Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 16.02.2004 - New York Times

Ein Comicgefühl hat Jonathan Mahler bei der Lektüre von Colin Harrisons neuem Roman "Havana Room" (erstes Kapitel) beschlichen, und das "im besten Sinne des Wortes". Mahler feiert die Kombination aus "schnellem Geschehen und grafischer Bildsprache" überschwänglich als "Technicolor noir". Die Handlung ist schnell erzählt: Das Lebens des Anwalts Bill Wyeth wird von einem mächtigen Investmentbanker zu Grunde gerichtet, der sich für den Tod seinens Sohnes auf einer Party von Wyeths Sohn rächt. "Am Boden zerstört trifft Wyeth Allison, auch für den gelegentlichen Noir-Leser als Frau in Not erkennbar, die unseren zögerlichen Helden erst um Hilfe bitten und dann fortfahren wird, sein Leben sehr, sehr kompliziert zu machen". Wyeth verspricht ihr zu helfen, wenn sie verspricht, ihn in den Havana Room einzuführen, "eine Privatbar, in der ein unbekanntes Ritual abgehalten wird".

In ihrer Kolumne fragt sich Margo Jefferson auf gewohnt lesenswerte Weise, warum die Hautfarbe eine so starke Bedeutung erlangen konnte. Sie empfiehlt zu den Fragen über Visualität und Rassismus den ausgezeichneten Katalog zur New Yorker Ausstellung "Only Skin Deep" (mehr), in der die Fotografie der vergangenen zweihundert Jahre in Bezug auf ihren rassistischen Gehalt untersucht wurde. Jefferson ist nicht nur von den gezeigten Bildern, sondern auch von den intellektuell umfassenden Essays des Bandes angetan. "Was wir da lesen, ändert unsere Art des Sehens."

Weiteres: "Die arbeitenden Armen, das sind in Wahrheit wir", weiß Ron Suskind nun, nachdem er David K.Shiplers (Audio-Interview) ergreifende wie komplexe Reportage "The Working Poor" über die 35 Millionen Armen Amerikas gelesen hat, von denen die meisten überraschenderweise einen Job haben. Und Adam Cohen stellt zwei Bücher über Larry Ellison vor, den ego- und exzentrischen Gründer des Software-Giganten Oracle. Hier das erste Kapitel von "Softwar" und hier die ersten Seiten von "Everyone else Must Fail".

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - New York Times

Lisa Zeidner empfiehlt uns wärmstens, doch Debra Weinsteins "köstlich gemeinen" Erstlingsroman "Apprentice to the Flower Poet Z" (erstes Kapitel) zu lesen. Eine Literaturstudentin ist ihrer Professorin und Lieblingsdichterin restlos verfallen, bis sie merkt, dass sie einer kaltblütigen Betrügerin aufgesessen ist. Elizabeth Bovardine ist eine anerkannte Professorin für kreatives Schreiben, bekannt für ihre berührend originellen, leicht feministischen Gedichte. Die Erzählerin hilft Bovardine bei der Recherche und schließlich bei der Erstellung der Stücke. Besonders gut ist das Buch laut Zeidner in der Darstellung der "Heimtücke und des Konkurrenzgehabes" unter ausgewiesen feministischen Lyrikerinnen. Und "Weinstein hat offensichtlich Zeit in Lyrik-Workshops verbracht; ihr Roman fängt sowohl den Kauderwelsch als auch die komische Schwere dieser Veranstaltungen ein."

Weitere Besprechungen: Fareed Zakaria hat David Frums (mehr) und Richard Perles (mehr) neokonservatives Manifest "An End to Evil" (erstes Kapitel) nur wegen der hochkalibrigen Autoren gelesen, und ist auch nach der Lektüre keineswegs überzeugt, dass Amerika die Welt ändern muss. Jonathan Rieder stellt drei neue Bücher über Martin Luther King vor (Bilder vom Propheten der Bürgerrechtsbewegung). Gary Krist bemängelt an Andrew Sean Greers "The Confessions of Max Tivoli" (erstes Kapitel) zwar stilistische Exzesse und andere technische Probleme", empfiehlt es aber wegen der "emotionalen Ehrlichkeit" des Protagonisten trotzdem. Der hat zumindest ein interessantes Problem: Er wird immer jünger.

