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Im Kino

Film trifft Wirklichkeit

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer
26.05.2010. Mit Menschen, die niemand anderen spielen als sich selbst, erzählen die Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel in "La pivellina" von einem Kind, das einfach so im Leben eines älteren Paars auftaucht. Breck Eisner verfilmt den Romero-Klassiker "The Crazies" neue - und verfehlt das Original nach allen Regeln der Hollywood-Kunst.



Ercule, Herkules, heißt der Hund, der verschwunden ist. Eine nicht mehr junge Frau mit feuerrotem Haar, die im Film und im richtigen Leben Patti (Patrizia) heißt, ruft nach dem Hund. Wir müssen aber erst einmal sehen, wo wir da sind. Wenig anziehendes Wohnsiedlungsgelände. Am Rande Roms wohl, aber so ganz klar wird das nicht. (Einmal gibt es einen Ausflug nach Ostia, ans Meer.) Liebloser Spielplatz. Begrünungsversuche, aber alles ist irgendwie grau. Auch das Grün ist grau. Der Hund taucht erst einmal nicht wieder auf. Pitta ruft Ercule, es erscheint aber Aia, oder Asia, die auch im richtigen Leben so heißt. Aia ist der Name, den sie selber sich auf Nachfrage gibt, aber sie ist erst zwei Jahre alt, also wagt Pitta, die mit ihr auf dem Spielplatz auf eine erziehungsberechtigte Person (die Mutter am ehesten) wartet, die Konjektur, dass das Kind Asia heißt. Andererseits: auch eine Aneignungsgeste.

Ercule, der Hund, taucht nicht auf. (Später dann.) Auch die Mutter bleibt aus. (Bis zuletzt, Ende offen.) Pitta nimmt Asia mit nach Hause. Dieses Zuhause ist ein Wohnwagen im grauen Gelände. Dass ich oben "Wir" schrieb, möchte ich rechtfertigen mit Blick auf die Kamera, die uns zeigt, was wir sehen (das graue Gelände, Asia und Pitta auf der Schaukel, auf den Spielplatzreifen). Diese Kamera ist eine Handkamera, die freilich eigen geführt wird. Mancher denkt, vielleicht etwas vorschnell, an die Handkamerainsistenz im Dardenne-Film "Rosetta". Dort bleibt die Kamera immer dran, heftet sich an die Fersen der Titelperson und rückt ihr nicht von der Pelle. Die Handkamera hier ist freier: Sie folgt, aber mehr aus Interesse. Sie drängt nicht, sie strahlt diese Wut des Dranbleibenmüssens nicht aus. Was auch daran liegt, dass eine Figur wie Rosetta, die von unten kommt und auf dem Weg Richtung oben auch über Leichen geht, hier nicht in Sicht ist.

Die Macher dieses sehr schönen Films, Tizza Covi und Rainer Frimmel, haben in zwei zuvor gemeinsam gedrehten Langfilmen dokumentarisch gearbeitet. Sie tun es in gewisser Weise auch hier. Die Hauptfiguren, Pitta und ihr Mann Walter, kamen schon im Vorgängerfilm "Babooska" vor: und zwar als sie selbst. Nun heißen sie auch hier wieder, wie sie im richtigen Leben heißen. Wie routiniert Walter auf Pitta mit Messern wirft, wie eingeübt diese Choreografie ist, ihr Ausweichen, sein Werfen, das gehört zu den Dingen, die man so wenig spielen wie man diese Gesichter, diese Körper ausstatterisch herstellen kann. Ganz umgestellt auf Fiktion wird der Film also nicht. Man merkt's an den Namen, man merkt's an der Kamera und man merkt es vor allem daran, wie der Film seine Figuren mit einem Interesse und einer Neugier beobachtet, die man nicht anders als berührend und echt und im besten Sinn dokumentarisch nennen kann. Eine Form von unaufgeregter, ganz und gar nicht ausgestellter Authentizität, die dieser Filme dankbar den Geschichten dieser besonderen Menschenleben abgewinnt.

