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Literaturbeilagen

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Im Kino

Lüstern und frontal

Die Filmkolumne. Von Elena Meilicke, Jochen Werner
28.11.2012. Francois Ozon setzt in seinem selbstreflexiven Thriller "In ihrem Haus" diffuse Begehrensströme in Gang. Der philippinische Regisseur Khavn de la Cruz hat mit "Mondomanila" ein punkiges Monstrum von einem Experimentalfilm gedreht und einen radikalen Gegenentwurf zu elendspornografischer Slumromantik.


Jede Erzählung folgt einem einfachen Bauplan, erklärt der Lehrer Germain seinem Schüler Claude und zeichnet ein krudes Diagramm an die Tafel. Es braucht a) eine Figur, b) ein Objekt des Begehrens und c) ein paar Hindernisse, die das Zueinanderfinden beider erschweren. "Konflikte" eben. Was Germain da mit Kreide an die Tafel wirft, ist ein poetologisches Programm in Strichmännchenform: Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist die Kurzgeschicht'. Mit Ozons eigenen Erzählwelten hat Germains aufgeräumtes Programm so gut wie gar nichts zu tun, kreisen diese doch meist um große Ensembles und komplizierte Begehrens- und Beziehungsgeflechte. Und so ist auch "In ihrem Haus" nichts anderes als die allmähliche und äußerst lustvoll betriebene Dekonstruktion von Germain und seinem Diagramm.
 
Schauplatz von Germains Lektionen in Sachen Literatur ist ein Gymnasium mit dem sprechenden Namen "Gustave Flaubert". Ein modernistischer Schulbau mit heller Sandsteinfassade, lichten Klassenzimmern und monochromen Wänden. Viel Glas und klare Linien. Inmitten dieser gebauten Utopie von Transparenz, Geschmack und Gleichheit haben Germain und sein Zögling Claude sich abgekapselt, um eine Art Zwei-Mann-Schreibschule zu bilden. Claude schreibt, Germain kritisiert, Claude verbessert und variiert. Ein geschlossener Regelkreis aus Textproduktion, Analyse und Kritik, der nur ein einziges Thema kennt: das Leben der Anderen. Obsessiv umkreist Claudes Schreiben die Familie seines Klassenkameraden Rapha, deren mittelschichtstypische Befindlichkeiten Claude mit sarkastischem Scharfsinn seziert. Gleichzeitig entwickelt er eine lauernde Sehnsucht nach dieser "normalen" Familie und sucht wirklich den Kontakt zu ihr, vor allem zu Raphas Mutter Esther, jener "gelangweiltesten Frau der Welt", die sich schlafwandelnd durch ihr Leben bewegt und nichts als Schöner-Wohnen-Magazine liest.
 
Je länger der Film den zwischen Germain und Claude zirkulierenden Schreibakten folgt, desto unklarer wird, wer hier schreibt und wer liest, wer Autor, wer Kritiker und wer Figur ist, und um wessen Begehren es eigentlich geht. Das, was in Germains Diagramm so klar umrissen war und getrennt voneinander in der Einzahl existierte, beginnt zu wuchern und sich zu vervielfältigen, fängt an, seine eindeutige Form und Gestalt zu verlieren. Symptomatisch sind die merkwürdigen Doppelungen und Zweiheiten, die Claudes Erzählung wie Ozons Film bevölkern und beide in ein verwirrendes Spiegelkabinett verwandeln: Sohn Rapha Jr. wird verdoppelt durch Vater Rapha Sr., ein weibliches Zwillingspaar macht Germains Frau Jeanne das Leben schwer, und Germain selbst heißt zu allem Überfluss mit vollem Namen: Germain Germain.
 
