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Im Kino

Ganz Muskel und Materie

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer
24.02.2009. Darren Aronofsky führt in "The Wrestler" nicht ohne Sympathie Mickey Rourke als einen Mann vor, der seit den Neunzigern die Welt nicht mehr versteht. In David Wains Hollywood-Komödie "Vorbilder?!" erziehen Erziehungsbedürftige Erziehungsbedürftige, und siehe: alles wird gut.

Der Wrestler Randy "The Ram" Robinson (Mickey Rourke) ist ein Relikt, ein unter seinen knorpeligen Muskelmassen ächzender Berg von einem Mann, der wie aus seiner Zeit, die ihm einst Ruhm und Ehre brachte, gefallen scheint. Diese Zeit, die 80er Jahre, in denen alles Popkulturelle zu groß, zu laut, und zu muskulös war, lebt nur noch in unzähligen Zeitungsausschnitten und alten Duellankündigungen oder in seiner blondierten Zottelmähne fort, die auf einen unironischen Zugriff auf Heavy Metal noch immer zu insistieren scheint.

"I hate the fuckin' nineties", sagt er an einer Stelle, denn mit den 90ern kam Kurt Cobain der harten Gitarrenmusik in die Quere. Seitdem ist sie eine Domäne des Seelenschmerzes. "Rams" Alltag heute, fernab der goldenen Tage, besteht aus finster anzusehenden Schaukämpfen für wenig Geld unter vollem Körpereinsatz, aus Schmerzmitteln, Anabolika und Zerstreuung am Abend in der Stripbar. Ein heruntergekommener White-Trash-Kosmos als letztes, was von der Glorie übrig blieb.

Dies letzte, von dem er zehrt, nimmt ihm ein beinahe tödlicher Herzinfarkt. Ein weiterer Kampf könnte ihn das Leben kosten, der Rückzug ins Private ist dringend erforderlich. Nur mangelt's dem Privaten gänzlich am Heroischen, das "Ram" noch im haarsträubendsten Hinterbudenkampf sucht und keine würdelose Signierstunde als "Has Been" auf einer Fan Convention ersetzen kann, von miesen Jobs im Supermarkt zu schweigen. Entfremdet von seiner Tochter (Evan Rachel Wood), trotz erster Annäherungen abgewiesen von der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) trifft "Ram" eine Entscheidung.

"Ram" ist eine typische Figur im überschaubaren Filmkosmos des einst als Wunderkind gefeierten Indie-Regisseurs Darren Aronofsky. Ob der faustische Informatiker in "Pi" (1997), die Süchtigen in "Requiem for a Dream" (2000) oder der manische Wissenschaftler im Esoterik-Liebesschinken "The Fountain" (2006): allesamt sind sie getriebene Figuren im Kampf vor allem mit den Widerständen in sich selbst, die ein nirwana-artiges Seelenheil erst in der entgrenzenden Zertrümmerung des eigenen Ichs, in einer Überwindung des Selbst durch Subjektzerschlagung erfahren.


Eine Überwindung, die Aronofsky in der Filmform selbst reflektiert, wenn Kamera, Montage und Sound sich in einem Crescendo steigern, das ins blanke Furiosum mündet. Diese Abfolge von Hybris, Selbstüberwindung und Erlösung ist mit "The Wrestler" nun auch ganz äußerlich an Aronofskys Werk ablesbar. Dem ästhetisch schrecklich verplombten, esoterisch-furiosen Flop "The Fountain" folgt ein lakonisch ruhiger, in seiner Bedachtheit auf den Moment und die einzelne Beobachtung sehr sensibler Film, der an seinen Rändern offen bleibt.

Was insofern wundern darf, als mit "The Ram" vor allem ein grobschlächtiger, beschädigter Charakter im Mittelpunkt steht. Dessen Pathos freilich macht sich "The Wrestler" bei aller Sympathie nicht voll zu eigen: Wenn die deutschen Hardrocker Accept auf dem Weg zum letzten Kampf mit ihrem peitschenden "Balls to the Wall" auf dem Soundtrack erklingen, feiert der Film keinen reaktionären Regress, keinen stumpfen Triumpf wiederkehrender Virilität, der, wie etwa die klassischen Trainingssequenzen der "Rocky"-Filme, auf den Publikumsaffekt schielt. Vielmehr zeigt sich darin auf unbehagliche Weise die völlig verschlossene Erlebenswelt eines schwer an seiner Vorstellung von Männlichkeit tragenden Mannes.

