Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 45

Magazinrundschau vom 30.05.2014 - Guardian

In einem so inspirierten wie informativen 17-seitigen Artikel erklärt der amerikanische Juraprofessor Eben Moglen, wie sehr global spionierende Geheimdienste inzwischen unsere Demokratie bedrohen und was wir dagegen tun können. Moglen stellt dabei mehrere interessante Vergleiche an, darunter den der Überwachung mit der Sklaverei. Gegen beide war und ist Widerstand erlaubt, selbst wenn Gesetze diesen Widerstand verbieten: "Ein Teil unserer Tradition besagt, dass die Freiheit von unterdrückerischer Kontrolle allen Menschen überall zusteht, als Recht. Er besagt, dass Sklaverei einfach falsch ist, dass sie nicht toleriert oder gerechtfertigt werden kann, weil der Sklavenhalter Angst oder ein Sicherheitsbedürfnis hat. ... Wir sollten gegen die Methoden des Totalitarismus kämpfen, weil Sklaverei falsch ist. Weil die Überwachung der gesamten Menschheit durch Sklavenhalter falsch ist. Weil das Bereitstellen von Energie, Geld, Technologie und eines Systems, das die Privatsphäre aller Menschen auf der Welt kontrolliert, falsch ist." Dies aber, der Kampf gegen die Überwachung, sei - wie der Umweltschutz - nicht nur die Aufgabe einer Nation, sondern könnte nur gemeinsam in Angriff genommen werden. Und das bedeute auch: "Die deutsche Kanzlerin muss aufhören, über ihr Mobiltelefon zu reden und statt dessen darüber reden, ob es okay ist, die Telefonanrufe und Textnachrichten aller Deutschen an die USA zu liefern."

Auch in Indien rast die Zeit, aber niemand weiß wohin. Pankaj Mishra wütet im Guardian gegen Narendra Modi, der mit seiner BJP die Wahlen so eindeutig gewonnen hat. Und er schreibt: "Modis Image als ein Exponent von Disziplin und Ordnung baut auf die Erfolge wie auf die Versäumnisse des alten Regimes. Er bietet, von oben nach unten, Modernisierung ohne Moderne: Hochgeschwindigkeitszüge ohne jede Kultur von Kritik, die Effizienz des Managements ohne die Garantie gleicher Rechte. Und dieses stromlinienförmige Design für ein neues Indien ist verlockend für die wohlhabenden, von den bettelarmen Massen abgestoßenen Inder, denen die Demokratie schon lange ein Ärgernis ist, und für die technokratischen, leicht despotischen "Macher", wie Lee Kuan Yew, den ersten Premierminister von Singapur."

Weitere Artikel: Bemerkenswert findet es der Jurist Philippe Sands bei der Lektüre von Glenn Greenwalds "No Place to Hide", wie skrupulös Greenwald, Edward Snowden und Laura Poitras über die Legitimation ihrer Enthüllungen nachgedacht haben - im Gegensatz zu den britischen Medien: "Großbritannien braucht eine echte Debatte über die Macht des Staates, Information in dem Maße zu sammeln, wie Snowden berichtet, inklusive der Ziele und Grenzen." David Runciman denkt darüber nach, ob man Politiker durch Informatiker ersetzen sollte. Mehr als nur eine Steampunk-Mode sieht der Komponist Christopher Fox in dem Revival alter Aufnahmentechniken, gerade weil heute alle Musik der Welt jederzeit verfügbar und endlos ist.

Magazinrundschau vom 09.05.2014 - Guardian

Sukhdev Sandhu porträtiert die Musikerin Fatima Al Qadiri, deren Debütalbum "Asiatisch" auch den Standard und die taz in positive Schwingungen versetzte. Sandhu eröffnet ihren Text mit einem Zitat der im Senegal geborenen Kuwaiterin: ""Ich glaube an Geister", sagt Fatima Al Qadiri. "Ich glaube an böse Geister, die auf der Erde herumspuken. Ich rieche sie nicht und sehe sie nicht, aber ich fühle sie - vor allem in Kuwait. Es ist einer der spukhaftesten Orte auf der Welt. Trotz all des Betons und der Schnellstraßen und Esplanaden. Es ist sehr gruselig. Wir haben griechische Ruinen in Kuweit. Alexander der Große hat heilige Tempel auf einer unserer Inseln gebaut. Ich fühle dort immer so etwas wie Furcht. Sogar in meinem Haus. Es dauert Stunden, bis ich einschlafen kann. Und die Musik ist auch eine Art Geist: es geht um heraufbeschworene Erinnerungen, Erscheinungen, etwas, das dich an deine Vergangenheit erinnert.""