Auch ein einzelnes, klar definiertes Objekt des Begehrens ist im Laufe des Films immer schwerer auszumachen. Stattdessen kommen diffuse Begehrensströme in Gang, deren Verlauf nicht vorhersehbar ist und die nicht mehr eindeutig bestimmte Personen zum Ziel haben. Alles ist möglich und vieles schwingt mit. Da ist Claudes Begehren für Esther, aber auch der schnelle Kuss zwischen Rapha und Claude. Germains Frau Jeanne zeigt außergewöhnliches Interesse für Claudes Geschichten und sieht ihm darüber hinaus in manchen Szenen verblüffend ähnlich. Und was genau will eigentlich Germain von Claude? Claude - zart, fragil, sechzehnjährig, mit schön geschwungenen Lippen, um die stets ein leichtes Lächeln spielt - fungiert als Katalysator, der diese Ströme orchestriert und in Gang setzt. Seinen ersten Auftritt im Film hat er als Torso, als nackter Oberkörper ohne Kopf, eine statische Einstellung, lüstern und frontal, die zeigt, wie Claude seine Schuluniform anzieht.
 


Und während Germains Diagramm so tut, als gäbe es stets nur eine mögliche Erzählung, liefert "In ihrem Haus" eine Geschichte, die all' ihre möglichen Variationen und Aberrationen umfasst und mit sich führt: Variationen, die sich widersprechen und ausschließen, die inkompossibel sind, wie Deleuze mit Leibniz sagen würde, die hier aber, in Ozons Film, ausgespielt und gleichberechtigt nebeneinander gesetzt werden. Rapha tötet sich, Rapha tötet sich nicht. Dabei schwankt "In ihrem Haus" zwischen den verschiedenen Genres und Erzählweisen, wechselt fröhlich zwischen den Registern hin und her und lässt seinen Kommentar, seine Kritik immer schon mitlaufen. Was soll das sein, fragt Germain, Pasolini? "Teorema"? Ich dachte, du wolltest einen Bildungsroman schreiben.
 
Der Film endet mit einer Einstellung, die an Hitchcocks "Fenster zum Hof" erinnert: Germain und Claude sitzen auf einer Parkbank, sie schauen auf einen Häuserblock, Fensteröffnungen geben den Blick auf die Menschen darin frei und beide beginnen, Geschichten zu spinnen, zu fabulieren und zu spekulieren über das, was sie sehen. Vor ihrem Haus statt in ihrem Haus. Es wird dunkel, die Fenster leuchten. Nicht mehr schreiben, Kinozuschauer werden, vielleicht.

Elena Meilicke

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Unsere Initiation in die Welt von "Mondomanila" erfahren wir durch einige dokumentarische Aufnahmen, stilecht verpixelt und in der Briefmarkengröße von YouTube-Handyvideos. Einer der zahllosen Taifune, die die philippinische Hauptstadt zuletzt erschütterten, setzt Straßen unter Wasser, lässt U-Bahnhöfe bis zum Rand voll Wasser laufen, Menschen, Häuser, allen spärlichen Besitz von den Fluten hinwegreißen. Aber dies wird alles andere als ein Dokumentarfilm sein, auch wenn Khavn de la Cruz - einer der radikalsten Filmemacher jener Neuen Welle des philippinischen Kinos, die seit einigen Jahren zumindest im Rahmen der großen Filmfestivals den Stand der Dinge im Gegenwartskino entscheidend mitprägt - immer wieder sicht- und spürbar auf die Methode des Guerilla-Shootings zurückgreift und die Menschenmassen, die die Straßen Manilas bevölkern, so zum staunenden, starrenden, allgegenwärtigen Hintergrundrauschen seiner exzessiven Visionen macht.

"Manila is a ghastly and weird city. It just fucking smelled of cockroaches. Rats were everywhere. There's no sewage system, and people have nothing there. People with no arms, no legs, no eyes, no teeth", so wurde die amerikanische Schauspielerin Claire Danes gegen Ende des letzten Jahrtausends zitiert, nachdem sie für Jonathan Kaplans längst vergessenen Kunstgewerbestreifen "Brokedown Palace" einige Szenen in Manila drehte. Es ist nicht so, dass Khavn dem in "Mondomanila, or: How I Fixed My Hair After A Rather Long Journey" (so der vollständige Titel) etwas entgegenzusetzen hätte. Es ist aber eben auch wichtig, wer so etwas sagt und wie er es tut. Die Arroganz der verwöhnten Amerikanerin, die nach einem Kurztrip der Welt ihren Ekel verkündete, wird bloßgestellt und ergänzt durch eine Perspektive aus der Mitte der Slum-Hölle von Manila heraus - ein Blick, was die Sache noch schwieriger zu ertragen macht, durch die Augen der Kinder, der Krüppel, der Freaks, ein Blick von ganz tief unten.