Das New York Times Magazine liegt mal wieder ganz weit vor und bringt diesmal eine lange Reportage über jugendliche Viren-Schreiber. Clive Thompson hat eine ganze Reihe getroffen (sehen Sie sich mal die Fotos an!). Die meisten leben übrigens in Europa.

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - New York Times

Eine große Zukunft sagt Dwight Garner dem "Fountain at the Center of the World" (erstes Kapitel) voraus. Es würde mich tatsächlich nicht wundern wenn Robert Newmans Buch zu einer Art "Catch 22" (mehr) der Antiglobalisierungsbewegung werden würde", schreibt Garner. "Es liest sich so, als wäre Tom Wolfe (mehr) in den Kopf von Noam Chomsky (mehr) eingestiegen - elegant und wütend verbrennt es eine ganze menge Erde."
Und auch Richard Eder kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. "Großartig, komisch und menschlich unerbittlich" schildere A. B. Yehoshua in "The Liberated Bride" (erstes Kapitel) die "brillante und verwunderliche" Reise eines israelischen Professors auf einen anderen nahen Planeten: die Welt seiner arabischen Studenten. Was den Roman so bemerkenswert mache, ist die einfache aber erstaunliche Beobachtung des Autoren. "Selten sind nicht die Fälle, in denen Juden Arabern helfen, selten ist dagegen, dass sich jemand helfen lässt."

Weitere Besprechungen: Der Ton ist alles in Elmore Leonards (mehr) vierzigstem Buch, konstatiert Ann Beattie, und natürlich ist "Mr. Paradise" (erstes Kapitel) wieder ein Krimi. Ironisch gehalten, aber mit ernsten Themen: Moral, Verantwortung, die Fehler der Geschichte. Und der brillanten Feststellung, dass "es oft dumme Leute sind, die über den Ausgang wichtiger Vorgänge entscheiden". Für bedeutsam hält James K. Galbraith David Cay Johnstons Untersuchung des amerikanischen Steuersystems, "Perfectly Legal" (erstes Kapitel). Und David Gates gratuliert Ezra Pound (mehr auf einer ertragreichen japanischen Seite). Mit der voluminösen Ausgabe seiner frühen Gedichte und Übersetzungen sei er endlich da angelangt, wo er schon längst hingehöre: an die Seite von Poe, Emerson, Frost und Stevens. Diesen Platz hat er sich auch mit Übersetzungen chinesischer Lyrik verdient. Zum besseren Verständnis ein Beispiel aus ''The River-Merchant's Wife: A Letter'': ''The paired butterflies are already yellow with August / Over the grass in the West garden, / They hurt me."

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - New York Times

Auf eine beachtliche "Bibliothek der Verdammung" ist George Schmemann gestoßen, als er nach amerikanischen Büchern gesucht hat, die sich (wie das Mutterblatt) kritisch mit der Bush-Regierung auseinandersetzen. In einer Mammutrezension stellt er die sieben besten vor, sein Liebling ist "America Unbound" (erstes Kapitel) von Ivo H. Daalder und James M. Lindsay (ein Interview zum Anhören), deren einwandfrei belegte These lautet, dass George Bush eben nicht die Schießbudenfigur der Cartoonisten ist, sondern der Puppenspieler selbst." Besonderes Lob findet auch "The Bubble of Supremacy" (erstes Kapitel) des vormals berüchtigten Finanzspekulanten George Soros (Selbstdarstellung), der Bushs Wiederwahl "mit allen Mitteln" verhindern will und nun in seinem Werk "überlegt und didaktisch gekonnt darlegt, wie die Regierung den 11. September für ihren radikalen Kurs instrumentalisiert."

Weitere Artikel: Endlich, seufzt Andrew Sullivan ob Irshad Manjis (Homepage) Suada "The Trouble With Islam", wird der islamische Fundamentalismus auch mal aus den eigenen Reihen attackiert. Allerdings warnt er die Autorin wegen ihrer unverblümten Art auch vor dem bevorstehenden Gegenangriff. Walter Kirn ist froh, dass David Denby (schreibt auch Kinokritiken für den New Yorker) kein erfolgreicher Börsenspekulant geworden ist, sonst hätte er nicht den Stoff für sein lesenswerten Erfahrungsbericht "American Sucker" (erstes Kapitel) gehabt. Kirn hat daraus einiges über die "Natur der Sünde" heutzutage gelernt. "Nicht unsere privaten Teile sind die größte Quelle für Ärger; es sind unsere Brieftaschen, die wir nicht in der Hose behalten können."

