macht gespielt und ist verantwortlich dafür, dass der Chauvinismus in der russischen Gesellschaft so angestiegen ist."
Stichwörter: Orthodoxe Kirche, Kaukasus