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Im Kino

Ruin und Untergang

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
01.07.2009. Norbert Witte, bekannt geworden als Spreepark-Pleitier, ist ein Mann, dem alles, was er anfasst, misslingt. Peter Dörfler versucht in seinem Dokumentarfilm "Achterbahn" ein Porträt. Peter Cornwells Horrorfilm "Haus der Dämonen" lässt es nach angeblich wahren Begebenheiten kräftig spuken.

Norbert Witte ist ein Mann, der nichts als Unglück bringt über sich, seine Nächsten, wenn nicht die Welt. Er ist, das führt Peter Dörfler in seinem Dokumentarfilm "Achterbahn" vor, eine Kraft, die zwar Großes, aber nichts Böses will, und doch einzig Ruin und Untergang schafft. Die Lebensgeschichte geht, auf ihre Tiefpunkte gebracht, so: Norbert Witte ist der Sohn eines Schaustellers und der Enkel eines Mannes, der sich einst sehr kontrafaktisch als König Albaniens ausgab. Auch er selbst ergreift den Schaustellerberuf, zunächst mit Erfolg. 1981 jedoch wird er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Ein Metall-Arm seiner Loopingbahn gerät, als er ihn zu reparieren versucht, in ein Karussell: sieben Menschen kommen zu Tode.

Witte aber macht weiter. Er zieht mit seinen Schaustellgeräten durch Europa. Als er von Jugoslawien sehr schnell die Schnauze voll hat, zieht seine Frau mit zwei kleinen Kindern weiter durch Titos gerade sehr unruhige Lande, Witte selbst macht sich nach Italien davon. (So jedenfalls die Schilderung seiner Frau.) In die Schlagzeilen gerät Witte wieder gleich nach der Wende. Er - bzw. die offiziell von seiner Frau geleitete Spreepark GmbH - bekommt den Zuschlag für den Betrieb des VEB Kulturpark Berlin im Plänterwald.

Witte will aus dem DDR-Kulturpark ein deutsches Disneyland machen, Westernstadt und Dinosaurier inklusive. Die Dinge entwickeln sich nicht wie erwartet. 2001 erklärt der Park, in den der Senat sehr viel Geld gebuttert hat, seine Insolvenz. Witte macht sich davon nach Peru, mit Frau und Kindern sowie, per Schiff, seinen Attraktionen "Butterfly", "Spider", "Baby-Flug", "Wild River", "Jet Star" und "Fliegender Teppich". Zwar kommen alle in Lima gut an, von da an geht jedoch alles gleich wieder schief. Der Zoll rückt die Fahrgeschäfte nicht raus und als er es gegen teuer Geld tut, ist Familie Witte ruiniert, wenngleich noch eingemietet im Edel-Anwesen in einer der besten Gated Communities der Stadt.


Witte startet dennoch einen Fahrgeschäftsbetrieb. Der Umsatz ist hoch, die Kosten sind höher. Frau und Tochter reisen zurück, Vater und Sohn Marcel bleiben. Norbert Witte lässt sich zur Sanierung der Kasse auf einen haarsträubenden Deal ein: Er will 180 Kilo Kokain im "Fliegenden Teppich" nach Deutschland schmuggeln. Das fliegt auf, Witte kommt in Deutschland in Haft, erleidet einen Herzinfarkt. Schlimmer noch ergeht es dem Sohn: Er wird in Lima verhaftet, in einen der wirklich schlimmen Knäste dieser Erde gesteckt und gleich zweimal zu einer Haftstrafe von zwanzig Jahren verurteilt. Nun lässt sich Pia Witte, die viel erduldet hat bis dahin, von ihrem Mann scheiden. Norbert Witte wird zu sieben Jahren Haft verurteilt, der Film zeigt ihn als Freigänger, inzwischen ist er entlassen. Man sieht ihn am Ende des Films schon wieder mit großen Plänen für einen neuen Schaustellbetrieb in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs. Er verhandelt, sagt er, mit "den Chinesen".

