Koi-Ballett in den Lüften

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann, Michael Kienzl
21.08.2019. Kitaro Kosakas Manga "Okko's Inn" erzählt in bezaubernden Bildern von Selbstverleugnung, Akzeptanz und Trauerarbeit in der Gesellschaft von Geistern und Dämonen. Carolina Hellsgard lässt in "Endzeit", ihrer Adaption der gleichnamigen Graphic Novel von Olivia Vieweg, Zombies durch ein dystopisches Deutschland irren und macht Hoffnung auf mehr unorthodoxes deutsches Genrekino.

Ab Mitte der 80er Jahre hat Kitarô Kôsaka drei Jahrzehnte lang als Key Animator Animes mitgestaltet, darunter Katsuhiro Otomos "Akira" (1988) und viele Produktionen des Studio Ghibli wie den ebenfalls berühmten "Grave of the Fireflies" von Isao Takahata (1988). Am häufigsten ist er für den Ghibli-Regisseur Hayao Miyazaki tätig gewesen, von "Nausicaä" (1984) über "Castle in the Sky" (1986), "Pom Poko" (1994), "Princess Mononoke" (1997) bis zu den sehr geliebten "Spirited Away" (2001) und "Howl's Moving Castle" (2005) und später "Ponyo on the Cliff" (2008) und "The Wind Rises" (2013).

Dass in Kôsakas Film "Okko's Inn" die Spuren dieser Zusammenarbeit zu erkennen sind, ist zutreffend. Allerdings ist nicht ganz einfach zu sagen, wo die Momente der Wiedererkennung spezifisch werden, über die allgemeinen Kennzeichen hinaus, die im Fall des Studio Ghibli stets mit Kulleraugen und sehr lauten Kinderstimmen zu tun haben; mit Ungeschicklichkeit, fliegenden Objekten und imaginären Freunden; mit den ungleichen Modi der Animation: den detaillierten Darstellungen von Landschaften oder Interieurs und der reduzierten Darstellung von Figuren; mit der Ungleichzeitigkeit von Stillstellung und Bewegung und mit der Koexistenz recht unterschiedlicher Betriebstemperaturen innerhalb ein und desselben Bildes.

Alle diese Kennzeichen finden sich in "Okko's Inn". Aber wenn dieser Film, den Kôsaka nicht für das Studio Ghibli, sondern für die Produktionsfirma Madhouse animiert hat, an die Erzählungen von Miyazaki erinnert, hat dies tatsächlich mehr mit dem Narrativ zu tun als mit den Bildern, mehr mit der Protagonistin als mit den Landschaften, Zügen, hölzernen Veranden und Stiegen, aus denen sich auch dieses Universum zusammensetzt. Miyazakis Erzählungen sind fast immer Geschichten einer Entwicklung: vom verwöhnten, unselbstständigen, gerne etwas verheulten Kind zu einer Figur, die noch immer Kind ist, aber nicht länger unselbstständig, da sie durch ein Narrativ geschickt wird, das sie dazu nötigt, über sich selbst hinauszuwachsen. In der Geschichte, die "Okko's Inn" entfaltet, läuft das ähnlich, diesmal als Erzählung, die zugleich vom Abschied und vom Willkommen handelt.


Der Abschied: Trauerarbeit, auch dies ein altes Ghibli-Motiv, und mit der Trauer der Limbo, in dem sich diejenigen aufhalten, die den Toten noch zu sehr verbunden sind, weshalb sie in der Gesellschaft von Geistern leben. Das Willkommen: Gastfreundschaft, ein zentrales Gebot des Onsen-Gästehauses, das von Okkos Großmutter betrieben wird, und in dem sich im Verlauf des Films einige sehr schwierige Besucher einfinden. Überhaupt, Besucher: In diesem Film Kôsakas wie in den Welten Miyazakis sind nur sehr wenige Figuren dazu bestimmt zu bleiben. Die Toten, die Gäste, die Geister, die nach und nach die Zimmer des Gästehauses bevölkern (einen verfressenen Dämon gibt es auch), werden nicht auf Dauer dort verweilen. Vielmehr ließe sich behaupten, dass sie in den Film vor allem eingeführt werden, um wieder daraus zu verschwinden, früher oder später, was indes nur möglich ist, wenn man sie zuvor willkommen heißt

"Okko's Inn" ist, so betrachtet, auch eine Story über Akzeptanz, und zwar über eine, die als bedingungslos vorzustellen ist. Eine Story über das Gebot der Selbstverleugnung ist das außerdem und als solche nicht in jedem Augenblick gut zu ertragen; jedoch hat Kôsaka auch das Ghibli-Prinzip des Comic Relief und der Bezauberung beibehalten, die den Bildern eingeschrieben ist und sich immer wieder daraus entfalten kann. Der Comic Relief ist diesmal der Job der Geister und Dämonen, die (eins, zwei, drei) in die Geschichte eintreten, um sich dort vor allem als Nervensägen zu betätigen. Die Bezauberung ist Sache jener Schauspiele, die unversehens und wie von Zauberhand entstehen: ein Koi-Ballett in den Lüften; ein erleuchtetes Feld in der Nacht; die Häuser, deren Silhouetten sich vor dem Himmel immer nur verhalten abzeichnen; die Tiere, die von Zeit zu Zeit durch das Bild streifen, um wieder im allgemeinen Grün zu verschwinden. Trost, das wäre aus diesen Animationen zu lernen, ist nicht allein in den Figuren zu suchen. Trost ist in der Welt, in den Dingen, im flüchtigen Moment, auf den sich dieses Kino so gut wie nur wenige versteht.

