Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.06.2006. Edward Said rotiert im Grabe - und die internationale Geisteswelt drumherum. Die London Review of Books findet Robert Irwins Buch gegen Said interessant, aber leicht daneben. Al Ahram rettet Said vor den Angriffen prowestlicher muslimischer Exilanten. In Il Foglio proklamiert Pierre Nora die Überlegenheit der Erinnerungskultur über die Moderne. Der Economist betrachtet Wolkenkratzer in Dubai. Im Figaro erinnert Maurice Druon an die universale Mission des Französischen. Der Spectator geht essen mit einem König. Elet es Irodalom erklärt die juristischen Tücken der Klage Bosnien-Herzegowinas gegen Serbien vor dem UN-Gerichtshof. Im Guardian verteidigt Orhan Pamuk eine verfolgte türkische Journalistin, die die Wehrdienstverweigerung als Menschenrecht proklamierte. Die New York Times feiert eine Geschichte der Faulenzer.

London Review of Books (UK), 08.06.2006

Die amerikanische Historikerin Maya Jasanoff setzt sich ausführlich mit Robert Irwins gegen Edward Saids berühmtes "Orientalismus"-Buch gerichtete Studie "For Lust of Knowing: The Orientalists and their Enemies" auseinander. Irwin setze gegen Saids These vom Orientalismus als Produkt des Imperialismus eine naive Wissenschaftsgläubigkeit, die verkennt, dass niemand im luftleeren Raum agiert, schreibt Jasanoff und bedauert, dass Irwin sich nicht direkter den Motivationen der frühen Orientalisten befasst: "Oft fühlen Menschen, die sich mit anderen Kulturen beschäftigen, eine Anziehung für diese 'Andersheit'. Dass so viele von Irwins Orientalisten Außenseiter, Randfiguren und Nonkonformisten waren, müsste uns einladen nach ihren psychologischen Beweggründen für ihre Studien (also tatsächlich nach 'Lust') zu fragen. Gerade die überproportional starke jüdische Komponente, die nicht allein durch die Verwandtschaft des Hebräischen und des Arabischen zu erklären ist, verdient aufmerksamere Betrachtung, vor allem als Gegenargument zu Saids provokanter Verbindung des Orientalismus mit dem Zionismus."

Nicht Saddam, sondern Bush ist der neue Hitler, meint der Bostoner Historiker Andrew Bacevich, der sich auf ein Buch von Michael Gordon und Bernard Trainor stützt: "Cobra II: The Inside Story of the Invasion and Occupation of Iraq" (mehr hier). "Für die Architekten des Krieges 'war der Irak keine Gefahr, der es entgegenzuwirken galt, sondern eine strategische Gelegenheit', weniger ein Ziel als ein Ausgangspunkt. In ihren Augen war 2003 nicht 1945, sondern 1939: kein Höhepunkt, sondern das Eröffnungs-Gambit eines großen und größtenteils vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen Unternehmens. Den Andeutungen, Saddam sei ein neuer Hitler zum Trotz sahen sie Bagdad nicht als ein Berlin, sondern als ein Warschau - als ein Etappenziel. "

Al Ahram Weekly (Ägypten), 01.06.2006

Der in New York lehrende Iranologe Hamid Dabashi bietet in einem ellenlangen Artikel den ganzen Apparat westlicher Kulturkritik von Roland Barthes bis Edward Said auf, um vor der Lektüre prowestlicher Bücher von Exilautoren aus islamischen Ländern zu warnen. Besonders schimpft er über Azar Nafisis Buch "Reading Lolita in Tehran" (mehr hier), das von Saids Gegenspieler Bernard Lewis gelobt worden war: "Da Edward Said das Gebäude des Orientalismus schleifte, wurde Azar Nafisi rekrutiert, um es wieder aufzurichten. Aus diesem Grund greift Nafisi in ihrem Buch dem Lob Lewis' vor und stellt eine der dämonischen Personen in ihrem Buch als Unterstützer Edward Saids dar - und identifiziert so einen der am meisten gefeierten Intellektuellen seiner Generation mit den rückwärtsgewandten Gefühlen einer Theokratie. Und dies alles um Bernard Lewis günstig zu stimmen für eine Necon-Debütantin."