Ein solcher Film über das Älterwerden im Ringkampfsport steht nur ganz oberflächlich dem letzten, fast schon lyrischen "Rocky"-Film nahe, in dem Stallone Ähnliches thematisierte. Denn Rocky nimmt man den Kämpfer in letzter Instanz nie völlig ab: Eher ist er immer schon eine sensiblere Natur gewesen, ein Junge von der Straße mit dem Herz aus Gold, wie zufällig in den rohen Sport gerutscht, der sich denn auch erst ordentlich verprügeln lassen muss, um selbst zurückzuschlagen. Aronofskys Wrestler hingegen, von Mickey Rourke mit ganzer Hingabe gespielt, ist ganz Muskel und Materie, ein rohes Wesen durch und durch, dessen Lebenswelt Aronofsky oft schmerzhaft konsequent ernst nimmt, ohne dabei ins Hyperbolische abzudriften. Gerade dieser erfolgreiche Gang auf dem schmalen Grat zeichnet "The Wrestler" schließlich am meisten aus.

Thomas Groh

***


Fehl am Platz sind Wheeler (Seann William Scott) und Danny (Paul Rudd) zu Beginn: Als Werbeduo touren sie mit einem Stier-Truck durch die Schulen der USA und versuchen den Schülern weiszumachen, dass der Energy-Dring "Minotaur" jeden Griff zu anderen Drogen überflüssig macht. Wheeler, der ohnehin im Leben nichts sonderlich ernst nimmt, hat's dabei noch gut, denn er steckt in einem Stier-Kostüm und muss wenigstens das Gesicht nicht hinhalten bei dem Unsinn, den sie seit Jahr und Tag bei ihren Auftritten verzapfen.

Danny, der gerne Ziele hätte im Leben, platzt dann der Kragen, vor versammelter Aula rastet er aus und gleich darauf jagt er den Truck auf einen Brunnen. Aus der peinlichen Schräglage, die nicht nur buchstäblich eine ist, befreit ihn seine Anwältin - zugleich seine Freundin - indem sie ihn vor dem Knast bewahrt. Verlassen allerdings will sie ihn auch und der Knast-Ersatz für die beiden ist auch eher was, das ihren Alpträumen entstammt.

Fehl am Platz sind Wheeler und Danny nämlich auch als Betreuer von Problemjugendlichen. Probleme haben sie selbst und im Ernst erwachsen sind sie sowieso nicht. Die beiden Prachtexemplare, mit denen sie es nun bei der Organisation "Sturdy Wings" zu tun bekommen: Augie (Christopher Mintz-Plasse) zum einen, der aus der Wirklichkeit, in der ihn die Mitwelt als nerdigen Loser verachtet, in die Welt des Rollenspiels flieht. Darum trägt er die ganze Zeit ein albernes Cape und schwingt das Holzschwert gegen die Widersacher bei aufwendig organisierten Spielveranstaltungen. Auf andere Art schwierig ist Ronnie (Bobb'e J. Thompson), schwarz und ein Schandmaul, das vor rassistischen und sexistischen Bemerkungen aller Art keinesfalls Halt macht.

"Vorbilder?!" erzählt also von Erziehungsbedürftigen, die Erziehungsbedürftige und bei Gelegenheit auch deren erziehungsbedürftige Erziehungsberechtigte erziehen. Das kann, weil dies, der rauhen Schale zum Trotz, eine eher freundliche Komödie ist, nur gutgehen. Man lernt, zwischen Beschimpfungen und betreuungstechnisch problematischem One-Night-Stand, einander und dann auch den asiatisch-amerikanischen König im Rollenspiel zu respektieren. Auf den derzeit nach unten weit offenen Drastik-Skalen im Hollywood-Komödienbereich bewegt sich "Vorbilder?!" in mittleren Sphären. Die Satzzeichen-Abfolge im deutschen Titel, der den Doppelsinn des Originals "Role Models" leider verfehlt, fasst die ganze Geschichte beinahe schon vollständig zusammen. Männliche Jugendliche jeden Alters finden auf allen Ebenen viel Identifikationspotenzial.

Ekkehard Knörer

The Wrestler. USA 2008 - Regie: Darren Aronofsky - Darsteller: Mickey Rourke, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood, Mark Margolis, Todd Barry, Wass Stevens, Judah Friedlander, Ernest Miller, Dylan Summers

Vorbilder?! USA 2008 - Originaltitel: Role Models - Regie: David Wain - Darsteller: Sean William Scott, Paul Rudd, Elizabeth Banks, Christopher Mintz-Plasse, Bobb'e J. Thompson, Jane Lynch, Nicole Randall Johnson

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