Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 18.10.2005 - New York Review of Books

Der britische Historiker und Autor Timothy Garton Ash berichtet von seiner Reise durch den Iran. "Auf der Dachterrasse eines Restaurants in der wundersamen Stadt Isfahan konnte ich die Kontinuität der persischen Kultur beobachten, als ein Sänger begann, Verse des Dichters Hafis aus dem dem 14. Jahrhundert zu deklamieren. (Sie werden nicht oft hören, dass jemand Gedichte von Chaucer in einem englischen Pub singt)... Ich bekam auch einen Geschmack vom Leben hinter den hohen Gartenmauern in den Häusern der Mittel- und Oberschicht, wo das Kopftuch sofort abgenommen wird und man nur beißende Verachtung übrig hat für den spätrevolutionären Eifer des neuen Präsidenten Machmud Achmadineschad. Innerhalb von Minuten nach meiner Ankunft in einem solchen Hause neckten mich nur mit einem Bikini bekleidete Frauen, ich solle doch in ihren Swimming Pool kommen, während die Männer mir aus einer Flasche anboten, auf deren Etikett stand: 'Ethanol, 49 Prozent'."

Der Pianist und Musiktheoretiker Charles Rosen schreibt über den Wandel musikalischer Aufführungen (Wer spielt heute noch Hausmusik!) und empfiehlt Robert Philips "brillante" Studie "Performing Music in the Age of Recording". "Seine Hauptthese ist, dass sich mit der Aufnahme die Aufführungen in eine Suche nach immer größerer Präzision und Perfektion verwandelt haben, mit einem daraus folgenden Verlust an Spontaneität und Wärme."

Helen Epstein rechnet vor, warum sich Entwicklungsländer nur bedingt über die stetig wachsenden Hilfszahlungen westlicher Länder freuen können: "Mindestens sechzig Prozent der amerikanischen Entwicklungshilfe verlassen niemals das Land, sie gehen für Büro- und Reisenkosten drauf, für die Beschaffung amerikanischer Autos, Computer und andere Ausrüstung, sowie für solch großzügige Gehälter, dass ein einziges reichen würde, um Hunderte von afrikanischen Kindern für mehrere Jahre zu ernähren, zu kleiden und auszubilden."

Abgedruckt wird eine gekürzte Version des Human-Rights-Watch-Berichts über Misshandlungen von Gefangenen im Irak durch die 82. Airborne Division (hier die vollständige Version). Besprochen werden schließlich noch mehrere Neuerscheinungen zur Qualität der amerikanischen Colleges und gleich mehrere Bücher über den "Entertainer" Buffalo Bill.

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - New York Review of Books

Große Wissenschaftler sind entweder Füchse oder Igel, erklärt uns Freeman Dyson in seinem Ruhmesgesang auf seinen Lehrer, den Physiker Richard Feynman, dessen Briefe "Perfectly Reasonable Deviations from the Beaten Track" er wärmstens empfiehlt. "Füchse sind an vielem interessiert und bewegen sich locker von einem Problem zum anderen. Igel kümmern sich nur um wenige Probleme, die sie für fundamental halten, und an denen bleiben sie für Dekaden kleben. Die meisten der großen Entdeckungen werden von Igeln gemacht, die meisten kleinen von Füchsen. Die Wissenschaft braucht aber beide, Igel und Füchse für ihr Voranschreiten - Igel, um sich tief in die Natur der Dinge zu versenken, Füchse um die komplizierten Details unseres wunderbaren Universums zu erkunden. Albert Einstein war ein Igel, Richard Feynman ein Fuchs." Und was macht aus einem großen Wissenschaftler eine Ikone? "Feynman war nicht nur ein berühmter Komiker und ein berühmtes Genie, sondern auch ein weiser Mensch, dessen Antworten auf ernsthafte Fragen wirklich Sinn ergaben."

