Eine Frage des Budgets

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann, Fabian Tietke
30.09.2020. Eliza Hittmans "Never Rarely Sometimes Always" erzählt die Geschichte einer Abtreibung und die Geschichte von zwei Tagen in New York, mittellos. Tobias Frindt erkundet mit seiner Doku "Freie Räume" die Geschichte der deutschen Jugendzentrumsbewegung in den 70er Jahren.


"Never Rarely Sometimes Always" ist ein Film, der eine einfache Geschichte erzählt. Eine junge Frau (Sidney Flanigan) fährt mit dem Bus von Pennsylvania nach New York, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen, und wird dabei von ihrer Cousine (Talia Ryder) begleitet. In New York schlagen sie sich zweieinhalb Tage durch, und als der Eingriff durchgeführt ist, fahren sie wieder mit dem Bus zurück.

So flach, so beiläufig, wie sich die Handlung zusammenfassen ließe, erzählt Eliza Hittman in ihrem dritten Film auch von dem, was vor der Reise und zwischen den Busfahrten liegt. Vor der Reise: ein Auftritt beim Schulfest, Familienleben, ein Job im Supermarkt; jede Szene Teil eines Alltags, in dem männliche Übergriffe routiniert und selbstverständlich erfolgen und in dem die Welt zu eng ist, um in irgendeine Richtung ausweichen zu können. Zwischen den Busfahrten: die Subway, die Warte- und die Behandlungsräume, die Gespräche mit denjenigen, die für die medizinische, finanzielle, psychologische Beratung zuständig sind; und außerhalb der Gespräche und Behandlungen die Mühe, zweieinhalb Tage in New York durchzustehen, ohne mehr Geld zu haben als das für die erste Busfahrt und für die Abtreibung.

Hittman inszeniert diesen Parcours als Wechsel zwischen Unbeweglichkeit und Unruhe. Unbeweglichkeit in jenen Episoden, in denen die Protagonistin zum Sitzen gezwungen ist: im Wohnzimmer, in Warteräumen, an verschiedenen Tischen in der Gesellschaft von Personen, mit denen sie nicht an einem Tisch sitzen will, und in Beratungszimmern, in denen sie nicht immer korrekt beraten wird, was zumindest in einem Fall (zwei freundliche ältere Damen in Pennsylvania) mit gewissem Vorsatz geschieht. Unruhe in den Zwischenzeiten, die irgendwie herum gebracht werden müssen, weshalb der Film viele Szenen enthält, in denen ein viel zu großer Koffer über eine Straße gezerrt oder eine Treppe hinauf oder hinunter geschleppt wird; in denen Sitzen oder Schlafen keine Option sind, weil beides nicht nur in New York eine Frage des Budgets ist (für die Subway reicht es am Anfang noch); und in denen jede Pause zwischen dem Gezerre und den Versuchen, wach zu bleiben, zugleich einen Moment der Auslieferung markiert.



Die Kamera von Hélène Louvart bleibt den Figuren nahe (in den Warteräumen, auf der Straße, in der Subway). Aber sie bedrängt sie nicht. "Never Rarely Sometimes Always" praktiziert Filmen als eine Form der Teilnahme, solidarisch und zugleich diskret, eher Begleitung als Observation; und noch in den Großaufnahmen, von denen es viele gibt, geht es weniger um die Ausstellung von Emotionen als darum, deren Zurückhaltung zu dokumentieren. (Ein Grenzfall: die viel zitierte Szene, in der die Vorgeschichte sexueller Erfahrung und Gewalterfahrung im Modus des "Never, Rarely, Sometimes, Always" abgefragt wird.) In bestimmtem Sinne ist dies eine Form der Anerkennung: Hittmans Figuren absolvieren ihren Parcours klaglos, ohne zu jammern; sie sind unbeirrt, sie haben ihren Stolz, und wenn etwas zu tun oder zu ertragen ist, das sie anwidert, verlieren sie darüber nicht viele Worte.

Es gibt Kritiken, die vorschlagen, diesen Film als Szenario einer Emanzipation zu lesen: selbstbestimmtes Handeln, widrige Umstände, Stoizismus und Selbstbehauptung in der großen Stadt etc. Aber es ist auch ein Film, der sehr genau im Blick hat, dass die große Stadt nicht denjenigen gehört, die kein Geld haben; der die Bewegungen seiner Figuren auf einen kleinen Radius und ein paar Fahrten reduziert; der die Erfahrung der Aussetzung und Demütigung von einem Schauplatz an einen anderen verlängert, und der, ruhig, distanziert, lapidar, von einer Heldenreise erzählt, die nicht in einer anderen Welt endet, sondern die Figuren zurück an den Ausgangspunkt führt. In der letzten Einstellung sitzen sie im Bus nach Pennsylvania, von wo sie aufgebrochen sind, und wo vielleicht etwas weitergehen kann; doch ist "Never, Rarely …" für diese Geschichte schon nicht mehr zuständig.

Stefanie Diekmann

Never Rarely Sometimes Always - USA 2020 - Regie: Eliza Hittman - Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin, Ryan Eggold, Sharon Van Etten - Laufzeit: 101 Minuten.

