Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 38 von 59

Magazinrundschau vom 03.01.2012 - London Review of Books

Der arabische Frühling ist zu Ende, resigniert Adam Shatz bei der melancholischen Umschau, was aus den Versprechungen von Anfang 2011 geworden ist: "Einen kurzen Moment lang gab es unter den Menschen am Tahrirplatz, die verzweifelt Teil der modernen Welt sein wollten, ein liberales Ägypten. Jedoch, wie Ernst Bloch einst anmerkte, leben wir zwar alle in der Gegenwart, doch 'nicht alle sind im selben Jetzt da'. Kaum war Mubarak gestürzt, kaum begann sich erstmals seit der Machtübernahme der freien Offiziere im Jahr 1952 ein wirkliches politisches Leben im Land zu entfalten, machte die revolutionäre Jugend die Entdeckung, dass sie nur wenig Rückhalt unter denen genoss, die in einem anderen Jetzt leben. Sie machte die Erfahrung, dass das Anzetteln einer Revolution nicht bedeutet, sie auch für sich zu besitzen. Ägypten mit seinen konservativen, frommen, traditionellen Aspekten erkannte sich in den größtenteils bürgerlichen, internet-affinen Tahrir-Grüppchen nicht wieder."

Jenny Diski schreibt über neue, internetgestützte Modelle im Verlagswesen, die für sich beanspruchen, das zuletzt immer stärkere Wort der Buchhaltung auszuhebeln. Sehr verdächtig kommt ihr allerdings der Service Unbound vor, bei dem Autoren geplante Veröffentlichungen vorstellen und damit für Vorab-Unterstützung werben können: "Unbound verkauft sich selbst als radikalen Schritt weg von der kommerziellen Veröffentlichungspraxis, doch statt eine Alternative anzubieten, stellt das Verfahren eine Essenz des Marketings dar. Keiner nimmt Risiken auf sich oder vollzieht einen Gesinnungswandel. Es handelt sich um ein crowdsourcing-Modell, das genauso die Masse umschmeichelt wie eine populistische Veröffentlichungsweise, wenn auch im kleineren, abgesicherteren Maßstab. Früher waren Bibliotheken und Buchläden die Orte, an die man ging, um sich begeistern zu lassen. Die Begeisterung, die Unbound anbietet, ist die eines Pferderennens mit der Möglichkeit, vor dem Startschuss noch an den Fesseln der Pferde rumzufummeln."

Weiteres: Auch Obama ist eine blanke Enttäuschung, findet Jackson Lears und begibt sich bei der Lektüre zweier Bücher über den US-Präsident auf biografische Ursachenforschung. Unterdessen nimmt sich Stephen Holmes Russland unter Putin zur Brust und findet dafür in dem Buch "Mafia State" von Luke Harding, der darin seine Erfahrungen als erster, des Landes verwiesener Journalist seit dem Kalten Krieg beschreibt, viel Anschauungsmaterial.

Besprochen werden eine Wilhelm-Sasnal-Ausstellung in der Whitechapel Gallery, Raul Ruiz' filmisches Vermächtnis "Mysteries of Lisboa" und sehr ausführlich die Leonardo-Ausstellung in der National Gallery.

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - London Review of Books

Alles nicht so einfach heute mit dem Feminismus, findet Jenny Turner, die sich für einen Text epischen Ausmaßes Gedanken über das Verhältnis des Feminismus zu anderen sozialen Bewegungen macht. Der Blick aufs große Ganze fehlt ihr, zum Beispiel, was die Lohnschere zwischen Mann und Frau betrifft: "Alison Wolf wies nach, dass die 16 Prozent Lohnabstand eine viel heftigere Trennung maskieren, nämlich die zwischen jüngeren Frauen in avancierten Berufen, die etwa 13 Prozent der Arbeitskräfte ausmachen, Karrieren verfolgen und genausoviel wie Männer verdienen, und den anderen 87 Prozent, die einfach nur 'Jobs' nachgehen, die rund um die Bedürfnisse ihrer Familien angelegt sind, und einfach schrecklich viel weniger verdienen. Feminismus war und ist auf überwältigende Weise eine Bewegung dieser 13 Prozent gewesen - meistens Weiße, meistens Mittelschicht, die von, über und zu sich selbst sprechen in einem sich selbst bespiegelndem Milieu."

