Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
10.06.2003. In der Kommune rechnet der amerikanische Philosoph Dick Howard mit der moralisierenden Anti-Politik der Linken ab. In der London Review of Books erklärt der Journalist Sean Maguire, warum im Irak auf ein Minarett geschossen wurde. Im Espresso rühmt Umberto Eco die vagabundierenden Reflexionen von Charles Sanders Peirce. Der Economist ermutigt Schröder, seine geplanten Reformen durchzusetzen. Der Spiegel beobachtet deutsche Architekten in China. Das TLS weiß, wann der englische Löwe zum Strauß wird. Antonio Tabucchi schießt im Nouvel Obs eine Breitseite auf Berlusconi ab.

Kommune (Deutschland), 01.06.2003

Der amerikanische Philosoph Dick Howard (mehr hier) meint es gut mit der Linken und rechnet daher gnadenlos mit ihrer "moralisierenden Anti-Politik" ab. Eine weitere Niederlage wie im Irak-Konflikt möchte er ihr nämlich ersparen, weshalb sie sich seiner Meinung nach den Problemen politisch und nicht allein moralisch stellen sollte: "Da gibt es zunächst die Strategie der 'Neuen Weltordnung', die man nicht in einem Block ablehnen darf, als ob es sich um einen Wahn handelt, der aus der Hybris eines autistisch gewordenen Landes hervorgeht. Hätte man zulassen sollen, dass sich die Lage im Nahen Osten weiterhin verschlimmert? ... Nichts zu tun ist auch eine Art des Handelns. Hat man nicht den Fall der Berliner Mauer erlebt, ein überraschendes Ereignis, das von den 'Progressisten' nicht erwartet worden war, die für eine verständnisvollere Politik gegenüber einem sozioökonomischen System eintraten, das früher oder später sowieso dazu gezwungen sein würde, sich zu reformieren? Man hätte über die Politik nachdenken müssen, die die Linke zu jener Zeit vertrat, man hätte dabei über die Ähnlichkeiten und Unterschiede im Vergleich zur Lage im Nahen Osten diskutieren müssen, und man hätte die Sache der Demokratie für sich in Anspruch nehmen müssen, die - geschichtlich gesehen - nicht zu einer eher elitären Rechten gehört."

Marko Martin bringt recht bedrückende Impressionen aus Ruanda mit, aber auch mehr Fragen als Antworten. Etwa, ob es sich bei der Regierung von Präsident Kageme tatsächlich um die letzten Kommunisten Afrikas handelt, wie ihre Kritiker meinen. "Oder sind die Mitglieder der jetzigen Regierung, der auch Kritiker bescheinigen, sie sei nicht korrupt, vielleicht eher die 'Israelis Afrikas', traumatisierte Demokraten, die auf Sicherheit und Kontrolle Wert legen und dabei einer beckmesserischen, allzeit kritikbereiten Welt, die dem Genozid von 1994 tatenlos zusah, heute mit Recht den Mittelfinger zeigen?"

Weitere Artikel: Helmut Wiesenthal befasst sich ausführlich mit dem Elend des korporativen Sozialstaats und dem Egoismus der Gewerkschaften - mit anderen Worten: mit dem Modell Deutschland: "Modell D - das meinte nichts Geringeres als die Überlegenheit der deutschen Wirtschafts- und Sozialordnung im internationalen Vergleich." Allerdings hatte das gefühlte 'Systemglück' seiner Meinung nach nur bis 1973 eine halbwegs reale Basis. Harry Kunz nimmt einzelne Punkte der Agenda 2010 ins Visier. Ernst Köhler weiß von seiner Reise nach Bosnien "wenig Erfreuliches" zu berichten, stattdessen von alten Strukturen, Hoffnungslosigkeit und einer verbreiteten "Entpolitisierung". Renate Kreile meint, dass Frauen durchaus vom Islamismus profitieren können. Michael Opielka skizziert die Positionen von Mark Lilla, Karl Otto Hondrich und Ulrich Beck zum Irakkrieg (zur Debatte siehe hier, hier und hier).

