Magazinrundschau

Domäne der Frauen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.10.2018. Der New Yorker untersucht die Kommunikationskanäle von Trumps Wahlkampfteam mit der russischen Alfa-Bank. In der New York Review of Books sieht der Historiker Christopher R. Browning Donald Trump all die Fehler wiederholen, die zur großen Wirtschaftskrise und zwei Weltkriegen führten. Intercept sucht verschwundene saudische Frauenrechtlerinnen. In der London Review erklärt die Sozialwissenschaftlerin Sheng Yun: Frauen sind die größten Kapitalistinnen und damit die Zukunft Chinas. In The Nation lernt der Historiker Richard J. Evans, wie deutsche Frauen vom Nationalsozialismus profitierten.

New Yorker (USA), 15.10.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Dexter Filkins den Verdacht, zwischen einer russischen Bank und Trumps Präsidentschaftskampagne könnte es Verbindungen geben. Gewisse Aktivitäten im Netz legen das nahe, erfährt Filkins von einem IT-Spezialisten namens Max: "Als Max und seine Leute die Einträge im Domain Name System (D.N.S.) von republikanischen Kandidaten durchkämmten, stießen sie auf Überraschendes. 'Wir suchten nach Spuren, wie wir sie auf den gehackten Computern des Democratic National Committee gefunden hatten, fanden aber etwas völlig anderes, Einzigartiges', so Max. In dem kleinen Ort Lititz, Pennsylvania verhielt sich eine der Domains von Trumps Organisation sehr merkwürdig. Der Server der Domain gehörte zu einer Firma namens Listrak, die vor allem kommerzielle Massenmails zu verteilen half, Spa-Angebote, Trips nach Las Vegas usw. Einige von Trumps Domains taten das Gleiche, doch diese eine versendete gar nichts. Zugleich versuchte eine sehr kleine Gruppe von Firmen mit der Domain zu kommunizieren. Bei der Untersuchung der Domain-Daten entdeckte Max D.N.S.-Lookups von Servern der Alfa Bank, einer der größten in Russland. Die Rechner der Bank kontaktierten die Adresse des Trump-Servers nahezu jeden Tag, manchmal ein dutzendmal, zwischen Mai und September 2016 insgesamt mehr als zweitausend Mal. 'Wir beobachteten das in Echtzeit und fragten uns, warum eine russische Bank so dringlich mit Trumps Organisation kommunizieren wollte … Schließlich folgerten wir, dass es sich um einen verdeckten Kommunikationskanal handeln musste.'"

Jiayang Fan porträtiert den chinesischen Schriftsteller Yan Lianke, den er auf Besuchen bei seiner Mutter auf dem Land und bei seinem Verleger begleitet. Die Zensur in China wird immer schlimmer, meint Yan: "Yan hatte immer gescherzt, dass er an dem Tag, an dem er zehn Wörter Englisch gelernt hätte, ins Ausland ziehen würde. Aber er vermutet, dass er nicht die gleiche Dringlichkeit in seiner Arbeit verspüren würde, wenn er China verlassen würde. 'Es ist ironisch', sagte er mir. 'Es gibt so viel Angst vor dem Schreiben innerhalb der Grenzen Chinas, aber diese Angst ist es auch, die mich schreiben lässt.'"

Außerdem: Hua Hsu berichtet, wie Amerikaner asiatischer Herkunft sich gegen die Diskriminierung beim Antragsverfahren für Eliteunis wie Harvard wehren und dabei auch den Schulterschluss mit einem weißen konservativen Anwalt nicht scheuen: Die asiatisch-amerikanischen Studenten sind besorgt, dass "affirmative action" an Universitäten mehrheitlich zugunsten afroamerikanischer Studenten und Latinos geht, Hua ist besorgt, dass am Ende in diesem Kampf nur die Weißen gewinnen. Nathan Heller stellt den italienischen Regisseur Luca Guadagnino ("Call Me by Your Name") vor. James Wood feiert John Wrays 9/11-Roman "Godsend". Adam Gopnik liest David W. Blights Biografie über "Frederick Douglass: Prophet of Freedom".  Elizabeth Kolbert denkt darüber nach, wie man wissenschaftlich über verschwundene Arten und zerstörte Ökosysteme schreibt. Anthony Lane sah im Kino Damien Chazelles "First Man".
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 11.10.2018