Der (Anti-)Held von "Mondomanila" ist der junge Tony D., vielleicht gerade einmal pubertierend, aber längst Mitglied der Straßenkinder-Gang "Paranoid Squad", harte Drogen rauchend, alles fickend, was sich nicht wehren kann - bis hin zur Gans kurz vor der Schlachtung - und ohne Skrupel andere Kinder an den rassistischen, pädophilen Amerikaner Whiteboy verkaufend. Khavns Inszenierung stürzt sich überstilisiert, aber furchtlos in das Schrecken, Mitleid, Abscheu erregende Geschehen in den Slums und Elendsquartieren - und legt einen radikalen, ungezähmten Gegenentwurf vor zu jener gerade im Festivalkino stets gern gesehenen Form der märchenhaften bis elendspornografischen Slumromantik, mit der dieser Tage etwa Benh Zeitlins "Beasts of the Southern Wild" hausieren geht.

Von vergleichbarer Aufbereitung zwecks Konsumierbarkeit hier keine Spur: "Mondomanila" ist ein chaotischer, wirrer, unstrukturierter, aggressiver und vor allem wütender Film. Khavns Inszenierung springt von einer ästhetischen Überformung zum nächsten visuellen Gimmick, von der ersten Provokation zur nächsten und übernächsten. Für die Überfülle von Leben, Tod und Chaos in den Straßen Manilas kann nur das konsequentestdenkbare filmische Chaos eine adäquate Entsprechung bilden - diese Überzeugung gießt Khavn in ein punkiges Monstrum von einem Experimentalfilm.

Jochen Werner

In ihrem Haus - Frankreich 2012 - Originaltitel: Dans la maison - Regie: François Ozon - Darsteller:Fabrice Luchini, Kristin Scott Thomas, Ernst Umhauer, Emmanuelle Seigner, Denis Menochet, Bastien Ughetto - Prädikat:besonders wertvoll - Länge:105 min.

Mondomanila - Philippinen / Deutschland 2012 -Originaltitel: Mondomanila, or: How I Fixed My Hair After a Rather Long Journey -Regie: Khavn de la Cruz - Darsteller:Timothy Mabalot, Whitney Tyson - Länge: 75 min.

Archiv: Im Kino

Sebastian Markt, Jochen Werner: Desperate Lebendigkeit

04.05.2016. Eine Ästhetik der Zugedröhntheit auf den Straßen Manhattans entwirft "Heaven Knows What", der neue Film der Brüder Ben und Joshua Safdie. Der einstige Tarantino-Protégé Eli Roth fügt seinem unterschätzten Werk mit "Knock Knock" einen hintersinnigen Thriller hinzu. Mehr lesen

Lukas Foerster, Thomas Groh: Gleißend, schillernd, schäumend

27.04.2016. Spektakelkino sondergleichen aus Südindien: S.S. Rajamoulis "Bahubali: The Beginning" lässt alle Realismusetüden hinter sich. Tom Tykwers exotistische Bestsellerverfilmung "Ein Hologramm für den König" füllt alten Wein in noch ältere Schläuche. Mehr lesen

Thomas Groh, Patrick Holzapfel: Teil des Spiels

20.04.2016. "Gods of Egypt" erzählt in bunter Fabulierlust - inklusive einer Art antiken Multitasking-Wikipedia - vom Kampf einer bunten Götterwelt gegen den Monotheismus. in "Chevalier" überwachen nicht der Staat oder Kameras die konkurrierenden Männer - sie tun es von selbst. Mehr lesen

Sebastian Markt, Fabian Tietke: Moment der Störung

14.04.2016. Etwas Unerhörtes artikuliert sich in Nicolette Krebitz' fragil widerspenstigem "Wild", der vom Leben in der Stadt, von Begehren und einem Wolf erzählt. Nabil Ayouchs "Much Loved" beschreibt den Alltag dreier Sexarbeiterinnen in Marrakesch. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Die Ehre der ausländischen Teufel

06.04.2016. Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf. Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.) Mehr lesen

