Im Kino
In jedem Tier ein verwunschener Mensch
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
10.12.2025. Der Esel Goschka, steckt in ihm ein verlorener Sohn oder doch nur ein Trunkenbold? Eliza Petkovas Dokumentarfilm "Stille Beobachter" blickt auf ein in die Jahre gekommenes bulgarisches Dorf und findet eine Welt, in der die Unterschiede zwischen Lebewesen keine allzu große Rolle spielen.
"Die Katze ist über den Toten gesprungen!", ruft eine der Frauen aus, die Wache bei einem Leichnam halten. Vom klagenden Gesang angelockt, war sie vom Fensterbrett heruntergehopst und über den Bauch des Verstorbenen getapst. Die Frauen halten sie für einen Vampir, der um die Häuser schleicht und über magische Kräfte verfügt: Kommen die Ziegen mit ihr in Berührung, geben sie keine Milch mehr. Läuft sie Menschen vor die Füße, stürzen diese und fallen tot um. Am besten sollte sie aus dem Ort verscheucht werden, sind sich die meisten einig, aber der Ehefrau des Toten kommen Zweifel. Vielleicht ist bei der Berührung ja die Seele ihres Mannes in die Katze gefahren? Und den könne sie doch schlecht vertreiben.
Geschichten und Erzählungen wie diese, mythenschwanger und vom fröhlichen Aberglauben beseelt, fand die Regisseurin Eliza Petkova bei den Dreharbeiten zu ihrem Dokumentarfilm "Stille Beobachter" im bulgarischen Dorf Pirin, das kaum noch eines ist: ein paar Hütten und Ställe in einer Talsenke nur, unverputzte Häuser mit rissigen Fassaden und Baracken aus Holz, eine vermooste Brücke über einem kleinen Fluss, der sich durch den ganzen Ort zieht. Das Leben der wenigen Einwohner - allesamt im fortgeschrittenen Alter, nachkommende Generationen gibt es keine mehr - fängt sie unaufdringlich als scheinbar beiläufigen Überschuss ein. Ihre Aufmerksamkeit gilt ganz den Tieren des Dorfes. Zwei Katzen also, die sich fauchend annähern, einer Hündin, die, von der Leine gelassen, Hühner reißt, einem Esel, der verliehen wird, um Lasten tragen zu können.
Allzu streng will der Film diesen Unterschied zwischen den Lebewesen alsbald aber nicht mehr ziehen, denn die Gespräche der Menschen mit den Tieren sind längst so alltäglich geworden, dass in jedem Tier ein verwunschener Mensch verborgen scheint. Dieser Esel namens Goschka beispielsweise, mit dem eine der Frauen den ganzen Tag umherzieht und Lasten entlang der Anhänge transportiert: Ist er nun, wie die einen sagen, ihr Sohn, der vor Jahren einen Mord begangen haben soll und von der Mutter im Tierfell vor der Festnahme versteckt werden musste? Oder doch, so erzählen es andere, nur ein umherziehender gewalttätiger Trunkenbold, der damit seine gerechte, lebenslange Strafe bekam?

Wesentlicher Bestandteil der filmischen Welt von "Stille Beobachter" ist die musikalische Untermalung, die sich geradezu organisch mit dem Klang der Bilder vermischen soll. Ein freies Improvisationsensemble betont die Materialität und Beschaffenheit ihrer Instrumente. Der Hall angeschlagener Klaviersaiten, die unterschiedlichen Klangfarben eines Schlagzeugs im Wechsel zwischen Fell, Holz und Metall, das Klappern der Ventile eines Saxofons konkretisieren sich selten zu einem Rhythmus, akzentuieren und erschaffen vielmehr flüchtige, kaum fassbare Stimmungen.
Von einer pointierenden Sensibilität ist bisweilen auch die Bildgestaltung. Im angeschnittenen Detail widmet der Film sich den Körpern der Tiere selbst: glatt polierten Schnauzen und Nasen, sich auf und ab bewegenden Nüstern, dem Fell und Flausch im Ohr. Im Schnitt und den Bildachsen suggeriert Petkova, dass das, was zu sehen ist, auch das ist, worauf die Tiere selbst blicken, sei es der Schneepelz auf einer Wäscheklammer oder Ameisen, die geräuschhaft an einem Baumstamm entlangschaben.
Was die Tiere als Stellverter beobachten sollen, ist eine Welt, die verschwindet und wenig hinter sich zurücklässt. In einer elegischen Szene folgt die Kamera der Hündin Mila (die das Ende des Films selbst nicht überleben wird, weil einer der Bauern sie schließlich im Hühnerstall erwischt und erschießt) durch die Straßen in ein nicht mehr bewohntes, im Verfall begriffenes Haus, dessen übriggebliebenes Interieur - eine alte Bettdecke, ein an der Wand hängender Weidenkorb, ein Paar eingedellter Lederschuhe - auf ein Leben verweist, an das niemand mehr zurückdenkt. Wer hier noch weiterexistieren möchte, verwandelt sich am besten alsbald in ein Tier.
Kamil Moll
Stille Beobachter - Bulgarien, Deutschland 2024 - Regie: Eliza Petkova - Laufzeit: 95 Minuten.
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