Außerdem gibt es eine Literaturbeilage, die Wilhelm Paul mit einigen recht mokanten Worten über die Lyrik in Zeiten des Krieges eröffnet.
Archiv: Kommune

London Review of Books (UK), 05.06.2003

Von irakischen Zivilisten hat Sean Maguire während seiner Zeit als "eingebetteter Journalist" wenig gesehen, dafür aber viel von der Art, wie sich die amerikanischen Befehlshaber die Kriegsberichterstattung vorgestellt haben, nämlich als großzügiges Zugeständnis an die westliche Öffentlichkeit, allerdings eher zur Eigenwerbung als zu Informationszwecken. Maguire hat beobachtet, dass die eigenen Truppen von ihren Befehlshabern nur dürftig informiert wurden, vermutlich sogar um ein Durchsickern von Informationen an die Presse zu verhindern. Die Unbedarftheit amerikanischer Offiziere fand er bestürzend: "Auch sie rangen mit ihrer Unwissenheit, versuchten sie zu überwinden, waren aber schlecht unterrichtet, was die irakische Kultur und Gesellschaft anging. Ich habe einen US-Captain mit schwerem Geschütz auf ein Minarett im Zentrum einer irakischen Stadt feuern sehen, in der Überzeugung, es handele sich um einen Überwachungsturm. Viele Zivilopfer an US-Checkpoints sind schlechtem Training im Umgang mit Zivilisten und banalen Fehlern zuzuschreiben, wie zum Beispiel, dass es kein arabisches Warnschild gab, das den Autofahrern bedeutet hätte, langsam zu fahren. Ich habe gesehen, wie ein älteres Bauernehepaar erschossen wurde, weil sie die hauchdünne Stacheldrahtleine nicht gesehen hatten, sie einfach durchfuhren und für Selbstmordattentäter gehalten wurden. Der Mangel an Übersetzern verstärkte die allgemeine Überzeugung, dass alle Iraker auf Englisch geschriebene Befehle verstehen müssten."

Michael Wood wundert sich, wie Andrew O'Hagans neuer Roman "Personality" gleichzeitig so viel witziger und wärmer als seine früheren Romane sein kann - und doch so unendlich trauriger: "Wenn du stirbst, weil du zu Hause bleibst, wie es die Menschen in diesem Buch tun, wenn du aber genauso stirbst, weil du von zu Hause weggehst, was heißt es dann wegzugehen?"

Weitere Artikel: Der britische Bakteriologe Hugh Pennington findet es angesichts der SARS-Epidemie und ihrer konsequenten Bekämpfung beruhigend, die Weltgesundheit in so guten, und gut kooperierenden Händen zu wissen. In Short Cuts fragt sich Thomas Jones, ob das "reality-TV" sich seinem Ende entgegenneigt, oder ob wir vielleicht schon in eine viel schlimmere Phase der Verblödung übergegangen sind. Hal Foster ist überrascht, wie intensiv die Kunst im unweit von New York eröffneten Museum Dia:Beacon wirkt.

Outlook India (Indien), 16.06.2003

Viel Interessantes diese Woche in Outlook India: Manu Joseph hat Schlagzeilen gesammelt: "LKW-Fahrer schlägt Autofahrer mit Eisenstange", "Frauen zerstören Alkoholgeschäft", "213 Lynchmorde in Kalkutta". Indien hat 35 Millionenstädte, berichtet er, in denen mehr Menschen leben als in den gesamten USA. Die meisten von ihnen wohnen mit großen Familien in kleinen Wohnungen, müssen ständigen Lärm ertragen, fahren oft mehrere Stunden zur Arbeit, und zwar in Verkehrsmitteln, in die sich ein Vielfaches an Menschen quetschen, als Tiere darin zugelassen wären. Sie haben zu wenig Trinkwasser, und auf Polizei und Justiz ist keine Verlass. Die Großstädter, so Joseph, sind gestresst und wutgeladen. Kein Wunder, meinen Soziologen, dass Gewalt und Bereitschaft zur Kriminalität zunehmen. Mit einer massenhaften, organisierten Entladung der Wut sei jedoch nicht zu rechnen.

