Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 43 von 81

Magazinrundschau vom 05.04.2011 - New York Times

In Indien hat Joseph Lelyvelds Gandhi-Biografie einen ziemlichen Wirbel ausgelöst, berichten Vikas Bajaj und Julie Bosman. Denn Lelyveld hat nahegelegt, dass Gandhi eine homosexuelle Beziehung mit dem deutschen Architekten Hermann Kallenbach hatte (die Leser der NYT Book Review erfahren das allerdings erst aus diesem Bericht, nicht aus der Besprechung letzte Woche, sie hätten das Wall Street Journal lesen müssen). Der von Hindu-Nationalisten regierte Bundesstaat Gujarat hat das Buch inzwischen verboten. "'Das Geschriebene ist pervers in seiner Natur', sagte der Ministerpräsident von Gujarat Narendra Modi nach dem Verbot über das Buch. 'Es hat die Gefühle aller verletzt, die fähig sind, gesund und logisch zu denken.' Indiens Justizminister M. Veerappa Moily erklärte am Dienstag, 'das Buch verleumde nationalen Stolz und Führerschaft', was nicht toleriert werden könne. Die Regierung 'erwägt, das Buch zu verbieten.'" Keine gute Nachricht für Indiens Homosexuelle.

Henry Kissinger hat zwei Einwände gegen Jonathan Steinbergs große Bismarck-Biografie: "Steinbergs Feindseligkeit gegen Bismarcks Person verleitet ihn manchmal dazu, seine Charaktereigenschaften über seine strategischen Konzepte zu stellen. Der zweite Einwand betrifft die direkte Linie, die Steinberg von Bismarck zu Hitler zieht." Nonsense, findet Kissinger. "Trotzdem ist 'Bismarck: A Life' die beste Biografie in englischer Sprache."

Und: Interessant, aber "langweilig" findet Michiko Kakutani David Foster Wallaces unvollendeten Roman "The Pale King".

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - New York Times

Jesse Lichtenstein stellt im Sunday Magazine die beiden Nachwuchs-Genies Matthew Fernandez und Akash Krishnan vor, die offenbar recht erfolgreich einem Computer beibringen, Gefühle zu erkennen. "Ihr Algorithmus erlaubt ihnen, Emotion des Sprechers zu bestimmen, indem sie 57 verschiedene Komponenten eines akustischen Signals mit einem vorhandenen Signal vergleichen, das von menschlichen Hörern bereits als 'fröhlich' oder 'verärgert' definiert wurde. Bisher versteht ihr Algorithmus weder Zuversicht noch Sarkasmus, aber er kann in Echtzeit Furcht erkennen, Wut, Freude und Trübsinn, ohne soviel Prozessorkapazität zu schlucken, dass er für ein Handgerät unpraktisch wird."

In der Book Review bespricht Geoffrey Ward fasziniert Joseph Lelyvelds Buch "Mahatma Gandhi and His Struggle With India", das sehr eindrücklich schildere, wie Gandhi in Südafrika zum großen Sozialreformer wurde. (Im Gegensatz dazu beschreibt Andrew Roberts Gandhi in einer ätzenden Kritik im Wall Street Journal als Heuchler, Rassisten und alten Lüstling, dessen große Liebe im übrigen laut Lelyveld ein deutscher Architekt und Bodybuilder namens Hermann Kallenbach war, Bild).

Außerdem: Zu einem der aufregendsten Autoren Europas adelt Sarah Fay den Schweizer Peter Stamm, dessen Roman "Sieben Jahre" sie gerade in der englischen Übersetzung gelesen hat: "Stamms Talent ist augenfällig, aber was ihn zu einem Autor macht, den man lesen sollte, den man oft lesen sollte, ist die Art, wie er heutiges Leben als eine stetige Folge von Brüchen darstellt." Und Leland de la Durantay begrüßt die englische Übersetzungen von Thomas Pletzingers "Bestattung eines Hundes": "'Funeral for a Dog' ist voller Seltsamkeit, nicht satirische Seltsamkeit, nicht magische Seltsamkeit, sondern realistische, und sein Hauptthema ist die Seltsamkeit des Verlusts."


