Im Kino
Die Zukunft ist monumental
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
14.05.2025. Jia Zhang-ke, der wichtigste Chronist der Transformation Chinas in den letzten Jahrzehnten, legt ein einmaliges Erzählexperiment vor: In "Caught by the Tides" taucht er, gezwungen von Corona-Beschränkungen, ins eigene Archiv. Es lohnt sich unbedingt, mitzutauchen.
Die großen kreativen Sprünge in der Kunstgeschichte sind gar nicht so selten dem Mangel und der Einschränkung zu verdanken - und der Notwendigkeit, eben diese auf möglichst kreative Weise zu umgehen. Der neue Film Jia Zhangkes ist jedenfalls aus einer solchen, ziemlich umfassenden Einschränkung heraus entstanden. Gut fünf Jahre ist es inzwischen her, dass zuerst China und dann der Rest der Welt die "Boring Twenties" des 21. Jahrhunderts einläuteten, indem ein Land nach dem anderen in rascher Folge in den Lockdown ging. An Dreharbeiten war nicht zu denken, und gleichwohl gab es gerade in dieser Zeit (und insbesondere in China) so vieles, was dringend erzählt werden musste. Man behalf sich also auf verschiedene Weise im internationalen Festival- und Autorenfilm, erzählte vom Eingesperrtsein in Innenräumen (Bertrand Bonello), von der Landflucht (Olivier Assayas), oder filmte die leeren Innenstädte in den endlosen Monaten der Ausgangssperren (Steve McQueen). Jia Zhangke, der bedeutendste Chroniker der großen chinesischen Transformationen der vergangenen Vierteldekade, ging einen anderen Weg - und vertiefte sich ins eigene Archiv.
"Caught by the Tides" ist ein Montagefilm, der über weite Strecken aus Outtakes und nicht verwendeten Szenen aus Jias Filmen, von "Unknown Pleasures" (2002) über "Still Life" (2006) bis "Asche ist reines Weiß" (2018) zusammengesetzt ist. Dazwischen erscheinen Fotografien, Zeichnungen, eine animierte Sequenz, das Bild oszilliert zwischen verschiedenen Formaten und Materialitäten - von den brennenden, fluiden Unschärfen früher Digitalvideoaufnahmen bis zum makellos glatten HD-Scope jüngerer Produktionsmittelgenerationen. Dabei folgt es nicht zuvorderst einer strengen Chronologie, beziehungsweise: es folgt einer grundlegend anderen, autonomeren Chronologie als der narrativ ausformulierten - so man denn von einer solchen überhaupt sprechen möchte.
Denn der Zeitpfeil von "Caught by the Tides" ist eher assoziativ als linear, obgleich er aus dem 20. Jahrhundert in die Zukunft weist - die großen, wegweisenden Ereignisse der chinesischen Zeitgeschichte miterzählend. Die Vergabe nach und schließlich die Durchführung der Olympischen Spiele in Beijing im Jahr 2022, und, immer wieder bei Jia, die Drei-Schluchten-Talsperre, jenes titanische chinesische Infrastrukturprojekt, für das dreizehn Städte und mehr als 1.300 Dörfer geräumt und überflutet und 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt wurden. Die Zukunft ist monumental, und sie ist nicht aufzuhalten in diesem China, das ist das Grundthema von Jias ausuferndem, zwischen Fiktion und Dokument changierenden Werk. Und es gibt immer die Menschen, die zurückbleiben. Und die, die von den Fluten ergriffen werden.

Diese Geschichten erzählt Jia auch in "Caught by the Tides" wieder, aber eine derart frei und lyrisch schillernde Form wie hier hat er noch nie dafür gefunden. Wie Strömungen unter der Oberfläche kreuzen sich Motiv- und Erzählstränge, Chronologien, treffen deutlich erkennbare Bezugnahmen auf frühere Filme auf dokumentarische und semidokumentarische Aufnahmen, die am Rande dieses oder jenen Films entstanden sein könnten. Am deutlichsten markiert ist ein Handlungsfaden, den Jia aus seinem vorletzten Spielfilm "Asche ist reines Weiß" übernimmt. Dessen Protagonistin Qiao machte sich darin nach einem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt auf die Suche nach ihrem früheren Lebensgefährten Bin, der während ihrer Abwesenheit eine neue Liebesbeziehung begonnen hat.