Lukas Foerster, Michael Kienzl: Lässiger Ausnahmezustand

31.03.2016. Eine Revolution als Mogelpackung rekonstruiert Sergei Loznitsa in seinem Found-Footage-Dokumentarfilm "The Event". Regisseur Dan Trachtenberg und Produzent J.J. Abrams konfrontieren in "10 Cloverfield Lane" Mary Elizabeth Winstead mit einer grundlegend instabilen Welt. Mehr lesen

Lukas Foerster, Patrick Holzapfel: Hypnose statt Kohärenz

24.03.2016. Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an. Apichatpong Weerasethakuls soeben auf DVD erschienener erste Langfilm "Mysterious Object at Noon" zeigt durch einen somnambulen Filter die Enstehung von Träumen. Mehr lesen

Thomas Groh, Michael Kienzl: Atompilz der guten Laune

17.03.2016. Der Verzicht ist Programm in Kevin Reynolds authentizitätsfixierten Bibelfilm "Auferstanden". Phil Collins gelingt in "Tomorrow Is Always Too Long" einigen kitschigen Scherenschnitten zum Trotz ein angenehm zwischen Affirmation und Dekonstruktion pendelndes Stadtporträt Glasgows. Mehr lesen

Janis El-Bira, Lukas Foerster: Monströser Querschläger

09.03.2016. László Nemes' Holocaustfilm "Son of Saul" strebt trotz der behaupteten radikalen Subjektivität in die Richtung einer hochästhetisch verdichteten "grand récit" von Auschwitz. Jay Roach beschreibt in "Trumbo" das antikommunistische "blacklisting" als Privatvergnügen einer Society-Reporterin.
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Lukas Foerster, Patrick Holzapfel: Ökonomie und Libido

02.03.2016. Andrew Bujalskis bezaubernde Fitnesskomödie "Results" entwirft in mäandernden Dialogen ein Leben vor offenem Horizont. Aleksandr Sokurovs "Francofonia" erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts - und wirkt dabei nicht ein bisschen anmaßend. Mehr lesen

Lukas Foerster, Fabian Tietke: Direkt durchs Auge

03.02.2016. Alexis Alexious faszinierender Neo-Noir "Mittwoch 04:45" suhlt sich in einem artifiziellen Lichterbad. In "Suffragette - Taten statt Worte" gelint Sarah Gavron eine umfassende Darstellung eines wenig bekannten Kapitels der für das Wahlrecht kämpfenden Frauenbewegung in Großbritannien in den 1910er Jahren. Mehr lesen

Lukas Foerster, Friederike Horstmann: Abenteuerspielplatz der Identitäten

27.01.2016. Maskulines Selbstmitleid in Bildern von bestürzender Schönheit präsentiert Philippe Garrels "Im Schatten der Frauen". Rick Famuyiwas "Dope" erkundet South Central Los Angeles als einen komplexen Möglichkeitsraum. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Es reimt sich ausgezeichnet

20.01.2016. Jede Äußerung von Spontaneität unterdrücken Charlie Kaufman und Duke Johnson in ihrem grau-in-grauen Animationsfilm "Anomalisa". In Nikias Chryssos' bizarrem Kammerspiel "Der Bunker" wird ein namenloser Student mit Vater, Mutter und Klaus konfrontiert. Mehr lesen

Michael Kienzl, Fabian Tietke: Anordnen, variieren und überdenken

13.01.2016. Fast unmerklich lässt "Cemetery of Splendour", der neue Film des thailändischen Festivallieblings Apichatpong Weerasethakul, die Funktionalität hinter sich. Trotz 3D-Tinnef sehenswert: Samirs Familien-und-Irak-Collage "Iraqi Odyssey". Mehr lesen

Lukas Foerster, Thomas Groh: Gewebe der Wirklichkeit

06.01.2016. Zwei Filme für die Oskarsaison: Alejandro González Iñárritus grandioser Kunstporno "The Revenant" sucht die äußerste Realität und ein verloren gegangenes Erfahrungsspektrum. Tom Hoopers Transgenderdrama "The Danish Girl" führt in eine entweltlichte Welt, in der die Abblende regiert. Mehr lesen