Die Titelgeschichte widmet sich Plänkeleien auf höchster Ebene: Lal Krishna Advani, der Stellvertreter des indischen Premierministers Atal Behari Vajpayee, hat offensichtlich mehr Macht, als ihm manchmal gut tut. Vajpayee gilt als Aushängeschild und Garant des Erfolges der Regierungspartei BJP, sein Vize als Strippenzieher im Hintergrund. Nachdem allerdings Parteichef Naidu für die Wahlen im nächsten Jahr die Idee einer Doppelspitze ins Spiel brachte, flogen in der vergangenen Woche die Giftpfeile: Vajpayee ging in die Offensive und stellte seine rechte Hand Advani öffentlich bloß; gleichzeitig drohte er dem Parteichef sehr subtil mit dem Entzug des Vertrauens. Der Premierminister, schreibt Saba Naqvi Bhaumik, "hatte wieder einmal shock and awe - die Rücktrittsdrohung - eingesetzt, um seine Partei dazu zu bringen, hinter ihm einzuschwenken." Dennoch, meint Bhaumik, ist es nicht auszuschließen, dass der ewige Zweite irgendwann doch noch an die Spitze rückt.

Anita Pratap vergleicht den religiösen Eifer der Europäer mit dem von Asiaten und Afrikanern: Während immer größere Massen in die indischen Tempel und Kirchen strömen, werden die europäischen Kirchen hauptsächlich von Touristen besucht. Ihre These: "In den meisten dieser Länder hat der Sozialstaat das Bedürfnis nach Gott ersetzt." Und jetzt, wo die sozialen Sicherheiten am Bröckeln sind, wittern die Kirchen Morgenluft und werben um junge Menschen. "Vielleicht", vermutet Pratap, "wird in den kommenden Jahren eine Kombination aus Spaß und Furcht die Europäer zurück in die Kirchen locken."

Weitere Artikel: Das amerikanische Militär, berichtet Ranjit Bhushan, hat einen unvorteilhaften Bericht über den Zustand der indischen Armee vorgelegt. In Delhi ist man nicht nur beleidigt und empört über die kruden amerikanischen Verallgemeinerungen, sondern auch besorgt darüber, als Bündnispartner an Wert zu verlieren. Savitri Choudhuri berichtet aus dem Bundesstaat Andhra Pradesh, wo eine wochenlange Hitzwelle schon 1.200 Todesopfer gefordert hat. Oder war es doch nicht nur die Hitze? Jedenfalls sind es die Ärmsten, die es sich nicht leisten können, im schattigen Haus zu bleiben. V. Sudarshan ist besorgt ob Indiens bevorstehendem Balanceakt zwischen der Verfolgung strategischer und wirtschaftlicher Interessen im Iran und der Zufriedenstellung amerikanischer Forderungen. Und Vikram Chandra empfiehlt Aniruddha Bahals hoch gehandelten Thriller "Bunker 13".
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Espresso (Italien), 12.06.2003

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun (Bücher) sieht für den Frieden im Nahen Osten keine Chance, wenn nicht Israelis auf ihre Siedlungen und die Palästinenser auf ihre Attentate verzichten. "Wir sind nicht weit entfernt von einer Sackgasse, aber man muss es probieren, muss alles tun, um den Pegel des Hasses und Misstrauens zu senken und sich ganz auf den Frieden einlassen, auch wenn es ein nicht perfekter, unvollkommener Frieden wäre. Aber wir müssen das als Anfang sehen. Als Versuch ohne allzu viele Illusionen."

Für den Sommer, die Sonne und den Strand empfiehlt Umberto Eco in seiner Bustina diesmal zwei Bücher, "die kein Mensch am Strand liest", die aber jeder lesen sollte, nicht nur, weil sie Eco ans Herz gewachsen sind. "La doppia verita" des italienischen Philologen D´Arco Silvio Avalle und die gesammelten Werke des bedeutendsten amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (mehr hier und hier), über die Eco so ansteckend schwärmt. "Die Reflexionen von Peirce sind oft wie Vagabunden, voller unerwarteter Beispiele und drängender Probleme; ein philosophisch etwas sensibler Leser könnte sie auch unsystematisch lesen und entdecken, dass der eigene Geist plötzlich Feuer fangen könnte und sich unerwartete Panoramen und Horizonte auftun."

