Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 59 von 81

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - New York Times

Das Magazin der New York Times widmet sich dem Geld. Dem der anderen vor allem, denn es geht um's Schulden machen, eine Disziplin, in der die USA Weltklasse sind. Als beliebte Unterdisziplin gilt Online-Poker. Mattathias Schwartz erzählt die Geschichte eines 19-Jährigen, der eine Bank überfiel, um seine Schulden zu bezahlen, und erklärt die Faszination: "Ein Hochgefühl vergleichbar mit der Wirkung von Kokain. Blut steigt zu Kopf, die Hände werden feucht, der Mund trocken. Zeit wird zu reiner Gegenwart ... Gewinn und Verlust ununterscheidbar ... Überwiegt das Verlangen nach dem Kick des Setzens das Bewusstsein für den eigenen Besitz, 'kippt' der Spieler - er setzt zu viel, ist die Gewinnchance auch noch so gering."

Außerdem: In der zahlengesättigten Titelgeschichte über die amerikanische Staatsverschuldung prognostiziert der Historiker Niall Ferguson eine Finanzlücke von 66 Billionen Dollar. Im Interview mit Deborah Solomon wünscht sich der Multimilliardär George Soros mehr Geld. Und Jackson Lears sieht's historisch easy: Schulden gehören zu Amerika wie cherry pie.

Anders Reisen war gestern. Was Tom Bissell in Sachen Reiseliteratur in der Book Review empfiehlt, lässt noch die furchtlosesten Abenteuerurlauber wie Clubtouristen aussehen. Für "The Places in Between" (Leseprobe) durchquerte Rory Stewart 2002 zu Fuß Afghanistan und legt, wie Bissell findet, ein journalistisches Meisterstück vor, das zugleich höchsten Ansprüchen literarischen Schreibens genügt: Der Autor verfüge über "ein geradezu mystisches Naturverständnis, einen ausgeprägten Sinn für Figuren und das Timing eines Komikers". Bissell gefällt die Zurückhaltung des Schreibenden und seine Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, "ohne etwas zu verklären". Und er schätzt seine praktischen Tipps, wie: "Eine Freifläche ohne Schafskot ist höchstwahrscheinlich ein Minenfeld."

Weitere Artikel: Anlässlich von John Updikes neuem Roman "Terrorist" fragt Rachel Donadio, was es braucht, den islamischen Terrorismus zu literarisieren. In "The Possibility of an Island" (Leseprobe) von Michel Houellebecq erscheint Stephen Metcalf der Autor als langweiliger "Proselyt der Unzucht". Und Peter Dizikes erinnert an die erkaltete Darwinismus-Debatte und bespricht Bücher zum Thema von Nicholas Wade (pro) und David Stove (contra).

Magazinrundschau vom 06.06.2006 - New York Times

Dave Barry hat sein Buch der Saison gefunden. Mit Tom Lutzs Geschichte der Faulenzer "Doing Nothing" (Leseprobe) hält er die Legitimation fürs Dolcefarniente in Händen. Beweist es doch, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtstun fließend sind in einer Gesellschaft, in der kaum jemand etwas macht, das zweifelsfrei Arbeit ist, Kohle schürfen zum Beispiel: "Bei vielen wäre der gesellschaftliche Effekt, hörten sie für Monate oder gar Jahre auf 'zu arbeiten', gleich null (siehe Berater, Redakteure, Paris Hilton)." Wer unbedingt wissen will, warum wir es dennoch tun, dem empfiehlt Barry dieses "gründliche Stück Arbeit".

Weitere Artikel: Anlässlich von Phillip Lopates Anthologie "American Movie Critics" fragt sich Clive James, ob der Kinogänger die Theorie überhaupt braucht (aber ja). Brent Staples sieht in Simon Schamas Betrachtung der amerikanischen Revolution von 1775 (Leseprobe "Rough Crossings: Britain the Slaves and the American Revolution") den Autor einmal mehr als begnadeten Geschichtenerzähler. Terrence Rafferty stellt Horror-Romane für denkende Leser vor. Und Daniel Swift entdeckt ein neues Buch des Genres "post-sowjetischer Slapstick": Pauls Toutonghis Debütroman "Red Weather".

