Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 06.05.2008 - New York Times

In Deutschland ist die Popliteratur ja tot, aber in China geht's erst richtig los. Aventurina King porträtiert einige ihrer Protagonisten, an erster Stelle den für seine androgynen Kleidungssitten berühmten 24-Jährigen Guo Jingming, dessen Romane von traurigen Teenies handeln: "Guo ist keinesfalls überall beliebt. Im letzten Jahr wurde er von den Nutzern des Internetportals Tianya zum dritten Mal hintereinander zur meist gehassten männlichen Celebrity gewählt. Aber drei seiner vier Romane haben mehr als eine Millionen Exemplare verkauft, und im letzten Jahr erzielte er das höchste Einkommen eines chinesischen Autors: 1,4 Millionen Dollar."

China ist das große Thema in der Buchbeilage. Jonathan Spence bespricht Mo Yans neuen Roman "Life and Death Are Wearing Me Out". Besprochen werden außerdem Jiang Rongs Super-Bestseller "Wolf Totem" (hier), Wang Anyis "The Song of Everlasting Sorrow" (hier) und Yan Liankes "Serve the People" (hier). Und im Sunday Magazine porträtiert Ian Buruma den Komponisten Tan Dun.

Außerdem im Sunday Magazine porträtiert den Epidemiologen Gary Slutkin, der mit seiner Organisation "CeaseFire" die Gewalt in den amerikanischen Städten nach dem Modell einer Epidemie bekämpfen.

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - New York Times

Pankaj Mishra porträtiert im Sunday Magazine Alaa Al Aswany, den ägyptischen Autor des Romans "Der Jakubijan-Bau" (Leseprobe), der in Gestalt des "Big Man" das System Mubarak und die Korruption in Ägypten anprangert. Der Roman war verfilmt worden, und Al Aswany, der übrigens auch noch praktizierender Zahnarzt ist, erklärt Mishhra, warum er der Premiere des Films in Kairo fern blieb: "In der Filmversion gibt es seltsamerweise keinen Big Man. Als ich Alaa Al Aswany im Herbst in London traf, sagte er mir noch, dass er nicht eingeladen worden sei. Später erzählte er mir den Klatsch aus Kairo, wonach die Filmproduktion Gamal Mubarak, dem Sohn des jetzigen Präsidenten, nahe steht, der seinen Vater beerben soll. Er fürchtet, dass die ägyptischen Staatsstellen diesen Film - die teuerste Kinoproduktion in der Geschichte des Landes - stützten, weil sie seine Darstellung der Korruption als nützlich ansahen, um das Publikum auf den neuen Big Man vorzubereiten."

Außerdem im Sunday Magazine: Benoit Denizet-Lewis erkundet den Stellenwert der Schwulen-Ehe bei jüngeren Homosexuellen. Und Roger Lowenstein erzählt, wie die Ratingagentur Moody's, durch allzu optimistische Bewertung von Kreditpapieren die aktuelle Bankenkrise auslöste.

Scharfzüngiger als Leon Wieseltier, der Literaturkritiker der New Repbulic ist so leicht keiner. Sein neuestes Opfer ist Martin Amis, dessen neues Buch "The Second Plane" (Auszug) mit Schriften gegen den Islamismus er in der Buchbeilage nach allen Regeln der Kunst verreißt. "Amis scheint seine kleinen Bannsprüche als militärische Beiträge in einem Kampf anzusehen. Er schreibt, als wäre er mit seinen zerlesenen Ausgaben von Bernard Lewis und Philip Larkin in der Hand die letzte Bastion, die zwischen uns und der Wiedererrichtung des Kalifats steht. Der 11. September empört ihn nicht nur, er erregt ihn auch. 'Wenn der 11. September schon geschehen musste, dann bin ich froh, dass er zu meinen Lebzeiten geschah.' Kapiert? Es ist nicht mehr so schlimm, dass wir den Spanischen Bürgekrieg verpasst haben. No Pasaran!"