Magazinrundschau vom 16.05.2014 - Guardian

Die Schriftstellerin A.S. Byatt versucht hinter das Geheimnis von Edmund de Waals Keramiken zu kommen, die sie zwischen Malewitschs Konstruktivismus und der Poesie von Wallace Stevens ansiedelt: "De Waal sagt, der Anfang eines Gefäßes sei kreisförmig, ein O, ein Klumpen Ton, der sich auf einem kreisförmigen Rad dreht und in seinen Händen zu einer fortgesetzten Serie zylindrischer Formen wird, alle gleich und doch verschieden, jede verändert unmerklich das nächste Gefäß in der Gruppe und damit die ganze Serie. So fein Ton auch gearbeitet wird, er ist auf eine Art konkret wie es eine abstrakt gemalte Form nicht ist. Die unterschiedlichen Kulturen haben sich Menschen immer als aus Ton geschaffen vorgestellt, von der Erde, irdisch, seine Gestalt gewinnt er aus formlosen Staub und zu Staub kehrt er zurück, durch Wasser, Form und Feuer."

Außerdem druckt der Guardian eine Rede des Schriftstellers Will Self, der diesmal den wirklichen und endgültigen Tod des Romans konstatiert.

Magazinrundschau vom 25.04.2014 - Guardian

Anlässlich der vergangene Woche eröffneten Retrospektive "A Grin Without a Cat" in der Londoner Whitechapel Gallery widmet Sukhdev Sandhu dem französischen Künstler, Autor und Filmemacher Chris Marker (1921-2012) ein ausführliches Porträt: "Seine Faszination für die Fähigkeit neuer Technologien, die Vorstellungen von Identität, sozialen Verbindungen und dem Wesen von Erinnerung zu transformieren, macht ihn zu einem frappierend zeitgemäßen Künstler. Sein Selbstverständnis als "bricoleur", als Sammler bereits bestehenden Bildmaterials, trifft den Nerv einer Zeit, in der das Aufspüren, Anordnen und Kuratieren von Bildern so wichtig geworden ist wie ihre Erschaffung. Seine Vorliebe, auf altes Material zurückzugreifen und es in neuen Zusammenhängen zu verwenden, entspricht den nie dagewesenen Möglichkeiten unserer Epoche, Dinge nicht nur in riesigen digitalen Archiven zu speichern, sondern sie auch über verschiedene Formate hinweg endlos neu zu kontextualisieren." Hier Markers innovatives Coverdesign für die Reiseführerreihe "Planète travel" (1954-58):



Außerdem: Grau ist das neue Schwarz, behauptet Hannah Marriott. Man muss sich ja nur mal umsehen. "Aber Grau ist für jeden etwas anderes. Für Julia Sarr-Jamois, Moderedakteurin des Magazins Wonderland, ist Grau oft dunkel und neutral, ein Gegengewicht zu leuchtenden Farben. Für Caterine Roitfeld ist Grau smart und geschneidert, die Chefin der französischen Vogue, Emmanuelle Alt, bevorzugt helles kieseliges Grau. Für Rihanna ist kreidehelles Grau - mit seiner Erinnerung an die Sportswear der späten Siebziger - der heilige Gral. Wenn dieser Style Set sich anhört, als nähme er Grau ernst, dann müssen Sie erst mal den Showroom von Farrow & Ball besuchen, wo gut betuchte Paare flüsternd Farben mit Namen wie Cornforth White, Mausrücken und Taube diskutieren. Das sind wirklich ernsthafte Farben, die nach Schattierungen benannt sind, die die Bloomsbury Gruppe bevorzugt hat (Charleston Grau) oder beschrieben werden als "angelehnt an die elegante Farbe, die man im Schweden des 18. Jahrhunderts unter Gustav III. bevorzugte (Lampenzimmergrau)"."

