Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 45 von 57

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - London Review of Books

Elif Batuman erklärt mit Blick auf aktuelle Comic-Neuerscheinungen die Attraktivität von Super- und auch neueren Comic-Helden: Ihr Doppelcharakter ist das, was uns fasziniert. "In einem Essay über Superman hat Umberto Eco die Superhelden-Comics grundsätzlich als Amalgam von 'mythopoetischen' und 'romanhaften' Narrativen beschrieben: Superman ist gleichzeitig ein episch-ewiger Held, der außerhalb der Zeit existiert (der Mann aus Stahl) und ein 'konsumierbarer' romantisch-romanhafter Held (Clark Kent), der Woche für Woche älter wird. Diese zwei Heldentypen korrespondieren mit der Doppelnatur des Comic-Mediums als Hybrid aus Worten und Bildern."

Weitere Artikel: Der Bürgerrechtsanwalt Gareth Peirce vergleicht die Lage der Muslime in Großbritannien als neue argwöhnisch beobachtete Gruppe mit der ihrer "Vorgänger", der Nordiren. Einigermaßen skeptisch wägt John Lanchester die Alternativen bei der Londoner Bürgermeisterwahl: Ken Livingstone scheint ihm verbraucht, aber den "Clown" Boris Johnson kann er sich auch nicht in diesem Amt vorstellen.

Besprochen werden Cuss Sunsteins Buch "Worst-Case Scenarios" und die Ausstellung zu Pompeo Batoni in der National Gallery.

Magazinrundschau vom 25.03.2008 - London Review of Books

Adam Shatz bespricht Brynjar Lias Buch "Der Architekt des globalen Dschihad", eine Biografie des 2005 verhafteteten Al-Qaida-Strategen Abu Musab al-Suri. Shatz' eigentliches Interesse gilt allerdings dessen "magnum opus", dem Kriegshandbuch "Der globale Aufruf zum islamischen Widerstand", das ganz auf der Höhe der Zeit scheint: "Obgleich er gelegentlich ein Koranzitat zur Ausschmückung seiner Argumente einfügt, diskutiert er ganz eindeutig sehr viel lieber die moderne Literatur zum Guerilla-Kampf. Er verspottet Dschihadis, die nicht aus den westlichen Quellen lernen wollen, wegen ihrer Unfähigkeit, 'außerhalb der eingefahrenen Bahnen zu denken'. Auf die gleiche Weise seltsam vertraut ist Al-Suris Feier des nomadischen Kämpfers, der mobilen Armeen, autonomen Zellen, individuellen Taten und der Dezentralisierung, die nicht nur an 'Mille Plateux' von Deleuze und Guattari erinnert, sondern auch an das Idiom des 'flexiblen' Kapitalismus in Zeiten von Google und Call Centern. Seine Vision von Dschihadis, die in mobilen Lagern und Häusern an ihren Laptops trainieren, ist von unserer dezentralisierten Arbeitswelt nicht so weit entfernt."

Rezensiert wird auch Craig Venters Autobiografie "Ein dekodiertes Leben: Mein Genom: Mein Leben". Andrew O'Hagan hat ein ganze Reihe neuer Kochbücher und Essensratgeber gelesen. Über Bernardo Bertoluccis in England gerade in Wiederaufführungen im Kino zu sehenden Film "Der Konformist" schreibt Michael Wood. Jonathan Raban begeistert sich - recht überzeugend - für Barack Obama, den er für ein politisches Jahrhunderttalent hält.

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - London Review of Books

In seinem Buch "Flat Earth News" (zu deutsch etwa: "Nachrichten von der Weltscheibe") stellt der Journalist und Reporter Nick Davies dem britischen Journalismus ein verheerendes Zeugnis aus. Leider, meint John Lanchester in seiner Rezension, hat er nur allzu recht: ""Der Stand der Dinge ist heute, dass 'der Kern des aktuellen Journalismus' darin besteht, 'weitgehend unüberprüftes Second-Hand-Material rasch umzuverpacken, viel davon einzig dazu bestimmt, den politischen oder kommerziellen Interessen derjenigen, die dieses Material liefern, zu dienen'... 'Flat Earth News' erklärt genau, wie der Druck aussieht, der Tag für Tag auf die Praxis des Journalismus ausgeübt wird. Geschichten müssen billig sein, das heißt 'schnell zu recherchieren' und 'gefahrlos zu publizieren'; sie müssen 'gesicherte Tatsachen auswählen', vorzugsweise aus offiziellen Quellen; sie müssen 'den elektrischen Zaun meiden', d.h. sie dürfen sich gar nicht erst auf potenzielle Quellen von Ärger wie das Verleumdungsrecht und die Israel-Lobby einlassen; sie müssen auf 'allgemein akzeptierten Ideen' beruhen und dürfen keinen von der Mehrheit gehegten Ansichten widersprechen; sie müssen komplizierte oder voraussetzungsreiche Themen meiden und immer 'beide Seiten einer Sache darstellen'."