Magazinrundschau vom 22.03.2011 - New York Times

Pulitzer-Preisträgerin Andrea Elliott hat eines jener unendlich langen und um Gerechtigkeit bemühten Porträts geschrieben, in denen man mit einiger Geduld stets eine Menge lernen kann. Gegenstand ist Yasir Qadhi (Website) ein junger salafistischer Anführer in den USA, möglicherweise so etwas wie ein Tariq Ramadan der USA. Der Gewalt hat er selbst nach radikaleren Phasen abgeschworen, aber die Frage, die Elliott stellt, ist, ob die moralischen Dilemmata, die auch ein friedlicher Fundamentalismus aufwirft, nicht für einige immer einen Weg zu Gewalt bahnen. Auch Qadhi selbst sieht sich in einem Dilemma: "Eine Diskussion über militanten Dschihad - ein komplexes Thema, an dem Jahrhunderte der Gelehrsamkeit hängen - droht immer auch die Wachsamkeit der Behörden und damit, so Qadhis Befürchtung, Verfolgung auf sich zu ziehen. Würde er gar anerkennen, dass das islamische Gesetz bewaffneten Widerstand in muslimischen Ländern erlaubt, würde er jenen Studenten ein grünes Licht geben, die er nach eigener Behauptung vom militanten Weg abbringen will. Aber durch sein Schweigen, so sagt Qadhi, verliert er die Glaubwürdigkeit, die er braucht, um sie von seiner wichtigsten Botschaft zu überzeugen: Dies sind nicht die Kämpfe von Westlern. 'Meine Hände sind gebunden, und mein Mund bleibt geschlossen', sagt er." Qadhis wirtschaftlich erfolgreiche Beratungs-Seite für Sex in der islamischen Ehe musste wegen zu großen Andrangs schließen.

Zwei Buchbesprechungen sind interessant: Geoffrey Nunberg bespricht James Gleicks Band "The Information - A History. A Theory. A Flood" (Auszug, hier auch noch mal der Link zu Freeman Dysons Besprechung in der NYRB). Und David Leavitt hat Brian Christians "The Most Human Human" (Auszug) gelesen, ein Buch über den Turing-Test, der in einem Fragespiel mit Computer und Mensch herausfinden will, ab wann der Computer von einem Menschen nicht mehr zu unterscheiden ist. Turing hat diesen Moment ungefähr für jetzt angekündigt.

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - New York Times

In der Sunday Book Review stellt der Historiker Raymond Arsenault Daniel J. Sharfsteins Geschichte dreier Familien vor, die unmerklich die Rassengrenze durchbrachen: Erst waren sie schwarz, dann wurden sie aufgrund ihres Erfolgs als Weiße akzeptiert. "Alle Elemente [für diesen Durchbruch] scheinen in der Gibson Familiensaga auf. Gideon Gibson, ein reicher Landbesitzer in Süd-Carolina und Anführer einer rebellischen Bande von Siedlern des späten 18. Jahrhunderts, bekannt als Regulators, war ein dunkelhäutiger Abkömmling befreiter Sklaven aus Virginia. Seine Ehe mit einer weißen Frau und sein Status als Sklavenhalter bildeten das Fundament nicht nur für seinen Erfolg als Anführer eines Gemeinwesens, sondern auch für die Reise seiner Abkömmlinge zum Weißsein. Nach der amerikanischen Revolution zog ein Zweig der Gibsonfamilie nach Louisiana, wo sie Teil der weißen Zuckerplantagen-Elite wurden. Andere Familienmitglieder zogen nach Kentucky, wo sie erfolgreiche Pferdezüchter wurden. Auf ihrem Weg warfen die Gibsons alle Erinnerungen an ihre rassischen Wurzeln über Bord."

Besprochen werden außerdem ein Buch über den Afghanistankrieg von einem sehr pessimistischen ehemaligen Vietnamkämpfer, eine Biografie der Sängerin Ethel Waters (hier ihre phantastische Aufnahme von "Miss Otis Regrets") und zwei Romane über junge Männer, die - nigerianisch-deutscher Herkunft der eine, tunesisch-schwedischer Herkunft der andere - ihre Identität suchen.

Im NYT-Magazine porträtiert Gaby Wood vom Daily Telegraph den französischen Künstler JR (homepage), den jüngsten Künstler, der den TED-Preis gewonnen hat. "Ich traf JR eines späten Nachmittags im letzten November in seinem Pariser Studio. Die nächste Metro Station ist nach Alexandre Dumas benannt und da ist auch etwas 'Drei-Musketierhaftes' an seinem Team: Emile Abinal und der 'Philosoph und Guru' Marco Berrebi kamen gerade von einem Poster-Klebetrip in Schanghai und bereiteten sich auf eine Pressekonferenz über die positiven Nachwirkungen ihrer Porträts im Nahen Osten vor. Sie hatten bisher nie wirklich Leute in ihrem Studio und mussten etwas aufräumen - zum Beispiel eine gelbe Kawasaki, die genau in der Mitte geparkt war. An einer weit entfernten Wand hing, versteckt zwischen großformatigen Fotografien von JRs Installationen, ein kleines Trophäenkabinett mit zwei verschlissenen Schrubberbürsten, einem Spachtel und Leimpulver. 'Wir knien und beten davor jeden Tag', sagt JR."

