Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 20

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - New Statesman

Die Europäische Union steht vor dem Kollaps. Und man hat fast den Eindruck, dass sich der Historiker Brendan Simms und Timothy Less über die von ihnen entwickelte Diagnose ( sie nennen es eine "apokalyptische, aber am Ende völlig triftige Folge der Ereignisse") die Hände reiben. Und zwar wird Britannien aus der Union austreten, und die kleineren Nationen der Union Deutschland ausliefern. "Deutschland bliebe als der letzte übrig, nachdem alle anderen die Union verlassen haben oder herausgedrängt wurden. Die einzige Ausnhame könnte Österreich sein, das an Deutschland hängt wie Weißrussland an Russland oder Montenegro an Serbien." Und das tollste ist: Die Schotten verzichten nach diesem Szenario auf einen Austritt aus Großbritannien, weil sie sich vor den Trümmern der Union in den englischen Mutterschoß flüchten. Und "mit dem Vergehen der europäische Union bliebe Großbritannien als einziges erfolgreiches Modell einer multinationalen parlamentarischen Union". Timothy Less, Brendan Simms Koautor, ist ein "Krisenberater" und hat mit diesem Text jetzt bestimmt eine Menge Kunden akquiriert.

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - New Statesman

"Kulturelle Aneignung" ist die Bête Noire der amerikanischen Linken geworden. Yo Zushi verteidigt sie mit dem Hinweis, dass Kultur von Dynamik und Austausch lebt. Niemandem "gehören", HipHop, Cornrows, Chola Chic oder das Recht, einen Kimono zu tragen. "Gegenüber der Website Jezebel erklärte die Juristin Susan Scadfidi von der Fordham University in New York, dass kulturelle Aneignung bedeutet, 'intellektuelles Eigentum, traditionelles Wissen, Ausdrucksweisen oder Gegenstände aus der Kultur eines anderen ohne Erlaubnis zu gebrauchen'. Eine solche Definition geht offenbar von der Existenz einer Zentralorganisation mit dem Mandat zur Minderheitenvertretung, bei dem man Erlaubnis und Autorisierung einholen kann - ein schwarzes Hauptquartier, ein Asienbüro, ein jüdischer Hauptsitz. Noch irritierender ist, dass sie Kultur und Tradition ins Gehege eines moralischen Besitzstands sperrt, dem Copyright nicht unähnlich, was einer legalistischen Perspektive entspricht, aber dem menschlichen Impuls entgegensteht, zu mögen, was man will, und Neues daraus zu schaffen."

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - New Statesman

Kein Interesse am Geld? Zumindest in diesem Punkt würde die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong Michel Houellebecq wohl widersprchen. Sie rekapitulierte einige Wochen vor dem Anschlag die Geschichte des wahabitischen Islams, der seit 1973 genauso wie das Öl von Saudia-Arabien in alle Welt exportiert wird. Im Islamischen Staat sieht sie allerdings eher eine Rebellion gegen den offiziellen Wahabismus als die reine Lehre: "Es wäre ein Fehler, den IS als altmodisch zu betrachten. Er ist, wie der britische Philosoph John Gray meint, eine durch und durch moderne Bewegung, ein effizientes Geschäft, das sich mit einem Vermögen von zwei Milliarden Dollar bestens selbstfinanziert. Seine Plünderungen, der Raub der Goldbarren aus Banken, Entführungen, das Ölabschöpfen in den eroberten Gebieten und die Erpressungen haben sie zur reichsten Dschihadisten-Gruppe der Welt gemacht. In der Gewalt des IS steckt nichts Willkürliches oder Irrationales. Die Videos mit den Exekutionen sind sorgfältig und strategisch geplant, um Terror zu schüren, Dissidenten abzuschrecken und in der Bevölkerung Chaos zu stiften."

