Im Kino
Direkt in die Arme des Awareness-Teams
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
31.07.2025. Die Club-Szene als Solidargemeinschaft, die einen nie allein lässt, auch nicht in der Ketamin-Tunnel-Vision - Nikias Chryssos und Viktor Jakolevski legen mit ihrem Techno-Film "Rave On" einen veritablen Stampfer hin.
"Heute nicht." Gleich zu Beginn erntet Kosmo (Aaron Altaras) eine Abfuhr vom Türsteher. Taghell ist es vor dem Club. Nicht, weil Kosmo schon die Nacht durchgefeiert hätte, eher weil er schon so lange nicht mehr gefeiert hat. Überhaupt ist er gar nicht zum Feiern hier. Den Jutebeutel unterm Arm sucht er eine Audienz bei DJ-Legende Troy Porter (Jamal Moss alias Hieroglyphic Being). Der soll die Testpressung des neuen Stücks hören, vielleicht sogar auflegen. Wie weit Kosmo mittlerweile von der Szene entfernt ist, zeigt ihm Türsteher Richard (Isaak Dentler); nicht weil er ihn zunächst an der Tür abweist, wenig später auf dem Gelände aufgreift, und sich schließlich doch erbarmt, ihn reinzulassen, nein, er lässt Kosmo Eintritt zahlen. Als VIP-Gast oder gar Künstler sieht ihn hier niemand mehr.
So scheitert er auch direkt an der nächsten Tür. Die Backstage-Security kennt Kosmo nicht, hat keine Zeit für seinen versuchten Karriere-Neuanlauf. Und überhaupt: das Set von Porter sei ohnehin verschoben. Fünf Stunden muss der abgehalfterte Kosmo bis zum Auftritt seines Idols totschlagen. Fünf Stunden mit dem verhassten Festival/TikTok-Techno von DJ Roxy (Lucia Lu). Den dazugehörigen Rant will niemand hören. Die Szene bewegt sich schnell, hat den Ex-DJ längst abgehängt, der sich mit Uni-Seminaren über Wasser gehalten hat. Firlefanz, seine alte Techno-Kombo ist heute nur noch eine zu "Firly Trance" und "Firle Friends" verballhornte und verblasste Erinnerung.
Aufholen kann Cosmo nur noch mit synthetischer Unterstützung. Statt Backstage-Zutritt gibt es also erst einmal Ecstasy auf der Tanzfläche. Als die Wirkung bei Kosmo gerade erst einsetzt, trifft er einen alten Dozenten, der schon so verloren ist im Rausch seines Drogencocktails, dass Kosmo auch hier unmöglich andocken kann. Wir erfahren noch, dass er es nicht zum Master gebracht hat. Also driftet er weiter, den Jutebeutel mit der Platte unterm Arm, durch die räudigen Club-Toiletten, zieht hier eine Line, pustet dort den Kabinen-Nachbarinnen ihre ins Gesicht. Die sind irgendwie empört, aber Kosmo ist eben auch "ganz cute" und die Sache beim nächsten Treffen wieder vergessen. Man teilt sogar eine Line mit dem Verlorenen.

Dass es Ketamin ist, das diesmal gezogen wird, bleibt ein Geheimnis, bis es zu spät ist. Kosmo robbt bald hilflos auf dem Boden des Darkrooms umher, an alten Weggefährten vorbei, immer auf der Suche nach dem Weg in den Backstage-Bereich. Durch einen Luftschaft, der sich bald zur Ketamin-Tunnel-Vision verengt, kommt er vielleicht sogar dort an, wird aber kurz darauf, ohne Jutebeutel, am anderen Ende ausspuckt.
Die Club-Szene ist in "Rave On" eine verschrobene Solidargemeinschaft, die sich kollektiv berauscht, um diejenigen, die individuell abstürzen, gemeinsam wieder aufzurichten, um ein weiteres Mal den Zyklus aus Ekstase und Jämmerlichkeit zu durchlaufen. Das dazugehörige Leitmotiv um Selbstfindung und Selbstverlust führt Kosmo aus den weit aufgerissenen Pforten der Wahrnehmung direkt in die Arme des Awareness-Teams. Dazwischen traumwandelt der Film an der Seite seines Protagonisten durch die wahlweise schummrigen oder von farbigen Lichtern durchfluteten Räumlichkeiten des fiktiven, aus diversen Locations des Berliner und Frankfurter Nachtlebens zusammengeflickten und entsprechend nicht geografisch fassbaren Clubs. Ähnlich schwer zu fassen erscheint der ehemalige DJ-Kollege Klaus (Clemens Schick), der als tiefenentspanntes Yang zu Kosmos rastlosem Ying immer dort auftaucht, wo er eigentlich gar nicht sein dürfte. Vielleicht ist er auch nur ein Phantom, wie der als Prophet aus der Tripwelt auftretende DJ Troy.
Die angedeutete Vergangenheit, der Wunsch, sie wieder aufleben zu lassen und die eigene Verlorenheit in einer Szene, die längst neue Ufer erreicht hat, ist freilich nur flüchtiges Beiwerk einer ganz auf ekstatische Intensität getrimmten Kino-Erfahrung. Wummernde Beats und flimmerndes Licht erweisen sich ein weiteres Mal als äußerst geeignet, um von einem kollektiv erfahrenen dunklen Raum auf einen anderen projiziert zu werden. Das Filmemacher-Duo Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski moduliert die Ekstase gekonnt, baut sich Polyrhythmik aus chemisch befeuerter Transzendenz und prosaischem Elend zusammen.
Wo der Rausch funktioniert, tanzt das Bild wie fluoreszierende Mikroorganismen im Reagenzglas, um sich anschließend in hektische Rorschachtest-Bilder aufzulösen. Wo der Rausch die Kraft verliert, erhalten die Beats von Ed Davenport (alias Inland) und die visuellen Standard-Floskeln von schwitzenden Körper im Stroboskop-Licht den Puls des Films. Kosmos Platte schwebt bald ohne ihn und seinen Sinn für Realität durch den Club, wird weitergereicht, dient als Getränke- und Drogentablett und wird schließlich vom Propheten der alten Schule DJ Troy aufgelegt. Mehr will Kosmo gar nicht und auch der Film hat glücklicherweise keine weit darüber hinausgehenden Ambitionen. "Rave On" ist ein schlanker, 80-minütiger Stampfer und damit wahrscheinlich die beste Version seiner selbst.
Karsten Munt
Rave On - Deutschland 2025 - Regie: Nikias Chryssos, Viktor Jakolevski - Darsteller: Aaron Altaras, June Ellys Mach, Cemens Schick, Jamal Moss, Isaak Dentler - Laufzeit: 85 Minuten.
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