"Das amerikanische Copyright System wurde erfunden, um Innovationen zu fördern, heute wird es benutzt, um sie zu zermalmen." Im New York Times Magazine beschreibt Robert S. Boynton in einem langen Artikel die "Tyrannei des Copyrights". Streitfälle der jüngsten Zeit umfassten "Versuche, von den Girl Scouts Tantiemen für das Singen von Liedern am Lagerfeuer zu fordern bis zu dem Prozess, den die Nachlassverwalter von Margaret Mitchell gegen die Veröffentlichung von Alice Randalls Buch 'The Wind done gone' anstrengten (es erzählt die Geschichte von 'Vom Winde verweht' aus der Perspektive eines Sklaven) und den Versuchen von Celera Genomics, Patente auf menschliche Gene einzuklagen." Inzwischen hat sich eine Gegenbewegung gebildet, die sich "Copy Left" nennt und fordert, dass Copyright für intellektuelle und künstlerische Ideen auf eine kürzere Zeit zu beschränken (mehr hier, hier und hier). In Amerika sind diese Rechte in den letzten Jahrhunderte von 14 Jahren (1790) auf 70 bis 95 Jahre (heute) ausgedehnt worden.

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - New York Times

John le Carre (zum Anhören) "ist ein alter Profi mit dem leidenschaftlichen Herzen eines Amateurs, weshalb er immer noch fähig ist, einen so seltsamen, unbeholfenen und packenden Roman wie 'Absolute Friends' (erstes Kapitel) zu schreiben, staunt Terrence Rafferty. Carre identifiziert sich mit seinem Held Ted Mundy, der einer Art Post-Kalter-Krieg-Tristesse verfallen ist, über den Irak-Krieg schäumt und ein letztes großes Projekt plant. "Ob es funktioniert? Nicht wirklich. Der heftige Sarkasmus auf den letzten Seiten des Buches fällt diesem Schriftsteller nicht leicht. Aber in gewisser Weise ist es das, was le Carre erreichen wollte ... die fröhliche Schläue zu unterlaufen, die besonders häufig Engländer und Thriller-Autoren zu befallen droht."

Warum wurde Time Warner damals an den schäbigen Internet-Provider AOL verkauft? Adam Liptak hat zwei Bücher darüber gelesen und weiß jetzt mehr, besonders dank Nina Munks "Fools Rush In", das "bislang beste" Werk zum Thema. "Munk verbindet Fallbeispiele mit lebendiger, klarer Schreibe und beweist überzeugend - nein, erschütternd, dass der Warner-Vorsitzende Gerald M. Levin (mehr) das Erbe des Gründers Henry Luce ruiniert hat, nur um sein Ego aufzupolieren."

Weiteres: Alles über Al Capone & Co erfährt man in Thomas Reppettos gescheiter wie solider Studie über die amerikanische Mafia, lobt Dan Barry. Reppetto ist auch vom Fach, als Präsident der Citizens Crime Commission von New York (gibt es in vielen Städten). James E. Young findet Eva Hoffmanns autobiografische Überlegungen (erstes Kapitel) zu den Nachwirkungen des Holocaust auf das Leben ihrer Altersgenossen bereichernd, und Stephanie Zacharek wischt sich gerührt eine Träne weg nach der Lektüre von Gavin Lamberts "elegischem, wehmütigen" Porträt (erstes Kapitel) der Schauspielerin Natalie Wood (Filmografie).

Im NY Times Magazine schreibt Michael Sokolove eine dieser wunderbaren langen Reportagen. Sie handelt von der Zukunft des Doping, die in Genmanipulation bestehen dürfte. In einem Laboratorium der Universität von Pennsylvania ist Sokolve dieser Zukunft schon angesichtig geworden - in Gestalt von Mighty Mice: "Ich hatte schon von diesen 'mächtigen Mäusen' gehört, aber ihr Anblick schockierte mich doch. Da waren sie in ein paar kleinen Käfigen, zusammen mit normalen Mäusen. Alle knabberten Trockenfutterkügelchen. Die 'mächtigen Mäuse' sahen aus wie ein anderes Tier. Sie waren wie Fleischrinder gebaut, mit dicken Nacken und kräftigen Lenden. Sie schienen in eine Art Maus-Rodeo zu gehören." Ein Bild dieser übrigens nicht ganz neuen Züchtung haben wir hier gefunden.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - New York Times