Weiteres: Dokumentiert sind Mohammed el Goranis Erfahrungen in Guantanamo, der als jüngster Inhaftierter in die Geschichte des Gefangenenlagers einging. Keith Thomas macht sich große Sorgen um die Zukunft der Universitäten, die immer mehr unter dem Diktat der Ökonomie stehen. In eine ähnliche Richtung zielt Michael Wood, der die wissenschaftliche Forschung als Betätigung preist, die ihren eigenen Wert hat. Schön gallig betrachtet John Lancester das Finanzdesaster der letzten Jahre als schöne Kunst. Christopher Taylor liest Haruki Murakamis Triptychon-Roman "IQ84". Jeremy Harding bespricht eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum mit Covern und Illustrationen des britischen Satiremagazins Private Eye.

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - London Review of Books

Der Schriftsteller Tim Parks liest sich akribisch durch den zweiten Band der gesammelten Briefe Samuel Becketts, die mitunter auch den Blick auf eine Urszene der Künstlerpersona gestatten: "So kam der gefeierte Mythos eines Schriftstellers in die Welt, der allein mit seiner Kunst befasst ist, blind gegenüber kommerziellen Erwägungen und somit gewissermaßen jenen Schriftstellern überlegen, die sich freudig mit Scheck in der Hand vor ein Mikrofon stellen. Es war ein Mythos, der sich schlussendlich als Vorteil für Beckett herausstellen sollte, sowohl bei der Kritik als auch in kommerzieller Hinsicht."

James Meek übermittelt detaillierte Reiseeindrücke aus Griechenland und zeichnet darin in vielen Begegnungen mit Einheimischen ein bedrückendes Bild. Aber winzige Hoffnungsschimmer gibt es auch: "Stefanos Vostanis, der Barbour-Jacken tragende, englisch erzogene 28-Jährige, der die Catsacoulis Ölabfüllanlage seiner Familie leitet, gibt mir ein Ouzoglas voll mit Öl aus Lesbos - mild und golden, nicht wie das pfeffrige, grünliche Öl aus Kreta. 'Ich glaube, dass es in den nächsten zehn Jahren eine Umverteilung der Ressourcen geben wird', sagt er. 'Wer in einem Laden arbeitet, wird den Laden schließen und sich auf die Dinge konzentrieren, bei denen das Land einen Wettbewerbsvorteil hat. Das ist hoffnungsvoll. Natürlich, wenn man viele Jahre in einem Bekleidungsgeschäft gearbeitet hat, ist es hart, von dort zu den Oliven zu gehen.'"

Weitere Artikel: Anlässlich von Stephen Kings neuem Roman "11.22.63", in dem ein Zeitreisender das Attentat auf Kennedy zu verhindern versucht, blättert sich der Historiker Colin Kidd durch kanonische und entlegene Theorien zur Ermordung des US-Präsidenten. Michael Wood verteidigt George Clooneys neuen Film "The Ides of March" gegen dessen amerikanische Kritiker. Andrew O'Hagan amüsiert sich prächtig bei der Lektüre des augenzwinkernden Militärsachbuchs "The Official ARRSE Guide". Julian Bell zeigt sich sehr von den Gemälden Claude Lorrains beeindruckt, die derzeit in Oxford ausgestellt werden :


Magazinrundschau vom 15.11.2011 - London Review of Books

Offenkundig sehr verärgert ist der Historiker Hugh Roberts über die Ereignisse in Libyen. In einer ausführlichen Bilanz legt er seine Sicht der Dinge dar, von Gaddafis Machtergreifung über die Diplomatiegeschichte des Landes bis hin zur Revolte gegen den Diktator, die Berichterstattung darüber und die NATO-Intervention. Seine Grundüberzeugung - eisern demokratisch und völkerrechtlich bestens aufgestellt, komme da, was wolle - ist durchaus nobel, vor Zynismen schützt sie auch ihn allerdings nicht: "Es ist tendenzös und scheinheilig, einfach zu behaupten, Gaddafi würde 'seine eigenen Leute töten'; er tötete diejenigen seiner Leute, die rebellierten. Es steht uns allen jederzeit frei, die Rebellen der Regierung vorzuziehen. Doch um die relativen Verdienste beider Seite geht es in solchen Situationen nicht: Es geht um das Recht eines Staates, sich gegen gewalttätige Subversion zu wehren. Dieses Recht, einstmals selbstverständlich als Bestandteil von Souveränität angesehen, ist nun kompromittiert."