Im zweiten Teil (hier der erste) ihrer Reportage aus dem Venezuela des Hugo Chavez besucht Alma Guillermoprieto das Armenviertel Petare, eine Hochburg des Präsidenten: "Geführt wurde ich von Maria Milagros Reyes, einer resoluten, enthusiastischen Frau von den oberen Hügeln des Barrios. Reyes leitet die Abteilung für Ideologiefragen beim Kommando Maisanta in Petare, einer Organisation, die im vorigen Jahr gegründet wurde, um Stimmen für das Referendum über Chavez' Verbleib im Amt zu sammeln. Reyes nimmt einen recht hohen Rang ein und ich war besorgt, dass in ihrer Anwesenheit die Leute vielleicht nicht die Zweifel und Vorbehalte gegenüber Chavez äußern würden, die ich bei den Mittelschichten selbst unter Chavez-Anhängern mitbekommen habe. Aber in Petare schien überhaupt niemand irgendwelche Zweifel zu hegen - weder der junge Mann, der in einem von der Regierung mit fünf Computern ausgestatteten Geschäft kostenlos beigebracht bekam, wie man mit dem Internet umgeht und online-Bewerbungen abschickt, noch die arbeitenden Frauen, die in einem kleinen Büro anstanden, um ihre Kinder in chavistischen Betreuungskooperativen unterzubringen."

Weiteres: Ergriffen schreibt John Leonard zu Joan Didions Buch über den Tod ihres Mannes, die Krankheit ihrer Tochter und ihren eigenen Wahnsinn "The Year of Magical Thinking": "Ich kann mir nicht vorstellen ohne dieses Buch zu sterben." (Hier ein Vorabdruck aus dem Guardian.) Sträflich versagt, meint Ronald Dworkin, hat der Justizausschuss des Senats bei seiner Anhörung zu John Roberts' Nominierung zum Obersten Richter. Viel genauer hätte Roberts Versprechen auf den Zahn gefühlt werden müssen, in seinem neuen Amt keine Politik zu betreiben. Außerdem besprochen werden zwei Bücher über den leidigen Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten sowie Cormac McCarthys Roman "No Country for Old Men" (mehr hier).

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - New York Review of Books

Der frühere US-Diplomat Peter W. Galbraith hofft angesichts der politischen Fliehkräfte im Irak, dass die Verfassung von allen Bevölkerungsgruppen angenommen wird: "Einige liberal und säkular ausgerichtete Schiiten sprechen bereits von einem schiitischen Nationalismus - als wären sie eine ethnische und nicht eine religiöse Gemeinschaft. Sie sehen den Irak als einen zusammengebrochenen Staat und wollen nicht ihr Leben damit verbringen, einen endlosen Aufstand in der Mitte des Landes zu bekämpfen. Wenn die aktuelle Verfassung abgelehnt wird, wird es keine andere geben. Und eine weitere Regierung mit einem Einjahresmandat wird nicht in der Lage sein, Iraks politische, wirtschaftliche und sicherheitsrelevante Probleme anzugehen. Bei all ihren Fehlern ist die Verfassung die letzte Chance, den Irak zusammenhalten. Die Alternative ist nicht ein zentralisierterer Staat, sondern Desintegration und Chaos."

Weitere Artikel: Die Autorin Alma Guillermoprieto zeichnet ein Porträt von Venezuelas autoritärem Präsidenten Hugo Chavez, der das Land wie eine Reality Show führt: "Selbst nach einem Besuch von nur zwei Wochen beginnt man, in Venezuela an Klaustrophobie zu leiden, als würden alle Menschen dort in Chavez' Kopf leben, wobei einige ein pfeifendes Geräusch erzeugen beim Versuch, rauszukommen." Pankaj Mishra ist gar nicht begeistert von Salman Rushdies Kashmir-Roman "Shalimar the Clown", in dem Rushdie wieder und wieder Szenen von Massakern, Folterungen, Selbstmordattentaten und Köpfungen vorführe: "Tatsächlich erklärt uns das nicht viel. Für einen politisch engagierten Autor bleibt Rushdie erstaunlich indifferent gegenüber den spezifisch politischen Prozessen."

William L. Taylor sieht sich den Lebenslauf des von George Bush als Oberster Richter nominierten John Roberts an und erkennt darin eigentlich nur einen juristischen Schwerpunkt: die Feindseligkeit gegenüber Bürgerrechten. George Friedman, Chef des geostrategischen Erkundungsunternehmens Stratfor, schildert die geopolitischen und ökonomischen Auswirkungen des Hurrikan Katrina, denn New Orleans war auch Dreh- und Angelpunkt der über den Mississippi führenden Binnenschiffahrt. Darryl Pinckney erklärt sich den Rassismus, den er bei der schleppenden Hilfe für die Opfer des Hurrikans wirken sah, so: "In den USA können Weiße von Schwarzen als besser oder schlechter, als höher oder niedriger denken, aber einfach nicht als gleich."

