Im Kino

Mit jeder Faser seines Körpers

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
04.03.2026. Jean-Pierre und Luc Dardenne versuchen sich in "Jeunes mères" erstmals an einer episodischen Erzählstruktur. Im Zentrum stehen vier junge Mütter, die auf jeweils unterschiedliche Art der Welt ausgesetzt sind.

Filmemachen, das heißt für die Brüder Jean-Luc und Pierre Dardenne vor allem zweierlei. Zum einen, Bilder zu finden für jene soziale Realitäten Mitteleuropas, denen das Erzählkino sonst gerne ausweicht. Insbesondere Bildern, die die Lebenswirklichkeit Marginalisierter - Migranten, prekär Beschäftigter, in ihrem neuen Film "Jeunes mères": junge, sehr junge Mütter, die und deren Kinder nicht in klassische Familiensprukturen eingebunden sind - nicht nur sicht-, sondern außerdem greifbar, nachfühlbar werden lassen.

Zum anderen heißt Filmemachen für die Dardennes fast stets auch: junge Körper fürs Kino zu entdecken. Fast in allen ihren Filmen übernimmt eine der Hauptrollen ein Laiendarsteller oder zumindest Newcomer. Manche, wie Jérémie Renier aus ihrem Durchbruchsfilm "La promesse" oder "Rosetta" Émilie Dequenne, wurden in der Folge zu Stars. Die, die seither nicht mehr im Kino aufgetaucht sind, wie etwa Idir Ben Addi, der phänomenale Hauptdarsteller aus "Young Ahmed", sind deshalb keine geringeren Entdeckungen.

Eine Kritik an gesellschaftlichen Strukturen, die unsere an zunehmend immateriellen Kräften orientierte spätkapitalistische Gesellschaft prägen, muss ihren Ausgangspunkt zwingend im jeweils individuell-einmaligen in-der-Welt-Sein eines mit jeder Faser seines Körpers der Welt ausgesetzten, von ihr allseitig umschlossenen Individuums nehmen: Das ist die Intuition, die dem Werk der Dardennes seit "La promesse" zugrunde liegt; eine Intuition, die ihre einzige Rechtfertigung in den Filmen selbst finden kann, im Nachweis, dass es immer noch und immer wieder möglich ist, in der Hilflosigkeit eines Einzelnen, eines noch nicht vollständig durchgeformten Kinokörpers, etwas zu finden, das anderen, vielen, Halt gibt.


"Jeunes mères" ist der erste Dardenne-Film mit einer episodischen Struktur. Vier Hauptfiguren gibt es diesmal, ihre Geschichten stehen, ziemlich exakt austariert, gleichwertig nebeneinander. Im Zentrum der vier Geschichten: vier junge Körper, drei davon vorher ohne nennenswerte Kinoerfahrung: Babette Verbeek spielt mit wild-entschlossenem Blick und sturer Grazilität die zu Filmbeginn hochschwangere Jessica, die schlicht nicht weiß, wie sie eine emotionale Bindung zu dem Wesen etablieren kann, das in ihr heranwächst. Lucie Laruelle, mit ihrem schmalen Gesicht und den weit aufgersissenen Augen ganz besonders kindlich anmutend, spielt Perla, die sich nicht von ihrem Wunsch trennen möchte, mit ihrem Neugeborenen und dessen Nichtsnutz von einem Vater namens Robin eine Kleinfamilie - als einzig möglichen Schutz gegen die Welt da draußen - zu bilden. Die viel passivere, mit gesenktem Kopf und gleichwohl einem unbeugbaren Willen durch den Film sich bewegende Janaïna Halloy spielt Ariane, die den Entschluss fasst, ihre Tochter einer Pflegefamilie anzuvertrauen; auf dass sie es einmal besser hat als sie selbst.