Im Magazin der Times berichtet Michael Pollan von der "biodynamischen Bekehrung" des US-Konzernriesen Wal-Mart und überlegt, was das für das schöne Exklusivrecht des Bioessers und den Rest der Welt bedeutet - nichts Gutes. Nicht nur widerspreche die fortschreitende Globalisierung des Marktes dem biodynamischen Prinzip der Nachhaltigkeit: "Mit der Industrialisierung der Biodynamik geraten ihre bisherigen Standards unter Druck. Die Vereinigung für biodynamischen Handel hat durch Lobbying bereits erreicht, dass die Verwendung synthetischer Inhaltsstoffe in ihren Produkten erleichtert wird. Und da sollte ausgerechnet Wal-Mart als Gralshüter auftreten?"

Außerdem: In der Titelstory begleitet Adrian Nicole LeBlanc Kinder und ihre Eltern auf dem zweifelhaften Weg zum Ruhm im Film- und Fernsehgeschäft. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt die Schauspielerin Lorraine Bracco ("The Sopranos"), was es braucht, um einen Psychiater zu spielen - viel Sitzfleisch.

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - New York Times

Lecker! Die Book Review widmet sich Büchern rund ums Kochen und Verspeisen. Köche, Gastronome und Gourmets schreiben über antiquarische Lieblingskochbücher (hier). Und Jay Jennings entdeckt in "Eat this Book" von Ryan Nerz und in Jason Fagones "Horsemen of the Esophagus", zwei Büchern zum viel zu wenig beachteten Thema "Wettessen", die Quintessenz dieses schönen Sports: "Je mehr wir über die Wettesser erfahren, desto größer wird unser Respekt. Sie trainieren, sie nehmen es ernst." Der Leser lerne, "wie die Übertreibung der eigenen Schwächen diese in Stärke verwandeln" könne.

Weitere Artikel: Liesl Schillinger gefällt die Verbindung von Sex und Küche in Gael Greenes glamourösem Erinnerungsbuch "Insatiable". Adam Platt findet die Memoiren des Weinpapstes Hugh Johnson ("A Life Uncorked") passenderweise "lieblich". Und Dorothy Kalins empfiehlt zwei Bücher, die uns die Augen öffnen möchten, nicht den Mund: "The Way We Eat" von Peter Singer/Jim Mason sowie Marion Nestles "What to Eat".

Im Magazine beleuchtet Rob Walker das von Firmen wie Mozilla und General Motors genutzte "consumer-generated advertising", bei dem keine sakrosankte PR-Maschine den Spot produziert, sondern der Verbraucher: "Für die Firmen ist es entweder ein Segen (das Marketing wird an eine loyale Kundschaft delegiert) oder eine Bedrohung (es gerät in die Hände von unkontrollierbaren Amateuren)."

Ferner: Matt Bai untersucht die Bedeutung der Blogosphäre für die politische Kultur am Beispiel des megaerfolgreichen Politikblogs Dailykos.com. John Wray berichtet über neueste Verwandlungsformen des Heavy Metal im Klangkreis des kalifornischen Labels Southern Lord. Und Randy Kennedy sieht die Zukunft des Fernsehens winzig klein - demnächst auf Ihrem Mobiltelefon.

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - New York Times

Nur ein gut beworbenes Buch ist ein gutes Buch. Soviel versteht Rachel Donadio nach Gesprächen mit führenden US-Verlegern. Ihr Essay über die rätselhaften Gepflogenheiten des Marktes zeigt die Kniffe und das Taktieren der Involvierten (wie krieg ich die Frontauslage bei Barnes & Noble?) auch innerhalb der Verlage: "Lektoren wetteifern um Werbe- und Ausstattungsetats. Ihre Rolle wird mehr und mehr die eines Geschäftsmannes und Lobbyisten, der die eigenen Leute, den Handel und die Presse begeistern muss, Monate bevor das Buch erscheint."