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Man macht sich selten ein Bild von der Tristesse einer Jugend in den 1960er und 1970er Jahren. Einer der wichtigsten Punkte ist der Mangel an Orten, an denen sich Jugendliche ausprobieren konnten, ohne sich erwachsenen Normen und erwachsener Kontrolle unterwerfen zu müssen. Ein Mangel, der vor allem jenseits der Großstädte allgegenwärtig war. Anfang der 1970er Jahre löste dieser Missstand eine bundesweite Bewegung für Jugendzentren aus. Laufauf, landab forderten Jugendliche, Lehrlinge, Schüler:innen von überforderten Kommunalpolitiker:innen Räume und Geld, um Orte für Jugendliche zu schaffen und in diesen Politik zu treiben. Tobias Frindts "Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung" dokumentiert diese Bewegung.

Frindt hat filmische Zeugnisse aus der Frühzeit dieser Jugendzentren zusammengetragen. Einige der Filmaufnahmen fanden sich in den Kellern der Jugendzentren selbst, wo sie in jahrelang ungeöffneten Dosen lagerten. Gespräche mit Protagonist:innen der Bewegung ergänzen diese um ein Bild von Zielen und Konflikten, Problemen und Erfolgen der jeweiligen Versuche. So nüchtern dieser Wechsel zwischen den beiden primären Elementen des Films wirken mag, es entsteht doch ein vielfältiges, eindrucksvolles Bild der Bewegung. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Projekte und der verschiedenen Wellen der Bewegung werden erkennbar. Wie sich die leeren Räume der Anfangszeit durch viel Engagement und Arbeit der Jugendlichen in lebendige Orte verwandeln, wie Selbstverwaltung inmitten der obrigkeitsstaatlichen BRD der 1970er Jahre erlernt wird, ist beeindruckend zu sehen. Selbst das sich wiederholende Kleinklein der Verhandlungen mit Kommunalpolitikern, bei der Beschaffung von Einrichtungen, aber auch in der Auseinandersetzung und den Aushandlungen mit Rockern, im Umgang mit Kriminalität zeugt von der Beharrlichkeit der Bewegung in ihrem Kampf.

Anhand der Bewegung für selbstverwaltete Jugendzentren und dem Austausch mit anderen Bewegungen wie den Hausbesetzer:innen der 1980er Jahre wird eine Gegengeschichte der BRD sichtbar. Ein besonderer Reiz der Geschichte, die Frindt in seinem Film erzählt, ist, dass sie endlich einmal jenseits der Großstädte spielt.



"Freie Räume" begann als Abschlussarbeit über das Jugendzentrum in Mannheim. Diesen Fokus merkt man dem Film an und ganz glücklich ist die Umsetzung der Ausweitung auf andere Jugendzentren nicht immer. Wenn etwa in den Interviews die Rede auf Jugendzentrum in anderen Teilen Deutschlands als dem Südwesten kommt, freut man sich bisweilen schon auf die entsprechenden Bilder oder regionalen Geschichten - ohne dass diese dann folgen. Material hätte es gegeben: "Allein machen sie dich ein", der Dokumentarfilm über die Besetzung des Kreuzberger Bethaniens u.a. durch Lehrlinge wird sogar im Film erwähnt, zudem hätte es Aufnahmen zu Protesten gegen die Schließung eines Jugendzentrums mit anschließender symbolischer Besetzung im Märkischen Viertel in Berlin von 1970 gegeben. Auch zu vielen der anderen Jugendzentren hätte sich vermutlich Material gefunden.

Gegen Ende weitet der Film noch einmal den Blick, indem er einerseits die Arbeit des Alternativen Jugendzentrum im sächsischen Leisnig zeigt und andererseits den Alltag in einem saarländischen Jugendclub, der von den politischen Zielen der Anfangsjahre weit entfernt ist und eher in der Pflege von Dorftraditionen besteht. Man meint in diesem Auseinanderklaffen ein Echo der Diskussion über das Verhältnis zur Sozialarbeit zu hören, das die Jugendzentrumsbewegung schon in den 1970er Jahren prägte.

"Freie Räume" vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung unabhängiger Orte für Jugendliche. Kontinuitäten und Veränderungen im Umgang mit diesen Orten durch die Kommunalpolitik, das Umfeld vor Ort und die Jugendlichen selbst werden am Rande nachgezeichnet. In vielen der Gespräche und den historischen Bildern wird klar, wie männerdominiert die Bewegung für Jugendzentren zu Beginn war. Umso erfreulicher, dass Regisseur Frindt bei der Wahl der Gesprächspartner:innen ausgewogener war. Nicht zuletzt die Gespräche mit Silke Brockmann vom "Koodinationsbüro für Initiativgruppen der Jugendzentrumsbewegung" tragen erheblich zum Verständnis der Vielfalt der Bewegung bei. "Freie Räume" ist ein sehenswerter Ausflug in die Vergangenheit von Orten, die heute allzu oft selbstverständlich scheinen.

Fabian Tietke

Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung - Deutschland 2019 - Regie: Tobias Frindt - Lauzeit: 102 Minuten. Kinotermine.