Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 01.02.2011 - London Review of Books

Der Brite Peter Pomerantsev berichtet von seinen Abenteuern als Programmleiter eines russischen Fernsehunternehmens mit dem schönen Namen Potemkin Productions. Er schildert höchst eindrücklich die Bestechungsrituale, deren Zeuge er wurde. Er berichtet, dass fast sämtliche Reality-Formate scheiterten, weil kein Zuschauer auch nur im entferntesten an ein Minimum Realitätsgehalt der Sendungen glaubte. Ebenfalls keine Chance hatten die Superstar-Shows, weil nämlich kein Mensch im aktuellen System Russlands offen seine Ambitionen zeigt: "Das Russland von heute belohnt denjenigen, der aus dem Schatten heraus operiert, den grauen Apparatschik, den Meister der Absprachen im Seitenzimmer - kurz gesagt: Leute wie Putin. Nach oben gelangt in einem solchen System derjenige, der sich zu erniedrigen weiß, der seinen Herrn zu preisen und ihm zu dienen versteht, der also - wie man in Russland sagt - ein holop (d.i. ein 'Speichellecker') ist. Klug und extrovertiert und ehrgeizig? Nicht, wenn du erfolgreich sein willst. Die Shows, die funktionierten, gründeten deshalb auch auf ganz anderen Prinzipien. Der bei weitem größte Erfolg, den wir hatten, war Posledny Geroi ('Der letzte Held'), eine Version von Survivor, eine auf Demütigungen und Leiden beruhende Show."

Weitere Artikel: Eric Hobsbawm liest ein Buch über die wahre Geschichte einer winzigen Gruppe Anfang der Dreißiger nach der Bibellektüre aus eigenem Entschluss zum Judentum konvertierter italienischer Dorfbewohner, die schlussendlich nach Israel auswanderten. Zwei Neuerscheinungen, die die Finanzkrise aus marxistischer Sicht analysieren, hat sich Benjamin Kunkel vorgenommen. Michael Wood hat im Kino das Western-Remake "True Grit" der Brüder Coen gesehen. Julian Stallabrass schreibt einen Nachruf auf den Kodachrome-Film.

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - London Review of Books

Seinen äußerst deprimierenden Bericht zur Lage in Pakistan beginnt Tariq Ali mit der Schilderung der Ermordung des Gouverneurs des Punjab Salman Taseer, der ein Schul- und Studienfreund Alis war: "Taseers entschiedene Verteidigung von Asiya Bibi, einer 45jährigen christlichen Bäuerin aus dem Punjab, provozierte wütende Reaktionen religiöser Gruppen. Bibi war fälschlich der Blasphemie beschuldigt worden nach einem Streit mit zwei Frauen, die sie beschuldigt hatten, ihr Wasser zu verschmutzen, weil sie aus dem selben Gefäß trank... Taseer verteidigte Bibi nicht aus einer Laune heraus. Er hatte die Kampagne mit Präsident Zardari abgestimmt, sehr zum Verdruss des Justizministers Babar Awan, eines Fernsehpredigers und früheren militanten Vertreters der Jamaat-e-Islami." Alle Offiziellen blieben, fügt Ali hinzu, der Beerdigung demonstrativ fern.

Weitere Artikel: Über das Staats-, Geheimnis- und Machtverständnis von WikiLeaks und Folgen für die Öffentlichkeit denkt Slavoj Zizek nach: "Wir können jetzt nicht mehr so tun, als wüssten wir nicht all das, von dem jeder wusste, dass wir es wissen." Ob das gut ist, ist freilich, so Zizek, eine andere Frage. Iain Sinclair schildert, wie Londons Bürgermeister Boris Johnson nach Pariser Vorbild die Fahrräder nach London brachte. Jenny Diski fragt sich, was der Nutzen des neuen Google-Spielzeugs ngram-Viewer sein könnte. Peter Campbell besucht eine Norman-Rockwell-Ausstellung in der Dulwich Picture Gallery und Brian Dillon eine Ausstellung mit Fotografien von Francesca Woodman in der Galerie Victoria Miro.