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - New York Review of Books

Christian Caryl räumt mit dem Vorurteil auf, dass es sich bei Selbstmordattentätern um religiöse Eiferer handele, die von einem irrationalen Fanatismus in den Tod getrieben würden. "Selbstmordanschläge sind zunehmend die Waffen der Wahl in einer neuen Form globalen Aufstands" schreibt Caryl. Nicht selten sind es intelligente Waffen: "Selbstmordattentäter sind organisierte Männer oder Frauen. Sie bringen die Bombe zu ihrem Ziel und drücken auf den Auslöser. Aber sie sind in den seltensten Fällen die Hersteller der Bomber, Eine Organisation rekrutiert, indoktriniert und trainiert den Attentäter; eine Organisation sucht das Ziel aus und versucht hinterher die Legitimität des Anschlags durch Werbeschriften oder Märtyrervideos zu beweisen, die der Attentäter vor seinem Tod aufgenommen hat. Unabhängige Selbstmordanschläge gibt es (meistens unter Palästinensern), aber sie sind erstaunlich selten."

"Nach dem 11. September wollte Amerika Gott spielen, aber nicht einen sanftmütigen Jesus, sondern den zornigen, grollenden Jehova", schreibt Jonathan Raban zum vierten Jahrestag der Terroranschlägen. Viel ist nicht geblieben, meint er von dem frommen Herzen und der eisernen Faust: "Die größte Militärmacht der Geschichte hat seine tödliche Waffenmacht an die Rhetorik eines fundamentalistischen Christentums mit all seinem selbstgerechten einfachen Moralismus gekettet, in einem Krieg von 'Gut gegen Böse', 'Freiheit gegen Angst'. Vietnam war zwar auch eine schreckliche politische und strategische Fehlkalkulation, aber nicht in der Art. Amerikas eherne Macht ist kein unerschöpfliches Gut, und selbst seine Frömmigkeit scheint nun auszugehen, da die versprochenen Wunder nicht eingetreten sind." Thomas Powers schreibt über Triumph und Tragödie des J. Robert Oppenheimer. Besprochen werden Hilary Mantels neuer Roman "Beyond Black" (der John Banville bewies, dass "das Böse am heimtückischsten im Privaten wirkt"), Kazuo Ishiguros Roman "Never Let Me Go" und Brian Wilsons Pop-Sinfonie "Smile".

Magazinrundschau vom 26.07.2005 - New York Review of Books

Zwei zentrale Probleme sieht der frühere US-Diplomat Peter W. Galbraith im Irak: "Das erste ist der Aufstand und das zweite ist eine iranische Übernahme. Der Aufstand ist, bei aller Gewalttätigkeit, ein endliches Problem. Die Aufständischen mögen vielleicht nicht besiegt werden, aber gewinnen können sie auch nicht. Das erhebt natürlich die Frage, was eine verlängerte Präsenz des US-Militärs erreichen kann, da es wohl keine militärische Lösung für das Problem geben wird, dass die Sunniten eine schiitische Herrschaft ablehnen. Iraks Schiiten erlitten Jahrzehnte brutale Unterdrückung, der die USA meist indifferent gegenüberstanden. Der Iran dagegen war ein guter Freund und engagierter Unterstützer der Schiiten. Indem sie Freiheit in den Irak brachte, hat es die Bush-Regierung Iraks Schiiten ermöglicht, für proiranische Parteien zu stimmen, die einen islamischen Staat errichten wollen. Das ist nicht unbedingt ein ideales Ergebnis, aber eines des demokratischen Prozesses."

Dass sich die Lage seit dem 11. September so verfahren hat, schiebt Max Rodenbeck, Nahost-Korrespondent des Economist, vor allem den Nachrichtendiensten der USA zu: Komplett versagt haben sie in ihrer vornehmsten Aufgabe, "den Feind zu erkennen. Sie waren unfähig zu verstehen, gegen wen oder was Amerika angehen musste. Waren es allein Osama bin Laden und seine al-Qaida, und wenn ja, was trieb den Mann? Welche seiner Ideen zog die Leute an? Wie schwächt man am besten seine Macht?" Rodenbeck empfiehlt den Geheimdiensten, mal ein europäisches Buch zu lesen: Jonathan Randals "Osama: The Making of a Terrorist" zum Beispiel oder Olivier Roys "Globalized Islam".

