Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 28.06.2011 - London Review of Books

Misha Glenny, selbst ein eminenter Experte in Sachen globale Mafia, bespricht das Buch "Mafias on the Move" des in Oxford lehrenden Kriminologen Federico Varese. Recht überzeugend findet Glenny die dank ausführlicher Recherchen gut belegte These Vareses, dass ausländische Mafia-Organisationen bei der globalen Ausbreitung in der Regel scheitern - und zwar aus auf Anhieb einleuchtenden Gründen: "Ein Grund, warum die russische Mafia in den USA weit weniger dynamisch agiert als noch in den Neunzigern von vielen Experten befürchtet, hat mit den gewaltigen Hindernissen zu tun, mit denen jede Mafia-Organisation sich konfrontiert sieht, die sich von einem Rechtsgebiet in ein anderes zu 'transplantieren' versucht. Ja, man kommt kaum umhin, Mitleid zu empfinden mit den von Federico Varese in seiner so detailgenauen Studie der Mafia-Transplantation beschriebenen Mafiosi. Er zeigt sie bei ihren scheiternden Versuchen, in einer Fremde Eindruck zu machen, in der sie die Sprache nicht sprechen und in der keiner am Schutz interessiert ist, den sie anbieten können."

Weitere Artikel: Tristan McConnell berichtet aus der zwischen Nord- und Südsudan gelegenen Stadt Abyei. Das von der amerikanischen Spionage-Agentur IARPA ins Leben gerufene Programm zur Untersuchung kulturell unterschiedlicher Metaphorik glossiert Daniel Soar und gelangt zum Ergebnis: "Wahrscheinlich lernen wir gar nichts daraus." Stephen Shapin liest Ian Millers moderne Geschichte des Magens. David Hansen besucht die Ausstellung "Richard Serra Drawing" im New Yorker Metropolitan Museum.

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - London Review of Books

Recht befremdet und bezaubert schreibt Sam Thompson über "Embassytown", den neuen Roman des britischen Science-Fiction-Autors China Mieville. Embassytown ist ein entlegener Planet, auf dem Menschen und "Eingeborene" leben, die ein recht eigenartiges Verhältnis zu Sprache haben. "Jeder Eingeborene hat zwei Münder, seine Rede ist ein Duett zweier Münder, aber das ist noch nicht das Seltsamste an diesen Aliens. Statt eines Zeichensystems, in dem die Zeichen willkürlich mit dem Bezeichneten verbunden sind, ist ihre Sprache eine direkte Manifestation ihres Bewusstseins. Irgendwie entsteht ein innerer Bezug zwischen jedem Wort und dem Ding, das es bezeichnet. Sie sprechen tatsächlch die Sprache Adams vor dem Sündenfall, in welcher Wörter randvoll mit Sinn und die Dinge ohne alle Zweideutigkeit benannt sind. Diese Aliens sind als lebende Widersprüche zu jeder Theorie der Sprache absolut buchstabengläubig und unfähig zur Lüge."

Weitere Artikel: Mahmood Mamdani berichtet in einer kurzen Notiz, dass der Geist des Tahrir-Platzes auch in Uganda spürbar wird: Wegen des strikten Versammlungsverbots hat man dort die Protestform des politischen "Spaziergangs zur Arbeit" entwickelt und die Regierung damit mit der schwierigen Aufgabe konfroniert, zwischen politischem und anderem Gehen zu unterscheiden. Stephen Sedley verteidigt angesichts der Gewissenlosigkeit von Presse und Fernsehen die sogenannte Super-Injunction, jenes englischen Rechtsinsituts, das die öffentliche Nennung eines möglichen Moral- oder Rechtsbrechers strikt zu untersagen ermöglicht - und er kritisiert die rechtlich erlaubte Nennung des Namens im Parlament als Bruch der ungeschriebenen Verfassung. Zwei Bücher über die Russen in Afghanistan stellt Tariq Ali vor. Michael Wood hat Carlos Sauras Film "Cria cuervos" wiedergesehen

