Im Kino

Gefühle, Verletzungen, Grenzen

Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
10.12.2024. Um BDSM-Sexfreundschaften, aber auch um konventionellere romantische Beziehungen geht es in Joanna Arnows "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist". Die sympathische und letztlich nicht allzu provokante Komödie über sexuelle Neurosen lebt von Arnows eigener, durchaus exhibitionistischer Peformance in der Hauptrolle.

"I love how you never care if I come" sagt die nackte junge Frau im Bett zum schlafenden, deutlich älteren Mann, während sie sich an dessen Bein reibt. Genau dieser Egoismus sei es, der sie errege. Direkt nach dem eigenen Orgasmus drehe er sich um und schlafe ein, ohne auf ihre Erregung, die sie nun reibenderweise selbst zu steigern versucht, auch nur die geringste Rücksicht zu nehmen. Das sei so misogyn, und genau das mache sie geil. Während er es sich ungerührt gefallen lässt, von seiner jüngeren Geliebten Ann (Joanna Arnow) zur postkoitalen Masturbation hergenommen zu werden, ist für Allen (Scott Cohen) der Bogen überspannt, als sie beginnt, Konversation einzufordern und mit Fragen seinen Schlummer zu stören. "Can you not?", fragt er kurz angebunden.

Ann und Allen führen seit neun Jahren eine BDSM-Sexbeziehung, in der sie den submissiven Part einnimmt. In ihrem neuen Film kartographiert die New Yorker Filmemacherin Joanna Arnow die Dynamiken dieser Beziehungsform - in Abgrenzung wie in Ergänzung zu anderen, konventionelleren Formen des Dating- und Beziehungslebens. Denn während sie sich im Mittelteil in allerlei Sexdates mit anderen Doms stürzt, mit denen sie absurd-lakonisch durchgespielte Unterwerfungsfantasien ausagiert, trifft sie im Schlussdrittel von "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" - ein Titel, der nachhaltig belegt, dass sich nicht jeder wunderbare anglophone Wendung (OT: "The Feeling That the Time for Doing Something Has Passed") verlustfrei wörtlich übersetzen lässt - per "seriöser" Datingapp auf den Musiker Chris (Babak Tafti).

Dass es Ann in der Begegnung mit Chris um etwas Anderes geht als in ihren BDSM-Sexfreundschaften, macht sie ihm recht bald klar. Allerdings auch, dass sie im Hinblick auf feste Beziehungen wenig Erfahrung hat. Chris wiederum hat Angst, ihren masochistischen Bedürfnissen nicht gerecht werden zu können und formuliert Ann gegenüber die Befürchtung, sie könne ihn irgendwann verlassen, weil ihr die konventionellere Beziehungsform zu langweilig, zu vanilla werden könnte. Was allerdings deutlich wird, ist, dass die beiden sehr gut darin sind, über ihre Bedürfnisse, Ängste und Erwartungen zu kommunizieren - etwas, das Ann vielleicht auch gerade in ihrer Rolle als submissiver Part in BDSM-Konstellationen trainiert hat, denn gerade dort ist es ja, wie der Film sehr gut versteht und ausdrückt, wichtig, über Gefühle, Verletzungen, Grenzen sprechen zu können. Was nicht heißt, dass die jeweiligen Partner das immer auch wissen wollen: Manchmal rede sie einfach zu viel, muss sich Ann einmal von Allen anhören, der als Running Gag die Antworten auf die wenigen persönlichen Fragen, die er ihr stellt, immer wieder vergisst.


Überhaupt funktioniert Arnows Film wesentlich über den oft mit hochkomischer Wirkung überspitzten Kontrast von Sprechen und Schweigen. Denn als arg redefreudig erleben wir Ann nie, ganz im Gegenteil: Mit lakonischer Stoik lässt sie ihren oft monotonen Alltag über sich ergehen, von den Sexrollenspielen mit Allen und ihren anderen Lovern bis hin zum Arbeitsleben als "Clinical E-Learning Media Specialist". Dort verbringt sie den größten Teil ihrer Arbeitstage in absurden Meetings und erfährt von ihrer Vorgesetzten, dass das eigentliche Ziel des Projekts, mit dem sie betraut ist, darin bestehe, ihren eigenen Job überflüssig zu machen.

Mit ausdrucksloser Miene nimmt Ann das alles hin, und mitunter fragt man sich, wie der Film sich letztlich zu den Absurditäten des modernen Berufs- und Datinglebens positioniert. Genauer gesagt: Ist es Arnows Ziel, Anns BDSM-Fetisch und insbesondere ihre dominanten Liebhaber lächerlich zu machen? Was wohl ihre Freundinnen beim Women's March sagen würden, könnten sie sie so sehen, wird Ann einmal gefragt, während sie mit Schweinenase und pinkfarbenem Stringbikini in einem Rollenspiel als "Fuckpig" posiert. Aber nein, so schlicht geht das alles erfreulicherweise nicht auf. Arnow nimmt Anns Fetische ernst und verdeutlicht - jedenfalls da, wo es nötig ist - dass Anns Rolle im D/S-Verhältnis eine aktive ist, ihre Unterordnung konsensuell und selbstbestimmt, und dass sie jederzeit imstande ist, Konflikte und Bedürfnisse zu verbalisieren. Man kann verschiedene Formen von Beziehungen mögen, sagt Ann einmal zu Chris, und dieser schöne Film fordert weder Ann noch uns dazu auf, uns zwanghaft für eine davon zu entscheiden.

Zumindest auf dem Papier ist "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" nach der dokumentarischen Autofiktion "i hate myself :-)" und ein paar Kurzfilmen der erste fiktionale Spielfilm Arnows, aber wenn man es nicht wüsste, man käme beim Anschauen nicht unbedingt darauf. So sehr ist ihre Protagonistin Ann ihrer eigenen Person, wie sie sich in "i hate myself :-)" darstellt, nachempfunden, und ebenso, wie dort ihre eigenen Eltern auftraten, spielen sie sich auch hier als Eltern Anns mehr oder weniger selbst. Die einzelnen Sequenzen allerdings sind deutlicher gestaltet, erscheinen jede für sich als Deadpan-Miniatur, mit unbewegter Kamera und oft durch harte Schnitte und Ellipsen aus dem Fluss der Handlung herausgelöst. Das erinnert ein bisschen an Todd Solondz, und manchmal sogar an eine hochsexualisierte Brooklyn-Hipster-Indievariation auf die grotesk-komischen Endspiele eines Roy Andersson.

In den prüden USA mag es, aufgrund der alles andere als schamvollen und durchaus exhibitionistischen Performance Arnows eventuell sogar zu einem kleinen, provokanten Funkenschlag gereicht haben, aber das wäre doch zu hoch gegriffen für diesen kleinen, sympathischen und schlussendlich harmlosen Film. Was aber bleibt, ist eine durch und durch charmante Komödie der sexuellen Neurosen, mit Witz und Timing und, wenn man genau hinschaut, auch hier und da einer gewissen verschrobenen Zärtlichkeit in Szene gesetzt.  

Jochen Werner

Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist - USA 2023 - OT: The Feeling That the Time for Doing Something Has Passed - Regie: Joanna Arnow - Darsteller: Joanna Arnow, Scott Cohen, Babak Tafti, Barbara Weiserbs, David Arnow - Laufzeit: 87 Minuten.