Ferner: Im Rückblick auf Cannes prophezeit Samir Farid dem als Flugzeugentführer Jarrah in Greengrass' "United 93" zu sehenden anglo-ägyptischen Schauspieler Khalid Abdalla eine große Karriere ("ein zweiter Omar Sharif"). Und Nevine El-Aref erörtert die heikle Frage, ob die Büste der Nofretete einst in ihre Heimat zurückkehren wird.

Foglio (Italien), 03.06.2006

Für den französischen Historiker Pierre Nora hat die wachsende Kultur der Erinnerung, der Gedenkfeiern und der Vergangenheitsschau die Rolle der Moderne übernommen. "Die Moderne stellte bis vor kurzem immer den Motor einer dynamischen Geschichte dar. Das Erinnern war nur ihr bleicher Schatten. Mit dem Heraufkommen der oben beschriebenen sogenannten 'Erinnerungsmoderne' ist es zu einer kompletten Umwertung dieser beiden Kategorien gekommen. Heute ist das Konzept der Moderne entwertet, leblos und in einem gewissen Sinne 'mittelalterlich'. Die Moderne, wie sie heute aufgefasst wird, scheint tatsächlich die Wiederkehr des Archaischen zu betreiben und nicht den Fortschritt. Das Erinnern hingegen in seiner neuen Bedeutung wird mit Dynamik und Entwicklung assoziert. Nun müssen wir noch herausfinden, ob diese Umwertung den Weg zum Besseren oder zum Schlimmeren öffnet." Hier gibt es einen grundsätzlichen Aufsatz zu Noras Theorie der Erinnerungskonjunktur.
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Stichwörter: Gedenkfeiern, Pierre Nora

Outlook India (Indien), 12.06.2006

Das Titeldossier zur WM stellt klar: Indien liebt den Fußball (wenn's auch keinen Blumentopf gewinnt). G. Rajaraman schätzt die Zahl der TV-Zuschauer auf 120 Millionen!

Dass Bollywood nicht nur dem indischen Bruttoinlandsprodukt gut tut, weiß ein Beitrag von T. R. Vivek. Das Ausland schmiert indischen Filmproduzenten ordentlich Honig ums Maul - ohne allzu selbstlos zu sein, versteht sich: "Die Tourismuszentralen in Ländern wie Malaysia, Neuseeland, Südafrika oder Kanada locken mit Steuererleichterungen, logistischer Unterstützung und frei verfügbaren Schauplätzen, um ihr Land einem 17-Millionen-Publikum zu präsentieren ... Denn wo immer Bollywood ist, lässt der indische Tourist nicht lang auf sich warten."

Weitere Artikel: Namrata Joshi bespricht den Film "Fanaa" mit dem umstrittenen Schauspieler Aamir Khan. Und Chander Suta Dogra hält das in einigen indischen Staaten von der christlichen Minderheit angezettelte Verbot des Hollywoodstreifens "The Da Vinci Code" für politisches Kalkül.

Economist (UK), 03.06.2006

Der internationale Wolkenkratzerboom reißt nicht ab und wird durch neue Technologien noch beschleunigt, berichtet der Economist in einem interessanten Hintergrundartikel. Er führt aber auch zu Absurditäten: "In Dubai stehen die Wolkenkratzer rechts und links entlang der Sheikh Zayed Road. Hinter ihnen erstreckt sich die unendliche Wüste. Der internationale Stil, der hektarweise Glas vorsieht, ist hier nicht immer sinnvoll. In Teilen Nordamerikas, wo er zuerst auftauchte, funktioniert er gut, aber am Golf verlangen diese riesigen Gewächshäuser Unmengen von Energie, um sie kühlen, und die Ingenieure müssen Wege finden, um das Licht draußen zu halten.- Manche Architekten haben Designs mit Betonmauern und kleinen Öffnungen vorgeschlagen, die an die frühe islamische Architektur erinnern. Aber das sieht nicht gut aus..."