Weitere Artikel: Andrew O'Hagan erzählt in allen Details, die er herausfinden konnte, die Geschichten von Anthony Wakefield und John Spahr, eines britischen und eines amerikanischen Opfers des Irakkriegs, die beide am 2. Mai 2005 ums Leben kamen. Als Korrespondent in Israel hat Yonatan Mendel erlebt, wie die israelischen Journalisten immer dann, wenn es um den Konflikt mit den Arabern geht, ihre Unparteilichkeit verlieren. Jeremy Harding denkt über "atrocity museums" nach, Museen also, die Gräuel ausstellen. Peter Campbell hat die große Peter-Doig-Retrospektive in der Tate Britain besucht.

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - London Review of Books

Modris Eksteins' Besprechung von Peter Gays neuem Buch "Die Moderne: Die Verführungskraft der Häresie" ist freundlich im Ton, aber ganz und gar unnachgiebig in ihrer Kritik. Wie Gay etwa auf eine seiner Grundthesen kommt, die Moderne und der Liberalismus seien engste Verwandte, kann Eksteins nicht nachvollziehen: "In Wahrheit fällt der Höhepunkt der Moderne, von etwa 1890 bis 1930, mit einer sich verschärfenden Krise des Liberalismus in der Politik wie in der Gesellschaftstheorie zusammen. Die beiden Dispositionen, Moderne und Liberalismus standen einander sehr viel eher feindlich gegenüber. Der Moderne ging es in erster Linie um die Aufgabe aller Zurückhaltung, um das auf-die-Spitze-Treiben, darum, ein riskantes Leben zu führen. Die Moderne war ein Extremismus der Seele in einem Zeitalter der Extreme. Gay erwähnt kaum einmal die Bedeutung von Krankheit, Abnormalität und Neurosen für die Geisteshaltung der Moderne."

Besprochen werden außerdem eine ganze Reihe von Bänden mit Gedichten von Robert Creeley, Erez Manelas Studie "The Wilsonian Moment" über "die internationalen Ursprünge des anti-kolonialen Nationalismus" und Joel und Ethan Coens Cormac-McCarthy-Verfilmung "No Country For Old Men".

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - London Review of Books

Der 1917 geborene marxistische Historiker Eric Hobsbawm bespricht Eric Weitz' - wie er findet "brillantes" - Buch "Weimar-Deutschland: Versprechen und Tragödie" (Verlags-Website mit Podcast-Interview des Autors) - vor allem erinnert er sich selbst aber an die Zeit: "Selbst für die wenigen Jahre der 'Normalität' gab es das Gefühl, auf einem vorübergehend ruhigen Vulkan zu leben, der jederzeit ausbrechen konnte. Der große Theatermann Max Reinhardt wusste das: 'Was ich liebe', sagte er, 'ist der Geschmack des Vergänglichen auf der Zunge - jedes Jahr könnte das letzte sein.' Dieser Geschmack gab der Kultur von Weimar ihren einzigartigen Reiz. Er verlieh einer bitteren Kreativität Schärfe, brachte Verachtung für die Gegenwart, eine von Konventionen unbehinderte Intelligenz hervor, bis zum plötzlichen und unwiderruflichen Ende... Es war eine seltsame und wunderbare Zeit, um sich selbst und die Welt in einem Berlin zu entdecken, das aussah wie die mögliche Hauptstadt des 20. Jahrhunderts. Dann übernahmen die Barbaren die Macht. Wenn ich mich heute durch Berlin bewege, scheint mir, dass es sich nie von 1933 erholt hat."

Besprochen werden das Lexikon des Unerklärten ("Chambers Dictionary of the Unexplained"), eine neue englische Übersetzung der Psalmen (Website), die Blog-Buch-Anthologie "Ultimate Blogs: Masterworks from the Wild Web" (Website) und Ang Lees jetzt in Großbritannien anlaufender Film "Lust, Caution". Außerdem hat Slavoj Zizek einen Leserbrief geschrieben, in dem er noch einmal zu erklären versucht, wie sein in einem LRB-Artikel propagierter gemäßigter Linksradikalismus genau zu verstehen ist.