"Die Charaktere geniessen unsere Aufmerksamkeit, aber nicht unsere Sympathie." Distanziert interessiert könnte man Kathryn Harrisons Haltung zu "The Stranger at the Palazzo d'Oro" (erstes Kapitel) nennen, dem 25. Buch von Paul Theroux (mehr). Vier Geschichten, in denen die Protagonisten um Lust, Verführung und Verderben kreisen. "Die untreue Hausfrau, die Mittag-Sex mit dem Milchmann hat; der Priester, der kleine Kinder bezahlt, damit sie ihn berühren; die behaarte Nonne, die eine versteckte Sadistin ist; der reiche Mann, der stirbt, indem er sich mit seiner Hermes-Krawatte an dem Türgriff seines Lexus aufhängt (...) Jeder von ihnen verschafft dem Leser ein Stück festes Terrain in einer Erzähllandschaft, in der er sonst stolpern könnte."

"Literary Occasions", eine Auswahl kritischer Essays von N.S. Naipaul (mehr) der vergangenen 40 Jahre hat Lynn Freed großes Vergnügen bereitet. "Hinter dem Werk - als eine Art Treibstoff - steckt etwas was man Wut nennen könnte. Es ist die Art Impuls, die Art von bedingungslosem Drang, mit der Sprache zur Wahrheit durchzudringen."

In ihrer wunderbaren Last-Word-Kolumne denkt Laura Miller diesmal über die berüchtigte Schreibblockade und ihre weniger bekannte Schwester Hypergraphia (Schreibzwang) nach. Eine Kur hat sie auch schon, zumindest fürs Erstere. "Denken Sie sich ein grandioses, langfristiges, weltveränderndes Projekt aus wie den guten alten 'Großen Amerikanischen Roman'". Und schon wird alles Andere ein Kinderspiel.

Aus den weiteren Besprechungen: Auf den Titel hat es Anne Tyler (mehr) mit "The Amateur Marriage" (erstes Kapitel) geschafft. William Pritchard hält den Roman, in dem Tyler das Auf- und Ab eines Paares von 1941 bis 2001 verfolgt, für ihr "bisher ehrgeizigstes Werk". Stephen Orgel hat drei neue Bücher über Shakespeare gelesen und ist beeindruckt, wie alle Verfasser es schaffen, dem bekannten Sujet noch etwas Originelles abzugewinnen. Etwas undurchsichtig urteilt James Traub über William Shawcross' polemische Rechtfertigung für den aggressiven außenpolitischen Kurs der USA. "Allies" sei ein wichtiges Buch, nicht so sehr wegen dessen, was der eigentlich liberale Internationalist Shawcross das so geschrieben habe, "sondern dass er es überhaupt geschrieben hat".

Außerdem in dieser inhaltsreichen Ausgabe ein Porträt über Franco Moretti: Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford scheint ein wenig der Mann der Stunde zu sein. In Italien bringt er eine fünfbändige neuartige Enzyklopädie des Romans heraus (die FAZ berichtete neulich). In den USA und Britannien macht er durch ein dezidiertes Plädoyer für quantitative Methoden in der Literaturwissenschaft von sich reden, das er in der New Left Review veröffentlichte (mehr hier und hier).

Im New York Times Magazine porträtiert Peter Maass den offensichtlich brillantesten neuen Kopf der Kriegsforschung, Major John Nagl, selbst Veteran des ersten Golfkriegs, der dann in Oxford studierte und sich auf das jetzt im Irak so aktuelle Thema des Counterinsurgency spezialisierte. (Zwei Essays von Nagl hier. Hier sein Buch.)

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - New York Times

Im zarten Alter von 22 Jahren hat Stephen King (mehr) seinen Riesenroman "The Dark Tower" (erstes Kapitel) begonnen, und Andrew O'Hehir freut sich schon auf die letzten beiden Bände, die bald veröffentlicht werden sollen. Der dritte Teil "Wolves of the Calla" jedenfalls hat ihn beeindruckt, mal abgesehen von einigen wagnerianischen Palaverpasssagen. "'The Dark Tower' ist ein wahrhaft ehrgeiziges Werk: King versucht verschiedene Stile populärer Erzählungen zu verweben, von der Artus-Legende über die Western von Sergio Leone bis hin zu apokalyptischer Science-Fiction. Darüber hinaus strebt er an, aus den einzelnen Teilen seiner Romane ein einziges Universum zu schaffen (oder ein Gebilde aus ineinanderübergreifenden Universen), und in gewisser Weise alle Geschichten, bekannte und unbekannte, in einer Meistererzählung zu verbinden, die die ganze Schöpfung umfasst." Wenn's weiter nichts ist.