Dennoch aber sind die Mitwirkenden als Darsteller von Figuren des Films ein Stück weggerückt von sich selbst. Sie spielen mit in einer Geschichte, zu der es in Umrissen im vorhinein schon ein Drehbuch gab. Diese Geschichte sieht vor, dass ein zweijähriges Mädchen, von der Mutter verlassen, in die Obhut von Pitta und Walter gelangt. Es geht in erster Linie um die Situationen, in die dies Ereignis die beiden und dazu noch, als weiteren Protagonisten, den Jugendliche Tairo (Tairo), auch ein Zirkuskind, führt. Die nähesuchende unaufdringliche Handkamera beobachtet einfach, und sie beobachtet im nie künstlichen Licht beispielsweise, wie Pitta das Mädchen zu Bett bringt, wie Tairo die Raubtiere des Vaters in die Manege geleitet, wie Asia lacht, trotzt und spielt, wie ein Zauberer unsichtbare Bälle mit Knall in der Tüte fängt und wie ein anderer Zauberer Ballzaubertricks vorführt.



Es geht, anders als manchem, der sehr bewusst auf der Grenze zwischen "fiktional" und "dokumentarisch" arbeitet, den Filmemachern Covi und Frimmel nicht so sehr um diese Grenze selbst und was es etwa bedeutet, dass diese schlichte Differenz nur bedingt taugt zur Aufteilung der Wirklichkeit in ihrer Darstellung im Bewegtbild. Nicht primär ein Theorie- und Meta-Interesse also. (Nicht, dass etwas gegen ein solches Meta-Interesse gesagt sein soll.) Eher, das ist mein Eindruck, geht es ihnen darum, zu sehen, wie Menschen, die keine professionellen Darsteller sind, als sie selbst reagieren in Situationen, in die sie, von einem Drehbuch und den Regisseuren zum Improvisieren aufgerufen, versetzt sind.

Kein bisschen werden die Menschen und ihre "Echtwelt" dabei aber ausgebeutet für diesen Film. Das Ganze ist sichtlich und spürbar ein kollaboratives Projekt. Es spricht aus ihm ein gemeinsames Interesse derjenigen vor und hinter der Kamera daran, eine Lebenswelt in Szene zu setzen. Film (Filmemacher, Kamera, Ton) trifft Wirklichkeit (Patti, Walter, der Zirkus, Graugelände) auf Augenhöhe, und zusammen probiert man aus, was passiert, gemeinsam sieht man, was kommt, wartet man ab, wie die Elemente (Spiel, Realität, Zirkuswelt, Kamera, Ton, Kleinkind, Winter, Tiere, Licht und Dunkelheit) aufeinander und miteinander reagieren. Das Ergebnis ist nie spektakulär, dramatische Aufgipfelungen gibt es nicht und Spannungserwartungen werden gezielt ins Leere geschickt. Die Fülle, die diesen Film auszeichnet, liegt anderswo, nämlich darin, wie er in der Skizze einer Fiktion und der Art, wie er sie zum Leben erweckt, etwas findet, das sich so nicht erfinden lässt.

Ekkehard Knörer

***



George A. Romeros
1973 entstandener "The Crazies" ist ein unerbittlich böser Film, böser vielleicht noch als sein wesentlich bekannterer "Night of the Living Dead". Dass er so nur von einem Außenseiter der Filmbranche kommen kann, der fernab von deren Gulaschtöpfen auf eigene Faust produziert, verwundert kaum. Mehr Szenario denn Geschichte, erzählt "The Crazies" von einigen zufällig zusammengewürfelten Überlebenden, die, wahrscheinlich wider jede Vernunft, den Ausbruch aus einer vom Militär durchgesetzten Quarantänezone in der US-amerikanischen Provinz wagen. Kurz zuvor war hier ein Flugzeug mit einem neuartigen biologischen Kampfstoff abgestürzt, der alle damit Infizierten zu vor Tobsucht rasenden Bestien macht. Rasant ist der zivilisatorische Firnis abgeblättert - nicht einmal die Ruhe vor dem Sturm gönnt Romero seinen Zuschauern -, alsbald schießen martialisch maskierte Soldaten wahllos auf eigene Landsleute: Ein Albtraum zwischen pulpigen EC Comics und konkretem Tagesgeschehen.

