Im Kino

Souverän leichthin

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
19.05.2010. Mia Hansen-Loves auf vielen Festivals schon gefeierter Spielfilm "Der Vater meiner Kinder" erzählt nach einer wahren Geschichte von einem Filmproduzenten in höchst prekärer Lage. In Haim Tabakmans Spielfilmdebüt "Du sollst nicht lieben" kommen sich zwei ultraorthodoxe Juden in Jerusalem sehr viel näher, als ihr Glaube ihnen erlaubt.
Vorbemerkung: Der Text zu "Der Vater meiner Kinder" verrät ein entscheidendes, für den, der die zugrundeliegende Geschichte nicht kennt, so nicht unbedingt erwartbares Ereignis. Das ist nicht zu vermeiden, will man sinnvoll über den Film schreiben. Wer aber unbelastet von Vorwissen in diesen sehr sehenswerten Film gehen will, sollte die Kritik erst nach dem Kinobesuch lesen.



Bilder einer Stadt, die nur Paris sein kann, mit Musik unterlegt und mit Schrift im Bild. Der Vorspann zu "Der Vater meiner Kinder" zeigt Impressionen, folgt keiner Figur, sondern eröffnet erst einmal zu unaufdringlicher Musik einen Raum, der so offen, so transparent ist, dass man auch die Namen der Mitwirkenden hineinsetzen kann. Ein schöner, ein ganz unangestrengter Beginn.

Dann tritt ein Mann aus einer Tür, geht hinaus in diese Stadt. Die Kamera folgt ihm durch die Straßen. Er telefoniert, das Handy am Ohr. Immer und immer wieder hat er jetzt, später, immerzu und überall, zuhause, unterwegs, im Urlaub, in den Straßen der Stadt das Handy am Ohr. Sein Name: Gregoire Canvel. Sein Beruf: Filmproduzent. Seine Familie: Frau und drei Töchter. Die Lage seiner Firma: äußerst prekär. Von seinem Beruf, seiner Familie, seiner Lage - und seinem Selbstmord erzählt der zweite Spielfilm der jungen französischen Regisseurin Mia Hansen-Love. (Sie ist 1981 geboren, hat Philosophie studiert, hat in mehreren Filmen von Olivier Assayas gespielt, ist mit diesem seit Jahren zusammen, und hat früher auch für die Cahiers du Cinema geschrieben.)

Es liegt der Figur des Gregoire Canvel und dem, was ihr widerfährt, eine reale Tragödie zugrunde. Die des Humbert Balsan, legendäre Figur des französischen Filmbetriebs, als Produzent ein Ermöglicher auch schwieriger Filme, von Claire Denis, Sandrine Veysset, Youssef Chahine etc. etc. Ein Geschäftsmann, der lange recht virtuos am Abgrund segelte, bevor dann doch alles zusammenkrachte. Balsan erhängte sich, da war er gerade fünfzig, in seinem Pariser Büro. Lars von Triers "Manderlay" und Bela Tarrs "Der Mann aus London" waren gerade in der Produktion und sind, postum, Balsan gewidmet.

Hansen-Love, die auch das Drehbuch schrieb, nimmt diese Geschichte und wendet sie interessant. So souverän leichthin, dass man die Genauigkeit kaum bemerkt, entwickelt sie in der ersten Hälfte des Films eine Topografie: Canvel (mit Handy) in seinem Büro und in seinem schönen Haus vor der Stadt und vor allem im Auto, dazwischen. Dieses Leben war, den Eindruck gewinnt man, glücklich eingerichtet, gerät aber aus dem Lot. Die Gläubiger weigern sich, Schulden zu stunden, die Bank sagt nein zu neuen Krediten, die Schlinge um den Hals des Geschäftsmanns Canvel zieht sich zu. Die Glückens-Ökonomie dieses Lebens beruht auf der Trennung der Welten (Bürowelt, Familienwelt) und das Kollabieren dieser Trennung - Canvel hat auch im Urlaub ständig das Handy am Ohr - signalisiert, ohne dass groß Drama gespielt wird, das Scheitern.



Zur Mitte des Films erschießt sich die Figur, die man für dessen Protagonisten hielt, umstandslos. Zeit, neu über den Titel - "Der Vater meiner Kinder" - nachzudenken. Das ist aus der Perspektive von Canvels Ehefrau gesagt und akzentuiert das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern, nicht zu ihr. Und es stimmt: Mehr und mehr kommen nun die Kinder in den Blick, die nicht begreifen, warum ihr Vater sie einfach im Stich lässt. In kleinen, unspektakulären Szenen beobachtet der Film die Kinder und vor allem die älteste Tochter in einer vaterverlassenen Welt, wie sie fragen, wie sie nicht verstehen - und wie sie sich im ganz buchstäblichen Sinn neu orientieren.

Mit einer behutsamen Entschlossenheit, die den Film als ganzen charakterisiert, zeigt Hansen-Love die Neubesetzung der alten Topografie. Die Witwe und die Halbwaisen im Büro des Vaters, in dem die ganzen Plakate der (fiktiven) von ihm produzierten Filme noch hängen. Nach und nach begreift man: "Der Vater mein Kinder" ist kein Film über einen Mann, der als Filmproduzent scheitert und sich deshalb umbringt. Es ist ein Film über die Frauen, die mit seinem Tod, dem Verlust, dem Affront, den er darstellt, umgehen müssen. Ein Film, der dem sehr banalen Satz "Das Leben geht weiter" Bilder, Geschichten, das ganze Gewicht seiner Unerträglichkeit gibt. Und der eine Familie zeigt, die sich nach einem ersten Schock und der damit verbundenen Starre der Welt wieder öffnet. Eine Emanzipationserzählung sehr eigener und sehr überzeugender Art.

