Im Kino
Eine ordinäre Dorfprinzessin
Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
23.04.2025. Geld muss immer beschafft werden in diesem Film. Die litauische Regisseurin Saulė Bliuvaitė erzählt in "Toxic" eine bittere Coming-of-Age-Geschichte aus der tristen Provinz. Gelegentlich denkt man gar an Michelangelo Antonioni.
"Toxic" ist das Langfilmdebüt der litauischen Regisseurin Saulė Bliuvaitė, wurde im letzten Sommer mit dem Goldenen Leoparden des Filmfestivals von Locarno ausgezeichnet und beginnt damit, dass eine 13-Jährige bei ihrer Großmutter zwischengeparkt wird. In der neuen Umgebung irgendwo im abgehängten Hinterland ist Marija (Vesta Matulytė) die Außenseiterin, schon wegen der angeborenen Sache mit dem Bein, die sie leicht hinken lässt. Marija lässt das hämische Getuschel der anderen stoisch über sich ergehen - bis ihr Kristina (Ieva Rupeikaitė) die Designerjeans klaut. Blondes Haar, trotziger Ausdruck, Schatten unter den Augen, die sie ein gutes Stück älter wirken lassen als sie ist, eine ordinäre Dorfprinzessin.
Die Mädchen prügeln sich auf regennassem Asphalt und im nächsten Moment sind sie schon Freundinnen, einfach so, aus der Not geboren. An diesem Ort erscheint überhaupt fast jede zwischenmenschliche Interaktion wie eine bittere Notwendigkeit, eine Transaktion oder wenigstens Investition. Kristinas Vater lockt sie mit einem extra Zehner aus dem Haus, um einen Ort zu haben, an dem er seine neue Freundin verführen kann. Die Flirterei mit älteren Jungs verspricht erleichterten Zugang zu Alkohol und Drogen. Die Mädchen schachern sich Jobs zu, schnelles Geld bar auf die Hand, keine blöden Fragen. Denn Geld muss immerzu beschafft werden: Für ein Piercing, ein Fotoshooting, für fragwürdige Diätmittel aus dem Darknet.
Bliuvaitė filmt die Innenräume in "Toxic" als strenge Tableaus, in kühlen Farben, die Ulrich Seidl alle Ehre machen würden. Angelaufene Wände, Spitzengardinen, postsowjetische Tristesse. Freudlose Räume des Sollens, des Müssens und nicht Dürfens. Ihre Körper sind das Einzige, worüber die Mädchen Kontrolle zu haben glauben, sie geben ihnen Perspektive, eine potentielle Fahrkarte hinaus in die Welt. Eine Modelschule mit halbseidenem Geschäftsmodell schlägt Profit aus dieser vorsichtigen Hoffnung. Hier werden die Mädchen von einer rothaarigen Heidi-Klum-Adeptin in schwarze Unterwäsche gesteckt und vermessen, lernen auf hohen Absätzen in geraden Reihen zu laufen und zu posieren, zu lächeln und den Hunger zu unterdrücken, immer mit der baumelnden Karotte in Form eines Flugtickets nach Paris oder Japan vor der Nase. Besonders Kristinas Versuche ihren Körper zu modifizieren, werden schnell drastischer. Sie lässt sich ihr geklautes Zungenpiercing in einer ranzigen Toilette stechen und beschafft sich Kapseln mit Bandwurmeiern, um dünner und dünner zu werden. Vollends in den Bereich des Bodyhorror lässt Saulė Bliuvaitė ihren Film nicht kippen; bleibt statt bei den Exzessen des Genres eher bei einem zwar stilisierten, aber distanziert beobachtenden Realismus.

Im Original trägt "Toxic" den Titel "Akiplėša", ein nicht eins zu eins aus dem Litauischen übersetzbares Wort, das soviel bedeutet wie unverschämte Person, grob, anstößig, schändlich. Als offensichtliche Lesart drängt sich zuerst die zwischenmenschliche Toxizität auf, die alkoholgetränkte Abgestumpftheit der Figuren, die Empathielosigkeit etwa von Marijas Mutter, die sich für die Bedürfnisse ihrer Tochter weder interessiert, als diese nicht bei der Großmutter bleiben, noch, als sie später nicht wieder weg will.
Aber die Bilder suggerieren noch etwas anderes. In Bliuvaitės Film ist körperliche Versehrtheit allgegenwärtig, nicht nur in Gestalt der von Geburt an hinkenden Marija. Ein Jugendlicher macht Kampfsport im Garten. Als er sich der Kamera nähert, ist sein milchig blindes Auge zu sehen. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft hat gewaltige Lipödeme. Und dann der Fluss, der mitten durch diese heruntergekommene Industrielandschaft fließt. In einer lang gehaltenen Einstellung baden die Mädchen vor dem Hintergrund einer monströsen Stauanlage aus Beton, zwischen ihnen steht eine Schwangere knietief im Wasser. Es wird in "Toxic" nie explizit thematisiert, aber der Eindruck schwingt mit, dass etwas im Wasser und im Boden ist, das dort nicht hingehört. Das lässt den Film über eine reine Coming-of-Age-Geschichte hinauswachsen, macht seine Settings zu Akteuren wie bei Michelangelo Antonioni. Immer wieder verbannt die Kamera Figuren an den äußersten Bildrand, manchmal drohen sie auch ganz aus dem Kader zu rutschen, werden zur Fußnote vor der knirschenden Schönheit von Fabrikruinen, Betonstrukturen, Schornsteinen und Umspannanlagen.
"Sei nicht so schüchtern, du bist fantastisch," raunt der Talentscout Marija zu, als sie ihr Demoreel aufnimmt. "Könntest du lächeln?" Großaufnahme, Marija schaut direkt in die Kamera und ihre Mundwinkel heben sich millimeterweise, aber die Augen verraten weiterhin ihre Verunsicherung, ihr wässriges Blau nimmt eins zu eins die Farbe der kalt beleuchteten Wände der Modelschule auf. Ein Ort, der die Leute schluckt und wir unverschämten Personen schauen zu, fasziniert und abgestoßen zugleich.
Katrin Doerksen
Toxic - Litauen 2024 - OT: Akiplėša - Regie: Saulė Bliuvaitė - Darsteller: Vesta Matulytė, Ieva Rupeikaitė, Giedrius Savickas, Vilma Raubaitė u.a. - Laufzeit: 99 Minuten.
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