Im Kino
Und finden Sonnenschein
Die Filmkolumne. Von André Malberg
30.12.2025. Johannes Lehnen und Nora Ludwig lösen in ihrem halbstündigen Film "Bild und Ton gehen auseinander" ein uraltes Problem des Filmemachens. Und erschaffen gleichzeitig ein meisterliches Stück Kino für Introvertierte - inmitten des Mainzer Straßenkarnevals.I hear you singing in the wire
I can hear you through the whine
And the Wichita lineman
Is still on the line
(Wichita Lineman - Glen Campbell)

Dieser Film habe ein uraltes Problem des Filmemachens und der Fotografie gelöst, verkündet der Filmemacher Rainer Knepperges enthusiastisch nach der Premiere des Films im Filmhaus Nürnberg. Gemeint ist das Problem, fremde Menschen in ihrer natürlichen Umgebung aufzunehmen, ohne sich latenter Aggression oder gleich offener Übergriffigkeit auszusetzen und die im Bild erscheinenden Menschen in eine unangenehme Situation hinein zu manövrieren.
Was in "Bild und Ton gehen auseinander" geschieht, ist rasch erzählt: Nora Ludwig und Johannes Lehnen gehen als überdimensioniertes Mikrofon beziehungsweise ebensolche Filmkamera verkleidet auf den Mainzer Straßenkarneval, in die Kostüme integriert sind jeweils ein echtes Mikrofon beziehungsweise eine echte Kamera. Beide setzen sich auf einem Innenstadtrundgang vorbeiziehenden Passanten sowie deren Reaktionen aus, verlieren sich, lassen uns die Mitmenschen fortan auf getrennten Ebenen - visuell und akustisch - erleben, finden schließlich einander und auch den vereinten Ausdruck von Eindrücken wieder.
Im Laufe von 30 Minuten ziehen zahllose Menschen an ihnen vorbei, ohne jede Form der Montage oder auch nur Sortierung und Einordnung. Manche tauchen lediglich verhalten neugierig in der Peripherie des Kameraauges oder als achtlos dahingeworfener Geräuschfetzen auf der Tonspur auf. Andere werden zu einem meist auf die Akteure einredenden, seltener direkt körperlich obstruktiven Hindernis auf dem Pfad; einem Hindernis, das erst nach einigem Hin und Her die Lust daran verliert, angesichts eines stoischen, nie verbal oder gestisch auf die Zufallsbekanntschaften eingehenden Gegenübers sich selbst zu inszenieren.

Ein scheuer Seitenblick, ein Schmunzeln oder Kichern, eifrige Nachfragen junger Männergruppen nach dem Geschlecht hinter der Verhüllung, Selfies und auf der großen Leinwand nahezu greifbare Kussmünder - ausnahmslos alle Vorbeiziehenden dieses Experiments eint ihre umfassende Harmlosigkeit. Man kann Rainer Knepperges nur zustimmen: Die Magie der fortwährenden Teilhabe an den friedvoll-neugierigen, hier und da auch etwas peinlichen Annäherungsversuchen der in Bild und Ton Erfassten machen "Bild und Ton gehen auseinander" zu einer filmischen Intervention ersten Ranges.
Doch da ist noch mehr: Johannes Lehnen und Nora Ludwig haben auch einen wundervollen Introvertiertenfilm gedreht; einen für alle, die lieber ungestört beobachten, zwischenmenschlich zum Sammeln statt Ausgeben neigen und just in dieser bloß vermeintlichen Abkehr die reine Menschenliebe finden. Gerade durch die direkt am Ursprung, in der Filmtechnik vorgenommene Zellteilung bekommen Lehnen und Ludwig die Schrecken, die die Großstadt für die scheue Seele bedeutet, wirklich zu packen; um sie, da der Film nichts und niemand ausschließt, sogleich in etwas Positives umzumünzen. Eine wahrhaft erhabene Transzendenz des bedingungslosen Humanismus.