Magazinrundschau vom 04.01.2011 - London Review of Books

Mit Michel Foucault liest Eliot Weinberger die Memoiren von George W. Bush Jr., an denen manch einer mitgeschrieben hat, der "Autor" wohl eher nicht: "Wie es sich für einen postmodernen Text gehört, sind viele Passagen des Buches bloßes Pastiche von Momenten aus anderen Büchern, darunter auch Szenen, die Bush selbst gar nicht erlebt hat. Diese stammen aus den Memoiren von Mitgliedern der Bush-Regierung und journalistischen Berichten wie Bob Woodwards 'Plan of Attack' und 'Bush at War'. Um das Maß des Postmodernismus voll zu machen, gibt es Dialogstücke, die von Woodward geklaut sind, der wiederum berüchtigt dafür ist, Dialoge frei zu erfinden... Die Prosa erinnert an die Texte der aktuellen Po-Mo-Stars Tao Lin ? und Kenneth Goldsmith, etwa des letzteren 'unkreatives Schreiben', beispielhaft verkörpert in seiner Mitschrift der täglichen Radiowetterberichte im Verlauf eines Jahres. Wie Foucault meinte: 'Das Schreiben der Gegenwart hat sich von der Frage des Ausdrucks befreit.'"

Weitere Artikel: Andrew O'Hagan schreibt über die nun gesammelten Briefe Saul Bellows. Über die Persistenz der Bettwanze denkt Hugh Pennington nach. In einer Londoner Wiederaufführung hat Michael Wood den Lubitsch-Film "Rendezvous nach Ladenschluss" gesehen. Christopher Prendergast kommentiert die Pläne der britischen Regierung zur Rückzahlungsprogression von Studierendendarlehen.

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - London Review of Books

Den Zeitungen und Zeitschriften in USA und Großbritannien geht es schlecht. John Lanchester, der schon der Musikindustrie etwas iTunes-Ähnliches anempfahl, bevor es iTunes gab, resümiert noch einmal die trotz leichter Erholungstendenzen deprimierenden Zahlen. Der Versuch Rupert Murdochs, um die Times eine Paywall zu errichten, funktioniert offenkundig nicht. Ist das Ende der Zeitungen damit absehbar? Ja, meint Lanchester, nämlich das Ende der Zeitungen in ihrer gedruckten Version. Ganz anders sieht für ihn die Zukunft von Online-Only-Modellen aus. Da weiß er unter der Überschrift "Let us pay" ziemlich genau, wie die aussehen müsste, um funktionieren zu können: "Was die Printmedien brauchen, und zwar dringender als alles andere, ist ein neuer Bezahlmechanismus für die Online-Lektüre, der einen alles lesen lässt, was man lesen will, wo immer es publiziert wird - und dann werden die aggregierten Kosten abgebucht, monatlich, jährlich, wie auch immer. Für viele wäre das einfach eine in den RSS-Feed integrierte Funktion und liefe auf eine individualisierte Zeitung hinaus. Ich zum Beispiel wäre völlig glücklich, könnte ich lesen, was Anthony Lane im New Yorker über Filme schreibt, Patricia Wells in der Herald Tribune über Restaurants und Larry Elliott über Wirtschaft im Guardian, David Pogue über Technologie in der New York Times. Außerdem hätte ich gerne die Möglichkeit, alles zu lesen, worauf ich stoße, und zwar ohne Hindernis. Ich möchte nur nicht jedesmal ans Bezahlen denken müssen, wenn ich einen Artikel anklicke. Ich möchte eine Monats- oder Jahresgebühr, die von meiner Kreditkarte abgebucht wird, ohne dass ich beim Lesen etwas davon mitbekomme."

Weitere Artikel: Michael Wood liest, unter anderem mit Lewis Carroll und Jacques Derrida, die neue, an rund 9000 Stellen verbesserte Ausgabe von James Joyces Überbuch "Finnegans Wake". Was man aus Wikileaks und den Reaktionen darauf über Frankreich lernen kann, fasst in den "Short Cuts" Jeremy Harding zusammen. Das nunmehr erschienene erste Buch über die Bildung der konservativ-liberaldemokratischen Koalition nimmt sich David Runciman vor. Über eine James-Turrell-Ausstellung in der Gagosian Gallery schreibt Peter Campbell.