Außerdem: Im Aufmacher analysiert Paola Pilati die Krise der All'Italia (Dossier) und sieht nur noch einen Ausweg: eine kompromisslose Rosskur bei Personal und Finanzen. Giorgio Bocca könnte seine antiitalienische Kolumne diesmal auch antiamerikanisch nennen. Er wettert temperamentvoll gegen die Regierung der USA und deren rücksichtslose Durchsetzung der eigenen Interessen. "Und dann wundern sie sich, warum sie nicht geliebt werden?"
Archiv: Espresso

Nouvel Observateur (Frankreich), 05.06.2003

In einem Debattenbeitrag - einer Art "Beweisführung in zehn Punkten" - erklärt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi (mehr hier), wie Berlusconi es geschafft hat, Italien "in Rekordzeit in die Katastrophe zu führen". "Wer hat Berlusconi eigentlich 'erlaubt', all das in so kurzer Zeit zu tun? Überlegen wir kurz. Wenn ein Premierminister in Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland es gewagt hätte, per Anordnung einen Journalisten aus einem Fernsehsender zu befördern, der ihm nicht passt, hätten sich am nächsten Tag Oppositionspolitiker wie ein Bollwerk vor diesen Sender gestellt, gefilmt von Kameras der ganzen Welt. Weil sich die Demokratie auf diese Art zur Wehr setzt und nicht, indem man sich in irgendwelche stillen Kämmerlein des betroffenen Senders begibt und dort die Rolle des armen Teufels spielt."

Die Schriftstellerinnen Catherine Millet ("Das sexuelle Leben der Catherine M.") und Christine Angot ("Inzest") beschäftigen sich in ihren neuen Büchern beide mit dem Schriftsteller Charles Perrault (1628 - 1703, mehr hier), der vor allem für seine Märchensammlung ("Feenmärchen für die Jugend", dtv) berühmt war. In einem Gespräch miteinander geben sie Auskunft darüber, wie sie dazu kamen, sich mit Perrault und seinen Märchen zu beschäftigen, und inwiefern die Unterschiede im jeweiligen Zugang und der Behandlung des Themas auch der "Lust" entsprang, sich "an dieser Herausforderung zu messen". (Christine Angot: "Peau d'ane", Catherine Millet: "Riquet a la houppe, Millet a la loupe", beide Stock)

Besprochen werden der zweite Roman des Ex-Häftlings Abdel-Hafed Benotman, der darin in einer Mischung aus Fiktion und Autobiografie die Geschichte einer algerischen Kindheit im Paris der sechziger Jahre erzählt. Vorgestellt werden eine Enzyklopädie der Historiker des 20. Jahrhunderts (Armand Colin), ein Essay des Politikwissenschaftlers Jean-Pierre Azema über den Begründer der Resistance, Jean Moulin (Perrin), und ein Band mit Interviews und Gesprächen mit Georges Perec. Die Journalistin Christine Ockrent schließlich antwortet auf den Verriss ihrer Biografie über Francoise Giroud.

Economist (UK), 06.06.2003

Blair am Ende? Tatsache ist, so der Economist, dass die Briten es ihrem Premierminister sehr verübeln würden, sollte sich herausstellen, dass er Geheimdienstberichte aufgebauscht hat, um den militärischen Einsatz im Irak zu rechtfertigen: "Er hat die Labour Party davon überzeugt, sich von vielen ihrer langjährigen linken Überzeugungen zu verabschieden. Er hat die Wähler davon überzeugt, 1997 eine Partei zu wählen, die, als sie das letzte Mal gewählt wurde, das Land in die Knie gezwungen hatte. Er hat die Briten davon überzeugt, dem Irak den Krieg zu erklären. Doch Überzeugungskraft beruht auf Vertrauen; und somit gilt das Gleiche für Blairs Machtgrundlage. Was passiert, zum Beispiel, wenn er letztendlich zu einem Referendum zum Euro-Beitritt aufruft, und seiner nervösen Wählerschaft mit diesem vertrauten Schimmer in den Augen sagt: 'Vertraut mir. Ich weiß, was zu tun ist.' Werden sie ihm dann vertrauen?"