Das Titeldossier des Economist (Editorial) ist in dieser Woche der Frage gewidmet, ob Indien fliegen kann. Außerdem hat der Economist ein Lifestyle-Sonderheft unter dem Titel "Intelligent Life" herausgebracht. Darin ein Artikel über das neue Mekka für führende Restaurants: San Sebastian.
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Stichwörter: Dubai, Wolkenkratzer

Figaro (Frankreich), 02.06.2006

Das Französische befindet sich in einem glücklichen Aufschwung, behauptet Maurice Druon auf den Meinungsseiten des Figaro - das muss er aber auch, denn als Vorsteher der Academie francaise ist er für solche Erfolge zuständig. In seinem Artikel beklagt er sich allerdings vor allem über das mangelnde Engagement der französischen Regierung und erinnert noch mal daran, warum die Völker der Welt auf das Französische warten: "Die Globalisierung erlaubt es der Wirtschaftsmacht der Vereinigten Staaten, den Planeten mit seinen kulturellen Produkten und Nichtigkeiten zu überschwemmen. Und die Völker machen sich mehr oder weniger bewusst Sorgen über eine sterile Uniformisierung, in der sich ihre Persönlichkeit, ihr Erbe, ihre Differenzen auflösen. Daher eine Rückkehr zu der anderen universellen Kultur, zur älteren, humanistischeren - nämlich der französischen und also auch zu ihrer Sprache. Das Französische wird zur Garantie für das Überleben einer Vielfalt von Kulturen."

In einer ausführlichen Bittschrift fordert eine Reihe französischer Wissenschaftler und Intellektueller - darunter die Historiker Jean-Pierre Azema, Pierre Nora, Jacques Le Goff und der Schriftsteller Max Gallo - die Überführung der sterblichen Überreste des Historikers und Mitbegründers der Zeitschrift Annales Marc Bloch (1886-1944), der von der Gestapo erschossen wurde, ins Pantheon. Der "mit Sicherheit einer der bedeutendsten französischen Historiker" jüdischer Abstammung habe es nach der Okkupation trotz eines Angebots aus den USA vorgezogen, in Frankreich zu bleiben und "nur einen einzigen Gedanken" gehabt: Widerstand. Die Bittschrift endet mit dem Satz: "Monsieur le president de la Republique, wird es nicht Zeit, dass dieses Mannes gedacht wird, wie er es verdient, und ihm Ehre erwiesen wird."
Archiv: Figaro

New Yorker (USA), 12.06.2006

Als Teil seines Sommer-Erzählungsspecials bringt der New Yorker vier Beschreibungeb über das Lebens in Kriegszeiten. Zu lesen sind Texte von Chimamanda Ngozi Adichie über Sierra Leone 1997, Tony D'Souza über die Elfenbeinküste 2000, Aleksandar Hemon über Jugoslawien 1991, Neal Sheehan über Vietnam 1966 und Wendell Stevenson über den Irak im Jahr 2004: Er saß mit einer Gruppe Journalisten im Cafe eines Hotels und sie tauschten Horrorgeschichten aus. "Die Diskussion kreiste wie die Whiskyflasche. Die Spanier wollten ihre Truppen abziehen; Dolmetscher würden auf dem Highway über den Haufen geschossen; es gebe Todesdrohungen und Scharfschützen auf den Dächern von Sadr City. (...) Später, betrunkener, glitt die Diskussion ab und drehte sich um Scheiß-Dschihads, blutpredigende Imame und diese gottesverrückten Idioten, die anderen die Köpfe abhackten. Habt ihr gesehen, dass sie Enthauptungen jetzt auf ihren Handy-Displays zeigen? Stop: Lasst uns über Coetzee, Orwell und V. S. Naipaul reden und warum Chalabi so ein Dummkopf ist. Es ergab sich eine politische Diskussion und mir fiel auf, dass wir Ausländer sehr wenig kapierten."

Weiteres: Alex Ross schreibt über die Abschiedsgala für den General Manager der Metropolitan Opera Joseph Volpe. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "My Parents' Bedroom" von Uwem Akpan.

Elizabeth Colbert bespricht wird eine Biografie über den Gouverneur von Louisiana, Huey P. Long, der im Jahre 1930 den Onkel seiner Sekretärin und Geliebten offenbar kurzerhand entführen ließ ("Kingfish: The Reign of Huey P. Long", Random House). Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über Tamerlan, einen indischen Warlord des 14. Jahhrunderts. Nancy Franklin stellt die TV-Westernserie "Deadwoods" vor, und David Denby sah im Kino "A Prairie Home Companion" von Robert Altman und Garrison Keillor und den "epochalen Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" über Al Gore von Davis Guggenheim.