Weiteres: Ein überwältigter T.J. Clark sucht nach den richtigen Fragen, mit denen man der großen Gerhard-Richter-Ausstellung in der Tate Modern begegnen kann. Jenny Diski schreibt über eine UFO-Studie des "anti-skeptischen Skeptikers" Thomas E. Bullard (hier seine UFO-Bestenliste). Tony Wood bespricht eine Ausstellung über Sowjetkunst und -architektur in der Royal Academy of Arts. Ergriffen (und in Sichtweite zum Occupy-Protest) reflektiert David Simpson über die ästhetische Funktion der Wasserfälle an der 9/11-Gedächtnisstätte in New York. Mary-Kay Wilmers hat einen Nachruf auf Peter Campbell, den langjährigen, am 25. Oktober verstorbenen Coverillustrator der London Review of Books, verfasst (Campbells letzte Arbeit, das Cover der aktuellen Ausgabe, zeigt das Haus des Künstlers).

Im Magazinblog finden wir eine schöne, wenn auch leicht irritierte Erinnerung von Tom McCarthy an den kürzlich verstorbenen Medienhistoriker Friedrich Kittler und dessen Entourage.

Magazinrundschau vom 01.11.2011 - London Review of Books

Pankaj Mishra, das steht fest, ist kein Freund Niall Fergusons. Er beschreibt ihn als Finanzhistoriker, der sich vom säbelrasselnden Neo-Con zum Apokalyptiker entwickelt hat und in seinem neuen Buch "Der Westen und der Rest der Welt" den Abgesang auf den Westen anstimmt. Dennoch sei der Mann beachtenswert: "Dass die westliche Zivilisation in absehbarer Zeit an ihr Ende gelangt, ist unwahrscheinlich, doch mag die neoimperialistische Bande sich mit ihrer eigenen Überflüssigkeit konfrontiert sehen. In diesem Sinne haben Fergusons Metamorphosen - vom Jubilator sukzessive des Imperiumgedankens, der 'Anglobalisierung' und schließlich 'Chinamerikas" über den Vetreter der Kollapstheorie hin zum Kleinhändler erbaulicher Geschichten einer ruhmreichen Vergangenheit - den breiten politischen und kulturellen Wandel akkurater beleuchtet als seine Arbeiten. Seine nächste Regung sollte man nicht verpassen."

Weiteres: Ghaith Abdul-Ahad schreibt Tagebuch in Syrien. James Meek stutzt nicht schlecht, als ihn sein Kindle beim Markieren einer Textzeile informiert: "Diese Passage haben außer ihnen bereits acht andere Kunden markiert". Peter Campbell widmet sich dem Motiv des offenen Fensters in Bildern aus dem 19. Jahrhundert. Michael Wood sendet Notizen vom Filmfestival Morelia.

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - London Review of Books

Peter Pomerantsven porträtiert mit wenig schmeichelhaften Worten Vladislav Surkov,"Putins Chefideologen und graue Eminenz [...], auch bekannt als 'Strippenzieher, dem es gelungen ist, das politische System Russlands zu privatisieren'". Auch darüber hinaus ist er das, was man in Großbritannien "a peculiar character" nennt: "Er ist der Mann hinter dem Konzept der 'hoheitlichen Demokratie', unter der demokratische Institutionen ohne jegliche demokratische Rechte aufrechterhalten werden, der Mann, der aus dem Fernsehen eine verkitschte Propagandamaschine zur Anbetung Putins gemacht und Pro-Kremlin-Jugendorganisationen gegründet hat, die ihr Glück darin finden, sich mit der Hitlerjugend zu vergleichen, Ausländer und oppositionelle Journalisten zusammenzuschlagen und 'unpatriotische' Bücher auf dem Roten Platz zu verbrennen. Doch das ist nur die halbe Geschichte. In seiner Freizeit schreibt er Essays über Konzeptkunst und Texte für Rockbands. Er ist ein Liebhaber von Gangsta rap: Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild von Tupac, gleich neben dem von Putin. Und er ist der mutmaßliche Autor des pseudonym veröffentlichen Bestsellers 'Almost Zero'."