Weitere Artikel: Gerhard Schröder stehen schwere Zeiten bevor. Sollte es ihm jedoch gelingen, sein Reformpaket durchzusetzen, so der Economist, würde es sich um die wahrscheinlich weitreichendsten Reformen im Nachkriegsdeutschland handeln. Ob es nach der Bush-Dynastie auch eine Clinton-Dynastie im Weißen Haus geben wird? Hillary Clintons neues Buch, meint der Economist, legt jedenfalls den Grundstein zu einer möglichen Präsidentschafts-Kandidatur.

Außerdem erklärt der Economist, was uns die SARS-Epidemie lehrt, warum ein europäisches Verbot für genmanipuliertes Saatgut unwahrscheinlich ist, was der jüngste Pakt zwischen den Giganten AOL Time Warner und Microsoft für die High-Tech-Industrie bedeuten könnte, und wie es der europäischen Wirtschaft angesichts des starken Euros geht: unterschiedlich schlecht. Und schließlich gratuliert der Economist den drei Großen unter den Klavierbauern zum Geburtstag: Blüthner, Bechstein und Steinway werden 150 Jahre alt.

Nur im Print zu lesen: die Titelgeschichte über den Nahost-Friedensgipfel.
Archiv: Economist

New Yorker (USA), 16.06.2003

Viel zu lesen in dieser Doppelnummer. Unter der Überschrift "Was Helen Keller sah" setzt sich Cynthia Ozick in einem ausführlichem Text noch einmal mit den immer wieder auftauchenden Zweifeln an der "Echtheit" der Autobiografie der blinden Schriftstellerin auseinander. "Mindestens dreimal - im Alter von elf, dreiundzwanzig und zweiundfünfzig Jahren - wurde Helen Keller mit Anklagen, Zweifeln und offenem Unglauben überzogen. Sie war zugleich Zielscheibe von Skeptikern und Verehrern. Mark Twain etwa verglich sie mit Jeanne d'Arc (...) Die Geschichte ihres Lebens besteht nicht in ihren Verdiensten, nicht in den Lobreden, zu denen sie inspirierte oder den Auseinandersetzungen, die um sie tobten (echt oder gefälscht? Opfer oder ungerecht Behandelte?). Die überzeugendste Geschichte ihres Lebens, besteht in dem, was sie sagte: 'Ich beobachte, ich fühle, ich denke, ich habe Vorstellungen. (...) Blindheit hat keinerlei einschränkende Auswirkungen auf geistige Vorstellungskraft', bekräftigte sie wieder und wieder."

Weitere Artikel: Drei Autoren geben ihr Erzähldebüt: Heather Clay mit "Original Beauty", Lara Vapnyar mit "Love Lessons, Mondays, 9 A.M." und Daniel Alarcon mit "City of Clowns". In einem sehr sommerlichen Text erzählt David Sedaris (mehr hier), wie seine Familie in den sechziger Jahren ein eigenes Sommerhaus erwarb. Philip Gourevitch (mehr hier) untersucht noch einmal die (wahren) Motive für den Irak-Krieg, und Nick Paumgarten berichtet von der Party anlässlich des 40. Geburtstags der Beruhigungsdroge Valium. Von dessen Erfinder, Dr. Leo Sternbach (mehr hier), erfuhr er dabei, dass dieser eher Scotch bevorzugt: "Black Label. Oder Chivas Regal."

Besprechungen: Nancy Franklin lobt eine neue TV-Serie über das Eheleben mit dem beziehungsreichen Titel "Out of Order", David Denby hat dagegen an zwei neuen Filmen einiges auszusetzen: als "kunstvoll, aber gefühlstot" beurteilt er "The Italian Job" von F. Gary Gray mit Edward Norton, Mark Wahlberg, Charlize Theron und Donald Sutherland und "Friday Night" von Claire Denis hat ihn regelrecht "wütend" gemacht. Zu lesen sind außerdem Kurzbesprechungen, darunter neuer Romane von James Wood und Maile Meloy.