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - London Review of Books

John Lanchester unterzieht sich der heroischen Aufgabe, die Hintergründe der internationalen Kreditkrise und damit auch den aktuellen Stand des Geldsystems mit seinen Futures, Optionen und Derivaten zu erklären. Und zwar vollkommen verständlich, sogar spannend - nur nicht in Ausschnitten. Daher ein Zitat aus dem Text-Einstieg, in dem Lanchester seinen Banker-Freund Tony vorstellt: "Eher zufällig erwähnte er einmal, was er (als Abteilungsleiter) seinen neuen Angestellten, die frisch von der Uni kommen, bezahlt: '45.000 Pfund im Jahr, mit einem garantierten Bonus zwischen zehn- und zwölftausend.' Ich wies darauf hin, dass diese 22-Jährigen damit in manchen Fällen mehr verdienten als die Institutsleiter der Universitäten, an denen sie gerade ihren Abschluss gemacht hatten. Er zuckte mit den Schultern und lachte. 'So ist das nun mal', sagte er. Außerdem werden die zehn Prozent in jeder Abteilung seiner Firma mit den schlechtesten Leistungen am Ende jeden Jahres gefeuert. Er war überrascht, dass mich das überraschte. 'Das ist der Standard', meinte er. 'Ich dachte, das macht man überall so.'"

Weitere Artikel: Im British Museum hat, wie Craig Clunas berichtet, die Ausstellung "The First Emperor" zu bieten, was es so nicht überall gibt: siebzehn echte Krieger der chinesischen Terracotta-Armee. Abgedruckt wird ein Tagebuch des BBC-Reporters Ben Anderson von seinem Aufenthalt in Afghanistan, wo er eine Dokumentation drehte. Adam Shatz porträtiert die US-Außenministerin Condoleezza Rice. Julian Bell bespricht den dritten Band von John Richardsons Picasso-Biografie.

Magazinrundschau vom 11.12.2007 - London Review of Books

Brian Dillon hat Michael Ondaatjes Roman "Divisadero" gelesen und nutzt seine Kritik zu einer Generalabrechnung mit dem Autor. Die Zusammenfassung am Ende seiner ins Detail gehenden Analyse lautet so: "'Divisadero' ist die Sorte Buch, bei der man sich fragt, was die Leute eigentlich von Romanen erwarten. Schale Sprüche, die als zeitlose Weisheit daherkommen? Hübsche Vignetten aus einem einfacheren Leben? Blumig formulierte Versicherungen, dass sich, wer hätte es gedacht, hinter diesem einfacheren Leben Tragödien verbergen? Oder wollen sie Kochtipps? Nichts davon fehlt jedenfalls und es bediene sich, wer mag. Ondaatje verwendet viele Techniken, die wir in der Erzählliteratur außerordentlich schätzen - die Zurückweisung strikter Chronologie in der Form; die Entwicklung von Charakteren als kaum mehr als ein Gerücht oder ein Partikelhäufchen; weitausgreifende Kenntnisse der Literatur- und Geistesgeschichte auf Seiten des Erzählers - und raubt ihnen Energie, Witz, Geheimnis und alle Radikalität."

Weitere Artikel: Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus beschreibt Tariq Ali die jüngeren und jüngsten Ereignisse in Pakistan und die Beziehung des Landes zu den USA; der Text ist ein Auszug aus Alis 2008 erscheinenden Buch "The Duel: Pakistan on the Flight Path of American Power". Terry Castle bespricht zwei Bücher, eines über die Künstlerin Claude Cahun und ihre Lebensgefährtin Marcel Moore sowie eines über Gertrude Stein und Alice Toklas - und macht sich bei der Gelegenheit auch über akademischen Gender-Studies-Jargon lustig. Michael Wood hält Ridley Scotts "American Gangster" für einen sehr guten Film, wenn auch kein Meisterwerk. Und Andrew O'Hagan will sich von Panikologen nicht weismachen lassen, dass das Leben in der Gegenwart seine entschieden ungefährlichen Seiten hat.

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - London Review of Books

Arnold Rampersad hat eine in langjähriger Arbeit entstandende, autoritative Biografie des Schriftstellers Ralph Ellison veröffentlicht. Mark Greif setzt sich ausführlich damit auseinander und zeigt sich immer wieder unzufrieden: "Ein Grund dafür, dass diese Biografie auf so exquisite Weise schmerzlich zu lesen ist, liegt darin, dass sie nicht einfach sagt: Ellison war wirklich besser als die anderen, und sein Roman war wirklich ganz einzigartig, und dennoch war es nicht einfach verwerflich, dass er eine öffentliche Person wurde, eine Figur des Establishment, und zuletzt vielleicht etwas anderes als ein Romanautor. Rampersads Biografie ist ganz ausgesprochen 'ausgewogen' - das kühle Porträt eines Mannes, dem vieles bewundernswert gut gelungen, und nichts völlig misslungen ist... Rampersad gibt ausgesprochen detailliert Auskunft über etwas, das er als Makel in Ellisons Psyche begreift: sein zwanghaftes Drängen in Institutionen, sein Eindringen in die Räume der weißen Mächtigen als Ablenkung vom eigenen Schreiben. Dies ist das Porträt eines Romanautors, der zu sehr darum bemüht war dazuzugehören."