Weiteres: In einer Reportage von geradezu epischem Ausmaß befasst sich Jeremy Harding in aller Ausführlichkeit mit den zahlreichen menschlichen und politischen Dramen, die sich an der Grenze zwischen Mexiko und den USA abspielen, wo sich die Situation zusehends militärisch zuspitzt. Keith Gessen berichtet von den Wall-Street-Protesten im Manhattan, das sich mit einem Mal ziemlich europäisch anfühlt. John Lanchester erklärt, warum die hohen Spielergehälter ihm die Liebe zum Fußball genommen haben. In Großbritannien steht die gesetzliche Grundlage der Prozesskostenhilfe zur Disposition, erklärt Joanna Biggs. Fredric Jameson bespricht den Roman "Lucky Per" von Henrik Pontoppidan. Peter Campbell stellt die Ausstellung "Apocalypse" mit Arbeiten von John Martin in der Tate Britain vor:


Magazinrundschau vom 04.10.2011 - London Review of Books

Google lernt - und das mit jeder Suchanfrage, jedem Klick nicht auf das erste, sondern zweite oder dritte Suchergebnis. Denn, schreibt Daniel Soar anlässlich dreier Buchveröffentlichungen über das Unternehmen, "je mehr Daten es sammelt, umso mehr weiß es und und wird umso besser in dem, was es tut. Und natürlich, je besser es wird in dem, was es tut, umso mehr Geld verdient es und je mehr Geld es verdient, umso mehr Daten kann es sammeln und wird besser in dem, was es tut." Google, so Soar weiter, lernt wie ein Baby, das sich Schritt für Schritt das (Klick-)Verhalten der Menschen anschaut und daraus Schlüsse zieht. So erklären sich denn auch viele, auf den ersten Blick irrsinnige Manöver wie etwa eine 2010 nach drei Jahren eingestellte kostenfreie Hotline, die der Akquise für eine umfassende phonetische Datenbank diente: "Wenn Google in der Lage wäre, sein neues leistungsfähiges Stimmerkennungssystem anzuwenden, um den gesprochenen Inhalt des zwei Tage umfassenden Videomaterials, das jede Minute auf YouTube hochgeladen wird, zu transkribieren, würde die Menge an durchsuchbarem Material explodieren. Da es keinen Grund dafür gibt, dass Google das nicht tun kann, wird es das tun."

Weitere Artikel: Andrew O'Hagan berichtet, wie unzählige Twitterati die Nacht vor Troy Davis' Hinrichtung begleitet haben. Mattathias Schwartz stellt zwei Bücher vor, die aus verschiedenen Perspektiven die Ursachen für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im vergangenen Jahr erforschen. Colin Burrow bespricht Kristine Louise Haugens Biografie des englischen Gelehrten Richard Bentley. Michael Wood hat sich Tomas Alfredsons Neuverfilmung von "Tinker Taylor Soldier Spy" (mehr) angesehen.
Stichwörter: Geld, Hinrichtungen

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - London Review of Books

Rory Stewarts Eindrücke aus Libyen nach gelungener Revolution sind von besonderem Interesse - denn der konservative Tausendsassa-MP (Homepage) kann als Kriegszonenreisender die Lage mit der in Bosnien, Irak und Afghanisten aus eigener Anschauung vergleichen. Schlimmes hat er befürchtet und ist dann positiv überrascht: "Fürs erste erweist sich Libyen nicht als unberechenbar schlimm, sondern als unberechenbar gut. Nach fünfzehn Jahren Erfahrung mit Interventionen suchte ich nach bestimmten Hinweisen für ein Desaster... Aber auch nach 24 Stunden konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Lage keineswegs schlecht war: die Libyer waren begeistert und zuversichtlich, und mit Grund... Libyen sah nicht so schäbig oder gefährlich aus wie der Irak. Trotz sechs Monaten Kampf und Unsicherheit, waren die Rasen in Tripolis gemäht, die Bougainvilleas standen in Blüte und der Müll war in Mülltüten und nicht in schwärende Gräben gekippt wie in Basra. Die Läden und Tankstellen öffneten wieder, die Wasserversorgung stabilisierte sich. Die bewaffneten 15-Jährigen waren höflich. Keiner an irgendeinem der Checkpoints verlangte Bestechungsgelder oder unsere Satellitentelefone."