Slavoj Zizek zeigt wenig Verständnis für die Selbstzensur unter britischen Linken, die Charlie Hebdos Karikaturen nicht publizieren, um keine religiösen Gefühle zu verletzen: "Die Folge einer solchen Haltung wird genau das sein, was man in solchen Fällen erwarten kann: je mehr die westlichen Linken sich schuldig fühlen, desto mehr werden sie von islamischen Fundamentalisten als Heuchler beschuldigt werden, die ihren Hass auf den Islam nur verbergen. Die Konstellation reproduziert auf perfekte Weise das Paradox des Über-Ichs: Je mehr man das tut, was ein anderer von einem verlangt, umso schuldiger wird man sich fühlen."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - New Statesman

Eine irre Debatte entspinnt sich gerade zwischen Boston und London über den Sexismus der Nerd-Kultur. Auf seinem Blog hatte der MIT-Professor Scott Aaronson beschrieben, wie ihm die Mathematik aus der traumatisierenden Pubertät half. Außerdem sei er immer Feminist gewesen, aber am Ende wollten die Mädchen doch immer nur die coolen Neandertal-Typen. Er fühlt sich jedenfalls keineswegs als "privilegierter Mann": "Ich habe mich in meinen prägenden Jahren - im Grunde von 12 bis Mitte 20 - überhaupt nicht bevorzugt gefühlt, ich lebte in Angst und Schrecken. Ich hatte Angst, dass eine meiner Klassenkameradinnen irgendwie merken könnte, dass ich sie sexuell begehre und dass ich im selbem Moment verlacht und verhöhnt würde, als Spinner oder Widerling gebrandmarkt, von der Schule oder ins Gefängnis geworfen. Und dass schließlich die Leute, die mir diese Dinge antun würden, moralisch völlig im Recht wären - auch wenn ich nicht ganz verstand, wieso."

Im New Statesman fragt nun Laurie Penny, warum eine schlimme Pubertät als Argument dienen soll, Frauen aus der IT herauszuhalten, also aus dem Bereich, wo derzeit in ungeahntem Maße Wohlstand und Macht geschaffen, neu verteilt und zementiert werden: "Darum ist das Silicon Valley am Arsch: Es ist von einigen der privilegiertesten Menschen in der Welt errichtet und geführt, die sich jedoch für die geringsten halten. Von traumatisierte Menschen, die in keiner Weise den Anliegen anderer Menschen Gehör schenken, deren Traumata nämlich in struktureller Unterdrückung wurzeln. Von Menschen, die nicht hören wollen, dass jemand mehr Unterdrückung erfahren hat als sie. Die sich immer noch nicht von ihrer schrecklichen Nerdoleszenz erholt haben und deshalb nicht hören wollen, dass Frauen oder Schwarze vielleicht durch die gleiche Hölle einer Nerd-Pubertät gehen mussten."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - New Statesman

Warum wenden sich immer mehr westliche Autoren - von Ian McEwan über Joshua Ferris bis zu Colm Toibin und J.M. Coetzee - der Religion und Gott zu, fragt Philip Maughan und sucht Antworten bei der Autorin Marilynne Robinson, dem Lehrer Francis Spufford und dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury Rowan Williams. Letzterer macht literarische Gründe geltend, die in der Erfahrung des Bibellesens liegen: "Die Entwicklung des Romans folgte aus einem starken Gefühl, dass es Dinge gibt, die man nur erzählerisch vermitteln kann." Spufford hat eine andere Erklärung: "Der Aufschwung der Religion mag mit dem Versagen zu tun haben, nach der Finanzkrise einen überzeugenden antikapitalistischen Diskurs zu führen. ... "Für viele verkörpert Jesus die letzte Person, die noch demoliert werden muss, bevor Britannien atheistisch wird - eben weil er sich einer utilitaristischen Berechnung widersetzt: Die Figur Jesus verweigert eine Sprache der Vorsicht und Kosten-Nutzenrechnung über Individuen von unschätzbarem Wert."

