Im Kino

Wir sind hier nicht in Frankreich

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
08.07.2026. Leyla Bouzid erzählt in "Mit leiser Stimme" von einer jungen Frau, die bei einem Besuch in ihrer tunesischen Heimat ihre Sexualität verbergen muss. Ihr Film, der vor allem weibliche Homophobie thematisiert, vertraut darauf, dass Empathie effektiver ist als bombastischer Pathos.

Kurz bevor Lilia (Eya Bouteera) und Alice (Marion Barbeu) in Tunis landen, blicken sie sich noch einmal verliebt an. Dass die beiden jungen Frauen keineswegs unbeschwert romantische Ferien vor sich haben, wurde bereits zuvor mit einer Großaufnahme von Lilias nachdenklich besorgten Augen angedeutet. Die in Frankreich lebende tunesische Ingenieurin kehrt für die Beerdigung ihres Onkel Daly in die Heimat zurück. Niemand aus Lilias Familie weiß, dass sie lesbisch ist, weshalb sie sich bei Fragen nach ihrem Privatleben konsequent bedeckt hält. Erschwerend kommt hinzu, dass der heimlich schwule Daly ein Doppelleben führte und die Heimkehrerin ständig vor Augen gehalten bekommt, wie feindselig die Gesellschaft ihm gegenüber ist und wie sehr sich seine eigenen Verwandten seinetwegen schämen. In der Familie einigt man sich darauf, dass es nur eine angemessen Reaktion auf Dalys schändliches Privatleben gibt: Schweigen.
Dieses Schweigen hat in Leyla Bouzids Film "Mit leiser Stimme" seinen Ursprung in der konservativen muslimischen Gesellschaft Tunesiens. Homosexualität steht unter Strafe, wodurch die bloße Existenz queerer Menschen illegal ist. Weil Daly vermutlich Opfer eines Hassverbrechens wurde, droht die ermittelnde Polizei zu enthüllen, was die Familie um jeden Preis geheimhalten möchte. Lilias Schicksal spiegelt sich in dem ihres Onkels. Ein tiefer Graben trennt sie von ihrer vergleichsweise unbesorgten Freundin. Während Alice allein und fernab in einem luxuriösen Touristen-Hotel untergebracht wird, bleibt Lilia wie gefangen in einem von beigen Lehmhäusern geprägten Wohnviertel der Hafenstadt Sousse. Mehr noch trennt die beiden jedoch ihre Sozialisation oder genauer gesagt: ein nagendes Bewusstsein für die eigene Freiheit, der in Lilias Fall enge Grenzen gesetzt sind. "Wir sind hier nicht in Frankreich", muss sie ihre Freundin erinnern, als sie gemeinsam ausgehen.
Lilia lebt in zwei penibel voneinander getrennten Sphären; einer intim privaten, wenn sie mit Alice allein ist, sowie einer öffentlichen und auch familiären, in der sie sich stets ein wenig verstellen muss. Die vom indirekten Sonnenlicht irreal erleuchtete Wohnung der Familie, in der auch die Totenwache stattfindet, ist für Lilia ein vertrautes Terrain voller kindlicher Erinnerungen, die der Film immer wieder einfließen lässt. Sie ist jedoch explizit kein Safe Space, in dem sich Lilias Anspannung löst. Ungewöhnlich an Bouzids Film ist, dass er sich nicht nur, aber doch vornehmlich der Homophobie der Frauen widmet. An der Spitze der Familienhierarchie thront die pausenlos in der Halbhorizontalen vom Sofa herumjammernde Großmutter (Salma Baccar), deren traditionelles Weltbild niemand in Frage zu stellen wagt. Lilias Mutter Wahida (Hiam Abbas) sowie ihre Tante Hayet (Feriel Chamari) empfinden zwar offen Mitgefühl mit dem Verstorbenen, bleiben aber durch ihre stille Komplizenschaft mit dem unterdrückerischen System letztlich höchstens scheintolerant.

Auf den ersten Blick entspricht "Mit leiser Stimme" in etwa dem, was man früher etwas despektierlich einen Problemfilm nannte. Anhand eines persönlichen Schicksals weist Leyla Bouzid auf einen gesellschaftlichen Missstand hin, den sie in all seinen Aspekten sowie mit leicht didaktischer Schlagseite beleuchtet und formal eher zurückhaltend in Szene setzt. Dazu kommen ein wenig Arthouse-Poesie in Form von zarter Klaviermusik und ein paar Freiheitsmetaphern - etwa, wenn die Familienmitglieder gegen Ende einen Vogel, der sich in die Wohnung verirrt hat, befreien wollen. Zugleich steckt in dem Film allerdings eine berührende Aufrichtigkeit sowie ein Vertrauen darauf, dass Empathie effektiver ist als symbolträchtiger Pathos.
Wenn allmählich das Doppelleben des Verstorbenen enthüllt wird, hat das fast etwas von einem Krimi. Auch Lilias Versteckspiel ist von einem Spannungverhältnis zwischen Wahrheit und Geheimnis durchsetzt. Bouzid gelingt es teilweise lebhaft, die Ängste und Qualen zu vermitteln, die für queere Tunesier zum Alltag gehören. Als sich Lilia in einer Bar mit einigen schwulen Jungs unterhält, ist die Stimmung bestens, aber sobald man sich in der Öffentlichkeit bewegt, beginnen sie zu flüstern oder sich nervös umzuschauen. Bouzid vermittelt diese Anstrengung, sich ständig unter Kontrolle haben zu müssen oder die lauernde Furcht, durch einen kleinen Fehltritt zum Kriminellen und Aussätzigen zu werden - und weiß diese Anspannung schließlich auch im Zuge emotionaler Konfrontationen ergiebig zu nutzen.
Einmal besucht Lilia mit ihren Cousins und Cousinen einen Club. Die Stimmung ist ausgelassen, die jungen Verwandten wirken westlich und modern. Erst als das Gespräch auf Homosexualität kommt, offenbart sich, dass selbst die toleranteste Position in dieser Runde darauf besteht, man solle sich als Schwuler gefälligst zu Hause verstecken (weibliche Homosexualität ist, wie betont wird, irrelevant, weil sie schlichtweg nicht ernstgenommen wird). Nach der Beerdigung des Onkels liest die Großmutter eine ellenlange Traueranzeige vor, in der jeder Angehörige genannt wird, der mit dem Verstorbenen in irgendeiner, oft nur auch nur in einer indirekten Beziehung stand. Alice kommt dabei ebenso wenig vor wie Dalys große Liebe; sie existieren schlichtweg nicht. Trotz seines Hangs zum Versöhnlichen endet "Mit leiser Stimme" konsequenterweise mit einem Bewusstsein dafür, dass ein Happy End für Lilia in so einer Gesellschaft nur möglich ist, wenn sie dafür Lügen und Kompromisse in Kauf nimmt.
Michael Kienzl
Mit leiser Stimme - Frankreich, Tunesien 2026 - Regie: Leyla Bouzid - Regie: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Salmar Baccar, Feriel Chamari - Laufzeit: 113 Minuten.