Im Kino

Trinker am Rande des Bestattungsrituals

Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
03.06.2026. Zu Beginn erscheint Alain Gomis' "Dao" noch ein wenig spröde und konzeptlastig. In der Folge zeigt sich jedoch zum Glück immer wieder: Das Eigenleben vor der Kamera ist schwer zu bändigen in einem Film, der zwischen Frankreich und Guinea-Bissau hin und her springt.

Alain Gomis' Epos "Dao" strotzt in seiner dreistündigen Laufzeit nur so vor Lebendigkeit und emotionalem Facettenreichtum. Der Beginn des auf der diesjährigen Berlinale einhellig gelobten Wettbewerbsbeitrag ist jedoch steril, wie eine analytische Versuchsanordnung. Zumindest hat man in den ersten Filmminuten den Eindruck, einem strengen, hochkonzeptuellen Werk zu begegnen, das die zigfach befragte Grenze von Fakt und Fiktion, Authentizität und Inszenierung - vielleicht die Metafrage der Dokumentarfilmgeschichte schlechthin - eher schwerfällig ausleuchtet.

Die Kamera ist in einem schmucklos grauen Raum in Halbtotale statisch auf mehrere Menschen afrikanischer Abstammung gerichtet, die nacheinander in Interviewsituationen - schnell wird klar: gezeigt werden Filmcastings - dem im Off verborgenen Regisseur Gomis von ihrem Leben im Frankreich berichten. Sie sei Mutter dreier Kinder, Pariserin und Arbeiterin, sagt die eine. Eine andere kann sich vorstellen, im antizierten Filmprojekt eine Rolle zu spielen, von der einiges abhänge. Laien und Professionelle sollen dort gleichrangig nebeneinanderstehen, erklärt Gomis an anderer Stelle, wobei wir nie wissen werden, wer in "Dao" wer ist. Erste Ideen zum "eigentlichen" Film, der kurz darauf auf einer staubigen Landstraße beginnt, flackern auf; aus der Begegnung von Menschen, die sich nicht kennen, entstehen erste Geschichten, erste emotionale Konstellationen.

Zwei Frauen werden dabei kurzerhand zu Mutter und Tochter, obwohl sie keinerlei Ähnlichkeit haben: Gloria und Nour. Soweit die Exposition, soweit das illusionsfeindliche, und darin doch etwas arg zeitgeistige, Filmintro. Fortan sind die gecasteten Frauen das Gravitationszentrum des "echten" Spielfilms, der die graue Funktionsraumenge verlässt und im konstanten Changieren zwischen Innen- zu Außenräumen, emotionalen Details und historischen Kontextualisierungen, von inszenatorischer Konzentration und darstellerischen Spontanität, von quasi ethnografischem Blick und zartesten Melo- und Mikrodramatiken nicht mehr zur Ruhe kommt. "Eine ewige und kreisförmige Bewegung, die in allem fließt und die Welt vereint", so wird in einer dem Film vorangestellten Texttafel sein taoistischer Titel eingeführt. Und tatsächlich: "Dao" ist entgegen aller vermeintlichen Metaphysik ein Film, der es versteht, ein Netz aus menschlichen Beziehungen zu weben, das nie künstlich und bloß erdacht, sondern immer als von erlebten Erfahrungen abgeleitet erscheint.


Mit einer schwer zu überschauenden Anzahl an Schauspieler:innen, Laien, Statist:innen - darunter wohl auch Familienangehörige des Regisseurs mit Wurzeln in Guinea-Bissau - feiern Gloria und Nour drei Stunden lang Feste. Zwei Feste zugleich. Zumindest suggeriert uns der Filmschnitt ihre Parallelität, indem wieder und wieder von der einen zur anderen Festivität, und damit von Europa nach Westafrika, hinübergeschaltet wird. Treibende Gitarrenmusik legt sich über beide Orte, sie macht aus den Szenerien, die tausende Kilometer und vermutlich Monate voneinander trennt, ein großes, energie- und konfliktgeladenes Ganzes: Ein Aufeinandertreffen von Körpern, Geschichten und Kulturen, die miteinander im Austausch sind.