Nur im Print: Auszüge aus Briefen, E-Mails und Tagebüchern von Soldaten aus dem Irak, das Porträt eines Kampfpiloten und Dichters, eine Erzählung von Italo Calvino und Lyrik.
Archiv: New Yorker

Spectator (UK), 03.06.2006

"Sei niemals schrecklich in einem schrecklichen Film". Tim Walker trifft den Schauspieler Christopher Lee (der bisher in satten 257 Filmen aufgetreten ist) im Le Caprice in St James. "In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich dort schon mit einer Reihe von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Größen gegessen und selbstverständlich haben die Kellner nicht mal eine Augenbraue gehoben. Bis vor kurzem, als ich dort mit einem Mann dinierte, der das Restaurant fast zum Zusammenbruch brachte. Jeder schaute auf diese königlich hochgewachsene Figur, als sie hereinkam. Als er ging, stellten sich die Kellner in einer Linie auf, um ihn zu verabschieden. Sie haben das nicht einmal für Diana getan, aber sie taten es für Christopher Lee. Am 27. Mai hat er seinen 84. Geburtstag gefeiert, und wie nicht viele achtzigjährige Schauspieler kann er von sich behaupten, sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu befinden."

Allister Heath berichtet über die zunehmende Verfolgung von nicht-schiitischen religiösen Minderheiten im Iran. "Während das Regime Israel hasst, wäre die Festnahme von Juden der beste Weg, um einen internationalen Aufschrei zu provozieren. So wurde ein Ersatzfeind gefunden: die Baha'i Religion, die im 19. Jahrhundert im Iran gegründet wurde (mehr). Ihre Vorfahren konvertierten vom Islam, somit sind sie Apostaten. Und weil der Baha'i Glaube sein Hauptquartier in Israel hat, werden sie fälschlicherweise beschuldigt, Zionisten oder amerikanische Spione zu sein. Im Gegensatz zu Christen, Juden und Zoroastriern (mehr) - die als anerkannte Religionen wenigstens eine gewissen Schutz durch die Verfassung genießen - sind die 300.000 Baha'is im Iran offiziell 'ungeschützte Ungläubige' oder eine 'irregeleitete Sekte' und deshalb die Niedrigsten der Niedrigen."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Sekten

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.06.2006

Erstmals verklagt vor dem UN-Gerichtshof in Den Haag ein Staat einen anderen wegen Völkermord: Bosnien-Herzegowina hat 1993 gegen Serbien Klage eingereicht. Doch wenn Serbien wegen Völkermordes verurteilt wird, werden auch die Kosovo-Albaner und andere Minderheiten Serbiens als Täter verurteilt, sagt Tibor Varady im Interview, Professor der Central European University und Vertreter Serbiens im Rechtsstreit. Zugleich würden "die bosnischen Serben, die in der Klage als Hauptverantwortliche genannt wurden, plötzlich als Opfer gelten, weil sie im Dayton-Vertrag von 1995 Teil eines Staates wurden, der die Klage einreichte. Diese Wendung ist in der europäischen Geschichte beispiellos: es ist, als ob sich Deutschland und Polen vereint hätten und gegen Österreich wegen Mitschuld am Holocaust klagen würden."

Guardian (UK), 03.06.2006

Der Autor Orhan Pamuk solidarisiert sich mit der Kolumnistin Perihan Magden, die wieder einmal verklagt wurde - diesmal von der Armee wegen des angeblichen Aufrufs zur Wehrdienstverweigerung. "In der betreffenden Kolumne mit den Titel 'Verweigerung aus Gewissensgründen ist ein Menschenrecht' verteidigte sie Mehmet Tarhan, der großen Ärger bekam, als er den Militärdienst mit Hinweis auf sein Gewissen verweigerte. Sie erinnert ihre türkischen Leser daran, dass die UN die Verweigerung aus Gewissensgründen seit den siebziger Jahren als Menschenrecht anerkannt hat, und dass unter den Unterzeichnern des europäischen Rats nur die Bürger von Aserbeidschan und der Türkei dieses Recht nicht genießen. Mehmet Tarhan ist Homosexueller, und da die türkische Armee Homosexualität als Defekt oder Behinderung auffasst, hätte er aus dem Wehrdienst ausscheiden dürfen, wenn er einer medizinischen Untersuchung zugestimmt hätte. Aber er weigerte sich, sich einer so falschen und entwürdigenden Behandlung zu unterziehen." Der Prozess gegen Magden beginnt am 7. Juni.