Stefanie Diekmann

Okko's Inn - Japan 2018 - OT: Waka okami wa shôgakusei! - Regie: Kitarô Kôsaka - Laufzeit: 94 Minuten.

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"Probier's mal aus. Bringt dich auf andere Gedanken" sagt die Heimleiterin und gibt Vivi (Gro Swantje Kohlhof) eine Flasche mit roter Haartönung. Solche Kosmetikartikel sind in Carolina Hellsgårds "Endzeit" Mangelware. In einem dystopischen Deutschland ist vor zwei Jahren eine Seuche ausgebrochen, die, bis auf die hermetisch abgeriegelten Städte Weimar und Jena, alles in ein von Zombies bevölkertes Niemandsland verwandelt hat. Seitdem lebt die vom Tod ihrer jüngeren Schwester traumatisierte Vivi in einer Weimarer Psychiatrie, die mit ihren dunklen Gängen wie ein Geisterschloss wirkt. Dass sie ihre blonden Haare rot färbt, kündigt an, dass sie im Laufe des Films eine andere werden muss.

Die erste Hürde für Vivi ist der Schritt nach Draußen. Als sie am Schutzzaun aushelfen soll, wo untote Eindringlinge abgewehrt und verbrannt werden, trifft sie auf die taffe Zombiekillerin Eva (Maja Lehrer). Während Vivi mit einer sich selbst lähmenden Grundverstörtheit durchs Leben irrt, wirkt Eva nicht nur selbstbewusst ruppig, sondern, ganz ihrem Namen entsprechend, auch auf eine geheimnisvolle und dunkle Art verführerisch. Wenn die beiden aus unterschiedlichen Motiven gemeinsam nach Jena fliehen, offenbart sich immer mehr, dass sie nicht nur krasse Gegensätze verkörpern und sich deshalb ergänzen können, sondern auch, dass sie jeweils für das stehen, was der anderen fehlt.

Basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel von Olivia Vieweg erzählt "Endzeit" von einer Welt im Umbruch. Schon die gelblich schimmernde Herbstlandschaft lässt darauf schließen, dass hier etwas zu Ende geht. Aber wie schon Trine Dyrholm als Yoda-ähnliches Kräuterweiberl anzumerken weiß: Es ist zugleich auch ein Anfang. Für die beiden Mädchen, aber auch für die Natur, die im (vor und hinter der Kamera komplett weiblich besetzten) Film eine "kluge, alte Frau" ist, die sich ihrer ungebetenen Gäste entledigt. Das Ende der Menschheit ist auch ein wenig gerechte Strafe für den gedankenlosen Umgang mit dem Planeten. Für Vivi und Eva bedeutet es, sich von einer falschen Vergangenheit zu lösen, um einen eigenen Weg in die Zukunft zu finden.


Obwohl Untote im Film immer wieder eine Rolle spielen, ist "Endzeit" weniger klassischer Zombiefilm als eine abenteuerliche, durchaus sympathische Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Buddy-Movie und Fantasyfilm. Es geht um Traumaverarbeitung, Selbstfindung und (vielleicht sogar ein bisschen mehr als) Freundschaft. Schön daran ist vor allem, dass der Film zwar so etwas wie eine Jugendgeschichte erzählt, sich dabei aber jenseits gängiger Formate bewegt - wobei das Kinopublikum, zumindest offiziell, etwas älter sein dürfte, weil der Film im Gegensatz zur Vorlage nicht ab 12, sondern ab 16 Jahren freigegeben ist.

Der Kern des Films ist die sehr eigene Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren; ein ständiger Wechsel aus Anziehung und Abstoßung, der offenbart, wie sich der eigene Charakter erst durch ausgetragene Konflikte zu formen beginnt. Anderes in "Endzeit" funktioniert nicht ganz so gut: Etwa der manchmal etwas ungelenke Umgang mit Horrormotiven, Dyrholms Figur, die mit esoterischen Weisheiten nochmal runterbeten muss, was man vorher schon verstanden hat oder der sehr generische Soundtrack, der für die teilweise recht eigenen Ansätze des Films nicht die ideale Wahl ist.

Dass die Zombies - allen voran eine umherirrende Braut - nur bedingt furchteinflößend sind, passt dagegen gut. Weil damit Vivis empathischer Blick eingenommen wird, der zwischen Lebenden und Toten nicht so recht unterscheiden kann, aber auch weil die Welt des Films so fließend ist, dass sie sich nie richtig greifen lässt. Da beginnen Pflanzen auf der Haut von Menschen zu sprießen und Träume Besitz von der Wirklichkeit zu ergreifen. "Endzeit" ist vielleicht nicht rundum gelungen, aber macht Hoffnung auf mehr unorthodoxes deutsches Genrekino.

Michael Kienzl

Endzeit - Deutschland 2018 - Regie: Carolina Hellsgard - Darsteller: Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm, Barbara Philipp, Yûho Yamashita - Laufzeit: 90 Minuten.