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - Guardian

Emma Brockes porträtiert in der Guardian Book Review die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren neuer Roman "Americanah" gerade erschienen ist. In den USA, erzählt Adichie, fühlte sie sich eher als Frau denn als Schwarze zurückgesetzt. Den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus erklärt sie so: "Obwohl es eine ganze Menge sexistischen Mist in Nigeria gibt, legen die Frauen im Westen viel mehr Wert darauf, gemocht zu werden. Und als Frau gemocht zu werden, hat eine gewisse Bedeutung. Wenn in Nigeria eine Frau bei der Arbeit der Chef ist, dann kämpft sie. Die Leute, die für sie arbeiten, Männer wie Frauen, respektieren sie. Aber wenn sie nach Hause geht, wird dieselbe Frau bereitwillig alle Gender-Stereotype erfüllen. Und in der Öffentlichkeit wird sie sagen müssen: "Mein Mann unterstützt mich und erlaubt mir ...""

Magazinrundschau vom 14.03.2014 - Guardian

Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, ruft dazu auf, eine Magna Carta für das Internet zu entwerfen, die es vor den immer schamloseren Eingriffen von Staat und Unternehmen schützt: "Genau 25 Jahre, nachdem er seine ersten Vorschläge für ein weltweites Netz zu Papier brachte, erklärte der Informatiker: "Wir brauchen eine globale Verfassung - eine Erklärung der Menschenrechte." Berners-Lee Plan einer Magna Carta ist Teil der Initiative "the web we want", die alle Menschen dazu aufruft, in allen Ländern eine Erklärung digitaler Menschenrechte zu verfassen - einen Katalog von Grundsätzen, die seiner Hoffnung nach von öffentlichen Institutionen, Regierungsvertretern und Unternehmen unterstützt wird."

Erben wie Mary-Kay Wilmers gibt es in Deutschland nicht, gesegnet mit Geld und Verstand! Im Guardian porträtiert Elizabeth Day die 75-jährige Herausgeberin der grandiosen London Review of Book: "Bei allem Erfolg schafft es die LRB kaum, Geld zu machen. Sie verdankt ihre beständige Existenz Wilmers" Großzügigkeit, die regelmäßig Gelder aus ihrer Familienstiftung abzapft. Ihr deutscher Vater war der Gründer eines multinationalen Energieunternehmens und die Vorfahren ihrer Mutter waren russische Juden, zu denen der Psychoanalytiker Max Eitington gehörte wie auch Leonid Eitington, ein stalinistischer Agent, der als Mastermind hinter der Ermordung von Leo Trotzki stand."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - Guardian

Luke Harding erzählt von all den gespenstischen Begegnungen und Erlebnissen, die ihm beim Schreiben seines Buchs "The Snowden Files" wiederfuhren: "Ich schrieb gerade an einem Kapitel über die engen und weithin geheimen Beziehungen der NSA zum Silicon Valley. Ich schrieb, dass Snowdens Enthüllungen die amerikanischen Hightech-Unternehmen an einer empfindlichen Stelle getroffen hätten - als etwas Seltsames passierte. Der Absatz, den ich gerade geschrieben hatte, begann sich selbst zu löschen. Der Cursor bewegte sich schnell von links und verschland den Text. Ich sah, wie meine Wörter verschwanden. Als ich versuchte, mein Open-Office-Dokument zu schließen, begann die Tastatur zu blinken und piepsen. In den nächsten Wochen ereigneten sich diese Fälle von Fernlöschung mehrere Male. Es gab kein festes Muster, aber es schien immer dann zu passieren, wenn ich abschätzig über die NSA schrieb. Alle Autoren bereiten sich auf Kritik vor. Aber eine Kritik vor der Veröffentlichung von einem anonymen, göttlichen Unbekannten ist etwas Neues."

Außerdem: Schriftsteller wie Ian McEwan, Hari Kunzru und Deborah Levy feiern das achtzigjährige Bestehen der britischen NGO Liberty. Auch Edward Snowden schickt ein paar Zeilen: "Heute kann kein normaler Mensch mehr telefonieren, einem Freund eine E-Mail schreiben oder ein Buch bestellen, ohne dass über seine Aktivitäten Aufzeichnungen erstellt werden, archiviert und analysiert von Leuten, die befugt sind, einen ins Gefängnis zu stecken oder Schlimmeres. Ich weiß das, ich saß an diesem Schreibtisch. Ich habe die Namen eingegeben."

Und Julian Barnes warnt, Freiheit sei sehr wohl teilbar. Wir erlebten es jeden Tag: "Sobald ein Politiker behauptet, dass anständige, gesetzestreue Bürger von einer bestimmten Maßnahme nichts zu befürchten haben, können wir sicher sein, dass gerade jemand einen kleineren oder größeren Teil seiner Freiheit verliert."