Was sind das für Zeiten, seufzt Samantha Power, wenn der regierungskritische Noam Chomsky (mehr) und "Alleserklärer'" zum wahrscheinlich meistgelesenen Amerikaner in Sachen Außenpolitik avanciert. Auch in seiner neuen Polemik "Hegemony or Survival" übertreibt Chomsky wieder einmal ungehemmt, findet Power, sein Plädoyer für mehr internationale Zusammenarbeit aber kann sie nur unterschreiben.

Adam Hochschild hat Daniel Bergners Reportageband über die Nachwehen des Bürgerkriegs in Sierra Leone ("In the Land of Magic Soldiers") nachhaltig beeindruckt, besonders der Text über den südafrikanischen Söldner, der Dörfer beschießt, um von seinem Lohn anschließend Wundheilzentren zu finanzieren. Im Aufmacher lobt Brad Leithauser eine von Grace Schulman herausgegebene Kollektion der Gedichte von Marianne Moore (mehr hier und hier), die sehr schön zeige, wie Moores "direkte Art sich dem Ornamentalen, Exotischen und der Moral öffnet". Sven Birkert gefällt an Thomas Mallons humorigen Roman "Bandbox" (erstes Kapitel) über den Kampf zweier New Yorker Magazine in den Zwanzigern ganz besonders, dass die guten Jungs am Ende die Mädchen bekommen. Timothy A. Hacsi hat wirklich nichts auszusetzen an drei hervorragenden Analysen des maroden amerikanischen Schulsystems, nur praktikable Lösungsvorschläge sucht er vergeblich.

Magazinrundschau vom 29.12.2003 - New York Times

James Joyce, soll ein französischer Journalist einmal gesagt haben, wird einmal nur noch als Vater seiner Tochter Lucia bekannt sein. So ist es nicht gekommen, aber immerhin hat Carol Loeb Shloss der talentierten und glücklosen Lucia Joyce eine gleichnamige Biografie gewidmet. Hermione Lee hält das Unterfangen an sich für anerkennenswert, die Umsetzung ist ihr aber oft zu subjektiv-spekulativ und ganz auf die Preisung der vergessenen Tochter ausgerichtet. "Die einzigen Charaktere, die ungeschoren davongekommen und Lucia, die völlig romantisiert wird (wir hören nicht viel über ihren schiefen Blick - na ja - und ihr haariges Kinn), und - überhaupt - Joyce. Dies ist keine Geschichte über den Missbrauch eines Kindes sondern über Liebe und kreative Intimität. Und selbst wenn Sie, wie ich, Shloss' festen Glauben, dass Lucia das andere Ich ihres Vaters war, nicht teilen, werden Sie doch auf ihre Gegenwart aufmerksam, wenn Sie etwa 'Finnegans Wake' lesen - eine pathetische, durchsichtige Figur, die durch die Seiten des Buchs ihres Vaters huscht."

Warum der famose Sammy Davis Jr. (mehr) im Gegensatz etwa zu Frank Sinatra postum überhaupt nicht mehr präsent ist, versteht Gary Giddins dank zweier Biografien (Leseprobe 1, Leseprobe 2) über den großen Entertainer jetzt besser - "die eine blümerant und herausfordernd, die andere trocken und bewundernd".

Aus den weiteren Besprechungen: Stephen Prothero untersucht in seinem Buch "American Jesus", wie Jesus zu einem so schillernden amerikanischen Nationalsymbol werden konnte, und Michael Massing findet das recht anregend. Wenn Außerirdische sich mit Hilfe der beiden Kurzgeschichtensammlungen von Richard Bausch (Leseprobe) und Ron Carlson ein Bild machen müssten vom amerikanischen Mann, würden sie denken, "er wäre verträumt, gepeinigt von seinen Fehlern und reuevoll ob seiner Isolation", schreibt Sven Birkerts etwas pikiert. Schließlich darf Elisabeth Robinsons Roman mit dem schönen Titel "The True and Outstanding Adventures of the Hunt Sisters" nicht unerwähnt bleiben, wegen des Titels, des Lächelns der Autorin und des Lobs von Emily Nussbaum.