Weiteres: John Gray beobachtet einen neuen intellektuellen Trend zum Marxismus in den USA, zum Beispiel bei Thomas Friedman und seinem Buch "The World is Flat": "Wie Marx glaubt Friedman, dass Globalisierung am Ende nur ein einziges ökonomisches System übrig lässt; und wie Marx glaubt er, dass dieses System es der Menschheit ermöglichen wird, Krieg, Tyrannei und Armut hinter sich zu lassen." Zu Steven Spielbergs "War of the World" mutmaßt Geoffrey O'Brien: "Es ist, als suche Spielberg im Angesicht des drückenden Terrors, Trost bei den Marsianern. Bei aller Verpflichtung gegenüber den Erfordernissen eines Blockbusters, ist sein Film aber auch Wells Vorlage treu genug, um zu zeigen, was für ein schwacher Trost das ist." Von Hilary Spurling ist ein Beitrag zur Matisse-Ausstellung "His Art and His Textiles" in New Yorks Metropolitan Museum zu lesen.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - New York Review of Books

Mit ihrem Nein zur Verfassung - und vor allem zur stetigen Erweiterung - haben die Franzosen und Niederländer der EU einen großen Dienst erwiesen, meint ein recht realpolitscher William Pfaff: "Die EU ist keine internationale Hilfsorganisation, sie ist nicht dazu da, die Menschheit zu reformieren oder alle Zivilisationen miteinander zu versöhnen (auch nicht, um die amerikanische Außenpolitik zu unterstützen, wie einige Amerikaner das gerne hätten). Das niederländische und französische Votum beweist ein Gespür dafür, dass die oberste Verpflichtung einer jeden politischen Gemeinschaft, ob nun national oder international, sich selbst gegenüber besteht, gegenüber der eigenen Sicherheit, der eigenen Integrität und dem eigenen erfolgreichen Funktionieren. Die Europäische Union muss erfolgreich sein, um konstruktiven Einfluss auf andere zu haben, und dies stand auf dem Spiel."

Tony Judt bekräftigt noch einmal, dass der Irakkrieg "der falsche Krieg zur falschen Zeit" war, und stellt drei Bücher vor, die dies mehr oder weniger unternauern: David Rieffs desillusionierter Blick auf die Möglichkeiten humanitärer Interventionen "At the Point of a Gun", Andrew J. Bacevichs Abrechnung mit der Militarisierung der USA "The New American Militarism" und Amnesty Internationals Report on the United States.

Weitere Artikel: Der Physiker Freeman Dyson ist hocherfreut über die neue Norbert-Wiener-Biografie "Dark Hero of the Information Age", die nicht nur das des Mathemikgenie würdigt, sondern endlich auch den Erfinder der Kybernetik ins rechte Licht setzt. Arthur Kempton empfiehlt eine neue Billie-Holiday-Biografie von Julia Blackburn, "With Billie".

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - New York Review of Books

Elizabeth Drew nimmt die Affäre um den berüchtigten Lobbyisten Jack Abramoff zum Anlass, um einen näheren Blick auf das Washingtoner System des eigenen Ausverkaufs zu werfen. Das FBI und zwei Senatsausschüsse ermitteln gegen Abramoff, der unter anderem dem Republikaner-Chef im Repräsentantenhaus Tom DeLay teure Reisen finanzierte, für den Kleptokraten Mobutu Sese Seko arbeitete, seinen Think Tank in den Achtzigern vom südafrikanischen Geheimdienst finanzieren ließ und schließlich sechs Indianerstämme um 66 Millionen Dollar schröpfte: "Abramoffs Verhalten ist symptomatisch für die beispiellose Korruption - das Kaufen und Verkaufen von Einfluss auf Gesetzgebung und Bundespolitik - die in Washington unter einem Republikanischen Kongress und Weißen Haus endemisch geworden ist. Korruption gab es in Washington immer, doch in den vergangenen Jahren ist sie ausgeklügelter, umfassender und unverhohlener denn je geworden. Ein Freund von mir, der eng mit Lobbyisten zusammenarbeitet, sagt: 'Es gibt keine Beschränkungen mehr, Geschäftsleute und Lobbyisten schnappen total über - in jedem Raum auf dem Kapitol schreiben sie die Gesetze mit. Du kannst Dich dort gar nicht mehr bewegen, ohne Geld zu verteilen.' Dies dürfte nur wenig übertrieben sein."