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - New Statesman

Die aktuelle Ausgabe des New Statesman hat der Künstler Grayson Perry (aka die töpfernde Transe) gestaltet. Mit Martin Amis unterhält sich Perry über das Drama des weißen Mannes, das Glück und die Kunst:
"GP: Von einem Künstler haben die Leute oft dieses Klischee im Kopf, dass man die Existenz unter mörderischen Qualen erleidet. Ich dagegen hatte von Anfang an den Ehrgeiz, das Glück in meine Arbeit zu bringen, ein möglichst komplexes Bild von Glück zu schaffen.
MA: Eine wirklich scharfsinnige Bemerkung über das Glück in der Kunst kommt von Maupassant. Er hat gesagt: Das Problem mit dem Glück ist, dass es wie mit weißer Tinte geschrieben scheint, man kann es auf Papier nicht erkennen. Wie wenig Schriftsteller haben es überhaupt geschafft, das Glück auf ihren Seiten zum Schwingen zu bringen. Tolstoi vielleicht - die kurzen Moment von Glück in "Anna Karenina", nicht in Annas Geschichte, sondern in der Geschichte von Lewin; und dann ist da diese schöne Novelle, "Happy Ever After", in der gibt es eine hinreißende Beschreibung von Glück. Aber natürlich ist das echt schwer. In der Kunst geht es um Anspannung.
GP: Ich frage mich manchmal, ob das mit der Ernsthaftigkeit ein Problem des Brandings ist - dass irgendwie die verkrüppelte Gefühlswelt eines suizidalen Mannes in der Kultur dominant wurde. Das ist dann ernst."

Weiteres: In einem zweiten Text verfolgt Perry den Aufstieg des weißen, heterosexuellen Mittelklasse-Manns. AA Gil huldigt dem Anzug als der erfolgreichsten Produkt der britischen Inseln.

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - New Statesman

Kriegsberichterstattung verändert sich durch einen neuartigen Bürgerjournalismus, schreibt Ian Steadman und stellt zwei Protagonisten einer Bewegung vor, die per Crowdsourcing Licht in strittige Fragen bringen will. Einer davon ist Eliot Higgins, der auf seiner Website bellingcat Material zum Absturz des Flugs MH17 in der Ukraine sammelte und mit seiner "open source investigation", an der jeder teilnehmen kann, ziemlich lückenlos nachweisen kann, dass das Flugzeug tatsächlich von den Separatisten abgeschossen wurde: "Der unter Verdacht stehende Buk-Raketenwerfer wurde am Tag des Abschusses an verschiedenen Tageszeiten von Menschen aus der Region aufgenommen. Higgins rekonstruierte seinen Weg und konnte mit einer Karte zeigen, dass das Flugzeug zur Zeit des Abschusses in seiner Reichweite war." Der israelische Architekt Eyal Weizman versucht in seinem Projekt "Forensis" mit ähnlichen Mitteln, den kontrollierenden Blick des Staates auf die Bürger mit dessen eigenen Mitteln zu bekämpfen.

Weitere Artikel: Der 1961 geborene Will Self beklagt den "grässlichen Kult um talentlose Hipster", den seine Generation angezettelt hat. Judith Shulevitz und Rebecca Traister diskutieren in einem langen Briefwechsel, wie es mit dem Feminismus weitergeht.