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - New York Times

Helene Cooper erzählt die unglaublich faszinierende Geschichte des Landes Liberia, einer Gründung befreiter amerikanischer Sklaven, die von weißen Philanthropen ins Abenteuer der Kolonialisierung getrieben wurden - sie selbst ist Nachfahrin eines der Gründer des Landes und arbeitet heute als diplomatische Korrespondentin der New York Times. Mit ihrer Mutter ist sie 1980 in die USA emigriert. Angefangen hat's mit Liberia um 1820, als die mit dem Schiff Elizabeth nach Afrika entsandte Truppe ehemaliger Sklaven in Westafrika anlandete: "Die Gruppe verbrachte fast zwei Jahre damit, die afrikanischen Könige und Stammeschefs zu überzeugen, ihnen Land zu verkaufen. Die Afrikaner waren nicht leicht zu überzeugen. Sie fürchteten - mit Recht, wie sich herausstellte - dass sich die schwarzen Amerikaner nach ihrer Niederlassung den Stammeschefs nicht fügen würden. Auch wollten die Afrikaner nicht, dass sich die neuen schwarzen Siedler in ihren Sklavenhandel einmischten. Aber die Kolonisierungsbewegung machte weiter. Die American Colonization Society sandte immer neue Schiffe und Siedler." (Hinweis an deutsche Verleger: Coopers Text ist ein Vorabdruck aus Coopers Buch "The House at Sugar Beach". Vielleicht sind die Rechte ja noch zu haben.)

Außerdem im Sonntagsmagazin: Arthur Lubow porträtiert den Pritzker-Preisträger Jean Nouvel. In der Sunday Book Review bespricht Fareed Zakaria Benazir Bhuttos nachgelassenes Buch "Reconciliation" (erstes Kapitel). Besprochen wird auch Jhumpa Lahiris neuer Erzählungsband (Auszug).

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - New York Times

"Dream for Darfur" ist eine Kampagne, die die Olympischen Spiele nutzen will, um auf die Schuld Chinas - das das Regime im Sudan mit Ölkäufen massiv unterstützt - am Völkermord in Darfur aufmerksam zu machen. Ausführlich beschreibt das Magazine die Bemühungen von Jill Savitt und Schauspielerin Mia Farrow, der treibenden Kräfte von "Dream for Dafur", die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen. So traf sich Savitt mit einer auf Kampagnen spezialisierten Agentur, die "vorschlug, vorhandene Datenbanken von Aktivisten zu nutzen, in hoher Frequenz Massen-E-Mails zu verschicken und sich auf frei zugängliche social-network-Websites zu konzentrieren. 'Facebook ist der richtige Schauplatz', lautete der Rat... Savitt bat auch um Vorschläge für den Dschihad, den [Ben & Jerry's-Gründer] Ben Cohen gegen die Olympia-Maskottchen plant. 'Sagen Sie ihm, dass er die Botschaft kurz halten soll. Sie ist ja nicht kompliziert: Genozid böse; China trifft Mitschuld."

Magazinrundschau vom 25.03.2008 - New York Times

Ah, das Internet, immer gut für neue Revolutionen! Thomas Goetz schreibt im Sonntagsmagazin über die Selbsthilfe-Website PatientsLikeMe, in der Betroffene chronischer Krankheiten wie MS, Parkinson oder Aids ihre Erfahrungen austauschen, auf den ersten Blick ein "Myspace" für Patienten, von denen es schon mehrere gibt. Aber Goetz weist auf einen entscheidenden Unterschied hin: bei PatientsLikeMe produzieren die Patienten "harte Daten". "Die Mitglieder von PatientsLikeMe tauschen ihre Erfahrungen nicht nur in anekdotischer Weise aus, sie quantifizieren sie, verwandeln ihre Symptome und Therapien in statistisches Material: Sie notieren, was weh tut, wo es wehtut und wie lange. Sie stellen Listen ihrer Medikamente und Dosierungen zusammen und verzeichnen, wie gut sie ihre Symptome lindern. All dies wird im Lauf der Zeit kompiliert, aggregiert und von der Software der Site in Grafiken und Kurven umgewandelt. Alles ist offen für Vergleiche und Analyse. Durch ihre Informationen schaffen die Mitglieder von PatientsLikeMe eine reichhaltige Datenbank über Therapien und die Erfahrungen von Patienten."

Außerdem: Michael Kimmelman porträtiert im Aufmacher des Sonntagsmagazins die Designerin Miuccia Prada als Kunstsammlerin. In der Book Review bespricht Colm Toibin das umstrittene neue Buch von Nicholson Baker, "Human Smoke" (erstes Kapitel), in dem Baker Kriegsverbrechen der Westalliierten im Zweiten Weltkrieg beklagt und fragt, welche Chancen eine pazifistische Politik hätte haben können. (Toibin sieht das Buch wegen seines dramaturgisch geschickten Aufbaus als "ernst- und gewissenhaften Beitrag zur Debatte über Pazifismus"). Besprochen werden außerdem Martha Nussbaums neues Buch über religiöse Toleranz (mehr hier) und Sarah Boxers Anthologie "The Ultimate Blog".