Die vierte, Elsa Houben, hatte schon vorher einige Schauspielerfahrung und tatsächlich wirkt ihr Spiel als Ex-Junkie Julie im Hin und Her zwischen jugendlichem Optimismus und psychischem Zusammenbruch angesichts der allgegenwärtigen Rückfallgefahr ein wenig "technischer" als das ihrer Kolleginnen. Alle Handlungsstränge laufen, freilich nicht allzu oft, in einer Hilfseinrichtung für junge Mütter zusammen. Jessica, Perla, Ariane und Julie wohnen hier, zwischenzeitig, während sie sich nach einem Weg vorwärts in ihrem Leben umschauen. Jeden Abend kocht eine andere für die Gruppe. Gerne hätte man eines dieser Abendessen ausführlicher gesehen. Die Dardennes springen jedoch stets sehr schnell zurück in die Einzelgeschichten.

Das episodische Prinzip etabliert automatisch dynamisch sich wandelnde Vergleichsmaßstäbe, Konstellationen von Ähnlichkeit und Abweichung. So räudig sich Perlas Robin gebart, so unterstützend und zugewandt verhält sich Julies Freund und Kindsvater Dylan. Jessicas Mutter Ariane, die sie einst an Pflegeeltern gegeben hatte, ist auf eine ganz andere Weise ein Problem als Arianes psychisch instabile Mutter Nathalie, die den Gedanken, ihre neugeborene Enkelin an eine Pflegefamilie zu verlieren, nicht ertragen kann.

Nathalie, gespielt von India Hair, ist eine der eindrücklichsten Präsenzen im Film; freilich auch eine der raumgreifendsten. In einem Moment überhäuft sie Ariane und deren Tochter mit hypernervösen, gierigen Zärtlichkeiten, im nächsten wird sie zur rabiat um sich schlagenden Furie. Sowohl in der Figur Nathalie als auch in Hairs Spiel gelangt die Methode Dardenne, scheint es, an eine innere Grenze: eine Frau, die der Welt völlig ungeschützt ausgeliefert ist, die jeden Impuls direkt in chaotisches Handeln übersetzt. Frühere Dardenne-Filmen versuchten, mit einer teils enorm agilen, welt- oder besser weltbezugerschütternden Handkamera das Ausgesetztsein ihrer Figuren sinnlich nachvollziehbar zu machen. Hair leistet - in einem stilistisch souveränen Film mit weitgehend "unsichtbarer" Kamera - Ähnliches mit ihrem Schauspiel, ihr exaltierter Hyperemotionalismus bewegt sich freilich an der Grenze zur Selbstparodie.

Dem entspricht in einigen neueren Dardenne-Filmen eine Tendenz in der dramaturgischen Gestaltung hin zum Seiferopernhaften. Auch "Jeunes mères" ist nicht frei davon; etwa wenn wir in Julies Geschichte, weil uns eine wichtige Information fehlt, momenthaft mit dem Schlimmsten rechnen müssen… bevor wir, frohen Herzens zu verstehen beginnen, dass lediglich das Zweit- oder Drittschlimmste vorgefallen ist. Auch im Wechsel zwischen den vier Handlungssträngen schreckt der Film nicht vor Cliffhangern zurück. 

Hier und da wird kritisiert, dass die Dardennes mit solchen Strategien ihren einst enorm einflussreichen, hypernaturalistischen Stil zu einem mittleren Fernsehrealismus zurückbauen. Das ist ein bisschen zu kurz gedacht. Stil verkommt nur allzu leicht zur Masche, und gerade die Handkameraexzesse von Filmen wie "Rosetta" sind im jüngeren Festivalkino längst zum Klischee erstarrt. "Jeunes mères" ist sicherlich nicht der beste Film der Belgier, aber allemal ein eindrückliches Filmerlebnis - mit einem zu Tränen rührenden Mozart-Ende; und ein ehrenwerter Versuch, neue Wege zu beschreiten. Das Problem der Verkörperung individueller Erfahrung bleibt im Kino nur lebendig, wenn man sich ihm immer wieder neu und immer wieder anders nähert.

Lukas Foerster

Jeunes mères - Junge Mütter - Belgien 2025 - Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Darsteller: Babette Verbeek, Elsa Houben, Janaïna Halloy, Lucie Laruelle, India Hair - Laufzeit: 104 Minuten.