Wie erzählt man eine solche Geschichte? Wie vermeidet man, eine hoch dubiose Figur wie Norbert Witte zum Helden zu machen in einem Film, in dessen Zentrum man ihn stellt? Was die letzte Frage betrifft: Peter Dörfler, der Witte freilich auch mal bei der Bartrasur zeigt, setzt auf die Relativierung durch widerstreitende Aussagen. Neben Witte selbst kommen sein Sohn, seine Frau, seine Tochter (es gibt drei weitere Kinder, die sieht man nicht), sein Anwalt zu Wort. Für die komplizierten rechtlichen und ökonomischen und bürokratischen Verwicklungen rund um das Spreepark-Desaster interessiert sich der Film kaum. Ein paar auf die eine oder andere Weise Betroffene kommen zu Wort, insgesamt jedoch erhalten Wittes eigene Einlassungen zum Thema mutmaßlich ein Gewicht, das ihnen nicht zukommt.

Aber auch als Psychogramm eines Mannes, der auf desaströse Weise das Unmögliche möglich macht, funktioniert "Achterbahn" nicht so recht. Wie es Witte gelungen ist, die Familie und alle Welt von seinen Projekten zu überzeugen, erschließt sich in Dörflers Film deshalb gleich doppelt nicht. Denkbar wäre ja eine Analyse der gesellschaftlichen Umstände, die es einem wie Witte erlauben, seine zum Scheitern verurteilten Visionen umzusetzen. Es könnte immerhin sein, dass er die exemplarische Figur eines kapitalistischen Unternehmers ist, die in der Übersteigerung ins Bizarre gerade zur Kenntlichkeit gelangt. Dazu müsste man aber mehr - oder überhaupt etwas - erfahren über die Art und Weise, in der er Geldgeber zum Geldgeben bringt. Nicht im mindesten unternimmt Dörflers Film einen Recherche- und Erklärungs-Versuch dieser Art. (Er scheint sich, was schlimmer ist, nicht einmal die Frage zu stellen.)

Stattdessen lässt er das Verhalten seines Helden durch Familienmitglieder kommentieren, deren Langmut man selbst in der Distanzierung noch bestaunt. Der Erkenntnisgewinn, den "Achterbahn" am letzten Ende doch bringt, ist rein negativ. Das Unfassbarste an Norbert Wittes Lebensgeschichte wäre dann nicht, was er alles auf die Beine gestellt hat, nur um es dann verlässlich wieder zu Fall zu bringen. Das Unfassbarste ist sehr viel eher der abgrundtiefe Mangel an Charisma dieser Figur. Wo man einen Visionär vermuten würde, gibt es nichts als Selbstmitleid und Rechthaberei und halbseidene Rechtfertigungen und Pläne. Auf alle in Politik und Finanzwelt, die einem wie Witte Geld anvertraut haben, fällt so, obwohl sie völlig ausgespart bleiben, am Ende das allerschlechteste Licht.

Ekkehard Knörer

***


Immer wieder tauchen im Film alte Familienfotos in Schwarz-Weiß auf, das erste Mal bereits im Vorspann. Wie so oft im modernen Horrorkino lauert in der Patina der vergilbten Bilder, die über ihre indexikalische Funktion den Kontakt mit der Vergangenheit herstellen, aber gleichzeitig selbst als mediale Form nicht mehr ganz der Gegenwart angehören, das Grauen. Woher die Faszination dieses Kinos für altmodische Reproduktionstechnik stammt - man vergleiche auch die Videokassetten in den "The Ring"-Filmen, in "Haus der Dämonen" hat an einer Stelle sogar die gute alte Audiokassette einen Auftritt - darauf wird man in diesem Film kaum eine Antwort finden. Da aber sonst nicht allzu viel los ist, was eine intensivere Beschäftigung rechtfertigen würde, darf man sich gerne dennoch darüber Gedanken machen.