Magazinrundschau vom 18.03.2008 - New York Times

Noah Feldman, Rechtsprofessor an der Harvard University und außenpolitischer Berater unterstützt in einem längeren Essay für das Sonntagsmagazin der Zeitung die Ansichten gemäßigter Islamisten über die Scharia: "Für viele Muslime, die heute in korrupten Autokratien leben, ist der Ruf nach der Scharia nicht ein Ruf nach Sexismus, Obskurantismus oder drastischen Strafen, sondern nach einer islamischen Version dessen, was der Westen als sein heiligstes Prinzip der Politik betrachtet - nach der Herrschaft des Gesetzes." Feldmans Essay, der einem demnächst erscheinenden Buch entnommen ist, schließt mit dem Satz: "Bei allen Risken und Gefahren ist der Wunsch der Islamisten nach Erneuerung alter Ideen über die Herrschaft des Gesetzes kühn und edel - und könnte den Pfad zu gerechten und legitimen Regierungen in großen Teilen der muslimischen Welt weisen."

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - New York Times

Das New York Times-Magazine hat ein interessantes Dossier über die neue Wohltätigkeit zusammengestellt. James Traubs Aufmacherartikel widmet sich den karitativen Aktivitäten der größeren und kleineren amerikanischen Stars, um die sich inzwischen eine ganze Industrie entwickelt hat. Stars suchen nach "guten Sachen". Unternehmen suchen nach Stars, die nach guten Sachen suchen, die zum eigenen guten Bild passen: "So wie Stars 'philanthropic managers' haben, die gute Sachen für sie aufstöbern, haben Unternehmen, die sich engagieren wollen, 'celebrity recruiters', die ihnen den richtigen Star besorgen. Rita Tateel bsorgt und koordiniert nach ihrer ihrer eigenen Berufsbeschreibung Promis für 'Marketing und Public Relation-Aktivitäten, die mit guten Anliegen' in Zusammenhang stehen. Sie tat vor kurzem das Unternehmen Purina auf, das 'Hilfsorganisationen für kleine Haustiere' unterstützen wollte und brachte es mit Emily Procter zusammen, einer Hauptdarstellerin der Serie 'CSI Miami', die 'Tierschutz lebt und atmet'."

Für einen anderen Artikel des Dossiers porträtiert Joe Nocera das Milliardärsehepaar Herb und Marion Sandler, die den Washington-Post-Journalisten Paul Steiger mit der Gründung von ProPublica beauftragten das ist ein journalistisches Experiment, das noch von sich reden machen wird: ProPublica wird zwanzig Reporter anstellen, um als Non-Profit-Organisation investigativen Journalismus zu betreiben. Die Sandlers sind untypische Mäzene, so Nocera; "Sie wählten einen Weg - investigativen Journalismus - den wenige andere Philanthropen beschritten haben. Statt das Geld jemandem zu geben, der sich bei ihnen gemeldet hat, haben sie den ersten Schritt getan... 30 Millionen Dollar für die ersten drei Jahre mit der Perspektive, dieses Engagement zu verlängern oder gar auszuweiten. Es ist eben hart für Philanthropen aufzufallen, wenn man nicht bereit ist, eine Menge Geld in die Hand zu nehmen, sagen die Sandlers."

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - New York Times

Gershom Gorenberg berichtet im Sonntagsmagazin über wachsende Spannungen zwischen den amerikanischen und israelischen Juden. Wer als amerikanischer Jude in Israel einwandern will, bekommt häufig Schwiergikeiten mit den religiösen Behörden des Landes, die unter anderem entscheiden, wer überhaupt ein Jude ist: "Seth Farber ist ein orthodoxer Rabbi amerikanischer Herkunft. Seine Organisation - Itim, das 'Jewish Life Information Center' - hilft Israelis bei der Orientierung in der Bürokratie des Rabbinats. Er erklärte mir, dass die Ansprüche des Rabbinats an die Beweise für das Judentum einer Person so streng sind wie noch nie, viel strenger als sich die meisten amerikanischen Juden vorstellen können. Im Blick auf jüdische Organisationen, vor allem die wesentlichen Gemeinde- und philanthropischen Organisationen des amerikanischen Judentums sagt er: 'Achtzig Prozent der Vorstände in diesen Vereinen würden den Standard nicht erreichen.'"