Magazinrundschau vom 31.01.2014 - Guardian

Masha Gessen beschreibt in einer beeindruckenden Reportage, was die beiden Musikerinnen von Pussy-Riot, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa, während ihrer Haft aushalten mussten und wie sie dabei zu Anwältinnen und Dissidentinnen einer Justizreform wurden. Aber auch Putins Regime habe sich geändert: "In diesem Moment seiner Geschichte ist Russland zugleich viel düsterer und kontrastreicher: Putin und die Kirche haben nicht nur der Opposition den Krieg erklärt, sondern der Moderne selbst. Der Prozess gegen Pussy Riot war die erste große Schlacht dieses Kriegs. Während ich mit Nadja und Maria im Gefängnis korrespondierte und beobachtete, wie sie bei den Gerichtsanhörungen kämpften, die den großen Prozessen folgten, fragte ich mich, ob sie gewappnet wären für die Realität, die sie nach ihrer Freilassung erwarten würde. Selten hat sich ein Land - schon gar nicht Russland - in zwei Jahren so grundlegend verändert."

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - Guardian

Der britische Autor Will Self lässt in einem ellenlangen Essay seinen Gedanken zur Englishness und ihrem Wandel in den letzten zwanzig Jahren freien Lauf: "Englishness ist eine Praxis - eine Art, an Dinge heranzugehen - und zugleich eine Art, etwas ins Englische umzuwandeln, was es bisher nicht war - Shish Kebab, Zwiebel-Bhajji, Ackee und gesalzenen Fisch. Das Problem der Englishness besteht darin, dass sie mitunter zu viel ist und zu unterschiedslos, das ist nicht gesund für einen alternden Nationalcharakter. Fish and Chips (ein gutes Beispiel für englische Praxis: belgische Pommes, gemischt mit aschkenasischem Bratfisch) wurde traditionell in Zeitungspapier eingewickelt; aber es entspringt nicht meiner Parteilichkeit als Journalist, dass ich glaube, die Engländer hätten besser daran getan, das Essen loszuwerden und die Verpackung zu behalten. Zumindest hätte ich gewünscht, das sie das getan hätten, wäre ihr großer und leidenschaftlicher Glaube an die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Presse - wie so vieles, das bis ins Mark Englisch ist - nicht ein Mythos."

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - Guardian

Stuart Kelly trifft in Oxford den SF-Autor Brian Aldiss zum Interview, der über Tolstois "Auferstehung" zum Vegetarier wurde, die erfolgreichsten Bücher aus purer Verzweiflung schreibt und es sehr genießt, unter Alleswissern zu leben: "Am liebsten sind mir meine 'Helliconia'-Bücher aus den frühen Achtzigern (die Romane unternehmen den dramatischen Versuch, die Geschichte einer ganzen Zivilisation zu erzählen, und beschreiben einen Planeten, auf dem die Jahreszeiten Äonen dauern), an ihnen habe ich sehr hart gearbeitet. Zwei Jahre lang habe ich nichts als Fragen gestellt! Der Vorteil am Leben in Oxford ist, dass man an jede beliebige alte Tür klopfen kann, und wenn sich die Tür öffnet und die Spinnweben aufreißen, dann steht da jemand, der einfach alles zum Thema so und so weiß. Einmal war ich Mittagessen mit dem Rektor eines Colleges, der eine Geschichte der Welt geschrieben hatte. Ich fragte ihn, ob eine Zivilisation 5.000 Jahre überdauern kann und er gab mir eine sehr brauchbare Antwort: 'Es kommt darauf an.'"

Außerdem: Julian Barnes kürt John Williams' tieftraurigen Roman "Stoner", der gerade in Europa, nicht aber in den USA, wiederentdeckt wird, zum Buch des Jahres. Michael Newton sieht noch einmal Stanley Donens Film "Charade", den letzten Hollywoodfilm mit Charme und Anmut. Rachel Cooke erzählt, dass "Emil und die Detektive" ihr erstes Lieblingskinderbuch war. Besprochen werden u.a. Roger Knights Geschichtsband "Britain Against Napoleon: The Organisation of Victory, 1793-1815" und Hannah Greigs Kulturgeschichte "Beau Monde: Fashionable Society in Georgian London".