Weitere Artikel: Sanjay Subrahmanyam schreibt über V.S. Naipauls neues Buch "The Writer's People". Geoffrey Hawthorn liest Bücher über Venezuela, Hugo Chavez und die mit ihm verbundenen Hoffnungen. Hal Foster besucht die Ausstellung "The Painting of Modern Life" in der Londoner Hayward Gallery, und Thomas Jones berichtet vom Slow-Food-Festival im umbrischen Orvieto (mehr über slow food hier).

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - London Review of Books

"Es ist das Öl", meint Jim Holt. Das Öl im Irak, versteht sich. Der Krieg hat seinen Sinn, denn mit irakischem Öl sind für die USA und den Westen Billiarden zu holen: "Das Council on Foreign Relations schätzt, dass es im Irak noch 220 Milliarden Barrel unentdeckten Öls geben könnte; eine andere Schätzung geht von 300 Milliarden aus. Wenn diese Annahmen der Wahrheit auch nur irgendwie nahekommen, dann sitzen die US-Streitkräfte auf einem Viertel der Ölressourcen weltweit. Der Wert des irakischen Öls läge beim heutigen Preis bei ungefähr 30 Billionen den Dollar. Nur zum Vergleich: Die vorausgesagten Kosten der US-Invasion/Okkupation liegen bei rund einer Billion. Und wer bekommt das irakische Öl? Eine der zentralen Forderungen der US-Regierung an die irakische Regierung ist die Verabschiedung eines Gesetzes zur Verteilung der Öleinnahmen. Der Gesetzesentwurf, den die USA für den irakischen Kongress verfasst haben, würde fast das ganze Öl westlichen Firmen überlassen."

Weitere Artikel: Jerry Fodor, der gerade an einem Buch zum Thema arbeitet, erklärt - und zwar außerordentlich detailliert -, welche Argumente gegen das Adaptionsmodell der Evolutionstheorie sprechen. Neal Ascherson berichtet aus Grönland, wo Klimawandelexperten tagten und die Bewohner eher segensreiche Veränderungen durch die Erwärmung erleben. Jenny Diski schwärmt vom "community weblog" MetaFilter, das die guten Seiten des Internets versammelt. Michael Wood bespricht James Mangolds Film "3:10 to Yuma", ein Remake mit Russell Crowe und Christian Bale, das, wie er findet, dem Original mit Glenn Ford leider nicht das Wasser reichen kann.

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - London Review of Books

Der Schriftsteller Julian Barnes bespricht Felix Feneons "Novels in Three Lines", nutzt die Rezension aber vor allem für ein Porträt des wenig bekannten Verfassers: "In der Literatur- und Kunstgeschichte erscheint er nur in Scherben, kaleidoskopartig. Luc Sante beschreibt ihn in seiner Einführung zu den 'Romanen in drei Zeilen' als 'unsichtbar berühmt'... Kunstkritiker, Kunsthändler, Besitzer des besten Auges im Paris der Jahrhundertwende, Propagator Seurats, der einzige Galerist, dem Matisse je vertraut hat; Journalist, Ghostwriter für Colettes 'Willy', literarischer Berater, dann Chefredakteur der Zeitschrift Revue Blanche; Freund Verlaines, Huysmans und Mallarmes... Verleger von Joyce und Übersetzer von 'Northanger Abbey'. Er war unsichtbar zum Teil deshalb, weil er ein Ermöglicher eher als ein Schöpfer war, aber auch seiner Art wegen: elliptisch, ironisch, schweigsam."

Weitere Artikel: In ihrem "Tagebuch" gehen der Schriftstellerin Anne Enright allerlei Gedanken zum Fall der verschwundenen Maddie McCann durch den Kopf. Ross McKibbin erwartet von Gordon Brown keinen Kurswechsel, er hält ihn ganz im Gegenteil für "die Reinform von New Labour". In den "Short Cuts" outet sich Andrew O'Hagan als telekommunikativer "Erreichbarkeitsoholiker". Peter Campbell schreibt über eine Installation der Künstlerin Sarah Sze in der Victoria Miro Galerie in Islington.