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Jerusalem, ein Stadtviertel, in dem überwiegend ultraorthodoxe Juden leben und arbeiten. Aaron ist einer von ihnen: nach den Regeln der Tradition gekleidet, mit langem Bart und vier Kindern und einer Frau, die in der Öffentlichkeit (und auch schon in der Anwesenheit nur eines anderen Mannes in ihrer Wohnung) ihre Haare unter Kopftuch oder Perücke verbirgt. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Aaron dessen Metzgerei. Eifrig diskutiert er mit dem Rabbi die Auslegung der Torah und verteidigt anders als dieser die Mühen der Entsagung. Gott will unser Glück, erwidert der Rabbi, der, wie sich zeigen wird, freilich recht restriktive Ideen dazu hat, worin so ein Menschenglück bestehen darf.

Dann regnet es. In der Tür der Metzgerei steht, wie aus dem Nichts, ein verdammt gut aussehender Orthodoxer mit Namen Ezri. Coup de foudre für Aaron, der das zunächst nicht wahrhaben will. Und doch bietet er, wie vom Teufel verführt, dem attraktiven Fremden (der trägt das Haar, abgesehen von der Schläfenlocke, kurz, den Bart stoppelig) Obdach. In immer eine Spur zu lange ausgehaltenen Einstellungen macht Regisseur Haim Tabakman das Begehren, das in den Blicken zwischen den beiden liegt, spürbar. Die beiden fahren hinaus aus der Stadt und nehmen ein gemeinsames Bad. Hier und noch eine Weile widersteht Aaron dem von seiner Religion ganz entschieden nicht vorgesehenen Wunsch, den Fremden einfach zu küssen und mit ihm zu schlafen.



Dann aber nicht mehr. Erst zieht er eine letzte Rechtfertigungswand hoch: Gott will mich prüfen. Wenn das so ist, fällt Aaron durch, mit Pauken und Trompeten. Im Kühlraum kommt es zum Äußersten, das Tabakman allerdings in der selben, stets leichten sedierten Kunstfilmatmosphäre filmt wie alles andere auch. Sein Film bleibt vorsichtig, übervorsichtig vielleicht, stets auf Distanz, verweigert alles Melodramatische und jede leichtfertige Emotionalisierung. "Du sollst nicht lieben" ist alles andere als ein Pamphlet und gelegentlich reibt man sich schon die Augen angesichts der Contenance, die Tabakman ob der destruktiven Kraft dieses Glaubens wahrt.

Noch bevor einer ahnt, was im Kühlraum (und dann andernorts auch) geschieht, kommt schon der Rabbi, Aaron zu warnen: Man hat über Ezri Schlimmes gehört. Der etwas bizarre Code für dies Schlimme: er beging da, wo er herkommt, "gute Taten". Hinter dem zunächst noch toleranten Rabbi folgt bald der Torahschüler-Mob. Man wirft Steine durch die Glastür der Metzgerei. Aaron wird, und zwar schon, weil er einen Schwulen zum Lehrling hat, auf öffentlichen Aushängen denunziert.

"Du sollst nicht lieben" nimmt Aarons Konflikte ernst: Ein tief gläubiger Mann muss erfahren, dass, was er als tiefinnerst Eigenes (sein Begehren) erlebt, mit den Vorschriften seines Glaubens nicht in Einklang zu bringen ist. Er betrügt die Ehefrau, die er offenkundig liebt, nur leider nicht wirklich begehrt. Dem Rabbi offenbart er in einem "Hier stehe ich und konnte nicht anders"-Bekenntnis: "Ich war tot und jetzt lebe ich." In dem Moment gibt der Rabbi, der Aaron zuvor noch gegen die Torahschüler verteidigt hat, dessen Seele verloren.

Es nimmt mit Aaron dann ein symbolisch oder buchstäblich lesbares, also für mehr als eine Deutung offenes Ende. Bis ins letzte Bild hinein bleibt der Wille des Films spürbar, auf vermintem Gelände keinen verkehrten Schritt zu tun. Man kann nun bewundern, dass ihm das Einstellung für Einstellung wirklich gelingt. Man kann aber auch etwas irritiert sein über die ausgezirkelte Leidenschaftslosigkeit, mit der Tabakman seinen bewusst schematisch entworfenen Problemkreis ausschreitet.

Der Vater meiner Kinder. Frankreich / Deutschland 2009 - Originaltitel: Le pere de mes enfants - Regie: Mia Hansen-Love - Darsteller: Louis-Do de Lencquesaing, Chiara Casselli, Alice de Lencquesaing, Alice Gautier, Manelle Driss, Eric Elmosnino

Du sollst nicht lieben. Israel / Frankreich / Deutschland 2009 - Originaltitel: Einaym Pkuhot - Regie: Haim Tabakman - Darsteller: Zohar Strauss, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Isaac Sharry, Avi Grainik