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - London Review of Books

Der in Princeton lehrende Philosoph Mark Johnston ist auf all jene, die idolatrisch Götter verehren, nicht gut zu sprechen. Dennoch erklärt er in gleich zwei Büchern, die sein britischer Kollege Galen Strawson fasziniert vorstellt, wie man den eigenen Tod überleben und ein naturalistische Vorstellung von Gott retten kann. Das Argument ist gewöhnungsbedürftig und funktioniert essenziell ethisch: "Die Einzelheiten des Berichts sind recht kompliziert und unterschieden werden drei verschiedene Stämme: die "Überwinterer", die "Teletransporteure" und die "Menschlichen Wesen". Die Kernidee ist jedoch einfach und Johnston findet für sie "gewaltige Unterstützung in allen Großreligionen", die ihrer endemischen Idolatrie zum Trotz korrekte ethische Ideen vertreten. Das Erlangen des guten Willens ist eine Frage dessen, was im Buddhismus anatta heißt - die vollständige Auflösung des egoistischen eigenen Selbst. Der gute Wille ist "eine Disposition, die legitimen Interessen eines jeden gegenwärtigen oder zukünftigen Individuums in die eigene Handlungsperspektive zu übernehmen, so dass diese anderen Interessen ganz genauso viel zählen wie die eigenen". Wer das tut, erlangt einen wahren guten Willen und wird in allen zukünftigen Menschen mit legitimen Interessen fortleben."

Weitere Artikel: Ganz im Gegensatz außerordentlich erdverbunden und detailorientiert fällt Neal Aschersons Bericht von seinem Besuch in der schottischen Heimat nach der jüngsten Wahl und vor der vom triumphalen Wahlsieger SNP versprochenen Abstimmung über die Unabhängigkeit aus. Ross McKibbin macht sich Gedanken über die bei schwer gebeutelte britische Regierungspartei LDP - und vor allem ihren Vorsitzenden Nick Clegg. Michael Wood bespricht Band IV der Prosaausgabe der Werke von W.H. Auden. Die in der Wellcome Collection zu sehende Ausstellung "Dirt: The Filthy Reality of Everyday Life" hat Peter Campbell besucht.

Magazinrundschau vom 17.05.2011 - London Review of Books

Ja, es gibt schon noch menschliche Händler an der Börse. Die Mehrzahl der Käufe und Verkäufe wird jedoch von Algorithmen gemacht, die auf Abweichungen vom Durchschnittlichen lauern und binnen Milli-, bzw. inzwischen sogar Mikrosekunden reagieren. Donald MacKenzie gibt einen faszinierenden und immer wieder auch detaillierten Einblick in Gründe für das Crash-Ereignis vom Mai letzten Jahres (Schuld war wohl ein keineswegs besonders sophisticateder Algorithmus), die verpönte "Algo-Schnüffelei" oder ins Funktionieren der sogenannten Arbitrage-Algorithmen: "Ein früherer Arbitrageur hat mir das an einem Beispiel erklärt, es ging dabei um die Aktien von Southwest Airlines, Delta und ExxonMobil. Ein Ölpreisanstieg würde den Aktien von Exxon nützen, denen von Delta schaden, während er kaum Auswirkungen auf die von Southwest hat (und zwar deshalb, weil die Marktteilnehmer wissen, dass Southwest, anders als Delta, sich mit Hedging gegen Ölpreisanstiege abzusichern versucht). Daraus ergibt sich eine ungefähre Gleichung der relativen Veränderungen zwischen den Aktienpreisen der drei Unternehmen: Delta + ExxonMobil = Southwest Airlines. Wenn aber diese Gleichung momentweise aus der Balance gerät, schnappen die Arbitrage-Algorithmen zu und wetten (meist erfolgreich) darauf, dass sie sich wieder einpendeln wird."