Die Filme von Johannes Lehnen und Nora Ludwig sind das unzynische Produkt einer kollektiv zur zynischen Abgeklärtheit neigenden Zeit. Ihr großes Geheimnis: Dorthin zu gehen, wo jene unter uns, die schon zu Genüge störende Innenwahrnehmungen des eigenen Selbst empfangen, aber auch die durchintellektualisierten Lebensfeinde frisch von den Filmakademien, gemeinhin gar nicht erst aufschlagen. Die Partymeilen Majorcas (Malle, 2020), die Spielhallen deutscher Innenstädte (Merkur, 2024) jetzt Mainz in der Karnevalsaison - wahrgenommene Höllen, denen der sich zivilisiert wähnende Künstler allzu bereitwillig entflieht. Johannes Lehnen und Nora Ludwig gehen mitten hinein ins Herz der Finsternis und finden Sonnenschein. Es scheint uns in ihrem Kino unmöglich zu sein, derartigen Gräueln - in diesem Fall: Straßenkarneval, betrunkene Kostümierte, ganz simpel auch Männer in Gruppen - zu begegnen, ohne ein erhebliches Maß an innerer Befriedung und Versöhnung davonzutragen.
Jenseits aller Technik ist "Bild und Ton gehen auseinander" etwas Mystisches: Eine romantische Seelenwanderung - zum Anderen zurück, für sich allein, aufgespalten, in Division und ersehnter Vereinigung. Der Film erinnert mich an eine sicherlich esoterisch anmutende Überlebenstechnik, die ich einst angewendet habe, als mir der Druck belebter Umgebungen noch viel zu viel war, und die ich wie folgt beschreiben kann: Das Innerste fortschicken, nur mehr die Augen auf halten, um unerschrocken durch die Massen zu waten.
Die Kamera, der Körper schreitet im Film irgendwann nahezu unbehelligt. Das Mikrofon, die Seele, zieht, ohne sich gezielt zu exponieren, ungleich mehr Aufmerksamkeit, vorwiegend Fragen zu seiner Natur, auf sich. Menschen sind ihrer Natur nach Spaßvögel, die jede Unsicherheit im Innern des Anderen wittern, in welche man widerhallend hineinrufen kann. Die Aufteilung ihrer Einheit auf zwei Erlebniswelten verwandelt das Einschüchternde der Extrovertierten, die unmittelbar, aber nie gleichzeitig, in Auge und Ohr treten, in nichts als schrullige Freundlichkeit sowie eine leise Ahnung von eigenen Unsicherheiten. Film als allliebendes Therapeutikum.
André Malberg
Bild und Ton gehen auseinander - Deutschland 2025 - Regie: Johannes Lehnen, Nora ludwig - Laufzeit: 30 Minuten.
"Bild und Ton gehen auseinander" wurde am 21.12.2025 im Filmhaus Nürnberg uraufgeführt. Full disclosure: Die Vorführung organisierte perlentaucher-Mitarbeiter Lukas Foerster.
I can hear you through the whine
And the Wichita lineman
Is still on the line
(Wichita Lineman - Glen Campbell)

Dieser Film habe ein uraltes Problem des Filmemachens und der Fotografie gelöst, verkündet der Filmemacher Rainer Knepperges enthusiastisch nach der Premiere des Films im Filmhaus Nürnberg. Gemeint ist das Problem, fremde Menschen in ihrer natürlichen Umgebung aufzunehmen, ohne sich latenter Aggression oder gleich offener Übergriffigkeit auszusetzen und die im Bild erscheinenden Menschen in eine unangenehme Situation hinein zu manövrieren.
Was in "Bild und Ton gehen auseinander" geschieht, ist rasch erzählt: Nora Ludwig und Johannes Lehnen gehen als überdimensioniertes Mikrofon beziehungsweise ebensolche Filmkamera verkleidet auf den Mainzer Straßenkarneval, in die Kostüme integriert sind jeweils ein echtes Mikrofon beziehungsweise eine echte Kamera. Beide setzen sich auf einem Innenstadtrundgang vorbeiziehenden Passanten sowie deren Reaktionen aus, verlieren sich, lassen uns die Mitmenschen fortan auf getrennten Ebenen - visuell und akustisch - erleben, finden schließlich einander und auch den vereinten Ausdruck von Eindrücken wieder.
Im Laufe von 30 Minuten ziehen zahllose Menschen an ihnen vorbei, ohne jede Form der Montage oder auch nur Sortierung und Einordnung. Manche tauchen lediglich verhalten neugierig in der Peripherie des Kameraauges oder als achtlos dahingeworfener Geräuschfetzen auf der Tonspur auf. Andere werden zu einem meist auf die Akteure einredenden, seltener direkt körperlich obstruktiven Hindernis auf dem Pfad; einem Hindernis, das erst nach einigem Hin und Her die Lust daran verliert, angesichts eines stoischen, nie verbal oder gestisch auf die Zufallsbekanntschaften eingehenden Gegenübers sich selbst zu inszenieren.