Weiteres: Der Schriftsteller Colm Toibin erzählt, wie Henry James zu seiner berühmten Geistergeschichte "The Turn of the Screw" (zum Nachlesen) kam und wie er fast verzweifelte, dass es seinen schottischen Sekretär beim Diktat nicht gruselte. Tom Stoppard berichtet im Titel von der unglücklichen Jugendliebe des Dichters AE Housman. Tristram Hunt verreißt Niall Fergusons Abriss des gewaltsamen 20. Jahrhunderts.
Archiv: Guardian

Drei Raben (Deutschland), 01.06.2006

Die neue Ausgabe der einzigen deutschsprachigen Kulturzeitschrift Budapests konzentriert sich auf die jüngsten Schriftsteller des Landes. Der Titel lautet: jung und ungar.

Chefredakteur Wilhelm Droste beschreibt das Lebensgefühl der heute Dreißigjährigen: "Die heutige Jugend hat es ungleich schwerer, sich emotional und bewusst im Chaos einer Gesellschaft zu finden oder gar zu orten, die nicht nach Heroen, sondern nach nüchternen und anpassungsfähigen Arbeitskräften verlangt, um aus der unendlich ermüdenden Aufgabe des Nachholens und Übergangs in ein Stadium zu gelangen, das wieder eigene Identität zulässt und fordert. Ungarn ist ein Beitrittsland, das Beitreten aber ist alles andere als eine ungarische Fähigkeit. Das führte zu einer massiven Identitätskrise fast aller Bewohner des Landes, die vor 1989 in ihrer Mehrheit stolz und selbstbewusst glaubten, im Kopf eine Vorstellung von Gesellschaft zu haben, die das real existierende Elend des Kadar-Sozialismus in ein blühendes Paradies verwandeln könnte. All diese Menschen leben gegenwärtig in einer nicht enden wollenden Verkaterung. Aus dem kurzen Rausch vorgestellter Freiheit erwuchsen nichts als Kopfschmerz und Übelkeit."

Die neue Schriftstellergeneration wird sowohl von den "Vätern" als auch von den jüngeren Lesern nur schwer verstanden, schreibt die junge Autorin Zsofia Szilagyi: "Das Verhältnis der Generationen wird dadurch noch komplexer, dass die in den siebziger Jahren geborenen Autoren durch eine scharfe Grenze von ihren gerade in die Rolle des Lesers hineinwachsenden, in den achtziger Jahren und danach geborenen Lesern getrennt sind: Die in der Kadar-Ära verbrachte Kindheit, die Jahre als Pioniere, die Aufmärsche am Ersten Mai, die Erinnerung daran, dass man Bananen nur unter der Hand bekommen konnte, machen auch den jungen Schriftsteller zu einem Zeugen einer vergangenen, beinahe unvorstellbaren Welt."

Weiteres: sehr schöne Fotos über das Budapester Nachtleben von Marton Vizkelety und ein Überblick über die junge ungarische Literatur mit Erzählungen von Andras Cserna-Szabo, Krisztian Grecso und György Dragoman und Gedichten von Orsolya Karafiath, Krisztian Peer und Janos Terey.
Archiv: Drei Raben

Times Literary Supplement (UK), 31.05.2006

Exzentrische Brillanz bescheinigt Richard Vinen Simon Winders Buch "The Man Who Saved Britain" über den Agentenkönig James Bond. Ian Flemings Doppelnull hat wenig mit den Filmen zu tun. "Bond selbst ist eine grausame, aber tragische Figur. Er hat Menschen kaltblütig umgebracht und seine Ansichten über Sex könnten aus einem späten Beckett-Monolog stammen: 'Bett, dann mehr Bett, dann weniger Bett, dann Langweile, Tränen.' Bonds Attraktivität in 'Casino Royale' rührt hauptsächlich daher, dass wir so wenig von ihm wissen. Bald jedoch wissen wir zuviel. Seine Tarnung als Verkäufer für Universal Export ist nur allzu überzeugend. Man kann sich das Grauen der Menschen vorstellen, die auf einem Langstreckenflug neben ihm sitzen und die, während ihnen Bond endlos seine Meinung vorträgt, die düstere Vorahnung beschleicht, dass seine Hauptinteressen tatsächlich Autos und Golf sind."
Stichwörter: James Bond, James Bond