Eine von der New York Times initiierte Umfrage unter Autoren, Kritikern und Verlegern kürt Toni Morrisons "Beloved" zum besten amerikanischen Prosatext der letzten 25 Jahre (alle Plätze samt Rezensionen hier). A. O. Scott kommentiert: "Die Top-5 sind allesamt befasst mit Geschichte, ihre Schöpfer entstammen einer einzigen Generation (der heute 70- bis 75-Jährigen) ... Da wird Vergangenheit geklärt und Platz geschaffen für die Literatur von morgen."

Weitere Artikel: Terrence Rafferty empfiehlt Carlos Fuentes' "brillanten" politischen Briefroman "The Eagle's Throne". Und in einer inspirierten Besprechung nennt Dave Itzkoff Douglas Couplands neuen Roman "JPod" ein "gut abgemischtes Output".

Das New York Times Magazine ist der zeitgenössischen Architektur gewidmet. Worum dreht sich's bei den großen Architektur-Debatten von Berlin bis Lower Manhattan? Der Leiter des Design Museums London, Deyan Sudjic, stellt fest, dass Architektur allzu oft mit politischer Überzeugung gleichgesetzt wird - Flachdach = Fortschritt, historischer Stil = Tradition und so weiter: Architektur "ist von Belang, weil sie dauerhaft ist und groß und weil sie das Aussehen unseres Alltags bestimmt, doch vor allem deshalb, weil sie mehr als jede andere kulturelle Form ein Mittel des historischen Reinemachens ist." Berliner wissen, was er meint.

Weitere Artikel: Im Aufmacher erklärt Arthur Lubow am Beispiel eines Projekts von Herzog und de Meuron, was die Arbeit in China für ausländische Architekten so tricky macht. Nicolai Ouroussoff stellt die Bauten des libanesischen Architekten Bernard Khoury und seines Vaters Khalil - "Mr. Beton Brut" - vor. Im Interview mit Deborah Solomon vergleicht der britische Architekt Richard Rogers das Bauen in Europa und in den USA. Und Edward Lewine befragt Daniel Libeskind zu den raffinierten Details seines New Yorker Lofts (eine Sauna mit Fenster aufs Chrysler Building!).

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - New York Times

Muss man lesen! Im Magazin der New York Times untersucht Kevin Kelly, "senior maverick" des Wired Magazins in einem Riesentext die Auswirkungen, die Google Print auf den Buchmarkt und das Leseverhalten haben wird. Kelly schwärmt von DER universellen Bibliothek, die entstehen wird. Aber er sieht auch die Probleme. Das größte beschreibt er als "clash of business models", die mit dem Copyright zusammenhängen. Autoren, Verlage und andere Künstler haben bisher davon gelebt, dass jede Kopie etwas für sie abwarf. Dieses Modell bricht zusammen. Denn erstens kann kein Mensch alle Kopien im Netz kontrollieren. Und zweitens ist es nur zum Schaden der Künstler, wenn ihr Werk nicht im Netz steht. Denn was nicht im Netz steht, existiert nicht! Die Basis des Reichtums ist heute "Beziehungen, Links, Verbindungen", die zwischen den Texten hergestellt werden, so Kelly. "Der Wert hat sich verschoben von der Kopie hin zu den vielen Möglichkeiten einen Text zu archivieren, kommentieren, personalisieren, bearbeiten, bestätigen, ausgraben, markieren, transferieren und zu erfassen. Autoren und Künstler können ihren Lebensunterhalt damit verdienen, verschiedene Aspekte ihrer Arbeit zu verkaufen. Sie können Auftritte verkaufen, Zugang zum Künstler, Personalisierung, add-on Information, Sponsorenschaft, Subskription - kurz gesagt all die vielen Werte, die nicht kopiert werden können. Die billige Kopie wird das 'discovery tool', mit dem sich diese immateriellen Werte vermarkten lassen. Aber Dinge zu verkaufen, die nicht kopiert werden können, ist weit entfernt vom Ideal vieler kreativer Menschen. Das neue Modell ist voller Probleme (oder Chancen)."

