Orlando Figes

Nataschas Tanz

Eine Kulturgeschichte Russlands
Cover: Nataschas Tanz
Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783827004871
Gebunden, 720 Seiten, 39,80 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Sabine Baumann und Bernd Rullkötter. In einer berühmten Szene von Tolstois Roman "Krieg und Frieden" hört die junge Fürstin Natascha ein ihr unbekanntes Volkslied und beginnt instinktiv zur Melodie zu tanzen. Ausgehend von dieser Schlüsselszene, mit der Tolstoi suggeriert, dass die russische Nation durch unsichtbare Fäden einer angeborenen Mentalität zusammengehalten wird, erkundet Orlando Figes die Entstehung einer der erstaunlichsten Kulturen der Welt. "Nataschas Tanz" spannt den Bogen vom Glanz des Petersburger Zarenhofs bis zur Macht der stalinistischen Propaganda, von der Volkskunst bis zu den magischen Ritualen der asiatischen Schamanen, von der Dichtung Puschkins bis zur Musik Mussorgskis und den Filmen Eisensteins.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2003

Kerstin Holm lobt den "am russischen Kulturkonflikt trainierten Kennerblick" von Orlando Figes und findet diese russische Kulturgeschichte gelungen. Auch wenn Figes sechshundert Seiten starke "kulturgeschichtliche Arche" nur die zweihundertfünfzig Jahre zwischen Peter dem Großen und den Nachwehen des Sowjettotalitarismus "an Bord" nehme. Zudem, lobt die Rezensentin, habe der Autor sein "reiches" Material "leserfreundlich und unterhaltsam" präsentiert. Einschränkend macht sie nur geltend, dass Figes "die Kultur des Volkes und der Massen" kaum zu Wort kommen lasse, Russlands "schrecklich-schöne Europafremdheit" trete hier vielmehr vornehmlich aus Sicht "gebildeter Prominenter" in den Blick. Seine etwa am Beispiel der Petersburger Architektur durchgeführten Untersuchungen zum "Wechselspiel von europäischer Melodie und wild folkloristischer Unterströmung" eröffnet Figes, so erfährt man von der Rezensentin noch, leitbildartig mit einer Episode aus Tolstois "Krieg und Frieden", die dem Buch auch den Titel gab - und in der die in adligem Haus nach französischer Etikette erzogene Romanheldin Natascha Rostowa spontan einen russischen Bauerntanz vollführt; und das perfekt, obwohl sie die Klänge zum ersten Mal hört und den Tanz nie gelernt hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Natascha ist die junge Fürstin Rostowa aus Tolstois "Krieg und Frieden", die trotz aller französischen Erziehung urplötzlich auf bäuerische Weise zu tanzen beginnt, so erfahren wir aus Natascha Freundels Besprechung. Dem Autor dient das Bild der tanzenden Natascha als Zeichen für das grundlegende Spannungsfeld, in dem russische Identität sich vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein verortet und krisenhaft hergestellt hat. Dass solche literarischen Bezüge - und es kommen noch musikalische und künstlerische hinzu - dem Autor vehemente Kritik aus der akademischen Welt eingebracht haben, findet Freundel unangemessen. Denn die Kritiker und Neider hätten nicht verstanden, so die Rezensentin, dass Figes ähnlich dem von ihm geliebten Rausch nächtlicher Gespräche mit Russen hier in einer Leidenschaft für "assoziatives Verknüpfen" und "prägnante Bilder" schwelgt. Dies erlaubt ihm, befindet Freundel, die Inszenierung eines "zeitgeschichtlichen Panoramas", in dem verborgene Facetten des Werks selbst bekannter Autoren, Maler und Komponisten aufgedeckt werden. Es ist die "spielerische Eleganz", wie Natascha Freundel begeistert hervorhebt, die die "Stärke seines Buchs" ausmacht - und zu höchstem "Lesevergnügen" führt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.09.2003

Karl Schlögel ist beeindruckt, wenn auch nicht so uneingeschränkt begeistert wie bei Orlando Figes vorigem Buch, in dem der britische Historiker das Panorama der russischen Revolution in ungekannt detaillierter Breite und Tiefe zeichnete und dabei seine Fähigkeiten als Geschichtserzähler zur Geltung brachte. Dieses Mal dagegen fällt der einschränkende Rahmen weg und der Blick weitet sich auf die ganze russische Kultur: Geht das? Es geht - mit Einschränkungen - sogar sehr gut, findet Schlögel und lobt Figes "Trick", im Stile eines Romanciers zeitliche Fäden zwischen wiederkehrenden Orten und Personen zu spannen und sich so dem Faszinosum der russischen Kultur auch jenseits des Bekannten und mit Blick auf verborgene, inoffizielle Zusammenhänge zu nähern. Und was ist sie, die Essenz der russischen Kultur? Es ist laut Schlögel die elegante, anmutige Synthese von Kulturen zu etwas Drittem. Und auch wenn bei Figes? Nacherzählung dieser "synthetischen Anstrengung" einiges auf der Strecke bleibe, besonders das nicht Hochkulturelle, so sei es doch bewundernswert, wie der Autor im Angesicht von dekonstruktivistischer Geschichtsschreibung mit langem Atem nochmals eine "Große Erzählung" entwerfe. Die dann allerdings dem deutschen Verlag schon so groß vorkam, dass er sich zum Bedauern des Rezensenten entschloss, auf Figes? Liste mit weiterem Lesestoff zu verzichten.
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