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - London Review of Books

James Harkin resümiert mehrere Bücher zur Rolle sozialer Medien bei der Revolte im Iran - und stellt fest, dass die Wirkung von Twitter massiv überschätzt worden ist. Harkin erzählt zugleich mit ziemlich skeptischem Unterton die Geschichte des Jared Cohen, der - als jüngstes Mitglied jemals - von Condoleeza Rice mit 24 Jahren in den Planungsstab des US-Außenministeriums berufen wurde und fortan als Propagator neuer Medien, insbesondere von Twitter, für viel Aufmerksamkeit sorgte. Eine faszinierende Figur ist Cohen (hier sein Twitter-Account), seit diesem Jahr der Chef des neuen Google-Thinktanks "Google Ideas", aber allemal: "In Oxford war er mit einem Rhodes-Stipendium und unternahm unter dem Vorwand von Recherchen für seine Dissertation ausgedehnte Reisen durch den Nahen Osten. In seinem Buch 'Kinder des Dschihad', das er zwei Jahre nach Antritt seines Jobs im Außenministerium veröffentlichte, erzählt er seine gefährlichen Abenteuer im Stil eines 'Fünf Freunde'-Romans. In Beirut freundet er sich in einem McDonald's mit Hizbollah-Unterstützern an; in Teheran lädt man ihn zu Untergrund-Parties ein ('Ich trinke normalerweise nicht so viel, aber wer könnte der Gelegenheit zu einem Saufgelage widerstehen, wenn die Mullahs gerade nicht hinsehen?'); in Syrien schläft er auf dem Rücksitz eines Taxis ein und erwacht im Irak. Und immerzu stellt er Fragen, manchmal auch laut."

Weitere Artikel: Sheila Fitzpatrick erinnert sich an ihre Studentenaustauschjahre in der Sowjetunion der späten 60er - einer Zeit, in der jeder Ausländer verdächtigt wurde und jeden Inländer verdächtigte, ein Spion zu sein. Mehrere Bücher über die italienische Malerei des 17. Jahrhunderts, insbesondere über Caravaggio und seinen Zirkel, hat Julian Bell gelesen. Christopher Prendergast porträtiert den französischen Ökonomen Frederic Bastiat, der im 19. Jahrhundert lebte und ziemlich vergessen war, von amerikanischen Konservativen und jetzt auch der Tea Party als ihr Held wiederentdeckt wurde. T.J. Clark besucht die Cezanne-Ausstellung in der Londoner Courtauld-Galerie.

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - London Review of Books

Julian Barnes gerät anlässlich einer "Madame Bovary"-Neuübersetzung durch die amerikanische Autorin Lydia Davis schwer ins Grübeln. Was erhoffen wir uns eigentlich so alles von einer Neuübertragung? "Was würde/sollte man wollen? Das Unmögliche, natürlich. Aber welche Art von Unmöglichem? Nun, zunächst würde man wohl wollen, dass sich das Buch nicht wie 'eine Übersetzung' liest. Man will, dass es sich liest, als wäre es im Original auf Englisch geschrieben - wenngleich, notwendigerweise, von einem Autor, der sich außerordentlich gut mit Frankreich auskennt. Man würde auch wollen, dass es nicht klirrt und surrt, während es pflichtbewusst jede einzelne Nuance wiedergibt und dadurch den Text in die Zurschaustellung eines Romans eher als einen Roman selbst verwandelt. Man würde wollen, dass das Buch in einem nach Möglichkeit dieselben Reaktionen hervorruft, die es auch in einem französischen Leser hervorruft (obwohl man auch einen gewissen Sinn für Distanz will, das Vergnügen, eine fremde Welt zu erkunden). Aber welche Sorte französischer Leser? Einer aus den späten 1850er oder aus den frühen 2010er Jahren? Würde man wollen, dass der Roman seine originalen Wirkungen hat oder soll ihnen die spätere Geschichte des französischen Romans beigemischt sein, darunter die Folgen, die die Existenz justament dieses Romans gezeitigt hat?"

Weitere Artikel: David Bromwich zeichnet das nicht sehr freundliche Porträt Barack Obamas als eines an den eigenen Ansprüchen ebenso wie an mangelndem Mut gescheiterten Halbzeit-Präsidenten. Peter Campbell liest die ursprünglich fürs Radio formatierte Buchausgabe von Neil McGregors "A History of the World in 100 Objects", eine Folge von Essays zu im British Museum ausgestellten Gegenständen. Die Frage, seit wann einzelne Jahrzehnte im Rückblick ihren je distinkten Charakter zugeschrieben bekommen, beschäftigt Andrew O'Hagan.