Weitere Artikel: James Traub stellt die französische Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal vor. Abgedruckt ist weiter ein Essay aus Josef Joffes jetzt in den USA erscheinendem Buch "Überpower: The Imperial Temptation of America".

Aus der New York Times Book Review: The Horror, the Horror! Mary Roach begegnet ihm in Cline Falls, Oregon, genauer: im Tatsachenbericht "Strange Piece of Paradise" (Leseprobe) von Terri Jentz. 1977 wurde Jentz Opfer eines rätselhaften, bis heute ungeklärten blutigen Mordanschlags. 15 Jahre später kehrt sie zurück an den Ort des Geschehens und befragt sich selbst und andere über das Unfassbare. Herausgekommen ist ein Bericht, von dem Roach sagt: "Stell dir vor, Truman Capote selbst hätte das überlebt, um es zu beschreiben. Solche Kraft und solch ein Können sind hier am Werk ... In diesem Blick ist mehr Grauen als auf 100 Seiten James Frey."

Außerdem: Barry Gewen hält David Cesaranis Biografie Adolf Eichmanns ("Becoming Eichmann") für ultimativ. Robert Wright vergleicht zwei Bücher über Anti-Amerikanismus (Julia E. Sweigs "Friendly Fire" vs. "America Against The World" von Andrew Kohut und Bruce Strokes). Und in einem Extra-Dossier rund ums literarische Reisen erkundet Larry Rohter Borges' Buenos Aires und David A. Kelly gibt praktische Tipps in Sachen MP3-Hörbücher.

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - New York Times

Was Philip Roth in seinem neuen Roman "Everyman" aus höchst nüchterner Perspektive - der Held ist soeben verstorben - in guter alter Schwerenöter-Manier zu erzählen hat ("der letzte Überschwang im dahinwelkenden Körper"), macht sogar eine Nobelpreisträgerin glücklich. Nadine Gordimer jedenfalls ist hellauf begeistert: "Wenn breites Beschreiben eine Sache des 19. Jahrhunderts war, Philip Roth hat es wiederbelebt - durch die Kraft des Erzählens selbst." (Leseprobe und Autoren-Feature)

Wie verkauft man ein Buch? Henry Alford dokumentiert seinen Versuch, überholte Reiseführer und Knaller wie "Gay and Gray: The Older Homosexual Man" per Handverkauf loszuwerden: "Eine Erfahrung, die mir einen neuen Zugang zur Literatur verschaffte. Was Jago zum Bösewicht macht? Keine Ahnung. Dafür weiß ich, was es braucht, um Jagos Heißwachs-Anleitung für alte Sportwagen zu verticken: Preparation. Penetranz. Psychologie."

Ferner: James Campbell bespricht das Erinnerungsbuch "Let Me Finish" des New Yorker-Herausgebers Roger Angell ("geht perfekt mit einem Wodka Martini"). Und Marilyn Stasio stellt neue Krimis vor von Helene Tursten, James Swain und Donna Leon.

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - New York Times

Walter Kirn haut er um, Gary Shteyngarts Roman "Absurdistan" über einen jungen Exil-Oligarchen, den eine renitente St. Petersburger Behörde an der Ausreise in sein lieb gewonnenes Amerika hindert: "Shteyngart und sein Held Misha, übersprudelnd depressiv alle beide, sind nicht sparsam mit Worten, wenn Überdimensionales ihren Weg kreuzt. Der überladene Stil eines sozialistischen Realismus der zur schwarzen Komödie verkommt. Die Prosa einer heroischen Enttäuschung, schwach gearbeitet mitunter, aber fähig Berge kultureller Trümmer aufzutürmen. Hemingways klare Sätze würden hier nichts ausrichten. Ein Mann braucht Kommas, Semikolons, Adjektive - schweres sprachliches Gerät." Hier ein Interview und eine Lesung.