Eliot Weinberger fasst mit dem Text "Zehn typische Tage in Trumps Amerika" sehr einschlägig den Wahnsinn zusammen, mit dem Politik und Medien die Öffentlichkeit an den Rand der Erschöpfung bringen: Während Pornostar Stormy Daniels den Boulevard mit Geschichten über Donald Trumps Schwanz versorgte, wurde laut Weinberger auch die Kohleindustrie dereguliert, erklärte Trump das FBI zum Krebsgeschwür, kostet der Hurrikan Florence zehn Menschen, 5.500 Schweine und 3.400.000 Hühner das Leben, feuerte die Umweltbehörde grundlos die Leiterin der Abteilung für Kindergesundheit und behaupteten Republikaner in Texas, dass die Demokraten Barbecues verbieten wollen. Und dann natürlich das brutale Spektakel um Brett Kavanaugh, das mit jedem Gladiatorenkampf im Kolosseum mithalten konnte. Und für Weinberger die wesentlichen Punkten verschleiert: "Was das öffentliche Interesse betrifft, hat Kavanaughs Angriff als betrunkener Jugendlicher seine extrem trüben persönlichen Finanzen in den Hintergrund gedrängt, wie auch seinen Lebensstil, der sein Gehalt weit übersteigt, die 200.000 Dollar Schulden, die sich plötzlich in Luft auflösten, seine mutmaßliche Sportwetten-Sucht, seine eindeutige Ablehnung von Abtreibung und Gewerkschaften; seine Überzeugung, dass ein Präsident von strafrechtlicher Verfolgung ausgenommen ist; seine Liste von sexuell drastischen Fragen, die er für den damalige Sonderermittler Kenneth Starr im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton erstellt hatte, und die hunderttausend Seiten an Dokumenten, die bei seiner Arbeit für George Bush entstanden sind und die sich die Republikaner weigerten, herauszurücken - womit sie unter anderem seine Rolle bei der Formulierung der Folterpolitik deckten, den Diebstahl von Papieren der Demokratischen Partei und das Autorisieren von Abhörmaßnahmen ohne richterlichen Beschluss."

Die Sozialwissenschaftlerin Sheng Yun bekennt, dass sie sich nie für den Feminismus interessiert hat, und sieht in China den Beweis, dass es gut ohne geht. Denn die KP mag ja eine reine Männergesellschaft sein, der chinesische Kapitalismus aber sei eine Domäne der Frauen: "Viele der heutigen Startups in China wurden von Frauen um die dreißig gegründet, und ich kenne viele Firmen, in denen nur Frauen arbeiten. Jack Ma, der Gründer von Alibaba, der mit den Plattformen Taobao und Alipay Zugang zu den Daten von einer Milliarde chinesischer Konsumenten hat, sagt, dass Frauen die Zukunft der Wirtschaft sind. Ein aktueller Report behauptet, dass 79 Prozent aller Tech-Firmen in China mindestens eine Frau im Vorstand hat; in den USA liegt die Zahl bei 53 Prozent. Laut Bloomberg bringen Frauen in China mehr als die Hälfte aller neuen Internet-Firmen an den Start. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Männer verbünden könnten, um den Aufstieg von Frauen in der chinesischen Ökonomie zu stoppen. Je jünger die Kohorte, desto weniger scheinen Gender-Unterschiede eine Rolle zu spielen. Bei den Millenials kann man kaum noch Anzeichen männlicher Dominanz sehen. Männliche Pop-Idole entsprechen mit ihrem Unisex-Look dem 'Frischfleisch'-Style, bestimmt, dem weiblichen Blick zu gefallen, aber unbewusst vielleicht auch, um femininer auszusehen - Mädchen sind in der Schule schließlich besser und cooler."

Weiteres: Die Leave-Kampagne hat beim Brexit erfolgreich auf den Drachentöter-Mythos von Sankt Georg gesetzt, meint James Meek, jetzt sollte Robin Hood zu seinem Recht kommen. David Runciman liest Bob Woodwards Bericht aus dem Weißen Haus "Fear".