Außerdem schreibt Elizabeth Weil über eine immer stärkere Tendenz zur Geschlechtertrennung an amerikanischen Schulen. Und Andrew Meier porträtiert den exzentrischen russischen Romancier und Politiker Edward Limonov.

In der Book Review bespricht Patrick Cockburn das Buch "Dreams and Shadows - The Future of the Middle East" (Auszug), in dem die Reporterin Robin Wright ein recht optimistisches Bild über die gemäßigte Opposition in vielen arabischen Staaten entwirft: "Der islamische Extremismus ist nicht mehr die wichtigste, interessanteste oder dynamischste Kraft im Nahen Osten." Und hier das erste Kapiel aus Stephen Kings neuem Roman "Duma Key".

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - New York Times

Meline Toumani porträtiert für das Sunday Magazine den türkisch-kurdischen Politiker Abdullah Demirbas, der bis vor kurzem Bürgermeister des Bezirks Sur in der türkischen Stadt Diyarbakir war. Im letzten Jahr wurde er wegen seines Gebrauchs der kurdischen Sprache, aber auch, weil er Broschüren für Touristen auf armenisch druckte, abgesetzt. In offiziellen Dokumenten dürfen nicht einmal die Buchstaben W, X oder Q vorkommen, die im Kurdischen existieren, nicht aber im Türkischen. Für Toumani spiegelt diese Sprachpolitik die Unfähigkeit der türkischen Gesellschaft zur Integration der Kurden wider. "Alles läuft buchstäblich - aber ohne W, X oder Q - auf Assimilation hinaus. Jahrzehntelang hat das türkische Gesetz die Kurden, die immerhin zwanzig Prozent des Gesamtbevölkerung und die Mehrheit im Südosten bilden, nicht einmal als eine eigene ethnische Gruppe anerkannt. Von 1983 bis 1991 war es verboten, in der Öffentlichkeit Kurdisch zu sprechen. Bis 2002 waren Radio- und Fernsehsendungen auf Kurdisch praktisch verboten, und erst seit 2003 können Eltern ihren Kindern kurdische Namen geben (die allerdings nicht die Buchstaben W, X oder Q enthalten dürfen)."

In der Book Review wird Mark Harris' Band "Pictures at a Revolution" (Auszug) vorgestellt, der anhand von fünf prägenden Filmen des Jahres 1967 (darunter die "Reifeprüfung") die Geschichte von New Hollywood aufgreift. Francis Fukuyama bespricht Samantha Powers Buch über den im Irak ermordeten UN-Unterhändler Sergio Vieira de Mello. Und Rachel Donadio erinnert in einem Essay an den Mitbegründer der legendären Paris Review (mehr hier) Harold L. Humes, der die letzten Jahrzehnte seines Lebens in geistiger Umnachtung verbrachte.

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - New York Times

James Traub legt für das Magazin ein episches und gerechtes Porträt a l'americaine über den französischen Außenminister Bernard Kouchner vor. Erzählt wird selbstverständlich auch Kouchners eigentliche Erweckungsszene, die Erkenntnis, dass die Politik des Roten Kreuzes in Biafra, wo er 1971 als Arzt weilte und ungeheures Elend sah, nicht ausreichte. Denn das Rote Kreuz untersagte ihm politische Kommentare zu dem, was "Kouchner und seine Freunde als einen staatlich finanzierten Genozid sahen und als eine Rechtfertigung von Passivität angesichts des Holocaust. Zurück in Paris ließ Kouchner eine Petition kursieren, die Nigeria verurteilte. Sartre und de Beauvoir und andere unterzeichneten. Und er und seine Arztkollegen gründeten eine Organisation, die Nothilfe nach politischen oder Naturkatastrophen leiste, die Medecins sans Frontieres."

In der Book Review berichtet Motoko Rich, dass Daniel Menaker den Randomhouse-Verlag verlässt, um im Internet eine Bücher-Talkshow nach dem Vorbild der französischen Sendung "Apostrophes" zu gründen. Besprochen werden David Rieffs Erinnerungen an seine Mutter Susan Sontag (erstes Kapitel), Kwame Anthony Appiahs neue Studie "Experiments in Ehtics", in der sich der Philosoph mit Experimenten der Hirnforschung auseinandersetzt, und Jonathan Carrs Wahnfried-Saga "The Wagner Clan".