Ian Buruma preist die Übersetzung von Yasunari Kawabata grandiosem Asakusa-Roman an, der nun als "The Scarlet Gang of Asakusa" erstmals auf Englisch vorliegt. Asakusa war das Montmartre von Tokio, sein Lebensmotto "ero, guro, nansensu" - Erotik, Groteske, Nonsense -, bis es durch das Erdbeben von 1923 zerstört wurde: "Im Roman geht es gar nicht so sehr um die Entwicklung von Charakteren als um den Ausdruck einer neuen Empfindung, einen neuen Weg, Atmosphäre zu betrachten und zu beschreiben: schnell, fragmentiert, von einer Szene zur nächsten geschnitten wie ein Film oder eine Collage, mit einem Mix aus Reportage, Werbeslogans, populären Liedzeilen, Fantasien und historischen Anekdoten. Und viel ero, guro, nansensu."

Weiteres: Alan Ryan liefert eine ausführliche Nachlese zu den Wahlen in Großbritannien. Jonathan Raban beklagt die Vergessenheit, in die der Dichter Robert Lowell seit seinem Tod geraten ist, dabei rangierte er noch zu Lebzeiten in der Klasse von Yeats, Eliot und Auden. Diane Johnson bespricht einen ganzen Stapel neuer Jane-Austen-Biografien. Und David Hajdu stellt Nadine Cohodas Biografie der Blues-Sängerin Dinah Washington vor, die so wunderbar wie eine Alarmsirene heulen konnte.

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - New York Review of Books

Mark Danner sieht aus London den Beweis erbracht, dass für die amerikanische Regierung bereits im Juli 2002 der Krieg gegen den Irak beschlossene Sache war. Er zitiert ein Memorandum aus Downing Street, das ein Treffen ranghoher Politiker und Berater protokolliert: "C (der Chef des MI6) berichtete von seinen jüngsten Gesprächen Washington. Dort gab es eine merkliche Veränderung in der Einstellung. Militärische Aktionen wurden nun als unvermeidlich angesehen. Bush wollte Saddam militärisch stürzen, was durch seine Verbindung zu Terrorismus und Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt werden sollte. Die Geheimdienstinformationen und Fakten wurden um die politische Linie herum zurechtgezimmert. Der Nationale Sicherheitsrat hatte keine Geduld mit der UN-Linie und war von der Idee nicht begeistert, Material über das Verhalten des Regimes zu veröffentlichen. Es gab in Washington wenig Diskussion über eine Nachkriegspolitik."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Michael Chabon bekennt, was er beim Schreiben seines ersten Romans fühlte: "Etwas, was (zumindest von meiner Seite aus) der tiefen, leidenschaftlichen, physischen und intellektuellen Liebe näher kam als alles, was ich bisher einem Menschen gegenüber empfunden hatte." Der britische Historiker Orlando Figes stellt Yuri Slezkines Buch "The Jewish Century", das er brillant, aber nicht ganz unproblematisch findet: "Slezkine argumentiert, dass das moderne Zeitalter das jüdische Zeitalter ist, und das zwanzigste Jahrhundert das jüdische Jahrhundert, weil Modernisierung bedeutet, 'städtisch zu werden, mobil, gebildet, artikuliert, intellektuell, physisch verwöhnt und beruflich flexibel. Es geht darum, Menschen und Symbole zu kultivieren, nicht Felder und Herden'."

Das eingeschriebene Nahost-Duo Hussein Agha und Robert Malley gibt einen Ausblick auf die anstehen Parlamentswahlen in Palästina. Joan Didion bearbeitet den Fall Terri Schiavo nach. Joan Acocella stellt Marilynne Robinsons neuen Roman "Gilead" vor.

