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Im Kino

Filme für zu schnell Gewachsene

Die Filmkolumne. Von Maximilian Linz, Nikolaus Perneczky
18.01.2012. Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan rückt sein Kino mit "Once Upon a Time in Anatolia" in die ästhetische Nähe des Italo-Westerns. In James Bobins Relaunch von "The Muppets" stellt Jason Segel, die Frage, die jeden Jungen umtreibt: Am I a Man or Am I a Muppet?

Das Gewitter, mit dem Nuri Bilge Ceylans letzter Film, der Thriller "Three Monkeys", unheilkündend endete, ist nach Osten weitergezogen, in eine anatolische Gegend. Ceylan bestätigt mit "Once Upon a Time in Anatolia" seine Abkehr von einem Kino der kleinen Formen und familialen Topoi - einer dreht einen Film über seine Eltern, der Cousin aus der Provinz crasht auf der Couch in Istanbul, ein Paar lebt sich auseinander und findet sich wieder - von denen Filme wie "Clouds of May" (1999), "Uzak" (2002) oder "Iklimler" (2007) gehandelt hatten. Sie alle setzten ein von Migrationsbewegungen geprägtes und von kontingenten Wetterphänomenen dramatisiertes, zugleich spezifisches wie unterdeterminiertes Verhältnis von Figur und Landschaft in Szene. In dieser Hinsicht waren die Filme noch in einem klassischen Sinne neo-realistisch.

"Once Upon a Time in Anatolia" greift einige dieser Motive wieder auf, rückt sie allerdings im Cinemascopeformat ein in ein anti-realistisches Register der Filmgeschichte: den Italo-Western. Am interessantesten ist "Once Upon A Time in Anatolia" vor diesem Hintergrund der stilistischen Differenzierung im Werk eines der erfolgreichsten Filmautoren im sogenannten Weltkino des vergangenen Jahrzehnts.

Das Gewittermotiv kündet hier nun von einem Verbrechen, das unsichtbar bleibt. Ein gewundener Feldweg führt in einem Tableau drei Autos auf eine Anhöhe, die Passagiere steigen aus, beginnen ein Verhör. Dann zieht die Karawane weiter zum nächsten Spot und während der Verdächtige von den Ermittlern getrieben über mögliche Tatorte stolpert, werden im Wechsel von Panorama und Großaufnahme die Hauptfiguren in langen Dialogpassagen profiliert. Wieder trifft man auf einen Ceylan-typischen Melancholiker, diesmal ein Arzt (Muhammet Uzuner), der eine Scheidung hinter sich hat und daher nun aus der Großstadt hierher ins Land gekommen ist. Er begleitet als Gerichtsmediziner die nächtliche Exkursion, die von dem eleganten Staatsanwalt (Taner Birsel) und einem lokalen und etwas tumben Polizisten (Yilmaz Erdogan) geleitet wird. Ergebnislos geht die Nacht dahin, bloß die Autoscheinwerfer bringen kleinen Monden gleich Licht ins romantische Schattenreich der Nacht. Wind rauscht durch die Bäume am Wegesrand, ein Apfel fällt zu Boden und rollt den Hang hinab an einen Bachlauf. Kitschmotive, anatolica, die in der öligen Sequenz im Hause eines örtlichen Bürgermeisters kulminieren.

Der neue Tag beginnt, ein Schock für die Wahrnehmung, so gewöhnt war man an die Dunkelheit, eingelullt vom gleichmäßigen Grillen der Zikaden. Außerdem wird der Fall gelöst, augenblicklich und in der schönsten, klarsten Sequenz des ganzen Films. Der Staatsanwalt gibt nonchalant zu Protokoll, was er sieht und scherzt über die vermeintliche Ähnlichkeit des Leichnams mit Clark Gable, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass er sich selbst im feinen Zwirn als Hollywoodfilmfigur durch diese ansonsten von groben Bauern bevölkerte Gegend bewegt.

Die Reise endet hier, die Gruppe kehrt in die Stadt zurück. Die Übernächtigung der Protagonisten überträgt sich auf den Zuschauer und ihr müder Blick öffnet sich für die Banalität des Alltags, das Drama der Vergänglichkeit der Zeit. Der Film verdoppelt diesen Zug, illustriert ihn, stellt ihn aus. Das erste, was der Arzt, zu Hause angekommen, erledigt: sepiafarbene Fotografien anschauen. Dann wird allerdings auch noch die Backstory des Staatsanwalts aufgearbeitet, mit der tränenreichen Erkenntnis, dass Frauen grausam sein können.


Und spätestens hier wird die eigentlich reizvolle Verschiebung von Ceylans Motivik in ein Kino, das nicht mehr versucht, durch Authentifizierung dem Klischee zu entgehen, sondern gerade durch die Künstlichkeit der Klischierung hindurch reflexiv zu werden, ärgerlich, weil der Wechsel in die generische Erzählung am Ende bloß eine Wiederholung des vermeintlich Immergleichen bereithält, weil in der Lösung des Kriminalfalls bloß platte und altbekannte Aufteilungen zu Tage treten und reproduziert werden.

Studierte Bürger aus der Stadt sind den Trotteln aus der Provinz an Größe wie Erkenntnisfähigkeit überlegen und Frauen tragen dunkle Geheimnisse, sind durchaus stumm und üben ihre Macht im Verborgenen aus. Wissend blickt der Arzt am Ende der Witwe des Getöteten hinterher. Ceylan versucht sein eigenes Kino um den Preis einer letztlich reaktionären Grausamkeit zu erneuern. Dem Abspann ist zu entnehmen, dass "Once Upon A Time in Anatolia" auch in Bosnien gedreht wurde. Schon passend, wenn man bedenkt, dass der Italo-Western sein Amerika irgendwann in Kroatien fand.