Weitere Artikel: Stephen W. Smith erzählt die Geschichte des ivorischen Ex-Präsidenten Laurent Gagbo. T.J. Clark besucht die Ausstellung "The Cult of Beauty" im Londoner Victoria & Albert Museum. Mit einem sehr informierten Blick auf die Statistik erklärt Howard Hotson, warum sich die britischen Universitäten keineswegs vor den amerikanischen verstecken müssen (und warum die Browne-Kommission mit ihren marktwirtschaftlich orientierten Vorschlägen auch deshalb vollkommen fehl geht.) Sehr enttäuscht zeigt sich Jenni Diski von Stefan Kanfers neuer Humphrey-Bogart-Biografie "Tough Without a Gun".

Magazinrundschau vom 26.04.2011 - London Review of Books

Erst hundert Jahre nach seinem Tod solle seine Autobiografie in ungekürzter Fassung veröffentlicht werden, verfügte Mark Twain testamentarisch. Das Jahrhundert ist um, der erste Band nun in einer wissenschaftlich edierten Fassung erschienen. Ein geschlossenes Werk ist das nicht, manches daraus kannte man schon. Dennoch hat Thomas Powers das Buch mit einiger Begeisterung gelesen: "'Autobiografie' war das Wort, das Twain selbst für sein Projekt benutzte. Einige frühere Versuche hatte er schnell abgebrochen, aber im Jahr 1904 in Florenz - wohin er seine todkranke Frau in der Hoffnung auf Erholung gebracht hatte - kam er 'auf die richtige Methode, eine Autobiografie zu schreiben'. Das hieß freilich: Sie überhaupt nicht im konventionellen Sinne zu schreiben, sondern sie zu diktieren, ohne jeden vorgezeichneten Plan, einfach nur das zu sagen, was ihn im Moment interessierte - Geschichten aus der tiefen Vergangenheit, Anekdoten von Freunden, Empörendes in der Zeitung vom Morgen. (...) Dieses Buch ist ein Hoppelpoppel, aber es ist reiner Twain, und oft auch allerbester Twain, genau so, wie er es hinterlassen hat. Manche Rezensenten scheinen irritiert von der Überfülle, der Unordnung und der schwankenden Qualität, aber ich finde, das ist so, als beschwerte man sich darüber, dass ein Wörterbuch zu viele Wörter hat, darunter allzu viele langweilige."

Weitere Artikel: Mit einiger Skepsis liest Will Self das Buch des Journalisten Greg Lindsay über die "Aerotropolis"-Zukunftsvisionen John Kasardas von einer Welt der flughafenbasierten Instant-Verschickungs-Zivilisation. In England steht eine Teil-Privatisierung der Royal Mail bevor - James Meek ist nach Holland gereist, um die katastrophalen Folgen eines Post-Privatisierungsprojekts zu begutachten. Michael Wood hat noch und wieder einmal Eisensteins Klassiker "Panzerkreuzer Potemkin" gesehen.

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - London Review of Books

Steuerparadiese sind ein Riesenproblem für jede Volkswirtschaft, weil sie einen unfairen Druck nach unten ausüben. David Runciman liest zwei Bücher, die zum Thema recherchieren, und muss feststellen: "Die meisten erfolgreichen Steuerparadiese dieser Welt sind Teil der ehemaligen oder sogar noch aktuellen britischen Einflusssphäre. Dazu gehören Hongkong, die Kanalinseln und verbleibende Überseeterritorien wie die Cayman Islands. Solche bieten zugleich reduzierte oder auf null eingedampfte Steuerraten, extrem laxe Regulierungen, eine schwache Lokalpolitik und eine respektable Außenseite und Rechtssicherheit. Anleger sind am glücklichsten, wenn sie ihr Geld an Orten unterbringen können, die einer Rechtsprechung wie der britischen unterliegen, ohne ihre Gesetze und Regulierungen (oder gar Steuerraten) zu übernehmen."

Weitere Artikel: In einer leicht unheimlichen Geschichte erzählt Ian Thomson von einer schweren Schädelverletzung, die er erlitten hat, als er in den achtziger Jahren in Rom lebte - ob er geschlagen wurde oder hinfiel, weiß er bis heute nicht. Und Jenny Turner liest David Foster Wallaces nachgelassenen Roman "The Pale King".