Revista de Libros (Chile), 02.06.2006

Der vor einiger Zeit von El Pais geschasste spanische Literaturkritiker Ignacio Echevarria bricht eine Lanze für das aussterbende Genre der literarischen Polemik: "Wovon sprechen wir, wenn wir von Literatur sprechen? Nachdem die wohlerzogenen jungen Schriftsteller, wie von Roberto Bolano noch zu Lebzeiten treffend beschrieben, heute weniger Wert auf die Anerkennung durch ihresgleichen als auf Anerkennung durch die politischen Instanzen (egal welcher Couleur) und, durch diese vermittelt, auf die Anerkennung durch das Publikum, soll heißen: die Buchkäufer legen, ist jede Form von Streit oder Polemik zwischen Schriftstellern, mag deren Anlass auch scheinbar nichtig sein, nur zu begrüßen: Schließlich verweist ein solcher Disput darauf, dass, jenseits des Marktes und über alle noch so erbärmlichen persönlichen Motive hinaus, immer noch ein schmales Terrain der Repräsentation existiert, von dem aus die Literatur Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs nimmt; darum zu streiten ist manchen Schriftstellern offenbar weiterhin der Mühe wert."
Stichwörter: Roberto Bolano

New York Times (USA), 04.06.2006

Dave Barry hat sein Buch der Saison gefunden. Mit Tom Lutzs Geschichte der Faulenzer "Doing Nothing" (Leseprobe) hält er die Legitimation fürs Dolcefarniente in Händen. Beweist es doch, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtstun fließend sind in einer Gesellschaft, in der kaum jemand etwas macht, das zweifelsfrei Arbeit ist, Kohle schürfen zum Beispiel: "Bei vielen wäre der gesellschaftliche Effekt, hörten sie für Monate oder gar Jahre auf 'zu arbeiten', gleich null (siehe Berater, Redakteure, Paris Hilton)." Wer unbedingt wissen will, warum wir es dennoch tun, dem empfiehlt Barry dieses "gründliche Stück Arbeit".

Weitere Artikel: Anlässlich von Phillip Lopates Anthologie "American Movie Critics" fragt sich Clive James, ob der Kinogänger die Theorie überhaupt braucht (aber ja). Brent Staples sieht in Simon Schamas Betrachtung der amerikanischen Revolution von 1775 (Leseprobe "Rough Crossings: Britain the Slaves and the American Revolution") den Autor einmal mehr als begnadeten Geschichtenerzähler. Terrence Rafferty stellt Horror-Romane für denkende Leser vor. Und Daniel Swift entdeckt ein neues Buch des Genres "post-sowjetischer Slapstick": Pauls Toutonghis Debütroman "Red Weather".

Im Magazin der Times berichtet Michael Pollan von der "biodynamischen Bekehrung" des US-Konzernriesen Wal-Mart und überlegt, was das für das schöne Exklusivrecht des Bioessers und den Rest der Welt bedeutet - nichts Gutes. Nicht nur widerspreche die fortschreitende Globalisierung des Marktes dem biodynamischen Prinzip der Nachhaltigkeit: "Mit der Industrialisierung der Biodynamik geraten ihre bisherigen Standards unter Druck. Die Vereinigung für biodynamischen Handel hat durch Lobbying bereits erreicht, dass die Verwendung synthetischer Inhaltsstoffe in ihren Produkten erleichtert wird. Und da sollte ausgerechnet Wal-Mart als Gralshüter auftreten?"

Außerdem: In der Titelstory begleitet Adrian Nicole LeBlanc Kinder und ihre Eltern auf dem zweifelhaften Weg zum Ruhm im Film- und Fernsehgeschäft. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt die Schauspielerin Lorraine Bracco ("The Sopranos"), was es braucht, um einen Psychiater zu spielen - viel Sitzfleisch.