Weitere Artikel: James Meek warnt vor der schleichenden Privatisierung des britischen "National Health Service". Nach wie vor äußerst beeindruckend findet Jenni Diski die Studie des Psychologen Milton Rokeach über drei Männer, die sich für Christus halten (Titel: "The Three Christs of Ypsilanti"), die erstmals im Jahr 1964 erschien und nun wieder aufgelegt wird. Sadakat Kadri schüttelt den Kopf über die vielen schwerlich haltbaren drakonischen Urteile gegen die britischen Randalierer. Peter Campbell macht sich Gedanken über all die dunklen kleinen Häuser in London.

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - London Review of Books

John Lanchester hat sich die neuesten Zahlen zur Lage der Weltwirtschaft angesehen und kommt recht bald auch auf die USA zu sprechen. Zunächst aber blickt er auf Europa und hat da einen sehr interessanten Ausreißer nach oben entdeckt: "In Europa haben wir die überraschenden und alarmierenden 0,1 Prozent Wachstum in Deutschland, die verzweifelt armseligen 0 Prozent in Frankreich und dann, jetzt kommt's, die erfreulich munteren 0,7 Prozent Belgiens. Warum ist das geradezu zum Schreien komisch? Weil Belgien keine Regierung hat. Dank des politischen Patts in Brüssel hat es schon seit fünfzehn Monaten keine mehr. Keine Regierung heißt auch: keine der Maßnahmen, die all die anderen Regierungen ergreifen: keine Sparmaßnahmen und keine Austeritätspolitik. In der Abwesenheit von jemand, der ein Mandat zum Kürzen und Einschränken hätte, laufen die Ausgaben des öffentlichen Sektors in Belgien einfach so weiter wie sonst; daher das anhaltende Wachstum der Wirtschaft des Landes. Es stellt sich also heraus, dass vom Gesichtspunkt der Ökonomie in der gegenwärtigen Krise keine Regierung die bessere Alternative zu jedweder Regierung ist - jeder existierenden Regierung jedenfalls."

In einem weiteren Artikel blättert Hal Foster durch ein Buch, für das Francesc Torres die in einem New Yorker Flughafenhangar versammelten Trümmer von Ground Zero fotografiert hat.

Magazinrundschau vom 23.08.2011 - London Review of Books

Bekanntlich bauen Physiker Riesenbeschleunigungsmaschinen, um winzigste Teilchen zu finden. David Kaiser gibt sich - und nicht ohne Erfolg - Mühe, zu erklären, warum, wer das Higgs Boson sucht, es noch lange nicht einfach so findet: "Die Grundidee liegt darin, Protonen in einem riesigen Teilchenbeschleuniger bei so hoher Geschwindigkeit gegeneinander knallen zu lassen, dass Higgs Bosonen (und eine ganze Menge anderes Zeug) aus der Restenergie koagulieren. Im Prinzip müssten die Energien, mit denen Protonenstrahlen im LHC in Genf kollidieren, hoch genug sein, um Higgs-Partikel zu erzeugen. Nur finden wird man sie so schnell nicht. Man geht davon aus, dass ein einzelnes Higgs-Partikel ein wenig schmaler sein wird als ein Goldatom... Anders als Goldatome dürften Higgs-Partikel jedoch bemerkenswert flüchtig sein, mit einer Lebenszeit von etwa dem Billionen-Billionstel einer Sekunde: Sie werden einfach nicht lange genug stillsitzen für ein Foto. Und leider auch kaum eine Spur hinterlassen. Allerhöchstens schaffen sie es, bevor sie in andere Partikel zerfallen, so ungefähr ein Billionstel eines Zentimeters voran."

In weiteren Artikel wird über die Gründe für Barack Obamas zögerliches Verhalten in der Finanzkrise gemutmaßt, über die Zukunft des BBC World Service nachgedacht, die Tracey-Emin-Ausstellung "Love is What You Want" in der Londoner Hayward Gallery und die "Cy Twombly and Poussin"-Ausstellung in der Dulwich Picture Gallery besucht.Thomas Powers liest Manning Marables "Malcolm X"-Biografie. Exklusiv online kommentiert Slavoj Zizek mit Verweisen auf seine Leib- und Magenautoren Hegel und Badiou die Londoner Riots aus kapitalismuskritischer Perspektive.