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - London Review of Books

Perry Anderson zieht eine gründliche Bilanz des brasilianischen Erfolgspräsidenten Luiz Inacio da Silva, genannt Lula. Was dabei herauskommt, ist eine faszinierende tour d'horizon zur politischen, ökonomischen, kulturellen Lage Brasiliens gestern, heute und morgen. Der Linke Anderson, der in Lula nur sehr bedingt einen Linken erkennen kann, schließt mit einem Blick auf eine mögliche revolutionäre Zukunft, die derzeit allerdings in weiter Ferne zu liegen scheint: "Verglichen mit seinen Vorgängern, hatte Lula die Fantasie - sie verdankte sich seiner sozialen Herkunft -, zu sehen, dass der brasilianische Staat sich mehr Großzügigkeit gegenüber den weniger Wohlabenden leisten könnte, und zwar so, dass es wirklich einen substanziellen Unterschied macht. Freilich bedeuteten diese Konzessionen keine Einschnitte für die Reichen und Vermögenderen, denen es nach jedem absoluten Maßstab sogar noch besser - viel besser - erging in den Lula-Jahren. (...) Obwohl aber die wirtschaftliche Verbesserung für die Armen noch kein gesellschaftlicher Machtzuwachs ist, kann das eine doch zum anderen führen. Das schiere Gewicht der armen Wählermassen, macht, stellt man es gegen das schiere Maß der ökonomischen Ungleichheit und politischen Ungerechtigkeit, Brasilien zu einer Demokratie, die mit keiner Gesellschaft des Nordens vergleichbar ist. (...) Der Widerspruch dieser beiden Größen hat sich erst zu formulieren begonnen. Sollte sich die passive Verbesserung einst in aktive Intervention verwandeln, wäre ein anderes Ende der Geschichte absehbar."

Weitere Artikel: Rory Stewart, konservatives Parlamentsmitglied, Ex-Diplomat und gefeierter Autor mit viel Afghanistan-Erfahrung, erklärt, warum er auch im Fall Libyen für eine vorsichtige Intervention plädiert. An frühere Erdbebenkatastrophen in Japan erinnert Peter McGill. Jeremy Harding schreibt einen Artikel über Christopher Hitchens, der sich schon wie ein Nachruf anhört. Über den riesigen Erfolg der dänischen Krimiserie "The Killing" (zu deutsch: "Kommissarin Lund") im britischen Fernsehen schreibt Theo Tait. Pankaj Mishra hat Jennifer Egans neuen Roman "A Mission from the Goon Squad" gelesen.

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - London Review of Books

Die neue konservative Regierung will einen neuen Geschichtsunterricht. Kein Geringerer als der konservative, aber dummerweise für seine Erzählkunst höchst beliebte Kunsthistoriker Simon Schama soll die aufregende Geschichte Großbritanniens dem Nachwuchs ereignisgeschichtlich zugänglich machen. Den Historiker Richard J. Evans schüttelt es: "'Unsere Kinder', sagt Schama, 'werden um das Erbe ihrer Geschichte betrogen, um die in sich geschlossene ganze Geschichte, denn kann keine wahre Geschichtsschreibung geben, die sich weigert, den Bogen zu spannen, keinen wahren Zusammenhang ohne die Chronologie'." Evans erkennt in den Forderungen der Konservativen die Rückkehr zu "Geschichte als nationaler Selbstfeier" und den Verzicht auf Skepsis und Kritik gegenüber den großen Erzählungen der Historiker.

Weitere Artikel: Stephen W. Smith versucht zu erklären, was in der westlichen Wahrnehmung des Genozids in Ruanda bis heute katastrophal falsch läuft - mit fatalen Auswirkungen: der Diktator Paul Kagame wird vom Westen noch immer hofiert. Jenny Diski liest Stanley Fishs Untersuchungen zur von ihm heiß geliebten Fernsehserie "The Fugitive". Peter Campbell besucht die Ausstellung "Jan Gossaert's Renaissance" in der Londoner National Gallery.