Am Anfang steht eine Familie mit Problemen mindestens mittlerer Größenordnung: Der jugendliche Matt hat Krebs, sein Vater ist Alkoholiker und die Mutter genervt. Matts Krankheit ist der Grund für den Umzug der Familie, der ganz andere Ärgernisse hervorbringen wird. Das neue Anwesen ist nahe am Krankenhaus gelegen, neben Matt, seinen Eltern und seinen beiden kleinen Geschwistern zieht auch seine Cousine Wendy ein. Zunächst bemerkt nur Matt, der in den Keller zieht, dass mit dem neuen Domizil etwas nicht stimmt, bald darauf machen alle Familienmitglieder fast im Minutentakt unliebsame Entdeckungen hinter Spiegeln und Türen, unter Betten und in Schränken.

Wenigstens in geografischer Hinsicht spezifischer als der deutsche Titel "Haus der Dämonen" heißt der Film im Original "The Haunting in Connecticut". Er basiert auf einem "authentischen" Fall, nämlich dem der Familie Snedeker, die im Jahr 1986 ein Anwesen in Southington, Connecticut bezog und seit den frühen 90er Jahren wiederholt die mediale Öffentlichkeit über angebliche übersinnlichen Vorgänge in ihrer Heimstadt aufklärte. Dämonen hausten diesen Erzählungen zufolge in ihrem Anwesen und diesen Dämonen konnte erst mithilfe selbsterklärter Teufelsaustreiber der Garaus gemacht werden.

Der Film macht aus den Snedekers die Campbells, ansonsten bleibt er eng an dieser Erzählung, ohne freilich allzu viel Kapital aus dem vermeintlichen Wirklichkeitsüberschuss des Stoffes zu schlagen. "Haus der Dämonen" ist zunächst - und somit ist der deutsche Verleihtitel durchaus gerechtfertigt - völlig innovationsfreies Horrorkino, das Versatzstücke zahlloser Genreklassiker unmarkiert und ironiefrei aneinander schraubt. Insbesondere bedient sich Regiedebütant Peter Cornwell bei Tobe Hoopers "Poltergeist" - ein Film, von dem sich möglicherweise auch die Snedekers bei der narrativen Ausgestaltung ihrer Erlebnisse inspirieren ließen. So oder so zieht es den Film in die achziger Jahre zurück, in ein Jahrzehnt, in dem handwerklich solide Gruseldutzendware dieser Art wie am Fließband produziert wurden.

Das "based on a true story" zu Beginn unterscheidet sich jedenfalls strukturell wenig vom "es war einmal..." der Märchenerzählung. Überhaupt ist der Film immer dann am stärksten, wenn er die märchenhafte Dimension des Plots betont. Beispielsweise gleich in der Exposition, wenn Matt im Krankenhaus vor einer MRI-Röhre liegt und das Gerät mit seiner dunklen Öffnung wie ein Monster wirkt, das Matt zu verschlingen droht. Dass Cornwell jede Menge visuelles Gespür hat, merkt man nicht nur in dieser Sequenz, dass er sich auf Schauspielführung versteht, lässt sich ebenfalls nicht leugnen (Highlight des Casts ist die wie immer äußerst souverän und angenehm zurückhaltend agierende Virginia Madsen). Nur ein zumindest etwas originelleres Drehbuch wünscht man Cornwell für seinen nächsten Streifen.

Achterbahn. Deutschland 2009 - Regie: Peter Dörfler - Darsteller: (Mitwirkende) Norbert Witte, Pia Witte, Sabrina Witte, Marcel Witte

Haus der Dämonen. USA / Kanada 2009 - Originaltitel: The Haunting in Connecticut - Regie: Peter Cornwell - Darsteller: Virginia Madsen, Kyle Gallner, Elias Koteas, Amanda Crew, Martin Donovan, Sophi Knight, Ty Wood, Erik Berg, John Bluethner


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