Ferner: Greg Sandow lobt eine "präzise und sensible" Strawinski-Biografie von Stephen Walsh (Leseprobe "Stravinsky"). Jacob Heilbrunn findet Michael R. Gordons und Bernard E. Trainors kritische Bilanz der Irak-Invasion (Leseprobe "Cobra II") "hieb- und stichfest". Und Cathleen Schine freut ein Band mit neuen und ausgewählten Geschichten von Joyce Carol Oates (Leseprobe "High Lonesome").

Im Magazin der New York Times stellt Mark Edmundson die gesellschaftliche Aktualität von Freuds späten politischen Texten heraus, die das Bedürfnis des zerrütteten Subjekts nach innerem Frieden untersuchen: "In der Verschiedenheit, so aufreibend und schwierig sie auch sei, liegt das Glück der Gemeinschaft. Wird eine freie Gesellschaft von Terrorismus bedroht, gibt es das Verlangen zusammenzurücken und gemeinsam zurückzuschlagen. Die Gefahr besteht, dass wir dabei ebenso wild, monolithisch und geeint werden wie der Feind. Wir verlangen einen Führer, hören auf zu fragen und zu streiten. Wenn das geschieht, beginnt ein Krieg der Fundamentalismen, der keinen Sieger kennt."

Weitere Artikel: Herbert Muschamp kommentiert die Abwanderung der Sammlung Pinault von Paris nach Venedig. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes, warum Condi Rice Präsident wird: "She has better legs than Bush".

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - New York Times

David Kamp verschlingt in der Book Review Michael Pollans "The Omnivore's Dilemma" (Das Dilemma des Allesfressers), ein Buch, für das der Autor sich viermal todesmutig den Bauch vollschlägt: "Ein McDonald's-Takeaway, eine organische Mahlzeit mit Zutaten der Luxus-Kette Whole Foods, ein mehr als organisches Hühner-Schlachtfest von einer Farm in Virginia, wo man keine Pestizide, Antibiotika usw. verwendet, und ein Mahl aus selbst Erlegtem." Wird gegessen, verdaut und nach Maßgabe einer "nationalen Essstörung" analysiert.

Apropos: In einem Essay trauert Rachel Donadio den Zeiten nach, als Verleger noch Geld für Lachsschnitten ausgaben. Dekodiert läsen sich Einladungen zu Buch-Partys heute so: "4 Freunde des Autors laden ein, dieses tolle neue Buch zu feiern. Ort: Bei demjenigen mit dem geräumigsten Wohnzimmer."

Ferner: Jonathan Alter sieht in Anthony DePalmas Buch über den Times-Reporter Herbert L. Matthews und dessen "Engagement" für Fidel Castro ein Lehrstück für angehende Journalisten. Und Regisseur Peter Bogdanovich ist einverstanden mit dem hagiografischen Ansatz von Lee Servers Lebensgeschichte der Ava Gardner ("Love is Nothing"). (Wir auch, darum)

Wer auf google.cn "Falun Gong" eingibt, guckt dank eines fragwürdigen Arrangements, das Google mit der chinesischen Regierung hat, in die Röhre. In einem langen Artikel für das Magazin der Times erörtert Clive Thompson die Lauterkeit der Mittel, um in einen gigantischen Markt einzusteigen, und erklärt, wie die "Great Firewall of China" funktioniert: "Chinas Regierung zwingt private Telekommunikationsfirmen, dort im Netzwerk, wo Signale ins Ausland abgehen, Router-Schalter einzubauen. Diese Router - einige stammen von der US-Firma Cisco Systems - dienen als Chinas neue Zensoren ... Wählst du eine Website, die auf der Schwarzen Liste steht, kommst du nicht durch."