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - New York Review of Books

Der Schriftsteller Gary Shteyngart schwärmt von dem russischen Schriftsteller Wladimir Woinowitsch, der einst Hymnen auf die sowjetischen Kosmonauten verfasste, bis er sich vom Regime und dem Agitprop abwandte, nach Deutschland ausreiste und ein wunderbarer Satiriker wurde. In den USA ist gerade sein Buch "Monumental Propaganda" erschienen (auf Deutsch: "Aglaja Rewkinas letzte Liebe"). "Wladimir Woinowitsch ist wahrscheinlich der wichtigste russische Satiriker der vergangenen fünfzig Jahre und, angesichts der Absurdität und Repressivität dieser fünfzig Jahre, einer der subversivsten in der Geschichte der Nation. Wenn die russischen Dichter, wie Dostojewski sagte, allesamt unter Gogols Mantel hervorgeschlüpft sind, dann kommt Woinowitsch direkt aus Gogols Nase. "

Weiteres: Als "überfällige Geschichte amerikanischer Progressivität" begrüßt Jeff Madrick Richard Parkers Biografie des Harvard-Ökonomen, Diplomaten, Präsidentenberater und Beststeller-Autors John Kenneth Galbraith. Brian Urquhart, früherer Unter-Generalsekretär der UN, empfiehlt Sadako Ogata Erinnerungen an ihre Zeit als Hochkomissarin für Flüchtlinge "The Turbulent Decade", wobei er ihren "faszinierenden wie tragischen" Bericht als weiteren Beweis dafür nimmt, dass die UN sich nicht auf humanitäre Leistungen beschränken dürfen.

Höchst interessiert hat Patrick Radden Keefe die Sammlung militärischer Codenamen gelesen, die der Journalist William M. Arkin zusammengestellt hat: "Beim Lesen fällt einem sofort die seltsame Poesie der Begriffe auf: großtuerische Einträge wie 'Mighty Thunder' (eine Übungsserie der Air Force) oder 'Resolute Strike' (eine Operation gegen Taliban im Süden Afghanistans 2003) werden gefolgt von Einträgen wie 'Calypso Wind', 'Optic Windmill', Platypus Moon', 'Sorbet Royale' und, sehr hübsch, 'Zodiac Beauchamp'." Und John Updike würdigt die große Max-Ernst-Retrospektive im Metropolitan Museum New York.

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - New York Review of Books

Thomas Frank beschreibt, wie es die amerikanischen Konservativen geschafft haben, die liberalen Intellektuellen zum wahren Klassenfeind zu stilisieren. "Hier der bescheidene, duldsame Durchschnittsamerikaner, der hart arbeitet und seine Steuern zahlt, dort die elitären Liberalen, die Alleswisser von Manhattan und Malibu, die an ihrem Caffe Latte nippen, während sie dank ihrer College-Abschlüsse und mithilfe ihrer Freunde in der Justiz über das Landvolk herrschen. Konservative betrachten 'Klasse' meist als inakzeptablen Begriff, wenn es um Wirtschaft geht - Handel, Deregulierung, Verteilung der Steuerlast, hingebungsvolle Ehrfurcht vor dem Mikrochip, etcetera. Aber sobald Politik als Kultur gedeutet wird, wird Klasse für sie sofort zum Herzstück des öffentlichen Diskurses. Tatsächlich wurde der klassenbasierte Rückschlag gegen die vermeintliche Arroganz des Liberalismus zu ihrer schärfsten Waffe. Proletarisch in seiner Rhetorik, royalistisch in seinen ökonomischen Auswirkungen, geht dieser Backlash ungehindert von seinen inneren Widersprüchen vonstatten."

Thomas Powers erklärt, wie die amerikanischen Geheimdienste ihre Technik verfeinern, das weltweite "Geschwätz" auszuwerten. Hilary Mantel nimmt dankbar Helen Prejeans neue Buch über die Todesstrafe auf. Angesichts einer großen Ausstellung zu Salvador Dali im Philadelphia Museum of Art rühmt Sanford Schwartz noch einmal die "Verrücktheit, Flamboyanz, Grandiosität und für die demoralisierende Art, in der er die Grenzen zwischen Kreativität und kommerzieller Selbstvermarktung aufgehoben" hat. Besprochen werden gleich mehrere Studien, die die fortpflanzungstechnische Bedeutung des Y-Chromosom in Frage stellen, und ein Buch zu College-Sport.