Hier sein TED-Porträt:



Magazinrundschau vom 15.02.2011 - New York Times

Die größten Webadressen und -dienste schöpfen ihren Wert aus den freiwilligen und kostenlosen Informationen, die ihre Besucher bereitstellen. Facebook (50 Milliarden Dollar), Twitter (10 Milliarden Dollar), Tumblr oder die Huffington Post, die gerade für 315 Millionen Dollar an AOL verkauft wurde. Was bleibt da für den professionellen Autor, fragt David Carr. "Vielleicht bleibt Inhalt aufgeteilt in einen professionellen und einen Amateurzweig. Aber ich bin mir da nicht so sicher, wenn ich sehe, wie die sozialen Netzwerke Aufmerksamkeit und Anzeigen von den alten Medien abziehen. Ich trage selbst meinen Teil dazu bei. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatte ich über 11.000 Einträge bei Twitter geschrieben. Ich wurde dafür mit einer Menge Follower belohnt ... und keinem Pfennig Geld."

Während Leser den Inhalt bereitstellen, lösen Computer langsam die Redaktion ab, berichtet John Markoff. Bei Yahoo platziert Katherine Ho zwar noch die Artikel, aber unterstützt wird sie dabei von einem Computerprogramm, dass genau registriert, welche Artikel wie oft angeklickt werden. "Ein Artikel, der nicht viel Interesse erweckt, steht nur Minuten online, bevor sie ihn löscht. Populäre Artikel stehen tagelang online und finden manchmal Millionen Leser. Nur fünf Kilometer nördlich, bei Yahoos Rivalen Google, werden die News ganz anders produziert. Spotlight, ein beliebtes Feature bei Google News, wird vollkommen von Softwarealgorithmen erstellt, die praktisch das gleiche tun wie Ms. Ho. Googles Software durchstreift das Netz auf der Suche nach interessanten Artikeln. Der Entscheidungsprozess, welche Artikel den Lesern präsentiert werden, funktioniert ähnlich wie das PageRank-System der Suchmaschine. In dem einen Fall wird Software dazu benutzt, die Fähigkeit eines Menschen zu erweitern. Im zweiten Fall ersetzt die Technologie den Menschen vollständig."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - New York Times

In seinem Vorwort zum NYT-e-Book über Wikileaks, "Open Secrets: Wikileaks, War and American Diplomacy", erzählt Chefredakteur Bill Keller sichtlich angewidert von den Zumutungen an einen Gentlemanjournalisten, der - um den größten Coup in der Geschichte des Journalismus zu landen - mit einem schmuddeligen, großmäuligen Mann wie Julian Assange zusammenarbeiten muss. Assange war kein Partner oder Mitarbeiter, sondern eine "Quelle", wie Keller mehrfach betont. Und die fasst man nur mit spitzen Fingern an, um sie zu veredeln: "Deine Pflicht als unabhängige Nachrichtenorganisation ist es, das Material zu überprüfen, den Kontext zu liefern, verantwortungsbewusste Entscheidungen darüber zu treffen, was veröffentlicht wird und was nicht, und der Sache einen Sinn zu geben. Genau das haben wir getan. Aber auch wenn ich Assange nicht als Partner betrachte und zögern würde, das, was Wikileaks tut, als Journalismus zu bezeichnen, ist es erschreckend, sich Wikileaks angeklagt vorzustellen, weil sie Geheimnisse öffentlich gemacht haben, ganz zu schweigen von der Verabschiedung neuer Gesetze, um die Verbreitung als geheim eingestufter Dokumente bestrafen zu können, wie es manche vorschlagen." Das könnte am Ende noch den blütenweißen Arsch der NYT gefährden.

Die ägyptische Autorin Mansoura Ez-Eldin erzählt, wie brutal die Polizei gegen die Demonstranten in Kairo vorgeht. Und nicht nur in Kairo: "Seit Tagen ist Tränengas der Sauerstoff, den die Ägypter einatmen. ... Die Sicherheitskräfte in Kairo haben angefangen Gummigeschosse auf die Demonstranten abzufeuern, bevor sie scharf schossen und Dutzende töteten. In Suez, wo die Demonstrationen sehr gewalttätig endeten, wurde vom ersten Tag an scharf auf Zivilisten geschossen. Ein Freund, der dort lebt, schickte mir eine Botschaft, wonach die Stadt am Donnerstag morgen aussah wie nach einem brutalen Krieg: Die Straßen waren niedergebrannt und zerstört, Leichen lagen überall. Wir werden nie erfahren, wieviele Menschen den Polizeikugeln in Suez zum Opfer fielen, erklärte mein Freund feierlich."
Stichwörter: Assange, Julian