Nur in der Printausgabe: Jonathan Franzen erzählt von einer Begebenheit, die dem Untertitel nach zu schließen auf dem Dach einer High-School spielt, Roger Angel berichtet vom oder bedichtet den Darien Connecticut Def Poetry Slam, zu lesen ist die Erzählung "Gogol" von Jhumpa Lahiri und Lyrik von Nadia Herman Colburn, L. B. Thompson und Spencer Reece.
Archiv: New Yorker

Times Literary Supplement (UK), 06.06.2003

Man mag es ja kaum glauben, aber offenbar sind die Engländer derartig selbstbewusst, dass sie nicht einmal ein Nationalgefühl brauchen. Zumindest hat sich bisher keines bleibend herausgebildet, wie Vernon Bogdanor der Studie "The Making of English National Identity" des Soziologen Krishan Kumar entnommen hat. Dass die Engländer - im Gegensatz zu Schotten und Walisern - nicht mal ein eigenes Parlament wollen, liegt laut Bogdanor nicht daran, dass sie eh die privilegierte Mehrheit im Königreich stellen. "Es interessiert die Engländer einfach nicht. Sie bleiben einfach bei ihrer erwiesenen Abneigung gegen den Nationalismus und sind erfreulich zurückhaltend, wenn es darum geht, sich über ihren nationalen Charakter Gedanken zu machen. Wenn sie von Multikulturalisten oder konservativen Chauvinisten angestachelt werden, englische Löwen zu werden, werden sie zu Straußen. Wenn jemand eine Antwort haben will, tun sie einfach so, als hätten sie die Frage nicht gehört."

Weitere Artikel: Auch nach 250 Jahren sorgt das British Museum noch dafür, dass wir immer zivilisierter werden, jubelt Tom Philips anlässlich der Ausstellung "Art and memory in world culture".

Dass das letzte Wort über Jane Austen (mehr hier und hier) noch lange nicht gesprochen worden ist, beweisen Bharat Tandon (selbst Autor eines Buchs über Austen) gleich drei neue Bücher über Tante Jane. Besonders gut gefallen hat ihm "The Historical Austen", in dem William H. Galperins überzeugend darlegt, dass in all ihren Erzählungen die Handlung "marginal" sei. Weiteres: Clive Wilmer rühmt William Morris' großes Kompendium "The Earthly Paradise", in dem Morris (mehr hier) persische, isländische oder auch griechische Legenden zu einem einzigartigen "postromantische Gedicht" verwandele, dessen Modernität sich in der wohlüberlegten und strategischen Archaik beweise. Alastair Fowler lobt Mary Coshs Stadt-Biografie "Edinburgh" als gelungene soziale und kulturelle Geschichte, hätte sich aber eine gültige Klärung der Frage gewünscht, ob die Schotten in ihrem Goldenen Zeitalter (1770-1833) nun besser gekleidet waren als die Engländer oder nicht.

Spiegel (Deutschland), 09.06.2003

Online lesen dürfen wir diesmal zwei Beiträge zu den aktuellen Diskussionen im Gefolge des Irak-Kriegs: Zum einen gibt es ein Interview mit Peter Franck, Vorsitzender des Chaos Computer Clubs und UNO-Waffeninspekteur über die Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen . Nach Francks Einschätzung hatte die US-Administration nie Beweise für deren Existenz. Die Amerikaner hätten "schlichtweg am Schreibtisch gesessen und Satellitenbilder interpretiert". Und in die könne man "viel hineininterpretieren, wenn man nicht da gewesen ist".

Außerdem hat Bernard Zand ein Interview mit Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim (mehr hier), Führer der Miliz der schiitischen Mehrheit im Irak, geführt. Dieser hat bereits ziemlich genaue Vorstellungen von der demokratischen Zukunft seines Landes. Es geht wohl um so etwas wie die spezifisch islamische Variante des Rechtsstaates. Auf die Frage, ob dann jeder eine Hand verlieren wird, wenn er einen Diebstahl begeht, antwortet Hakim: "Das hängt von gewissen Bedingungen ab. Die Scharia ist sehr spezifisch bei drakonischen Strafen. Nur wenn exakt alle strafrechtlichen Bedingungen erfüllt sind, wird einem Dieb die Hand abgehackt." (Das wird dem Dieb gewiss ein Trost sein.)