Das New York Times Magazine erinnert an bemerkenswerte Leben, die 2003 endeten. Dazu gehören Sergio Vieira de Mello, die größte Hoffnung der Vereinten Nationen, der in Bagdad starb, Edward Said, der Countrysänger Johnny Paycheck und "der deutsche James Dean" Horst Buchholz.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - New York Times

Die norwegische Journalistin Asne Seierstadts hat mit "The Bookseller of Kabul" (Leseprobe auf Englisch und auf Deutsch) einen internationalen Bestseller und das erfolgreichste norwegische Sachbuch überhaupt geschrieben. Auch Richard McGill Murphy (mehrrühmt es als die bisher "intimste Beschreibung einer afghanischen Familie" aus der Feder einer westlichen Journalistin. Seierstadt sei trotz einiger faktischer Nachlässigkeiten eine "scharfe und oft lyrische Beobachterin des häuslichen Lebens in Afghanistan". Der porträtierte Buchhändler, berichtet er, klagt mittlerweile gegen die Autorin. Seierstadt hat ihn nämlich als häuslichen Tyrann porträtiert. Das ist er auch, meint unser Rezensent, aber zugleich ist er auch ein liberaler Intellektueller, der die afghanische Literatur gegen Kommunisten und Mujaheddin verteidigt und dabei sein Leben riskiert hat.

Aus den restlichen Besprechungen: Als "fast kunstlose Prosa" feiert Boris Fishman den Erzählband "There are Jews in My House" (erstes Kapitel): Lara Vapnyar schildert in ihrem Debüt in "hyperrealistischer" Art und Weise und aus kindlicher Perspektive das absurd-unverständliche Leben in der Sowjetunion. Als packenden Lesestoff empfiehlt Daniel Mendelsohn den Pompeii-Thriller (erstes Kapitel) von Robert Harris, in der bewährten Mischung aus historischer Fakten und dramatischem Gespür. Schon wieder ein Buch über Ted Hughes und Sylvia Plath, seufzt Daphne Merkin über Diane Middlebrooks "Her Husband", sie hat sich dann aber doch fesseln lassen. Michael Janeway fällt nicht ein, warum wir die neue Roosevelt-Biografie (Leseprobe) des britischen Pressemoguls Conrad Black lesen sollten. Im Gegensatz dazu hat sich Wendy Smith beim Lesen von "The Lady and the Unicorn", dem neuen Roman von Tracy Chevalier, flugs in den unschuldig-verführerischen Hauptdarsteller Nicolas des Innocents verliebt.

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - New York Times

Einen Einblick in die aktuelle Diskussion der amerikanischen Geschichte gibt der Historiker Gordon S. Wood, wenn er gleich fünf neue Bücher über die Gründergestalten der USA bespricht. Die Sklaverei war das lange verdrängte Fundament der jungen Republik, schließt Wood aus der Lektüre. Gore Vidal etwa hat "auf der Suche nach der Herkunft dieser Gründerväter seinen üblichen sarkastischen Spaß mit der Gründung der Nation und durchsetzt seine Geschichte mit einigen geistreichen Kommentaren über unsere gegenwärtigen furchtbaren Umstände", notiert er. Und Henry Wienceks "ehrliche und mitreißende Studie über George Washington und die Sklaverei macht aus Washington einen weitaus traditionelleren Südstaatenfarmer als wir es bisher zugeben wollten." Einige erste Kapitel und alle Buchangaben hier.

David Lipsky kritisiert an der von Rick Bragg geschriebenen offiziellen Autobiografie ("I Am a Soldier, Too") der Irakkriegs-Ikone Jessica Lynch, dass man ihr zu sehr anmerke, unter welchem Zeitdruck sie geschrieben worden ist (erstes Kapitel). Interessanter sei vielmehr, wie Lynch sich seit dem Erscheinen gegen die Glorifizierungs- und Verleumdungsversuche der Presse wehrt. "Originell, ehrgeizig, komplex und bewegend" findet Neil Gordon Pat Barkers Roman "Double Vision" über eine frisch verwitwete Künstlerin und ihren neuen finsteren Assistenten (erstes Kapitel). James McCourt beschreibt in "Queer Street" den Aufstieg eines Landeis in die Creme de la Creme der homosexuellen Künstlerkreise im New York der Fünfziger und Sechziger. Und Maureen N. McLane gefällt diese schillernde, originelle, wenn nicht gar "mandarin-artige" Kulturgeschichte.