Weitere Artikel: Jaime Wolf schreibt über Dov Charney und sein 100-Millionen-Dollar-Fashion-Label "American Apparel". Und im Interview sagt Madeleine Albright, was sie vom Irak-Krieg hält: "'Demokratie erzwingen' ist ein Oxymoron."

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - New York Times

Faszinierend und beunruhigend zugleich findet John Horgan Ann Finkbeiners Buch "The Jasons". Es beleuchtet die Geschichte des gleichnamigen geheimen Verbands von Wissenschaftlern, die sich die amerikanische Regierung seit den späten fünfziger Jahren als sogenannte unabhängige Berater hielt. Was, so formuliert Horgan die den Band durchziehende Frage, bewegte Nobelpreisträger wie Steven Weinberg, sich mit dem Teufel einzulassen? "1966 kam ein Jason-Team zu dem Schluss, dass der Einsatz von Nuklearwaffen in Vietnam keinen miltitärischen Nutzen brächte ... Der beunruhigende Subtext dazu lautet: Unter anderen Umständen allerdings schon."

Außerdem: William Logan hält das von David Lehman herausgegebene "Oxford Book of American Poetry" für eine vertane Chance. James Wood sieht in "Flaubert" von Frederick Brown die Flaubert-Biografie "dieser Generation" (Leseprobe). Und James Wolcott erinnert an den Journalisten Dwight Macdonald, der dieses Jahr 100 geworden wäre.

Im Magazin der New York Times untersucht Rebecca Skloot das obskure "Nachleben" menschlicher Blut- und Gewebeproben: "Wissenschaftler und Chirurgen nutzen sie zur Herstellung von Impfstoffen oder zur Penisverlängerung". Skloot erzählt die Geschichte des krebskranken John Moore, der eines Tages herausfand, dass sein Arzt sich die herauspräparierten Zellen seines Patienten patentieren lassen hatte und damit legalerweise viel Geld verdiente: "Was dieser Fall nicht berührt, ist die Eigentumsfrage betreffend das Gewebe, das sich noch an seinem Platz in deinem Körper befindet ... Falls es wissenschaftlich wertvoll ist, kannst du dein eigenes Biotech-Unternehmen aufziehen."

Ferner porträtiert Fernanda Eberstadt den in Marrakesch lebenden spanischen Schriftsteller Juan Goytisolo. Und im Interview erzählt Cyndi Lauper aus dem Leben einer suicide blonde.

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - New York Times

In einem Essay fragt sich Joseph Finder, warum es in der gehobenen Literatur keine Geschichten von ehrgeizigen Aufsteigern mehr gibt, wie etwa Balzacs Eugene de Rastignac oder Stendhal's Julien Sorel. Er vermutet dahinter den Versuch, sich gegenüber populären Genres abzugrenzen: "Literatur, so die stillschweigende Vereinbarung, wird nicht um des persönlichen Erfolgs willen geschrieben. Um ihren eigenen Status zu bewahren muss sie das Thema Status aussparen. Ein nicht-ironisches Interesse an Macht, Geld oder Ruhm würde ihren Platz in der Kultur kompromittieren."

Paul Gray nennt es "die wohl erste literarische Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs": Irene Nemirovskys "Suite Francaise", die jetzt auch auf Englisch erschienen ist. Zwei Novellen und ein Faktenbericht einer Jüdin über die deutsche Okkupation Frankreichs. Und die große Frage, wie so etwas möglich ist: "Es bedeutet, dass die 1942 in Auschwitz ermordete Autorin diese so exquisit geformte wie austarierte Prosa nahezu zeitgleich verfasst hat mit den Ereignissen, auf denen sie basiert" (Hier eine Leseprobe).

Weitere Artikel: Terrence Rafferty findet, dass der gute alte linke politische Humor in Jose Saramagos neuem Roman "Seeing" ein ganz bisschen selbstgefällig wirkt. Greil Marcus bespricht einen Essayband zu Allen Ginsbergs Gedicht "Howl".
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