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - New Statesman

Kaum ein gutes Haar lässt John Gray an Kenan Maliks Geschichte der Ethik "The Quest for a Moral Compass". Vor allem in Maliks rigoroser Kritik am Monotheismus und seiner Absolutsetzung der Aufklärung sieht Gray das marxistische Denken eines alten Trotzkisten, der sich letzten Endes selbst das Wasser abgräbt: "Marx konnte zugeben, dass einige Werte essentiell menschlich waren, auch wenn er leugnete, dass es eine bleibende menschliche Natur gibt, denn er glaubte an die interne Logik der Geschichte, die ihrem Wesen nach letztendlich gut sei. Ohne die tröstliche Überzeugung - die sich Marx unerlaubt von der Religion lieh - hängen Maliks universale Wert im leeren Raum. Hat man den Monotheismus erst einmal aufgegeben, muss man sich von der Idee verabschieden, menschliche Werte seien universal oder objektiv in dem Sinne, wie Rationalisten wie Malik sie glauben möchten. Man bleibt mit dem real existierenden menschlichen Tier zurück, mit seinen vielen unterschiedlichen Geschichtserzählungen und sich bekriegenden Moralvorstellungen."

Dreißig Jahre nach dem Bergarbeiterstreik fragt Donald Macintyre, ob er wirklich in so einer krachenden Niederlage hätte enden müssen.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - New Statesman

John Gray bespricht im New Statesman den Sammelband "Mao"s Little Red Book", der zwar ganz interessant beleuchte, welchen Einfluss einst die Mao-Bibel im Westen hatte, aber kein Wort über Maos Verbrechen verliere. Gray findet das symptomatisch für die Sinologie an den Universitäten: "Wahrscheinlich werden einige einwerfen, dass wir um Maos Versäumnisse wissen - warum also auf ihnen herumreiten? Aber wenn wir heute das Ausmaß von Maos Verbrechen kennen, dann ist das nicht das Ergebnis von jahrzehntelanger akademischer Arbeit. Die erste gründliche Untersuchung zur großen Hungernot, "Hungry Ghosts" (1996), wurde von dem in Hongkong lebenden Journalisten Jasper Becker verfasst. Erst 2010 erschien "Maos Großer Hunger" des Historikers Frank Dikötter, eine wegweisende Studie, die auf jahrelanger Forschung in den jüngst geöffneten chinesischen Archiven basiert. Abgesehen von den Erinnerungen der Überlebenden, wurden die menschlichen Kosten der Kulturrevolution am besten in den Büchern "Chinese Shadows" und "The Burning Forest" von Simon Leys erfasst (ein Pseudonym des belgischen Sinologen und Schriftstellers Pierre Ryckmans). Eine Offenbarung und Maßstab für alle ist die Arbeit "Mao" von Jung Chang und ihrem Mann Jon Halliday (Leseprobe bei Vorgeblättert). Abgesehen von Dikötters wurde keines dieser Bücher über die menschlichen Erfahrungen unter Mao von einem Wissenschaftler geschrieben."

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - New Statesman

John Gray hat Mark D. Whites Buch über die Tugenden des Comic-Helden "Captain America" wirklich gern gelesen. Es ist amüsant und durchgehend anregend, kurz: populäre Philosophie erster Güte, lobt er im New Statesman. Wie White allerdings behaupten kann, die Ideale des Captains seien klassisch-griechisch, wo sie doch ganz klar amerikanisch-christlich sind, ist Gray ein Rätsel: "Zum Teil kann man das vielleicht mit der professionellen Deformation der akademischen Philosophie erklären. Vor allem in Amerika ist zeitgenössische Philosophie stur säkular. Auch nur das geringste symphathisierende Interesse an Religion zu zeigen, ist die schnellste Art des Karriereselbstmords. Vielleicht deshalb wurde die Tugendethik recht populär. Viele Philosophen haben erkannt, dass Utilitarismus und Menschenrechte armselige Arten sind über Ethik nachzudenken. Wenige haben sich bemüht, die jüdischen und christlichen Wurzeln zu erkunden, aus denen sich die moderne westliche Ethik entwickelt hat. Stattdessen blickt man zurück auf die Griechen. Ohne Sinn dafür, wie sich moralische Ideale verändern - denn zeitgenössische angelsächsische Philosophie ist durch und durch unhistorisch - versteht man nicht, dass die antiken Vertreter der Tugendethik in einer Welt lebten, die fast unvorstellbar weit von der unseren entfernt ist."