Magazinrundschau vom 02.11.2010 - London Review of Books

Einfach nur "atemberaubend" in ihrem blindwütigen Marktglauben findet Stefan Collini die Vorschläge der Browne Commission zur kompletten Umstülpung des britischen Universitätssystems. Das einzige Kriterium, das zählt, sind Innovation und Beitrag zum ökonomischen Wohlergehen. Wettbewerb ist alles, Kultur nichts: "Im Kern schlägt Browne vor, dass wir uns die höhere Bildung nicht mehr als öffentliches Gut vorstellen, das nach bestmöglichem Urteil zur Verfügung gestellt und von öffentlichen Geldern (in den letzten Jahren unterstützt von relativ niedrigen Studiengebühren) finanziert wird. Stattdessen sollen wir uns das System höherer Bildung als nur leicht regulierten Markt vorstellen, in dem der Bedarf der Verbraucher, in der Form der von den Studierenden getroffenen Studienwahl, souverän darüber bestimmt, was die Dienstleister für einschlägigen Service (d.h. die Universitäten) anbieten. Die bei weitem radikalste Einzelempfehlung des Berichts besteht darin, die aktuelle Unterstützung des Staats für die Lehre, derzeit rund 3,9 Milliarden Pfund, fast komplett zu streichen. Das ist etwas anderes als einfach nur eine 'Kürzung', und sei es eine drakonische: Es handelt sich vielmehr um das Signal für eine komplette Neudefinition der höheren Bildung und für den Rückzug des Staats aus der finanziellen Verantwortung."

Nach einer schweren Operation lauscht die Schriftstellerin Hilary Mantel in einer eindrucksvollen Beschreibung ihrer Krankenhauserfahrung unter anderem "dem jambischen Pentameter des Tröpfelns der Salzlösung, dem Alexandriner der Blutdrainage, dem süßen Klang der Epiduralsonette."

Weitere Artikel: Tim Parks bespricht Philip Roths neuen Roman "Nemesis", Michael Hofmann hat die Übersetzung von Thomas Bernhards Roman "Alte Meister" ("Old Masters") gelesen. Mit äußerster Skepsis betrachtet Jenny Diski das ökologische Weltrettungstraktat von Prinz Charles, das den Titel "Harmony" (Verlagsseite) trägt. Michael Woods Urteil zu David Finchers Facebook-Film "The Social Network" fällt eher gemischt aus.

Magazinrundschau vom 19.10.2010 - London Review of Books

In der Tate Modern gibt es eine große Gauguin-Retrospektive. Peter Campbell hat sie besucht und stellt einerseits fest, dass das Klischee von der friedlichen Unschuld der Südsee sich darin sicher nicht findet. Andererseits jedoch gelte: "Der Untertitel der Ausstellung ist 'Mythenschöpfer'. Das scheint zu implizieren, dass wir über die gewöhnlichen Fehleinschätzungen des Werks hinweggelangen und uns der Komplexität der Narrative, die Gauguin geschaffen und manipuliert hat, zuwenden sollten. Aber diese Form von Exegese scheint mir nicht unbedingt sinnvoll. Die besten der Gemälde haben ein eigenes Leben und wenngleich unsere Einschätzung dieses Lebens sich im Wandel der kulturellen Moden sicher verändert, ist es doch unkompliziert und direkt: Furcht im Gesicht eines Mädchens, das gelbe Kissen, auf dem sie liegt, der Schwindel, der einen überfällt, wenn man die Kuh in 'Über dem Abgrund' sieht, die blauen Schatten auf dem lila Sand - diese Dinge sind wie einfache Sätze, leicht zu lesen und noch leichter zu mögen und zu bewundern."

Weitere Artikel: Slavoj Zizek liest ein Buch von Richard McGregor über die Herrschaft der Kommunistischen Partei in China, erläutert dabei, wie diese als sozusagen nichtstaatliche Organisation die Spielräume für sich und die Wirtschaft offenhält und glaubt dennoch, dass, je mehr von Harmonie die Rede ist, desto größer das unterschwellige Chaos sein muss. Über den progressiven Liberalismus der britischen Liberaldemokraten denkt der Philosoph John Gray nach. Der ehemalige PLO-Vertreter Karma Nabulsi erzählt alte Heldengeschichten und beklagt den desolaten gegenwärtigen Zustand des palästinensischen Widerstands. Daniel Soar bespricht Lawrence Archers und Fiona Bawdons Studie "Ricin!" über einen Terroranschlag, der keiner war.