Ein weiterer Artikel beschäftigt sich mit China in seiner Eigenschaft als das neue, letzte Utopia der Architektenzunft: "Wo kann man in der Welt schon noch ganze Städte planen? In China können wir experimentieren und Dinge machen, die in Deutschland unmöglich geworden sind", wird der deutsche Architekt Meinhard von Gerkan (mehr hier und hier) zitiert. Es geht um megalomanische Bauprojekte und um das Engagement von Albert Speer junior in Peking - der versichert nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten zu wollen. Nicht zuletzt allerdings auch um die Zwiespältigkeit dieses letzten Utopia: um Pfusch am Bau und schlechte Zahlungsmoral.

Nur im Print: unter anderem ein Vorbericht zur Biennale in Venedig und die Besprechung eines ZDF-Dokumentarfilms zur Widerstandsorganisation "Rote Kapelle" (16. Juni, 0.15 Uhr). In der Rubrik "Zeitgeschichte" wird der Aufstand vom 17. Juni 1953 abgehandelt. Die Titelgeschichte ist ein Auszug aus der Autobiografie von Hillary Rodham Clinton.
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 08.06.2003

"Ein Buch voller Gedanken, Profil, Schärfe und Laserlicht", schwärmt John Leonard von Norman Rushs Roman "Mortals" (eine Lesung mit dem Autor als Audio-File). Rush war sechs Jahre im Friedenskorps in Botswana, und auch sein mittlerweile drittes Buch spielt im südlichen Afrika: Ray und Iris richten ihre Ehe und sich selbst zugrunde. Er ist ein verdeckter CIA-Spion, sie betrügt ihn mit einem politisch-religiösen Aktivisten. "'Mortals' ist desillusionierend", schreibt der Rezensent, "eine schwarze Komödie über aufgeflogene Tarnungen, verpfuschte Intimität, schlechte Manieren und noch schlechtere Politik in einem Schwarzafrika, in dem wie auf einer sandigen Leinwand sich der westliche Irrsinn spiegelt."

John F. Kennedy war seine gesamte Amtszeit über schwer krank, enthüllt der Präsidentenhistoriker Robert Dallek (wie schon in einem Interview im Atlantic Monthly) nun in seiner ambitionierten Biografie "An Unfinished Life" (erstes Kapitel). Ted Widmer kann nicht umhin, nach der Lektüre die Härte, Intelligenz und schiere Ausdauer des Präsidenten zu bewundern. "Dallek widmet der Präsidentschaft mehr als die Hälfte des Buches", bemerkt Widmer. Die frühen Katastrophen werden kritisch betrachtet, aber die Kuba-Krise bezeichnet er als "Kennedys größte Stunde". Dallek ist Historiker, und sein Fokus auf die Politik geht auf die Kosten einer eingehenden Studie der Psyche von Kennedy. Alles in allem aber eine neue Studie von überragender Bedeutung, gründlich, kompromisslos und ausgeglichen - alles Qualitäten, die Kennedy geschätzt hätte."

Aus den weiteren Besprechungen: Auch wenn Paul Hendrickson sein eigentliches Ziel verfehle, ist "Sons of Mississippi" (erstes Kapitel) doch empfehlenswert, meint Brent Staples. Hendrickson versucht die Beweggründe der weißen Rassisten im Umfeld der gewalttätigen Proteste gegen den Einzug des schwarzen James Meredith (mehr) an der Universität von Mississippi zu erklären, bestätigt aber letzten Endes eindrucksvoll, "dass einige Klischees real existieren; unter der Oberfläche gibt es eben manchmal doch nichts mehr". Francine Prose bewundert Courtney Angela Brkic für ihren Mut, in ihrem Erzählband über den Balkankrieg "Stillness" aus der Perspektive ihrer gewöhnlichen und vor allem schon toten Helden zu schreiben. Brkic war mit einem forensischen Team auf dem Balkan und hat dort Massengräber ausgehoben. Ihre Eindrücke hat sie zu einem eindrucksvollen Einblick in das Leben und Sterben im Krieg verdichtet, "Panorama und Nahaufnahme zugleich".