Im Kino

Von der Party direkt in den Stall

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
05.08.2025. Nicht nur eine Jugend, sondern auch eine Lebensart geht zu Ende in "Milch ins Feuer". Justine Bauers Debütfilm verbindet auf überzeugende Weise Individuelles mit Gesellschaftlichem und hat außerdem ein gutes Ohr für eine Mundart, die im deutschen Kino nicht allzu häufig zu hören ist.

Welche Bilder lassen sich in Filmen finden, die prägnant all jene Empfindungen und Eindrücke bündeln, die sich als Teenager während des Sommers erfahren lassen? Eine Schnecke vielleicht, die, sachte aufs Knie gelegt, sich daran festsaugt. Die schlafenden Gesichter von Freunden im Morgengrauen, die sich nach einer Party im Freien hingelegt haben.

"In diesem Sommer trugen wir unsere Schwimmsachen immer untendrunter. Das war Katinkas Idee, dass das Leben am schönsten ist, wenn man jeden Moment schwimmen gehen kann", spricht Anna (Pauline Bullinger) zu Beginn von "Milch ins Feuer", Justine Bauers Abschlussfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien, aus dem Off. Anna und Katinka (Karolin Nothacker), Katinkas Schwestern, ihre Oma und ihre Mutter (Johanna Wokalek) leben in Hohenlohe, einer ländlichen Region im nordöstlichen Baden-Württemberg. Ihr Leben ist seit Generationen geprägt von landwirtschaftlicher Arbeit - als Katinka in der Frühe die Party einer Freundin verlässt, die ihren 18. Geburtstag gefeiert hat, geht sie direkt in den Stall, um rechtzeitig die Kühe zu melken.

Auch wenn die Mutter andere Pläne für sie hat, ihr einbläut, dass sie anderswo einen zukunftsweisenderen Beruf ergreifen soll, möchte Katinka am liebsten Bäuerin bleiben und schließlich den Hof übernehmen. Aber den soll später ihr älterer Bruder bekommen. Und weil er neulich in einer Bar, dem "Schwarzen Raben", Anna kennengelernt hat und sie nun schwanger von ihm ist, wird diese später den Bauernhof und all die daran anschließenden Hektar Land überantwortet bekommen, obwohl sie dies eigentlich gar nicht will.


Gedreht ist "Milch ins Feuer" auf Hohenlohisch, einer schönen, regionalen Spielart des Fränkischen, in der "gescheid" heißt, was gut ist, und "g'schwätzt" wird, wenn Menschen, sich miteinander unterhalten. Die fein durchwirkte Art, wie Justine Bauer diesen Dialekt als Sound und Bedeutungsträger verwendet, steht quer zur bemüht beflissenen und reichlich erschriebenen Indienstnahme mundartlicher Sonderheiten, wie sie sonst nur allzu oft den deutschsprachigen Film dominiert.

In der Sprache hält sich etwas fest, was schon im Auflösen und Verschwinden begrffen ist. Der Film ist durchsetzt von einer Melancholie fürs Vergehen der Zeit, die zum einen intim und individuell-biografisch ist, zum anderen ohne jegliche Themenkino-Aufdringlichkeit gesellschaftlich und symptomatisch. "Vor ein paar Jahren seid ihr noch mit dem Kinderwagen im Stall gestanden. Und jetzt fahrt ihr schon mit dem Auto fort", sagt Wokalek, die ihre Rolle mit einer sanften Schwermut spielt, zu Katinka (die ihr daraufhin wunderbar entschieden antwortet: "So isch halt.").

Verlassen werden die jungen Erwachsenen ihre Region gleichwohl auch deshalb, weil die Landwirtschaft in Deutschland keine aussichtsreichen Perspektiven mehr verheißt. Ein Nachbar der Familie, der jahrzehntelang erfolgreich als Milchbauer seinen Lebensunterhalt bestritt, ringt ums Überleben: Seit dem von der ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner beschlossenen Agrarpaket werden die bisherigen Direktzahlungen an Bauern umgeschichtet und reißen so viele Betriebe ins Prekäre. Zunächst markieren grüne Kreuze um seinen Hof den Protest gegen die erzwungenen Regulierungen ("weil die Bauern verrecken wegen denen da oben"), dann inszeniert er gemeinsam mit der lokalen Presse eine verzweifelte Aktion: Zusammengeschichtete Heuballen werden angezündet, um schließlich mit der überschüssigen Milch, für die er keine Abnehmer findet, gelöscht zu werden.

Der Geruch von verbrannter Milch hängt noch tagelang in der Luft, bleibt zurück von etwas, das längst erloschen ist. Ohne süßliche Zuspitzung, nah an der Grenze zum Dokumentarischen, erzählt Justine Bauer in einer gekonnt durchgearbeiteten, konzentrierten Filmsprache vom Ende einer Jugend, die auch das mähliche Ausklingen einer Lebenswelt abbildet. Nach Tilman Singers Genre-Verheißung "Luz" erweist sich die Kunsthochschule für Medien Köln mit "Milch ins Feuer" ein weiteres Mal als verheißungsvollster Entwicklungsraum für angehende Filmemacher*innen.

Kamil Moll

Milch ins Feuer - Deutschland 2024 - Regie. Justine Bauer - Darsteller: Pauline Bullinger, Anne Nothacker, Karolin Nothacker, Sara Nothacker, Johanna Wokalek u.a. - Laufzeit: 78 Minuten.