Denn kaum zufällig wird man sich dabei an die Bilder vom "Kent State Shooting" erinnert fühlen, als ähnlich auftretende Nationalgardisten studentische Proteste mit tödlichen Folgen niederschlugen, und mit Recht darf es einem dämmern, dass die "Verrückten" im Titel nicht ausschließlich auf die tollwütigen Meuten anspielen. Der hektische Schnitt, die überquellend gefüllte Tonspur gestalten die Apokalypse zudem höchst unübersichtlich: Die auch deshalb oft falsch getroffenen Entscheidungen der Protagonisten tragen zum pessimistischen Tonfall des Films noch entschieden bei - keine Hoffnung, nirgends.



Derart verbindliche Anliegen sucht man im nun teuer produzierten Hollywood-Remake vergebens. Das Szenario ist zwar direkt übernommen (die konkrete Ausgestaltung weicht hingegen deutlich ab), doch wird es auf sein Potenzial zum äquivalent galligen Kommentar zum Zeitgeschehen kaum, sehr viel mehr aber auf seine nerdigen Fetischpotenziale hin abgefragt: Was bei Romero als nötiger Rahmen lediglich Erwähnung fand, wird hier erst - unnötig lange - ausbuchstabiert, vorgeführt und gründlich durcherklärt. Romero überrumpelte den Zuschauer durch eine ruppig-hohe Schnittfrequenz, Remake-Regisseur Breck Eisner hingegen ist vor allem zeigefreudig: Sichtlich begeistert ist er davon, für Romeros (wohl auch finanzökonomisch bedingte) Weglassungen munter kostenintensive Bilder nachzuliefern. Das im Sumpf versunkene Flugzeug - pathetisch aus Gottesperspektive gefilmt -, die an KZs erinnernden Sammellager, noch die kleinsten Schrammen, Rötungen und Verstümmelungen der Quasi-Zombies - alles wird liebevoll zynisch mit der Kamera abgetastet und ins texturreiche Bild gesetzt. Daneben herrscht allenfalls karnevaleske Grimmigkeit: Wenn zu Beginn die Kleinstadt Ogden Marsh brennend und in Trümmern gezeigt wird, um sie anschließend in einer frivolen Rückblende ("48 Stunden früher") noch intakt und verträumt zu präsentieren, dann will das nichts außer auf eine ordentliche Fahrt in der Geisterbahn einzustimmen.

Dass man eine sehr passable für sein Geld denn auch erhält - immerhin! In seinen besten Momenten ist das "Crazies"-Remake grundsolides Handwerk, technisch rundum versiert inszeniert, teils hochspannend erzählt und mit vielen fiesen Set Pieces versehen, die einen mal aufschreien, mal schwarzhumorig berührt glucksen lassen: Weltuntergang kann schließlich auch Spaß machen. Am Ende darf dann noch Johnny Cash ein beschwingtes "We'll Meet Again" anstimmen, dessen Originalversion einst über dem Atompilzabspann von Kubricks bissiger Nukleargroteske "Dr. Seltsam" lag. Gebissen wird bei Eisner hingegen gar nicht. Der will nur spielen. 

Thomas Groh


La Pivellina. Österreich / Italien 2009 - Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel - Darsteller: Patrizia Gerardi, Tairo Caroli, Walter Saabel, Asia Crippa

The Crazies - Fürchte Deinen Nächsten. USA 2010 - Originaltitel: The Crazies - Regie: Breck Eisner - Darsteller: Timothy Olyphant, Radha Mitchell, Joe Anderson, Danielle Panabaker, Christie Lynn Smith, Brett Rickaby, Preston Bailey, John Aylward

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