Im Kino
Schulterschluss mit dem Monster
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
04.11.2026. Rauschhaftes Blockbuster-Hochgefühl ermöglicht der neue japanische Godzilla-Film, inszeniert von Takashi Yamazaki. In "Godzilla Minus Zero" bekommt es die allseits beliebte Riesenechse mit einem seiner legendärsten Widersacher zu tun: dem dreiköpfigen Ungeheuer King Ghidora.
Eine Kreatur, die stampft und zerstört, kann auch trösten und bewahren. Seit seinem ersten Auftritt in Ishiro Hondas "Godzilla" (1954) durchlief die titelgebende nuklearverseuchte Riesenechse in über 30 Filmen der japanischen Produktionsfirma Toho mehr Wandlungen als jede andere Figur der Kinogeschichte: Vom monströsen Wiedergänger des Traumas von Hiroshima und Nagasaki zum willfährigen Freund einsamer Kinder wurde Godzilla über die Jahrzehnte zu einer mutablen Chiffre für Zeitgeistveränderungen und technische Umwälzungen im Mainstreamkino. Irrlichterten Filme der Reihe um die Jahrtausendwende noch eher bezugslos und selbstgenügsam in den heraufdämmernden neuen Möglichkeiten digitaler Effekte herum, verdüsterten sich zuletzt, durchaus auf Augenhöhe mit der grundsätzlichen Statuserhöhung von Genrefilmen in den letzten 10 Jahren, die Aussichten: Im meisterlichen "Shin Godzilla" (2016) verband Hideaki Anno die Rückkehr des gepanzerten Kaiju mit den Erfahrungen des Nuklearunfalls von Fukushima und der umgreifenden Zweifel daran, ob es möglich ist, unvorhersehbaren Katastrophenszenarien effektiv mit bürokratischer Hyperkomplexität begegnen zu können.
Mit "Godzilla Minus One" (2023) machte Takashi Yamazaki jüngst das Franchise anschlussfähig an die stromlinienförmigeren Erfordernisse des modernen internationalen Blockbusterkinos: eine gelungene Runderneuerung, die durchaus als eine selbstbewusste Reaktion Tohos auf die zeitgleichen Bemühungen Hollywoods, ein eigenes godzillianisches Cinematic Universe zu erschaffen, verstanden werden konnte. Als Belohnung erhielt der Film eine filmhistorisch überfällige, die japanische Filmbranche euphorisierende Oscar-Auszeichnung für seine Spezialeffekte.
Zeitlich ging "Godzilla Minus One" ohne retroromantischen Beigeschmack zurück zu den Anfängen, wenngleich unter zeitgemäßen Vorzeichen: In den Trümmern des zerstörten Nachkriegs-Tokio wurde der gemeinschaftliche Kampf gegen Godzilla für den verhinderten Kamikaze-Pilot Koichi (Ryunosuke Kamiki) zur erfolgreichen persönlichen Therapiesitzung wider das an ihm nagende Überlebensschuld-Syndrom. Am Ende des Films sank nicht nur die überlebensgroße Echsenbestie in die Wellen des Meeres, sondern mit ihm auch der lähmende Griff einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Zwei Jahre später wird die Abwehr von Monstern zu Beginn der wunderbaren Fortsetzung "Godzilla Minus Zero" effektiver und nachhaltiger organisiert. Eine Katastrophenschutzbehörde managt Krisen durch die Zusammenarbeit zahlreicher wissenschaftlicher und politischer Professionals - und ihre Kooperation tut Not: In der Präfektur Nagano tobt eine drachenähnliche Kreatur mutmaßlich außerirdischen Ursprungs, die Feuerblitze ausspeit und nach Bedarf die Gravitation der Erde außer Kraft setzt (wodurch die Häuser und Bewohner einer Großstadt in der tricktechnisch aufregendsten Sequenz des Films im Chaos der Schwerelosigkeit zerstört werden). Aus Blitzeinschlägen bezieht das alsbald dreiköpfige und doppeltschwänzige Wesen seine Energie und folgt so wie ein den nächsten elektrischen Kick herbeisehnender Junkie dem Weg von Gewitterwolken.
Seit 1964 ist dieses Geschöpf unter dem Namen King Ghidorah, einer Wortschöpfung aus Hydra und Chimäre, als der unerbittlichste Widersacher Godzillas bekannt: ein Monster, das derart erbarmungslos wütet, dass die Menschheit stets aufs Neue den Schulterschluss mit Godzilla wagen muss, um es bekämpfen zu können. Sehr viel kenntnisreiche Liebe verwendet "Godzilla Minus Zero" auf die Ausgestaltung einer neuen Ursprungsgeschichte von Ghidorah. Durch einen Meteoriteneinschlag im Hida-Gebirge gelandet, nimmt er die Gene unterschiedlicher verspeister Tiere in sich auf und somit deren kreatürliche Eigenschaften, wird zugleich zu Frankenstein und Frankensteins Monster. Während King Ghidorah nun also, von Vernichtung zwischenzeitlich ermattet und in sich gerollt am Fuß der Berge verlängerten Regenerationsschlaf hält, ersinnt die Schutzbehörde einen Plan, wie sich Godzilla aus den Fluten des Meeres bergen lassen kann, um als notwendiger ally um das Überleben der Bevölkerung von Tokio katzbalgen zu können.
Eines ist in den rund zwei Stunden des Films schnell klar: In seinem zweiten Beitrag zum Franchise gönnt sich der Regisseur Takashi Yamazaki mehr Freiraum für schön spekulativen Quatsch. Die ernsthafter akzentuierte Weitererzählung um Koichi und seine schicksalhaft zusammengefügte Wahlfamilie balanciert er aus mit entzückenden Hirngespinsten um die wundersame Regenerationsfähigkeit menschlicher Zellen, wenn sie in Berührung mit Godzillas Nuklearatem kommen, oder einen Mad-Scientist-Subplot, der sich in eine delirante Phantasmagorie versteigt, bei der Godzilla das Wahrzeichen New Yorks zu Klump schlägt - sicherlich eine der tollkühnsten Sequenzen der ganzen Reihe.
Furios ist der zentrale Kampf zwischen den beiden A-Class-Kaijus auch in musikalischer Hinsicht: Akira Ifukubes majestätisches Titelmotiv, ein Meisterstück der insistierenden Wiederholung und Verdichtung, das durch Tonlagenwechsel an monumentaler Intensität gewinnt, wird zunächst durch das wesentlich ätherischere Klangmotiv King Ghidorahs konterkariert, beim finalen Aufeinandertreffen wird beides ineinander verwoben. In jeglicher Hinsicht technisch brillant schwingt sich "Godzilla Minus Zero" zu einem rauschhaften Blockbuster-Hochgefühl auf, dem eine entschieden desparate Note beigefügt wird: Auf den Gedanken, den Sieger einer Auseinandersetzung zwischen Riesenechsen töten zu wollen, kann nur ein so erbarmungsloses Wesen wie der Mensch kommen.
Kamil Moll
Godzilla Minus Zero - Japan 2026 - OT: Gojira Mainasu Zero - Regie: Takashi Yamazaki - Darsteller: Ryonosuke Kamiki, Hinami Hamabe, Min Tanaka, Hidetaka Yoshioka - Laufzeit: 135 Minuten.
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