Ein scheuer Seitenblick, ein Schmunzeln oder Kichern, eifrige Nachfragen junger Männergruppen nach dem Geschlecht hinter der Verhüllung, Selfies und auf der großen Leinwand nahezu greifbare Kussmünder - ausnahmslos alle Vorbeiziehenden dieses Experiments eint ihre umfassende Harmlosigkeit. Man kann Rainer Knepperges nur zustimmen: Die Magie der fortwährenden Teilhabe an den friedvoll-neugierigen, hier und da auch etwas peinlichen Annäherungsversuchen der in Bild und Ton Erfassten machen "Bild und Ton gehen auseinander" zu einer filmischen Intervention ersten Ranges.
Doch da ist noch mehr: Johannes Lehnen und Nora Ludwig haben auch einen wundervollen Introvertiertenfilm gedreht; einen für alle, die lieber ungestört beobachten, zwischenmenschlich zum Sammeln statt Ausgeben neigen und just in dieser bloß vermeintlichen Abkehr die reine Menschenliebe finden. Gerade durch die direkt am Ursprung, in der Filmtechnik vorgenommene Zellteilung bekommen Lehnen und Ludwig die Schrecken, die die Großstadt für die scheue Seele bedeutet, wirklich zu packen; um sie, da der Film nichts und niemand ausschließt, sogleich in etwas Positives umzumünzen. Eine wahrhaft erhabene Transzendenz des bedingungslosen Humanismus.
Die Filme von Johannes Lehnen und Nora Ludwig sind das unzynische Produkt einer kollektiv zur zynischen Abgeklärtheit neigenden Zeit. Ihr großes Geheimnis: Dorthin zu gehen, wo jene unter uns, die schon zu Genüge störende Innenwahrnehmungen des eigenen Selbst empfangen, aber auch die durchintellektualisierten Lebensfeinde frisch von den Filmakademien, gemeinhin gar nicht erst aufschlagen. Die Partymeilen Majorcas (Malle, 2020), die Spielhallen deutscher Innenstädte (Merkur, 2024) jetzt Mainz in der Karnevalsaison - wahrgenommene Höllen, denen der sich zivilisiert wähnende Künstler allzu bereitwillig entflieht. Johannes Lehnen und Nora Ludwig gehen mitten hinein ins Herz der Finsternis und finden Sonnenschein. Es scheint uns in ihrem Kino unmöglich zu sein, derartigen Gräueln - in diesem Fall: Straßenkarneval, betrunkene Kostümierte, ganz simpel auch Männer in Gruppen - zu begegnen, ohne ein erhebliches Maß an innerer Befriedung und Versöhnung davonzutragen.
Jenseits aller Technik ist "Bild und Ton gehen auseinander" etwas Mystisches: Eine romantische Seelenwanderung - zum Anderen zurück, für sich allein, aufgespalten, in Division und ersehnter Vereinigung. Der Film erinnert mich an eine sicherlich esoterisch anmutende Überlebenstechnik, die ich einst angewendet habe, als mir der Druck belebter Umgebungen noch viel zu viel war, und die ich wie folgt beschreiben kann: Das Innerste fortschicken, nur mehr die Augen auf halten, um unerschrocken durch die Massen zu waten.
Die Kamera, der Körper schreitet im Film irgendwann nahezu unbehelligt. Das Mikrofon, die Seele, zieht, ohne sich gezielt zu exponieren, ungleich mehr Aufmerksamkeit, vorwiegend Fragen zu seiner Natur, auf sich. Menschen sind ihrer Natur nach Spaßvögel, die jede Unsicherheit im Innern des Anderen wittern, in welche man widerhallend hineinrufen kann. Die Aufteilung ihrer Einheit auf zwei Erlebniswelten verwandelt das Einschüchternde der Extrovertierten, die unmittelbar, aber nie gleichzeitig, in Auge und Ohr treten, in nichts als schrullige Freundlichkeit sowie eine leise Ahnung von eigenen Unsicherheiten. Film als allliebendes Therapeutikum.
André Malberg
Bild und Ton gehen auseinander - Deutschland 2025 - Regie: Johannes Lehnen, Nora ludwig - Laufzeit: 30 Minuten.
"Bild und Ton gehen auseinander" wurde am 21.12.2025 im Filmhaus Nürnberg uraufgeführt. Full disclosure: Die Vorführung organisierte perlentaucher-Mitarbeiter Lukas Foerster.
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