Maximilian Linz

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"The Muppets" ist ein Kinderfilm für Erwachsene. Nicht, weil die von Jason Segel, Nicholas Stoller (Buch) und James Bobin (Regie) betreute Reanimation des vorgestrigen Franchise besonders smart oder mit allen popkulturellen Wassern gewaschen wäre, wie es seit geraumer Zeit zum guten Ton auch solcher Produktionen gehört, die sich in erster Linie an ein minderjähriges Publikum richten. Dass "The Muppets" sich seltsam spröde zeigt gegen diesen neuen Industriestandard und ihn sich nur halbherzig - in Form gelegentlichen Augenzwinkerns - zu eigen macht, ist eigentlich als gute Nachricht zu verbuchen. Mit der anspielungsreich überspannten Uneigentlichkeit der "Shrek"-Serie hat der ironische Grundton von "The Muppets", der sich in der Regel in dem freundlichen Hinweis erschöpft, dies alles sei nicht beim Wortlaut zu nehmen, wenig gemein.

Jason Segel, den man spätestens seit seiner Hauptrolle in Nicholas Stollers grandios verrannter Komödie "Forgetting Sarah Marshall" (2008) lieben muss, aber schon viel länger, nämlich seit seinem Durchbruch in Paul Feigs Highschool-Serie "Freaks and Geeks" (1999-2000), lieben könnte, ist die ideale Besetzung für "The Muppets", weil es seinen Figuren ein ums andere Mal gelingt, die sie umgebende Ironie zu suspendieren, ohne am Ende als rettungslose Toren dazustehen. Es mag mit seiner linkischen, riesenhaften Physis zu tun haben - ist er zu schnell gewachsen? -, dass man seinen erwachsenen Kindsköpfen ihre Unbedarftheit und Naivität nicht übel nehmen mag. In dem Sinn also, der in Segels Figuren anschaulich wird, ist "The Muppets" ein Kinderfilm für Erwachsene: ein Film für die zu schnell Gewachsenen. Nur wer sich in dieser Beschreibung wiederfindet, wird Segels Lamento zu schätzen wissen, das in der besten Gesangseinlage des Films zum Ausdruck drängt: "Am I a man? / Or am I a muppet? / If I'
m a muppet / Then I'm a very manly muppet / If I'm a man / That makes me a muppet of a man".

"The Muppets" macht keinen Hehl daraus, dass es nicht darum geht, eine irgendwie glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Um einen bösen Ölbaron (Chris Cooper) geht es, der sich das Studio der Muppets unter den Nagel reißen will, um darunter nach Öl zu bohren. Mit anderen Worten: Solange es zum Vorwand reicht, dem Charakterdarsteller Chris Cooper und einer nicht zu überblickende Menge an Cameos beim Chargieren und anderen Albernheiten zuzusehen, ist dem Drehbuch alles recht. In die Gänge kommt der Film darum leider erst gegen Ende, wenn er für eine seligmachende Viertelstunde alle erzählerischen Ambitionen hinter sich lässt und einfach Showeinlagen in Serie schaltet. Besondere Erwähnung verdient eine Barbershop-Version von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit", kongenial vorgetragen von Sam the Eagle, Beaker, Animal und Rowlf the Dog, die den marktvergessenen Eigensinn dieses ganzen Unterfangens sehr schön pointiert.

Hier zu hören (nicht zu sehen):



Gemessen an der Präzision, mit der "The Muppets" schon früh die entscheidende Frage stellt ("Am I a man, or am I a muppet?"; s.o.), bleibt der versöhnliche Schluss enttäuschend unterbestimmt. Die Ausgangsfrage versteht erst richtig, wer sich vergegenwärtigt, dass sie in die Muppet-Welt aus dem Komödiensubgenre der Bromance hineinragt. Dort steht mit der Beziehung zwischen zwei Freunden immer auch die Beziehung zur Frau auf dem Prüfstand. Ein Mann zu sein, und kein Muppet, das heißt vor diesem Hintergrund so viel wie: so weit der narzisstischen Kinderzimmernische entwachsen, dass man liebes- und beziehungsfähig ist. Die (berechtigte) Utopie der Bromance besteht natürlich darin, am Ende womöglich doch beides haben zu können. Aber diesen glücklichen Ausgang müssen sich die Bros erst verdienen, während er ihnen in "The Muppets" eher zufällt. Nur dem Frosch Kermit, dessen Herzensbildung parallel zu der seiner menschlichen Begleiter verläuft, nehmen wir das emotionale Wachstum wirklich ab, obwohl im dafür wenig mehr als drei Gesichtsausdrücke zur Verfügung stehen. Kermit, the very manly muppet: ein später Triumph des analogen Puppenspiels.

Nikolaus Perneczky

Once Upon a Time in Anatolia - Türkei 2011 - Originaltitel: Bir Zamanlar Anadolu'da - Regie: Nuri Bilge Ceylan -Darsteller: Muhammet Uzuner, Yilmaz Erdogan, Taner Birsel, Ahmet Mümtaz Taylan, Firat Tanis, Ercan Kesal, Erol Eraslan, Ugur Arslanoglu, Murat Kilic - Länge: 150 min.

Die Muppets - USA 2011 - Originaltitel: The Muppets - Regie: James Bobin - Darsteller: Jason Segel, Amy Adams, Chris Cooper, Zach Galifianakis, Rashida Jones, Dahlia Waingort, Neil Patrick Harris, Katy Perry -FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 109 min.

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