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - London Review of Books

Den aktuellen Prozess um den Nachlasskoffer mit Kafkaschriften nimmt Judith Butler zum Anlass für weit reichende Überlegungen zur Frage: "Wem gehört Kafka?" Weder hält sie den Anspruch der Nationalbibliothek Israels außerhalb zionistischer Parameter für rechtfertigbar noch heißt sie die nationalsprachlichen Argumente Marbachs für vereinbar mit Kafkas eigenem Standort. Diesen vermisst sie dann sehr genau, in dekonstruktiven Textlektüren, die sich um das Niemals-Ankommen drehen. Etwas handfester ungreifbar ist die Sache in den Briefen an Felice: "Im Verlauf der Korrespondenz lässt Kafka sie wieder und wieder wissen, dass er sie nicht wird begleiten können, nicht bei dieser Reise oder jener, und ganz sicher nicht nach Palästina, jedenfalls nicht in diesem Leben als diese Person, die er ist: Die Hand, die die Tasten anschlägt, wird ihre Hand niemals halten. Außerdem hat er seine Zweifel im Blick auf den Zionismus und auf die Aussicht, diese Destination jemals zu erreichen. Er nennt ihn später einen 'Traum' und schilt sie wegen ihrer allzu ernsthaften Befassung mit dem Zionismus: 'Du hast damit geflirtet', schrieb er... Im weiteren Verlauf der sich anspannenden und dann zerbrechenden Beziehung macht er klar, dass er keine Absicht zum Aufbruch hat, und dass jene, die ihn wagen, eine Illusion verfolgen. Palästina ist ein figurales Anderswo, nur für Liebende, eine offene Zukunft, der Name einer unbekannten Bestimmung."

Weitere Artikel: Jim Holt, der am Ende gesteht, von digitalen Medien wenig praktische Ahnung zu haben, liest Nicholas Carrs "The Shallows" mit einiger Skepsis und schließt mit dem Scherz: "Ich hab keines dieser Geräte, ich tweete nicht und bin nicht bei Facebook - und ich kriege trotzdem nichts auf die Reihe." Ebenfalls nicht sehr überzeugt ist Thomas Jones von James Harkins Buch über den Aufstieg der "Nische". Mit Eric Hobsbawms Geschichte des Marxismus "How to Change the World" setzt sich der Jesuito-Marxist Terry Eagleton auseinander. Michael Wood sieht Filme von Henri-Georges Clouzot.

Magazinrundschau vom 08.02.2011 - London Review of Books

In einer Art Online-Vorauskopplung aus der kommenden Ausgabe erklären Adam Shatz und Issandr El Amrani Hintergründe und Voraussetzungen der Revolte in Ägypten. Mit Stand 4. Februar (lange her, will einem bei der Lektüre scheinen) fragt sich Shatz, was "Nach Mubarak" kommt, gelangt aber über die Spekulationen aktueller Fernsehtalkshows kaum hinaus. Interessanter ist El Amranis Text, der über Einzelheiten und Strukturen des Mubarak-Regimes informiert, die ein Licht auch auf das, was vielleicht kommt, werfen: "Ein Sicherheitsdienst-Establishment, das nach Schätzung von Informanten bis zu zwei Millionen Menschen beschäftigt, bildete eine Parallelregierung und sorgte für die Entschärfung lokaler Konflikte. [...] Ägypter auf herausgehobener Position - Politiker, Geschäftsleute, Journalisten - hatten einen speziellen Betreuer, eine Beziehung, die zur Einschüchterung, Belohnung und Anleitung genutzt werden konnte. Das Ergebnis war ein politisches Ökosystem von deutlich größerer Flexibilität im Vergleich zum Tunesien Ben-Alis. Diese Flexibilität hatte ihre Grenzen, und das System erwies sich als erstaunlich unfähig zur Reaktion, als es auf eine führerlose Protestbewegung stieß. Es stellte sich heraus, dass die größte Schwäche der Opposition - ihre Unfähigkeit, einen charismatischen Anführer mit großer Publikumswirkung hervorzubringen - zugleich ihre Stärke war."