Magazinrundschau vom 05.10.2010 - London Review of Books

Sichtlich gern folgt Marina Warner den Ausführungen Laurie Maguires zur Geschichte der Sagenheldin Helena von einst bei den Griechen bis heute in Hollywood. Bei allen Aneignungen und Umdeutungen und Anverwandlungen, resümiert sie, bleiben doch die Griechen selbst am erstaunlichsten: "Man vergisst zu schnell die unüberwindliche Seltsamkeit der griechischen Geschichten. Es verblüfft einen ganz unfehlbar, wie brillant ihre Imaginationen sind und wie ingeniös sie eine mögliche Wirklichkeit konstruierten. Das Ei, aus dem Helena geschlüpft sein soll, wurde im ihren Brüdern Castor und Pollux (sie stammten aus dem zweiten Ei, das die Frucht der Vereinigung von Leda und Zeus war) gewidmeten Tempel auf Korfu ausgestellt. Pausanias erzählt uns, wie er dorthin reist und die Eierschale über dem Altar hängen sah, in Bänder geknüpft. Die einzige Reliquie Helenas auf Erden war wahrscheinlich ein Dinosaurierei."

Weitere Artikel: Zwar will James Lever, offensichtlich ein guter Kenner des Werks von Jonathan Franzen, gar nichtleugnen, dass der neue Roman "Freiheit" gut und an manchen Stellen hervorragend gemacht ist. Insgesamt aber ist es für ihn eher etwas wie eine "Fernseh-Miniserie: angenehm schlau, moderates Tempo, ein Cliffhanger hier und da." David Runciman liest die Memoiren Tony Blairs als Selbstzeugnisse eines Mannes, der nicht zuletzt daran scheiterte, dass er in den Griff zu bekommen versuchte und im Griff zu haben glaubte, was sich gar nicht in den Griff bekommen ließ. Besprochen wird außerdem Abbas Kiarostamis neuer Film "Certified Copy" mit Juliette Binoche, der für Michael Wood eine einzige Pein ist, aber eine der wohl auch beabsichtigten Art (hier drei Trailer zu dem Film).

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - London Review of Books

Elif Batuman hat mit viel Interesse Marc McGurls Buch "The Programme Era" über die Ära der "Creative Writing"-Programme in den USA zur Hand genommen. Einerseits ist er zunächst enttäuscht über die allzu affirmative Haltung des Autors dem Gegenstand gegenüber. Andererseits kommt ihm das offenkundig auch ganz recht für eine weit über die bloßen Schreibschulen hinausreichende Diagnose einer von Schuldkomplexen geplagten Kultur: "Ich glaube, dass der Grund für die in vielen der Texte so zentrale 'Scham' nichts anderes als der Beruf des Schriftstellers ist - und diese Scham betrifft McGurl nicht weniger als den Minimalisten Raymond Carver und die Maximalistin Joyce Carol Oates. Literarisches Schreiben ist unvermeidlich elitär und unpraktisch. Es heilt keine Krankheiten, beseitigt keine Ungerechtigkeit und man verdient in der Regel auch nicht genug damit, um sich philantropisch betätigen zu können. Und weil Schreiben im Verdacht des Narzissmus und des Überflüssigen steht, muss es vom Creative-Writing-Programm 'diszipliniert' werden... Die berühmtesten Schlagworte des einflussreichen Iowa-Programms - 'Töte deine Lieblingswendungen', 'Merze alle überflüssigen Wörter aus', 'Zeige statt zu erklären' ('Show, don't tell') - zeugen von dieser Idee des Schreibens als Sichgehenlassen, von der Vorstellung, es handle sich um einen Exzess, der in Anonyme-Alkoholiker-artigen Sitzungen unter Schmerzen überwunden werden muss."

Weitere Artikel: James Davidson liest eine Enzyklopädie griechischer Personennamen, informiert dabei nebenbei aber auch über die britische Laissez-Faire-Kultur der Namensgebung, der sich die lange strengen skandinavischen Länder und auch Deutschland nun annähern: "Schwedische Gerichte haben die Vornamen Google, Metallica und Q genehmigt, allerdings nicht Albin in der Schreibweise Brfxxccxxmnpcccclllmmnprxvclmnckssql-bb11116." Im "Tagebuch" denkt Jenny Diski in gewohnt geistreicher Manier über ihre Schwierigkeiten mit Begriffen wie "Glück" und "Aufrichtigkeit" nach. Peter Cambpell besucht die Eedweard-Muybridge-Ausstellung in der Tate Britain. Adam Shatz geht ins Gericht mit einem Atlantic-Artikel, der einen Bombenangriff Israels auf den Iran als unmittelbar bevorstehend schildert. Gesammelt werden noch einmal Stimmen zum Tod des großen britischen Literaturwissenschaftlers und Review-Stammautors Frank Kermode.