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - New York Times

Vor Angola hat man ein riesiges Erdölreservoir gefunden. Vielleicht. Benjamin Wallace-Wells erzählt im Sunday Magazine aus der Sicht von Geologen und Ingenieuren, was es bedeutet, einen Teil der geschätzten letzten 650 Milliarden Barrel Öl auf der Welt zu finden und an Land zu pumpen: Man muss die fliegenden Kühe einschätzen. "Es gibt ein Element von Unsicherheit in jedem komplizierten Ingenieurs-Vorhaben. 'Im Juli 2003 wurde im Pazifik ein japanisches Fischerboot von einer fliegenden Kuh versenkt', erzählte mir Robert Bea. Bea ist Professor für Tief- und Umweltbau in Berkeley und ein führender Forscher zu Risiken. Er hat außerdem viele Jahre in der Forschung und im Management von Shell gearbeitet. Die Kuh, stellte sich heraus, war Teil eines illegalen Viehhandels zwischen Anchorage und Russland. Als das Flugzeug sich seinem Zielort näherte, wurden die Schmuggler nervös und fingen an, ihre Fracht aus dem Flugzeug zu schubsen. 'Keine Risikoanalyse kann jemals perfekt sein. Niemand kann eine fliegende Kuh vorhersehen.'"

Außerdem: In der Titelgeschichte fragt Paul Krugman, ob die europäischen Demokratien die gemeinsame Währung retten werden oder das europäische Projekt sterben lassen. Steven Erlanger beschreibt das sehr komplizierte Verhältnis zwischen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel und endet mit einer Prognose des ehemaligen amerikanischen Botschafters in Berlin, John Kornblum: Der "sieht die Vereinigten Staaten als Vorbild für Deutschland - wegen ihrer Fähigkeit, Europa nach dem Krieg zusammenzuhalten, bei Meinungsverschiedenheiten zu vermitteln und Kompromisse zu finden. 'Die Deutschen verstehen das noch nicht', sagt er. 'Aber sie werden die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa und die ausgleichende Rolle, die wir lange Zeit hatten, übernehmen müssen.' In dem Moment wird Deutschlands Ehe mit Frankreich nicht mehr eine so große Rolle spielen."

In der Sunday Book Review versucht Ian Buruma den Übertreibung von Michel Houellebecq und Bernard-Henri Levy in "Volksfeinde" etwas Komisches abzugewinnen, schafft es aber nicht: "As the people Houellebecq has always supported like to say: 'Oy vey!'" Jessica Kerwin Jenkins stellt eine Geschichte von Chanels No. 5 vor. Und Francine Prose bespricht Colm Toibins Roman "The Empty Family".

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - New York Times

Mit sichtlicher Faszination hat Stephen Burn den in Frankreich gefeierten, soeben auch in deutscher Übersetzung erschienenen, äußerst ambitionierten Roman "Zone" von Mathias Enard gelesen. Das formale Hauptcharakteristikum - es gibt nur einen Satz und einen Punkt im ganzen Roman - ist für den Rezensenten sehr viel mehr als ein Gimmick: "Tief in der Chemie des Romans bricht dieser offene Satz auch Zeitgrenzen nieder. Ein abgeschlossener Satz ist ein Baustein - eine Möglichkeit, Zeit im Raum zu kartieren -, der isoliert werden kann, so dass die Bewegung von einer vergangenen in eine gegenwärtige Zeit möglich wird. Indem Enard keine einzelnen Sätze erlaubt, lässt er den Leser frei flottierend in der Flüssigkeit des Bewusstseins seines Protagonisten Mirkovic treiben; ein Ort, an dem antike und klassische Geschichte die jüngeren Ereignisse ständig unterbrechen. In diesem Reich der ewigen Zeit löst sich Mirkovic als einheitliches Subjekt auf und erlangt im Verlauf seiner einsamen Eisenbahnfahrt mythische Dimensionen: Er wird Dante, der durch die Kreise der Hölle zu einer vita nuova reist; Hermes, der die Toten über den Styx geleitet; Vorbote der Offenbarung des Johannes, der die Namen der Toten statt des Buchs des Lebens mit sich führt."