Diese Qiao finden wir, ebenso wie in "Asche ist reines Weiß", auf einem Schiff, vergeblich schickt sie unbeantwortete Kurznachrichten an den verschwundenen Bin. Tatsächlich aber ist das Material, das wir sehen, zwölf Jahre älter. Auch in "Still Life", Jias Meisterwerk von 2006, wurde ihre Geschichte bereits erzählt, und nun, in "Caught by the Tides", tauchen sie und der Mann, den sie sucht, ein weiteres Mal auf, aber es ist jedesmal ein anderer Bin, jedesmal eine andere Qiao, und immer trennen sich ihre Wege, immer finden sie sich wieder, und immer gehen sie wieder auseinander. Alles wiederholt sich, aber niemals sind ihre Geschichten so ganz dieselben.
Jia selbst spricht von einer ganz neuen Methode, die er entwickeln musste, um die Geschichten, die in diesem Material stecken, erzählen zu können - einer Methode, die mehr mit der Quantenphysik zu tun habe als mit klassischer, filmischer Narration. Eine faszinierende Analogie, denn tatsächlich hat die Kunst bisher kaum je ernsthaft auf das Ausmaß reagiert, mit dem jüngere Erkenntnisse der Quantenforschung mit unseren Vorstellungen von Zeit, Realität und Identität aufräumen. Klar, die Multiversen sind im Kino gerade, von Marvel bis A24, überall, aber ihre Fantasielosigkeit und Redundanz, durch die sie überraschend schnell bereits wieder auserzählt wirken, ist frappierend. Im Grunde kann man sich auch "Caught by the Tides" als einen Multiversums-Film vorstellen: Vieles, was darin zu sehen ist, kommt uns - zumindest als Kenner von Jias Werk - bekannt vor, und die Bestandteile spiegeln sich, gehen aber völlig neue Beziehungen untereinander ein. Der Ursprung determiniert nicht notwendig den Zusammenhang: alles könnte auch völlig anders sein.
Irgendwann kommt der so assoziative wie dokumentarische und ultimativ impressionistische Bilderstrom von "Caught by the Tides" in der Jetztzeit an, denn als es wieder ging im Post-Covid-China, drehte Jia einige neue Szenen, die seinen Film in eine Gegenwart hineinverlängern, in der zahnlose Greise auf TikTok zu "Dschingis Khan" tanzen und der Kontakt mit kulleräugigen Robotern (nur noch?) daran scheitert, dass diese unter den Atemschutzmasken keine menschliche Mimik lesen können. Das sind famose Miniaturen - wie sie sich genau zu all den anderen teils beiläufigen, teils unvergesslichen Szenen in diesem großen Film verhalten, das muss und darf man sich selbst zusammenreimen.
Es ist nicht unbedingt einfach oder selbstverständlich, zu "Caught by the Tides" Zugang zu finden, und vielleicht benötigt es mehr als nur eine Sichtung, um sich die umfassende Originalität dieses Films ganz zu erschließen. Das ist vielleicht gar nicht so verwunderlich, denn einen Film wie diesen hat es so noch nicht gegeben. Und dieses Gefühl hat man nach 130 Jahren Kinogeschichte nicht mehr allzu oft: dass da jemand eine wirklich neue, innovative Form entwickelt für das Erzählen von Zeit. Insofern mag es durchaus sein, dass "Caught by the Tides" auch dem offenen, neugierigen Zuschauer zunächst einmal etwas enigmatisch, opak erscheint - gleichwohl zählt er zu der überschaubaren Anzahl von Filmen, die man sich heute wirklich anschauen muss, sofern man sich für die Gegenwart und Zukunft des Kinos interessiert. Wenn man erst einmal vorgedrungen ist ins Herz dieses traurigen, lustigen, verzweifelten und überwältigend originellen Filmes, dann belohnt er einen überreich.
Jochen Werner
Caught By the Tides - China 2024 - OT: Feng liu yi dai - Darsteller: Zhao Tao, Li Zhubin - Laufzeit: 111 Minuten.
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