Ein durchaus mondänes, zunächst harmonisches, dann immer hitzigeres Hochzeitsfest für Nour und ihren Gatten irgendwo in den Pariser Banlieues auf der einen, das hochgradig durchritualisierte Bestattungsfest von Glorias Vater, einem alten Patriarchen im ländlichen Guinea-Bissau, auf der anderen Seite. Ohne viel Diskurssprech zu bemühen, gelingt es der Raum und Zeit überwindenden Kraft des Kinos, eine mehrstimmige Migrations-, Familien- und Kolonialgeschichte sichtbar zu machen. Statt Interpretationen, ein Umkreisen. Statt eine angeblich vorgefundene "Ursprünglichkeit" gegen Verwestlichung auszuspielen, ein Sowohl-als-auch. Die Rauminszenierungen der Rituale verzweigen sich, ebenso wie sich die "dokumentarischen", von den Laien durch ihre Lebensgeschichte hineingebrachten Geschichten mit den Spielfilmfiktionen vermengen. Was will uns das alles sagen? Wenn man auf klare Symboliken aus ist, markiert das eine Ritual vermutlich einen Anfang, während das andere für ein Ende steht. Aber so platt schematisch funktioniert "Dao" glücklicherweise nicht. 

"Dao" ist vielmehr spielerisch, wagt sich inszenatorisch weit vor, lässt es zu, dass vieles über die drei, keineswegs in diesem Ausmaß "zwingenden" Stunden für sich steht. Gomis' Film ist bei allem unbestreitbaren Hang zum Konzeptualismus - das besagtes Intro, die Parallelisierung der Feiern, auch weitere, die Immersion durchkreuzende Interviews zur Kolonialgeschichte Guinea-Bissaus - in erster Linie sinnlich, geradezu haptisch, mit ehrlichem Interesse an der durch die Gemeinschaftsrituale hindurchstrahlenden Individualität seiner Figuren. Der Seitenblick auf einen Trinker am Rande des Bestattungsrituals etwa, der von Verwandten gemaßregelt wird; ein Slacker, der mit seiner schwangeren weißen Freundin bei der afrikanischen Community aneckt; eine Gruppe traditioneller Frauen, die von den Entbehrungen sprechen, die für sie die Machomentalität ihrer Stammesmänner bedeutet; mehrere ältere Damen und Herren, die von der portugiesischen Gewaltherrschaft in Guinea-Bissau und ihrem Guerillakampf berichten. Geschichten und Gesichter.


Immer wieder auch der Fokus aufs Exzesshafte, auf Körper in Bewegung, im Dialog mit anderen. Lange habe ich nicht mehr so schön inszenierte Party-, Gesangs- und Tanzszenen in einem Spielfilm gesehen. Laut, uneben, nicht bis ins letzte durchinszeniert und durchchoreografiert - spontan wirkende Regungen, wo sonst allzu gebaute Arrangement solche Filmszenen falsch wirken lassen. Und um noch einmal auf den Dokumentarfilm zurückzukommen: "Dao" wirkt oft wie Direct Cinema. Nicht zuletzt seiner häufig wuseligen, hyperaktive Kameraarbeit wegen.

Mit der Dokumentarfilmströmung des Direct Cinema teilt "Dao" auch das Faible fürs Prozesshafte. Den Blick auf etwas, das sich live vor unseren Augen abspielt und dessen Endresultat schwer abzusehen ist. Das Eigenleben vor der Kamera ist schwer zu bändigen. Die Anwesenheit des Filmteams macht etwas mit der Realität. Sie stellt her. In einer abgeleiteten Realität kann Wahrheit liegen. Ebenso wie in der Fiktion, wie Gomis ausführt: "Die Fiktion schützt und ermöglicht zugleich, Dinge auszusprechen, die man sonst vielleicht nicht sagen würde."

Tilman Schumacher

Dao - Frankreich, Senegal, Guinea-Bissau 2026 - Regie: Alain Gomis - Darsteller: Katy Correa, D'Johé Kouadio, Samir Guesmi, Mike Etienne - Laufzeit: 185 Minuten.