Magazinrundschau vom 04.01.2011 - New York Times

Vor fünfzig Jahren schrieb Alfred Kazin den klassischen Essay "The Function of Criticism Today" (den man für 4,95 Dollar bei Commentary kaufen darf, aber es gibt ja auch noch große Auszüge bei Google Books). Am Sonntag hat die New York Times die gleiche Frage fünf heute tätigen Kritikern gestellt (Editorial): Stephen Burn (hier), Katie Roiphe (hier), Pankaj Mishra (hier), Adam Kirsch (hier), Sam Anderson (hier) und Elif Batuman (hier). Die Antworten lesen sich alles in allem erstaunlich blutarm. Fast alle meckern mehr oder weniger übers Internet. Der einzige, der einen eigenen Gedanken dazu entwickelt ist Burn: "'In den leeren Taschen der Städte und Häuser', schrieb Don DeLillo in den frühen achtzigern, 'ticken tausend Hirne.' Etwas mehr als zehn Jahre später wob das sich verbreitende Internet ein Netzwerk aus diesen Hirnen, baute ein gigantisches neurales Netz, ein zerstrittenes, lautstarkes, hektisches Überhirn. Das Internet zieht die Leute aus ihrer Einsamkeit heraus, macht ihre 'Ichs' noch nackter als das unscharfe, unsichere Ich, das durch seine täglichen Routinen und Konflikte taumelt. Ein einsamer Leser, der sich über einen obskuren aktuellen Roman beugt oder sich eine Seite aus 'Finnegan's Wake' zusammenpuzzlet, ist plötzlich nicht mehr ganz so einsam."

Sehr empfehlenswert auch die die "Sidney Awards" des NY Times-Kolumnisten David Brooks (hier und hier), der jedes Jahr seine ganz persönliche Liste mit den besten Essays des Vorjahrs bekanntgibt - und alle stehen online! Sein Sieger 2010: Michael Lewis' "Beware of Greeks Bearing Bonds", ein Stück über die Finanzkrise, aus Vanity Fair.

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - New York Times

Dass auch Magazine im Internet finanziell überleben können, beweist der Erfolg von The Atlantic, einem 153 Jahre alten Magazin, dass einen exzellenten Ruf, aber auch jahrelang Verlust eingefahren hat. Dieses Jahr ist alles anders. Atlantic macht seit mindestens zehn Jahren erstmals wieder Profit: 1,8 Millionen Dollar. Gar nicht schlecht für ein kleines Magazin, meint Jeremy W. Peters. Und wie kommt das? "Im wesentlichen haben wir uns die Frage gestellt, was wir tun würden, wenn wir uns agressiv selbst kannibalisieren wollten", zitiert Peters den Präsidenten der Atlantic Media Company, Justin B. Smith. Als Ergebnis dieser Überlegung "wurde die Trennung zwischen Internet- und Printredaktion aufgehoben, die Bezahlmauer der Webseite geschleift und ein Trupp junger Autoren angeheuert. Den Anzeigenakquisiteuren wurde mitgeteilt, dass es keine Rolle spiele, zu welchem Prozentsatz sie Print- oder Onlineanzeigen akquirieren; sie mussten nur ein Verkaufsziel erreichen." Und deshalb macht Atlantic "macht in diesem Jahr 32,2 Millionen Dollar Einnahmen. Etwa die Hälfte davon kommt von Anzeigen. Aber die Onlineanzeigen - die in diesem Jahr 6,1 Millionen Dollar einbringen sollen - werden fast 40 Prozent des gesamten Anzeigenaufkommens von Atlantic ausmachen. Im Magazingeschäft, dass sich gegen die digitale Zukunft gewehrt hat, ist das eine Rate, von der man noch nie gehört hat."

Nachdem erst Amazon Wikileaks von seinen Servern verbannt hat und dann auch noch PayPal, Mastercard und Visa ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks aufgekündigt haben, warnte Rebecca MacKinnon auf CNN kürzlich davor, dass die Infrastruktur des Netzes von privaten Firmen beherrscht wird, die am Ende über unsere Meinungsfreiheit bestimmen. Diese Frage betrifft natürlich auch Facebook, wie Miguel Helft erklärt. Facebook hatte eine Seite gelöscht, auf der Wikileaks-Unterstützer die Hacker-Angriffe auf PayPal, Mastercard etc. koordinierten. Schwerer Protest war die Folge. "Facebook stellt selten jeden zufrieden", stellt Helft fest. "Jeder Inhalt - eine Fotografie, ein Video oder eine Botschaft zwischen zwei Personen - kann jemanden beleidigen. Entscheidungen der Firma, etwa Material von Holocaust-Leugnern, Kritikern des Islam oder anderer Religionen nicht zu löschen, hat Interessengruppen verärgert und dafür gesorgt, dass einige ausländische Regierungen die Webseite zeitweise ganz sperrten."